Wo kommt mein Verein her? Teil II: Ehemalige Arbeiterfußball-Vereine im 13. Kreis des ATSB

 

 

Zur Ausgangslage


Im Prinzip kann man sagen, dass alle im Zusammenhang mit dem 9. Kreis angesprochenen Punkte auch für den 13. Kreis zutreffen. Das fängt an mit der Bezeichnung der Mannschaften, setzt sich über die Presseberichterstattung fort und endet bei der oft fehlenden Anknüpfung heutiger Vereine an Traditionen aus der Zeit vor 1933.

So ist der von Lothar Wickermann nach Auswertung von "Arbeiter-Turn-Zeitung", "Freier Sport-Woche", "Arbeiterzeitung", "Kasseler Volksblatt" und des Hessischen Staatsarchivs Marburg erstellte „Bestand der Arbeitersportvereine im Raum Kassel“, der 141 Vereinigungen umfasst, neben den vorliegenden ATSB-Geschäftsberichten für die Jahre 1920, 1921/1923 und 1928/29 die wertvollste Hilfe bei der Identifikation einzelner Vereine. Denn auch in Nordhessen war der Arbeitersport „einer gewissen Fluktuation unterworfen, Beitritte, Austritte und Ausschlüsse waren häufig.“1

Lücken gibt es auch im Bereich des Pressewesens, da man zwar auf das Bundesorgan "Freie Sport-Woche" (bzw. ab 1932 "Der Fußball-Stürmer") und Tageszeitungen zugreifen kann, jedoch nicht auf die Kreispresse. Die Zeitschrift "Volkssport"2 ist in der ZDB nicht aufgeführt. Auf der Ebene der Tageszeitungen wird der Raum Kassel vom "Kasseler Volksblatt" abgedeckt.

 

Werbung für den Arbeiter-Turn-Verlag Leipzig in der "Freien Sport-Woche" vom 22. Februar 1920

 

Traditionspflege an Fulda und Werra 


Die Wiege des Arbeiterfußballs im 13. Kreis des ATSB, der neben Kurhessen und Waldeck auch das südliche Niedersachsen umfasste, lag in Hann. Münden, wo es am 19. Juni 1902 zur Kreisgründung kam. Auch die erste ausgespielte Kreismeisterschaft ging 1919 in die Stadt am Zusammenfluss von Fulda und Werra, die eine bis 1893 zurückreichende Tradition an Arbeiterkulturvereinen hat. Der Arbeiter-Gesang-Verein Libertas „war die Keimzelle der Mündener Turn- und Sportbewegung. Aus seiner 1896 angegliederten Turnabteilung entwickelte sich [1897] die »Freie Turnerschaft«“.3 In dieser gründete sich am 28. August 1918 der Mündener SV 1918. 

 

 

Mündener SV 1918

 

Er gewann 1919 auf Anhieb die Kreismeisterschaft durch ein 4:3 gegen TSV Waldau. Nachdem sich der MSV 18 am 8. Mai 1921 selbständig gemacht hatte, zog er 1922 noch einmal ins Kreisendspiel ein, musste diesmal aber dem BV 06 Kassel den Vortritt lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Verein über 250 Mitglieder und verfügte neben der Fußballabteilung auch über eine für Leichtathletik und Wassersport. Außerdem plante er die Einrichtung einer Frauenabteilung für Hand- und Faustball.4 1931 beendete der Mündener SV 1918 die Serienspiele als Tabellenletzter und schloss sich wieder der Freien Turnerschaft an.

Als diese 1933 zwangsaufgelöst wurde, fanden die Arbeiterfußballer Unterschlupf im 1928 gegründeten „bürgerlichen“ FC Schwarz-Weiß, der dadurch ins Visier der Nationalsozialisten geriet. Ein Kirmesbesuch im Oktober 1933, bei dem verbotene Lieder gesungen wurden und der Mündener Torhüter „dem Reichskanzler Adolf Hitler ein dreifaches Rot Front“ widmete, brachten das Fass zum Überlaufen. Drei Spieler wurden verhaftet und der FC Schwarz-Weiß verboten, da er durch die Aufnahme „fast nahezu sämtliche[r] marxistischen Sportler“ und das Absingen „marxistischer Lied[er] ... [seine] staatsfeindliche Einstellung“ bewiesen hätte. „Aus Gründen der Staatssicherheit“ wurde daher die Auflösung des Vereins beantragt und durchgeführt.

