Körperbilder in der Arbeiter- Turn- und Sportbewegung

 

Verschiedene Körpervorstellungen

 

Geht man heute in Wien-Floridsdorf in den Karl-Marx-Hof (erbaut 1927 bis 1930), so findet man im Innenhof auf den Keilsteinen der Ehrenhofbögen übergroße, farbig glasierte Tonfiguren. Diese Frauengestalten sind allegorische Darstellungen der Aufklärung, der Befreiung, der Kinderfürsorge und überraschenderweise auch der Körperkultur, welche die Eckpfeiler der sozialistischen Kultur im Austromarxismus zum Ausdruck bringen sollten. Ende der 20er Jahre bestand in der Arbeiterschaft offensichtlich ein Konsens darüber, dass die Körperkultur fester Bestandteil der sozialistischen Kultur sei.
Will man verstehen, wieso die Körperkultur zu diesem Zeitpunkt bereits eine unbestrittene Stellung in der sozialistischen Arbeiterkultur einnehmen konnte, so ist es sinnvoll, näher auf die Genese der Körpervorstellungen in der Arbeiter-Turn- und Sportbewegung einzugehen. In dieser entwickelten sich seit ihrem Beginn in den 1890er Jahren verschiedene Körpervorstellungen, die sich thesenartig folgendermaßen zusammenfassen lassen: 

1. Das älteste als Ideal angesehene Körperbild im Arbeiter-Turnerbund war das des disziplinierten, ordentlichen, hell-sauber gekleideten Turners, der in geschlossener Formation öffentlich auftrat und auch militärische Rituale vorbildlich beherrschte. (vgl. dazu v.a. Gerhard Hauk: „Armeekorps auf dem Weg zur Sonne. Einige Bemerkungenzur kulturellen Selbstdarstellung der Arbeiterbewegung“ in: Dietmar Petzina (Hg.): „Fahnen, Fäuste, Körper. Symbolik und Kultur der Arbeiterbewegung“, Essen 1986, S. 69-90). Dieses Körperbild ist als eine Art Gegenbild zu dem in dieser Zeit im Bürgertum vorherrschenden Bild des dunklen, schmutzigen, chaotisch-unordentlichen Arbeiterkörpers zu verstehen.

 

Abb. 1 – Arbeiterturner beim 1. Arbeiter-Turn- und Sportfest in Leipzig 1922

 

2. Zuerst im Bereich der Schwerathletik (betrieben im Arbeiter-Athletenbund, später auch im ATSB)  entwickelten sich Idealvorstellungen von Körperlichkeit im Sinne eines kraftstrot-zenden, muskulösen (Männer-)Körpers.
An diese Körpervorstellungen knüpfte der ATSB Mitte der 20er Jahre an mit der Ausprägung seines verbandsspezifischen Jugendmythos in der Gestalt des „Jung-Siegfrieds“. Diese Kunstfigur trat ab 1925 in der Presse der Arbeitersportbewegung als Allegorie für den Sieg der sozialistischen Jugend über den Kapitalismus auf.

 

 

Eine weitere Spielart dieser Körpervorstellung war der vielfach verwendete „Rote Rufer“ als Allegorie für Stärke der Arbeiterschaft insgesamt.

 

 

3. Ebenfalls seit Mitte der 20er Jahre lassen sich im ATSB Körpervorstellungen ausmachen, die sich in der Gestalt auch in der bürgerlichen Turn-und Gymnastikbewegung finden, etwa bei Hans Súrens „Der Mensch und die Sonne“ (Stuttgart 1926, S. 163). Diese Körpervorstellung wird im ATSB vor allem durch den Bundesfunktionär Karl Bühren verkörpert und innerverbandlich durch die Printmedien und auf Bundeslehregängen verbreitet.

