Fröhlicher Gesang

 

Fußball und Gesang verbinden wir heutzutage in erster Linie mit den Chorälen der Fans im Stadion. Ursprünglich waren es aber die Spieler selbst, die sich mit dem Absingen empfindsamer Fußballlyrik vor einem Spiel einschworen, die Langeweile auf Bahnfahrten vertrieben und beim Umtrunk vielstimmig den Zusammenhalt festigten.

Die Verse, meist mit althergebrachten Melodien unterlegt, priesen die Liebe zum Sport allgemein und zum eigenen Verein insbesondere. Die Verächtlichmachung des Gegners kam erst viel später mit den modernen Fangesängen auf.

Hier nun einige Beispiele für die Frühzeit deutschsprachigen Fußballliedguts aus Wien. Der Vienna Cricket and Football Club sang schon in den 1890er Jahren:

 

Gebrochen ist des Winters Eis,
Es blühen Flur und Rain,
Dem Fußball, der so lang geträumt,
von neuem wir uns weih'n

 

Noch ein weiteres  Lied aus dem Repertoire der Cricketer nahm Bezug auf's Wetter:

 

Trotz Sturm, Kampf, Not
Soll uns der Mut nicht sinken,
Zeigen, was Jugend und Kraft,
Einigkeit Großes schafft.
Ein Sinn jederzeit,
Zum Kampfe stets bereit,
Mag kommen, was kommen kann,
Wir Cricketer stehen Mann für Mann.

  

Auch der Wiener Athletik-Club ließ sich nicht von meteorologischem Ungemach im sportlichen Ehrgeiz bremsen. In seiner Vereinshymne hieß es anschaulich:

 

Und wenn der Regen niedersaust,
Und wenn der Sturm das Feld durchbraust,
Im Mondenschein und Schnee
Trainiert der W.A.C.

 

Noch heute viel gesungen und zitiert wird dieses grün-weiße Stück aus dem frühen 20. Jahrhundert:

 

Rapid bin ich und will es sein
So lange mein Auge sieht
So lange noch ein Tropfen Blut
Duch meine Adern rinnt.1

 

 

Eine erste Sammlung hiesigen Fußballsangs erschien 1912 als "Deutsches Fußball-Liederbuch" von Oskar Matthias im Verlag Grethlein & Co. in Leipzig- Es musste einige wohl nicht unberechtigte Kritik aushalten

"Ob es aber auch richtig war, auf jedes Feilen und Bessern zu verzichten, weil die Lieder 'aus dem Innersten eines Fußballers herauskommen', möchten wir doch bezweifeln. Wenn das Deutsch richtiger und die Metrik etwas weniger holprig wäre, könnte das Buch viel eher zum unentbehrlichen Freund des Sportmannes werden, wozu es die hübsche Aufmachung und der geringe Preis von 20 Pf. prädestiniert ... Geschmacklos ist die Fülle der Fremdwörter – Goal, Halfbacks, gezentert, Kick und dergleichen, und die maßlose Überschätzung des Sports. Es wäre bedauerlich, wenn man mit dem Herausgeber darin wirklich 'des deutschen Sportmannes Art und Gesinnung' sehen müsste. Einige Beispiele: 'In allen deutschen Landen, nichts schön'res ist vorhanden...', 'Es soll uns heilig unser Fußball sein', '… ist uns teurer als das eig'ne Leben' ... 

Zu monieren ist weiter die übergroße Anzahl von Druckfehlern und die starke Betonung von Bier und Wein ('Erhebet euer Glas!', 'Zur Neig' wir leeren den Pokal', 'Herbei zum fröhlichen Siegesschmaus' usw.) Alles in allem also ein gut gemeintes und teilweise ganz brauchbares Büchlein, das aber sorgfältigster Bearbeitung bedarf, um seinen Zweck zu erfüllen."2
 

 

Der Arbeiter-Turn- und Sport-Bund begann 1920 mit der Arbeit an einem eigenen Gesangsbuch für seine Fußballer. Die von ihm herausgegebene "Freien Sport-Woche" bat dazu um Einsendung geeigneten Liedgutes: 
„Wer nun noch ein wirklich gutes Lied dafür hat, sende es schleunigst ein. Jedoch beachte dabei streng folgende Richtlinien: Lieder von örtlicher Bedeutung sind wertlos für die Allgemeinheit. Da brauchen wir nur solche von Allgemeininteresse. Wenn wir bei der Materie auch keine allzu poetischen Ansprüche stellen können, so können wir doch kein sinnloses Gestammel mit hals- und beinbrechenden Reimen gebrauchen.
Stehlt keine Lieder aus irgendwelchen Büchern, worunter dann frei und frech Euer Name gesetzt wird. Das ist unehrlich und kann uns auch schweren Verdruss von den wirklichen Dichtern bereiten. Daher schöne Lieder anderer Leute nur mit richtigen und vollständigen Quellenangaben einsenden. Texte ohne Angaben der Weisen haben keinen Zweck. Wo Originalmelodien vorhanden sind, sendet gleich die Noten mit oder gebt wenigstens die genaue Quelle dafür an. Lieder mit bekannten sangbaren Weisen sind am erwünschtesten.