Nachdem ein 1977 erfolgter Zusammenschluss des nach 1945 neu entstandenen MSV 18 mit der Fußballabteilung der TSG 1860 Hann. Münden zum SC Werder nur kurzzeitig Bestand hatte, kam es 2001 zur erneuten Vereinigung mit der TSG 1860 zum 1. FC Werder Münden. 

Aus der Frühzeit des Arbeiterfußballs in der Drei-Flüsse-Stadt konnten zwei Fotos gefunden werden. Eines wurde nach Auskunft des 1. Vorsitzenden des 1. FC Werder „auf dem unteren Tanzwerder aufgenommen. Folglich könnte es ein Foto einer MSV- oder einer Mannschaft der Freien Turner sein.“Ein zweites Foto „von proletarischen Kickern“ ist in einem Beitrag von Wolfgang Schäfer zur Sozialgeschichte der Metallgewerkschaft in Südniedersachsen“ zu finden.7

 

aus: "Freie Sport-Woche" vom 28. Januar 1920

 

Spielvereinigung Eschwege

 

Die Kreismeisterschaft 1919 war die einzige des 13. Kreises, die nach Süd-Niedersachsen ging. Danach gaben bis auf eine Ausnahme (1924 SpVgg Eschwege) die Vereine aus Kassel und dem Kasseler Umland den Ton an. Die SpVgg Eschwege war 1920 durch Zusammenschluss von Adler 09, Sport 08, Rasenspiele 07 und Spielbewegung 1919 entstanden und spielte zunächst in der Kreisliga Südhannover des Westdeutschen Spielverbandes.

„Aber nicht alles lief nach dem Zusammenschluss friedlich weiter. Auch damals gab es oppositionelle Bewegungen, worauf 1921 der »Adler 09« und 1922 die »Borussia 07« aus der Spielgemeinschaft ausschieden. Die Spielvereinigung schloss sich damals dem Arbeiter-Turn- und Sportbund an und es folgte ab 1924 die wohl erfolgreichste Eschweger Fußballzeit. Siege im Serienspielbetrieb, Erfolge gegen Mannschaften aus ganz Deutschland und internationale Vergleiche zeugten von dieser »goldenen Zeit«. Neben bekannten Eschweger Produkten (Bier, Zigarren, Leder) gab es nun auch Eschweger Fußballer, die auf sich aufmerksam machten.“8 

Im Endspiel gegen den aufstrebenden RSV Eintracht 1920 Kassel setzte sich am 23. März 1924 in Kassel die „angriffsfreudige Spielweise ... über das technisch bessere System“ durch. „Vor allem der feste Siegeswille“ verhalf Eschwege zu einem „Sieg ohne überlegen zu sein“.9 In der Endrunde um die Nordwestdeutsche Meisterschaft schied Eschwege erst in der Verlängerung (1:2) gegen die Freie Turnerschaft Gerresheim aus.

Aus Anlass des 100-jährigen Fußballjubiläums in der Region Eschwege gaben Siegfried Furchert und Herbert Fritsche 2007 eine Sportchronik heraus 10, in der die Geschichte von 19 Fußballvereinen beleuchtet wird, von denen es zwölf in Christian Wolters Liste ehemaliger Arbeiterfußballvereine in Hessen gefunden haben.11 

 

aus: "Freie Sport-Woche" vom 18. Februar 1920

 

Kassel und sein „roter Gürtel“ 

 

Ähnlich wie im Rhein-Main-Gebiet bildeten auch in Nordhessen „die Dörfer um Kassel ... vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen »roten Gürtel« um die vom Bürgertum geprägte Großstadt. In diesen Dörfern stellten die Arbeiterhaushalte die Bevölkerungsmehrheit, erreichten Arbeitervereine und -parteien einen hohen Organisationsgrad.“12 Aus diesem „roten Gürtel“ kamen der zweimalige Kreismeister und Bundes-Vizemeister von 1920 TSG Waldau und der SV 1919 Oberkaufungen, Kreismeister von 1932.