 

Abb. 4 – Karl Bühren in Pose (Der Vorturner 1/1926)

 

Diese Vorstellungen eines harmonisch durch vielseitige körperliche Übungen ausgebildeten Körpers können als weiteres Moment eines milieuübergreifenden Körperverständnisses verstanden werden.
Diese milieuübergreifenden ästhetischen Körpervorstellungen lassen sich auch anhand der Abbildungen 4 und 5 veranschaulichen. Das von Súren seit 1924 häufiger verwendete Bild 5 wurde bereits im gleichen Jahr als Teilanschnitt von Bühren als Grundlage für die Titelgestaltung seines Buches zur körperbildenden Gymnastik verwendet. 

 

Abb. 5 – Hans Surén in Pose

 

Ähnliche Parallelen finden sich auch in der ästhetischen Gestaltung der ersten Sportfilme. Das milieuübergreifende Leitbild der Sportlichkeit findet in der bürgerlichen Kultur Ausdruck u.a. in dem UFA-Film „Wege zur Kraft und Schönheit“ von 1924. Der Film wurde von Nicholas Kaufmann und Wilhelm Prager produziert. Interessanterweise ist Wilhelm Prager auch Regisseur des ATSB-Films „Die neue Großmacht“ über die 1.  Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt/Main.

Beide Filme folgen einer gleichen Ästhetik und idealisieren die gleichen Körperbilder. Sie können als Beleg für einen milieuübergreifenden Konsens bei der Ausprägung von Körpervorstellungen und Körperbildern in der bürgerlichen Gesellschaft wie in der Arbeiterkultur angesehen werden.

 

 

4. In den 1920er Jahren bestand im ATSB ein breiter Konsens über das Idealbild des weiblich-sportlichen Körpers. Das Ideal folgt im Wesentlichen dem männlichen Vorbild, betonte jedoch vor allem die gymnastischen und leichtathletischen Fähigkeiten.

 

Abb. 7 – Handballspielerinnen vom ATSB-Verein St. Johannis Nürnberg, flankiert von Betreuer und Schiedsrichter, um 1930

 

5. Auf eine weitere im ATSB der 20er Jahre praktizierte und weiter entwickelte Körpervorstellung hat vor allem Matthias Warstat verwiesen, der in seiner Veröffentlichung „Theatrale Gemeinschaften. Zur Festkultur der Arbeiterbewegung 1918-33“ (Tübingen 2005) das Bild eines dynamisch, sich rhythmisch bewegenden und vorwiegend dem eigenen Willen folgenden Sporttreibenden erläuterte. Diese Körpervorstellung hat sich nahezu vollständig von dem alten Idealbild des disziplinierten Turners gelöst und fand ihre Verkörperung u.a. in den gymnastisch geprägten Aufführungen der (Sprech-)Bewegungs-chöre bei den größeren Festveranstaltungen des ATSB.
Warstat Überlegungen werden zur schnelleren Orientierung mithilfe der nachfolgenden synoptischen Gegenüberstellung dargestellt:

 

  Militärisch-aggressives Perfomativitätsmuster Ekstatisch-vitalistisches Performativitätsmuster
Herkunft Militär, Kampfbünde, Turnvereine

Jugendbewegung, Sportvereine, Neuer Tanz

Körperbild kraftvoll, diszipliniert, exakt, geschlossen

dynamisch, energetisch, sensibel

Bewegungsstil marschieren,Gleich- schritt, Synchronität Schwingen, Tanzen, Spielen
Kleidung Uniform, Kampfanzug, Turndress

 

weite Kleider, leichte Stoffhosen, funktionale Sportkleidung

Stimme/

Akkustik

Deklamation, Marsch- musik, Sprechchor, Befehl

Rezitation, Gesang, Sprechchor

 

Dieses Körperverständnis wurde vom ATSB insbesondere im Rahmen seiner großen Sportfestveranstaltungen öffentlich zum Ausdruck gebracht. So stand zum Beispiel die Festvorführung anlässlich des 2. ATSB-Bundesfestes am 19. Juli 1929 in Nürnberg unter dem Motto: „Unser Körper in Formung, Schulung, Kraft und Schönheit“. Bei einer Vielzahl von Präsentationen unterschiedlichster Sport- und Altersgruppen kamen vor allem gemeinsame rhythmisch-gymnastische Darbietungen zum Vortrag, welche der Öffentlichkeit die Modernität des neuen Übungsalltags in den ATSB-Vereinen vor Augen führten. Nach dem Fest veröffentlichte der Arbeiter-Turnverlag Leipzig eine aufwendige Broschüre unter dem gleichen Titel mit der Vorstellung aller Übungselemente sowie dem Abdruck einer Vielzahl von Bildern.