Man verschone uns aber mit Weisen wie: 'Heil dir im Siegeskranz', 'Es braust ein Ruf wie Donnerhall' usw. Solche Melodien können noch so schön sein und den radikalsten Text unterbekommen haben, sie sind für uns unpassend, da ihre bekannten Töne erblich belastet sind mit dem Odium reaktionären Inhalts.
Auch von geschmacklosen Banalitäten haltet Euch fern. Ein Fußballlied z. B. nach der Melodie: 'Kennst Du den Jüngling nicht, der dort im Grabe ruht' wurde uns schon eingesandt. Das ist der Gipfel. 
Die Texte dürfen keine Unflätigkeiten enthalten, weder im Punkte des sittlichen Betragens dem Gegner gegenüber noch im Punkte Bachus und Venus. Wir verwerfen weder ein hübsches Trinklied noch ein reizendes Liebeslied wie etwa: 'Das Lieben bringt große Freud', aber keines darf die Grenzen des Anstandes verletzen. Da gebe ich einige Proben aus jedem Gebiete, die uns schon eingesandt wurden. Das sind keine Späße, das sind Unflätigkeiten, deren sich jeder Arbeiter-Sportler schämen soll.

Betrifft Sexuelles:

 

Die Mädels hab’n uns gerne, a jede möchte uns hab’n,
Denn an so ein g’sunden Jungen, da ist auch schon was dran.
Und ist einer ihr zu wenig, ne ganze Mannschaft kann sie hab’n,
Einer nach dem andern, dann kann sie wieder fahr’n.


Pfui! Unsere Mädchen und Frauen müssen uns  zu hoch stehen für solche 'witzigen' Lieder. Nur in gegenseitiger Achtung können wir uns erziehen und vorwärts bringen. Und Weiber, auf die solche Zeilen zutreffen, sollen wir wohl bemitleiden und, wenn es geht, aus dem Sumpfe zu ziehen suchen, aber nie in diesem Sinne Umgang mit ihnen haben. Ganz abgesehen von gemütlichen Gründen, schon um der Gefahr willen nicht. Denkt an die unheimliche Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten! Furchtbare Seuchen zerrütten das Lebensglück unzähliger Menschen. Mit solchen leichtfertigen Reden und Gesängen macht sich jeder mitschuldig daran.
Betrifft Bachus (aus einem eingesandten Potpuorri):

 

Wir hab’n den Schlund noch lange nicht voll.
Wir gehen noch nicht nach Haus.
Saufen wir die ganze Nacht so schön,
Bis dass uns vom Saufen die Augen übergehen. 

 

Wir sind keine Philister und lieben auch hin und wieder einen guten Tropfen und dabei auch ein gutes Trinklied. Aber die alten Saufgelage dürfen unter keinen Umständen wieder aufgefrischt werden. Auch sie haben unsägliches Elend über die Menschheit gebracht, direkt und indirekt."3

Im Mai 1921 war es dann soweit, das "Fußball-Liederbuch des Arbeiter- Turn- und Sportbundes" erschien im Arbeiter-Turnverlag Leipzig, wohleditiert mit ethisch-moralisch anspruchsvollen Sportgesängen zum Stückpreis von 1,50 Mark

 

Anzeige in der "Freien Sport-Woche" vom 11. Mai 1921

 

"Es gibt wohl nicht viele Fußballmannschaften in unserem Bund, die nicht auch einmal ein Lied singen. Nun ist der Gesang, je nachdem er schön oder das Gegenteil ist, wohl in der Lage, werbend oder erschreckend zu wirken. Es wird wohl kein republikanischer Deutscher so abgestumpft sein, dass er beim Anhören eines schönen Freiheitsliedes nichts empfindet. Je nach Veranlagung wird er mehr oder weniger begeistert sein. Umgekehrt ist es wohl bei einem Trauerchor, wo die Stimmung der Veranstaltung gemäß mehr oder weniger niedergedrückt sein wird. Man kann demnach behaupten, dass der Gesang auf das Empfinden der Zuhörer einwirkt. Zwei Beispiele zeigen, wie die Fußballer mit ihrem Gesang ebenfalls in der Lage sind, auf das Empfinden der freiwilligen oder gezwungenen Zuhörer werbend oder abschreckend einzuwirken.

