Anarchie und Arbeiterfußball

 

"Sport und Politik zu verquicken ist ein Lieblingsbeginnen unserer Feinde von links. Links vielleicht nicht einmal in politischer Beziehung, sondern links, weil sie sich selbst als links oder sogar „linkser“ gerichtet vorstellen.

Gott strafe England! Nicht etwa aus nationalistischen Gründen, sondern weil dieses Volk den Fußball erfunden hat. Der Fußball aber ist eine konterrevolutionäre Erfindung. Proletarier zwischen 18 und 25 Jahren, also gerade diejenigen, die die Kraft hätten, ihre Ketten zu sprengen, haben keine Zeit zur Revolution, sie spielen Fußball!

Politische Versammlungen sind selbst mit Aufwand aller Agitationsmittel immer gähnend leer, Fußballplätze sind Sonntag für Sonntag in allen Ecken der Großstadt immer nicht mit Tausenden, sondern Zehntausenden gefüllt. Da steht der Prolet mit Weib und Lind an der Barriere und folgt stundenlang atemlos den Bewegungen des seelenlosen Balles. Als hinge die Lösung der sozialen Frage, als hinge Leben und Seligkeit davon ab, ob dieses Ding nach rechts oder nach links durch die Gegend fliegt.

Es ist wie eine Krankheit, wie ein Fieber. Mag das Staatsgebäude aus allen Fugen krachen, mögen nebenan die Truppen der Entente ihre Freiübungen machen, mögen die Menschen mit Mordwaffen in der Hand sich gegenseitig politisch zu überzeugen suchen, mag Arbeiterblut von grünen, blauen, weißen, gelben Polizeitruppen vergossen werden, das alles ist nebensächlich. Wichtig ist allein, ob am kommenden Sonntag der SC Einigkeit oder der SV Muskelschwund als Sieger aus dem Wettkampfe hervorgehen wird.

Sonderbar! Das sind nun fast alles Proletarierjungens, die sich da die Schienbeine zertrampeln. Als ob ihre Muskeln nicht schon genügend während der werktätigen Fronarbeit in Anspruch genommen würden. Da wäre es doch natürlicher und eine wohltuende Abwechslung, wenn der Sonntag zur Ausbildung der gänzlich untrainierten Gehirnmuskulatur verwandt würde. Aber nein! Nur nicht nachdenken!

Der lachende Dritte ist der Kapitalist. Er weiß, dass es ihm erst dann ans Leder gehen wird, wenn der Proletarier anfängt zu denken. Deshalb sucht er ihn mit allen Mitteln davon abzuhalten, und das kann er am besten, indem er den geistabtötenden Sport fördert. In der bürgerlichen Presse, die sonst so sparsam ist mit dem Raum, stehen spaltenlange Artikel über den Fußballsport. Da finden dann die armen Proletarierjungens, die in der Woche nur „Masse“, nur „Nummern“ sind, ihre Namen leibhaftig gedruckt. Da steht es denn, dass Fritze Müller einen glänzenden Stoß von der Seite ausführte und dass Meiers Karl in wunderbarer Weise das Tor verteidigt hat. Und in der illustrierten Beilage ist die ganze Gesellschaft sogar abgebildet."

aus: "Der Syndikalist", Beilage "Die junge Menschlichkeit", Juni 1921

 

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© Christian Wolter