 

Abb. 8 – Foto aus "Der Mensch und die Sonne" von Hans Surén, Stuttgart 1926

 

6. Das sportliche Idol: offiziell verpönt und heimlich verehrt: der ATSB-Fußballstar. Die Abbildung von Arbeiterfußballern des ATSB in kommerziellen Bilderdiensten stellte in den 20er Jahren noch eine Ausnahme dar. Die einzelnen Sammelbild-Serien der Zigaretten-Firmen, z.B. Greiling und Monopol, umfassten Hunderte von Fußballspieler- und Mannschaftsfotos. ATSB-Fußballer traten nur in geringer Anzahl (ca. 20) auf. Es ist nicht bekannt, wie sich der ATSB-Bundesvorstand konkret zu dieser Art von „Personenkult“ stellte. Sicher ist jedoch, dass es die ATSB-Presse bis Anfang der 30er Jahre ausdrücklich vermied, Fußballer namentlich in ihrer Berichterstattung zu erwähnen oder diese gar einzeln mit Bild abzudrucken. Der Verband lehnte lange aus ideologischen Gründen eine öffentliche Ehrung individueller Leistung ab. Dies änderte sich erst ab 1932 u.a. in der Berichterstattung über die SASI-Europameisterschaft.

 

Abb. 9 – Von der Dresdner Zigarettenfabrik Greiling herausgegebene Sammelbilder mit Arbeiterfußballern

 

Der von Christine Eisenberg in „English Sports und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939“ (Paderborn 1999) überzeugend herausgearbeitete Entstehungsprozess des neuen milieuübergreifenden gesellschaftlichen Leitbildes des Sports, verbunden mit seinen spezifischen Vorstellungen von Körperlichkeit, Gesundheit, Wettkampf und individueller Leistung, lassen sich auch mit den Entwicklungen im Arbeitersport synchronisieren. Grundsätzlich ist festzustellen, dass sich der AT(S)B Zeit seines Bestehens am milieuübergreifenden Diskurs über Körper, Körperlichkeit und Sportlichkeit beteiligte. Alle Prozesse des gesellschaftlichen Wandels im Sport wirkten in die Arbeitersport-Bewegung hinein, wurden aufgegriffen, übernommen, ggf. modelliert oder auch vehement bekämpft. Bei einigen Veränderungsprozessen brachte sich der  Arbeitersport, wie noch gezeigt wird, im milieuübergreifenden Diskurs auch erfolgreich als innovativer Ideengeber und Vorreiter ein. 

 

Die ausgeblendeten Körperbilder –

Kranke und Behinderte

 

Die milieuübergreifende Stilisierung des makellosen, trainierten und schlanken Körpers zum neuen gesellschaftlichen Leitbild wies auch Schattenseiten auf, mit denen sich grundsätzlich auch der ATSB konfrontiert sah. Die öffentliche Fokussierung auf den Idealkörper führte unübersehbar zu einer Ausgrenzung von Kranken, Behinderten und der großen Gruppe der nach 1918 nach Deutschland zurückkehrenden ca. 1,5 Millionen Kriegsversehrten. Für diese neue gesellschaftliche Randgruppe stellte auch der Arbeitersport so gut wie keine Integrationsmöglichkeiten bereit.  