Zweimal hatte ich Gelegenheit, eine Mannschaft eines Hofer Brudervereins singen zu hören. Als Laie auf gesanglichem Gebiete war ich von dem Gehörten angenehm ergriffen. Und wie ich lauschte, nachdem Kirchenstille in der überfüllten Gaststätte eingetreten war, alles dem vielstimmigen Gesang der elf Spieler, die viel Beifall ernteten und dauernd gebeten wurden, noch etwas zum Besten zu geben. Ich glaube, wenn diese Mannschaft in der Bahn oder sonst in der Öffentlichkeit gesungen hat, dass niemand daran Anstoß nahm, sondern dass alle Zuhörer den denkbar besten Eindruck von diesen Arbeitersportlern gewannen.

Dass nicht alle Mannschaften solchen Eindruck erzielen, mag das Gegenstück zu obigem schildern: Steigt da am 7. Februar 1926 in Bayreuth eine Kulmbacher Mannschaft ein. Die Rücksicht auf die Mitreisenden soll nicht allzu groß gewesen sein. Einer hatte zur besonderen Zierde eine Flasche in der Tasche stecken, von deren Inhalt ab und zu ein Schluck zu Gemüte geführt wurde. Ob's Wasser war?? Diese Mannschaft hat dann auch gesungen, und zwar das schöne Lied 'Wir sind die Fußballspieler usw.' Die Stelle: 'Und haben wir gewonnen, dann ist der Jubel groß, dann ziehen wir zum Wirtshaus und die Sauferei geht los' soll besonders gut geklappt haben. 

Was diese Spieler für einen Eindruck hinterlassen haben kann sich wohl jeder vorstellen. Leider ist festzustellen, dass Sachen wie im letzten Beispiel öfter vorkommen als das Gegenstück im ersten. Der einzige Trost ist noch der, dass man bei den meisten Spielern kein ATSB-Abzeichen sieht.

Außer diesem Lied ist im 7. ATSB-Kreis (Nordbayern) ein weiteres 'schönes' Lied sehr gebräuchlich, obwohl sich jeder denkende Arbeitersportler mit dessen Inhalt nicht einverstanden erklären kann. Es ist das Lied 'Es zogen elf Spieler wohl über den Rhein, bei einer Frau Wirtin'4 usw. Es lässt mit den Stellen 'Ein junger Fußballspieler hat mir genommen meine Ehre' und 'aber keiner wollte es gewesen sein' allerlei Schlüsse zu, mit welchen Gedanken die Fußballer in die Welt hinausfahren. Wenn auch das Singen dieser Lieder meist gedankenlos geschieht, so ist der Eindruck gegenüber der Öffntlichkeit kein guter und müsste jeder Arbeitersportler und alle Funktionäre gegen das Singen dieser Lieder auftreten.

Das Benehmen der Mannschaften auf der Bahn läßt vielerorts noch zu wünschen übrig und sollten alle Vereinsleitungen ihre Spieler auf die Folgen unangebrachten Benehmens aufmerksam machen, die sich immer an der Gesamtorganisation auswirken."5

 

Musikabteilung des FSV Vorwärts Teterow, um 1930 (Dr. Christian Kunz, Teterow)

 

1  "Wiener Sport-Tagblatt" vom 12. März 1921

2  "lllustrierter Sport" vom 30. Juli 1912

3  Richard Koppisch in "Freie Sport-Woche" vom 27. Oktober 1920

4 "Es zogen elf Spieler wohl über den Rhein, hipp, hipp, hurra!/Bei einer Frau Wirtin, da kehrten sie ein./Schwarzbraunes Madel schläft ganz allein.../Als schwarzbraunes Madel vom Schlafe erwacht, hipp, hipp, hurra/da fing sie an zu weinen, da fing sie an zu weinen/da fing sie bitterlich zu weinen an./'Ei schwarzbraunes Mädel, warum weinest Du so sehr?'/Hipp, hipp, hurra!/'Ein junger Fußballspieler, er kehrt ja niemals wieder, er hat mich heute Nacht um meine Ehr' gebracht.'/Und unser Spielführer, ein herzensguter Mann, hipp, hipp, hurra, er ließ uns aufmarschieren zu ein, zwei, drei, zu vieren./Aber keiner wollte es gewesen sein./Da trat aus der Mannschaft der jüngste Spieler vor, hipp, hipp, hurra./'Ist’s keiner von Euch allen, so tu' ich den Gefallen und will des armen Kindes Vater sein./Ach, schwarzbraunes Madel, erkennst Du mich nicht mehr?'/Hipp, hipp, hurra!/'Ach ja, ich kenn Dich wieder, Du bist der Fußballspieler, Du trägst die Trikot-Farben Blau und Weiß.'"

5 Arbeiter-Fussball (Berlin) vom 25. August 1926

 

Quelle: "Schwingende Worte für Arbeiter-Sport-Vereine" (Verlag Alfred Jahn, Leipzig)
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© Christian Wolter

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