 

Abb. 10 – Postkarte der Freien Turnerschaft Braunschweig zum Gedenken an ihre gefallenen Vereinskameraden

 

Die Arbeitersportbewegung hat sich diesen vermeintlichen „Randgruppen“ kaum zugewandt, weder auf der Vereinsebene noch bei den Versuchen der Ausprägung einer sozialistischen Sportideologie. So finden sich auf Vereinsebene lediglich Formen des Gedenkens an die Gefallenen des 1. Weltkrieges, z.B. in Form von Postkarten und Gedenksteinen. Auch wird den Gefallenen vielfach in den Festschriften ehrend gedacht. Zu einem konstruktiv integrierenden Umgang mit den hunderttausenden Kriegsinvaliden aus dem proletarischen Milieu schritt der ATSB zu keinem Zeitpunkt weder in einem verbandsinternen Diskurs noch in seinen öffentlichen Verlautbarungen in der Presse. Inwiefern die vielen ehemaligen ATB-Turner und Sportler, die mit schweren Verletzungen und/oder Behinderungen aus dem Krieg heimehrten, auf Vereinsebene möglicherweise auf mehr Solidarität bei ihren alten Turngenossen getroffen sind, kann an dieser Stelle noch nicht beurteilt werden. 

 

Abb. 11 – Einzige bekannte Aufnahme eines Körperbehinderten in der ATSB-Presse: "Der kleinste aktive Turner im ATSB, Hermann Schäfer aus Asperg/Württemberg (8. Kreis, 7. Bezirk), 24 Jahre alt, 27 kg schwer und 94 cm groß."

 

In einigen Städten bestanden besondere Vereine für Behinderte, wie etwa der Berliner Taubstummen-Schwimmverein (B.T.S.V 1900), der ältesten Gehörlosen-Sportverein in Deutschland. Keiner dieser Vereine gehörte jedoch dem ATSB an. 
Auch der Kreis der Übergewichtigen wurde vom ATSB als keine spezifische Zielgruppe der eigenen Verbandsarbeit wahrgenommen. Es finden sich keinerlei Berichte zu übergewichtigen Sportler in den Medien der Arbeitersportbewegung. Dies lag sicherlich auch daran, dass das Phänomen der Übergewichtigkeit noch kein breites gesellschaftliches Problem darstellte. Traditionelle Zielgruppen der ATSB-Vereinsarbeit blieben die Kinder und Jugendlichen sowie die erwachsenen Sportler/-innen des eigenen Sozialmilieus. Zusätzlichen Werbeeifer entwickelte der ATSB lediglich bei den so genannten Altersturnern. Für diese Gruppe fanden ab Mitte der 20er Jahre eigene Treffen und besondere Verbandsehrungen statt.

 

Abb. 12 – Dieses Bild einer übergewichtigen Arbeiterturnerin stellt eine absolute Ausnahme in der Arbeitersport-Presse dar. Elise Sinnecker war 1911 die erste delegierte Frau auf einem ATB-Bundestag. (Foto aus: "Der Vorturner" Nr. 12/1928)

 

Körperbild und Sportverständnis 

 

Die Ausbildung der verschiedenen Dimensionen der Körperwahrnehmung im ATSB der 20er Jahre steht im engen Kontext mit den Veränderungsprozessen des Sportverständnisses der Arbeitersportbewegung insgesamt. Diese Umorientierung in den gesellschaftspolitischen Zielsetzungen des Sports bzw. der Leibeserziehung brachte Fritz Wildung in seinem Buch „Arbeitersport“ (Berlin 1929) folgendermaßen zum Ausdruck. Zur besseren Orientierung werden die beiden Sportverständnisse synoptisch gegenüber gestellt:

 

Wildung über das Auftreten des alten Turngeistes im ATB bis 1918:

  • exakte, straff durchgeführte Vorführungen
  • paradenhaftes militärisches Auftreten
  • Kommandoworte des Leiters
  • Aufmarsch-Anmarsch-Abmarsch wie auf dem Kasernenhof
  • wie dressierte Rekruten gehen die Turner zum Gerät, nehmen Haltung an und führen wie ein Uhrwerk die Übung aus
  • künstliche Bewegungen an den Geräten, Übungen sind systematisch geordnet

Wildung zog das kritische Resümee: „Hier ist offenbar nicht der Menschenleib die Hauptsache, sondern das schöne Bild: der freiübende Turner auf dem weiten Felde. Zu diesem Bilde gehört der kommandierende Leiter. Der ‚Turnlehrer‘ ist entscheidendes Subjekt; die Masse der Übenden ist Objekt seiner Erziehertätigkeit. Nach seinem Willen nur bewegt sie sich.“ (S. 3)

 

Abb. 13 – Geräteturnen der 4- bis 9jährigen, 1912

 

Über neue gesellschaftspolitische Ziele des Sports in der Arbeitersportbewegung schrieb Wildung, das Bestreben der Leibesübungen bestehe darin, den Körper „höher zu entwickeln, seine Leistungen zu verbessern, ihn gesünder und schöner zu machen.“ Sportliche Erziehung im Arbeitersport führt zum Verzicht auf alle Rauschgifte (Tabak, Alkohol usw.). Der Sport dient dazu, die Arbeiterklasse körperlich und geistig aus ihrem Gefühl der Minderwertigkeit zu befreien. Der Arbeitersport will seinen Beitrag zur Entwicklung der subjektiven Reife für den Klassenkampf bei seinen Mitgliedern leisten. Der Arbeitersport ist nicht nur Körperbildner, er ist ebenso Willenstrainer, Persönlichkeitsbildner. Er gibt Selbstvertrauen in die eigene Kraft, stärkt Entschlusskraft und Wagemut, alles Dinge, die aus einem Sklaven einen freien Menschen machen können. Der Arbeitersport kann gezielt zur Sozialeugenik genutzt werden: „Der bürgerliche Staat hat kein dringliches Interesse an einer Ausleszucht im Proletariat. Die Arbeiterschaft muss darum auch auf diesem unendlich schwierigen Gebiet der Biologie zur Selbsthilfe greifen. Dazu sind die Leibesübungen, ist besonders der Sport in Verbindung mit der Nacktkultur das beste und wirksamste Mittel.“ (S. 120-121)

 

Abb. 14 – In der Leipziger Bundesschule wurden die neuen Vorstellungen in der Körpererziehung in zahllosen Lehrgängen in die Praxis umgesetzt.

 

Das bei Wildung dargelegte neue Sportverständnis findet auch in der didaktischen Literatur der ATSB-Bundesschule in Leipzig seinen Ausdruck. In Nr. 37 der Merkblätter der ATSB-Bundesschule, „Vorturner und Vorturnerinnenschulung“ (1931) heißt es zum Thema der neuzeitlichen Körperschulung im ATSB:

  • Körpererziehung im ATB bis 1918: Schaugymnastik, Wie wirkt es auf die Zuschauer? Wie sieht die Übung aus?
  • Körpererziehung im ATSB zu Beginn der 1930er Jahre: Wie wirkt die Übung auf den Körper des Übenden? Alle Übungen gehen vom Körper aus.

Auffällig ist auch hier, dass nicht mehr das Gesamtwerk der turnerischen Darstellung einer größeren Gruppe in den Fokus genommen wird, sondern vielmehr die Wirkungen der Übungen auf den einzelnen Körper. 

 

 

Alfred von der Heid, Vorsitzender des Jugendausschusses und Bezirksjugendleiter im 6. Kreis, 5. Bezirk (Dortmund) 1926-1933, erkannte als eigentlichen Motor dieser Veränderungen den Strukturwandel in den kapitalistischen Wirtschaftsprozessen. Vor allem die Prozesse der Rationalisierung und Mechanisierung zwängen, so von der Heid in der Arbeiter-Turnzeitung 22/1930, S. 258, auch der Arbeitersportbewegung neue Bewegungsformen quasi auf. Sein Argumentationsgang lässt sich wie folgt zusammen fassen:

  • Rationalisierung in der Wirtschaft bedeutet: Erhöhung des Arbeitstempos, Einsparung von Arbeitskräften, Erhöhung der individuellen Arbeitskraft (heute: Produktivität), Höhere Relevanz der vernunftgesteuerten Arbeit
  • Rationalisierung erfordert nicht nur schnellere körperliche Arbeit, sondern auch die geistigen Prozesse, die die Arbeit begleiten, müssen schneller ablaufen.

„Ein Mensch, der tagsüber seine Arbeit im z.B. 10-Metersekunden-Tempo ausgeführt hat, kann sich nach Feierabend nicht im 3-Metersekunden-Tempo bewegen. Ein Hineinzwängen in langsamere Bewegungsformen (Freiübungen der alten Schule) würde zu einer Art innerer seelisch-geistigen Verkrampfung führen, die erstens die Übungsausführung beeinträchtigen, zum anderen aber auch dem Ausführenden alle Luft zur weiteren Betätigung innerhalb der Turn- und Sportvereine nehmen würde. Das ganze Nervensystem des heutigen Menschen ist eben eingestellt auf Tempo und ... auf Rhythmus. 

Reaktion des ATSB auf die Veränderungen der Arbeitsprozesse: Die traditionellen turnerischen Freiübungen wurden durch die Formen der Gymnastik erweitert. Gymnastik beschleunigt die einzelnen Bewegungselemente und erfordert ein hohes Maß an Eigensteuerung. Gymnastik wurde daher nicht willkürlich vom ATSB „erfunden“, sondern ist eine sich aus den geänderten Arbeitsprozessen ableitende Entwicklungsnotwendigkeit. Gymnastik ist Ausdruck des neuen sich weiter beschleunigenden Lebensrhythmus.
Neben der Gymnastik ist der Rhythmus ebenfalls Ausdruck der neuen Zeit (Arbeit, Verkehr, Alltagsleben). Die neue Gymnastik ist rhythmisch, nicht mehr taktmäßig, wie es die alten Freiübungen waren.

 

Abb. 16 – In der ATSB-Presse finden sich auch Gegenbilder von "Auch-Sportlern" als Ausdruck negativer Auswüchse des bürgerlichen Sports wie diese Karrikatur in der Freien Sport-Woche Nr. 30/1930.

 

Demnach wurden vor allem die verschiedenen im ATSB neu entwickelten und praktizierten Formen der Gymnastik als erlebbarer Ausdruck der Modernität im Übungs-und Sportalltag des ATSB wahrgenommen. 
Als entsprechend innovativ und modern galt daher auch die Integration der modernen Jazz-Musik in den ATSB-Übungsprozess. Der Jazz wurde in Teilen des ATSB als Angleichung der Musik an die neue Zeit wahrgenommen, vor allem wurde beim Jazz auf seine neue rhythmische Struktur abgehoben, die völlig neue Bewegungen verlangte. Dazu hieß es in der Arbeiter-Turnzeitung 22/1930, S. 258: „Floss früher die Musik melodisch und einschmeichelnd schön eingeteilt in Viertel, Achtel und Sechzehntel, harmonisch in unser Ohr, so war sie der Ausdruck der damaligen ruhigen, unbewegten Zeit, der aufrüttelnde Elemente vollkommen fehlten. Dagegen ist der Jazz mit seinem hämmernden, Bewegung fordernden Rhythmus der Ausdruck der heutigen ruhelosen, bis zum Platzen mit Spannung gefüllten Zeit, die sich nicht mehr ausdrücken lässt durch schön klingende Harmonien und wohltuende Akkorde, sondern sich widerspiegelt in hämmernden Verkürzungen und schreienden Misstönen. Also auch hier weiter nichts als Verbundenheit mit dem Zeitgeschehen, weiter nichts als Ausdruck des momentanen Zeitgefühls.“
Demzufolge wurde auch das Zusammenbringen von Gymnastik mit begleitenden Jazzelementen im ATSB als Fortschritt gedeutet.

 

Abb. 17 – Karikatur "Körper und Geist" aus "Der Vorturner" Nr. 10/1930. Die sozialistische Sporterziehung sollte der Heranbildung eines harmonischen, körperlich und intellektuell den Anforderungen der modernen Zeit gewachsenen Menschen dienen.

 

Text und Bildauswahl: Eike Stiller, Bielefeld 

 

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