 

 

TSG Waldau


In Waldau, das erst 1936 nach Kassel eingemeindet wurde, gab es mit Arbeiter-Turnverein und Sportverein gleich zwei ATSB-Vereine. Der heute rund 650 Mitglieder zählende Turn- und Sportverein 1889 (Tuspo) geht zurück auf den am 1. April 1889 gegründeten Turnverein. 1910 entstand der Arbeiter-Turnverein, 1914 der Sportverein. Ob diese Gründungen durch „Abtrünnige“ aus dem TV 1889 zustande kamen, lässt sich aus dem vorliegenden Quellenmaterial nicht ableiten. In den ATSB-Geschäftsberichten taucht für 1920 die „Turn- und Sportgemeinde“ mit 126 Mitgliedern (darunter 51 Fußballer) auf. 1921/1923 werden 50 Turner im Arbeitersportverein und 88 Fußballer im Sportverein 1914 genannt. 1928/29 hatte die Freie Turn- und Sportgemeinde 1910 40 Mitglieder (Turner), der Sportverein 57 (Fußballer).13 

Ob die 1933 aufgelösten Arbeitersport-Vereine nach 1945 eine neue Heimat im Tuspo 1889 fanden, ist unklar, da „der Verein ... nie eine Chronik geführt [hat], in der genau festgehalten wurde, wer wann was genau gemacht hat. »Es gibt lediglich ein altes Protokollbuch, in dem alle Vorstandssitzungen aus den Jahren 1889 bis 1929 handschriftlich dokumentiert sind«“, erklärte der Vorsitzende Rolf Schlieckmann 2014 aus Anlass des 125-jährigen Vereinsjubiläums gegenüber der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine".14 

Der Inhalt dieser Vorstandssitzungen ist zum Teil auf der Homepage des Vereins zu finden. Dort gelangt man über Umwege auch an die „Handballgeschichte“ des Vereins. Aus dieser geht hervor, dass am 17. März 1946 die erste protokollierte Nachkriegsversammlung abgehalten und auf der Vereinsversammlung am 12. Oktober 1946 beschlossen wurde, den Vereinsnamen von Turn- und Sportverein Waldau in VfB Rot-Weiß 1946 Kassel zu ändern.15 Im August 1948 lösten sich die Handballer, Turner und Leichtathleten vom VfB Rot-Weiß und gründeten den Tuspo 1889 neu. Der VfB Rot-Weiß zog sich während der Saison 1951/52 vom Spielbetrieb zurück. Erst 1966 wurde im Tuspo 1889 eine neue Fußballabteilung gegründet.16

 

Spielgesuch der TSG Waldau in der "Freien Sport-Woche" vom 22. Mai 1922

 

Aus den Protokollen der Vorstandssitzungen geht allerdings hervor, dass die Waldauer Turner nach dem 1. Weltkrieg durchaus mit dem Gedanken gespielt hatten, zum ATSB zu wechseln. So stand auf der Generalversammlung am 2. Februar 1919 ein Antrag „Austritt aus der Deutschen Turnerschaft und Verschmelzung mit der freien Turnerschaft“ auf der Tagesordnung. Am 30. August 1919 wurden dann aber widersprüchliche Beschlüsse gefasst. So heißt es unter Punkt 1 a: „Der Verein gehört zur Deutschen Turnerschaft.“ Und unter Punkt 33 a: „Austritt aus der Deutschen Turnerschaft.“ Dieser Widerspruch wird dadurch erklärt, „dass die vollständigen Statuten nicht vorliegen, Anm. des Verfassers“. Die Gründung einer Fußballabteilung und ihre Anmeldung im Westdeutschen Spielverband im Oktober 1920 lässt jedoch darauf schließen, dass der Turnverein im bürgerlichen Lager verblieben war.17
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Waldauer Arbeiterfußballer bereits für Furore gesorgt. Nach dem Gewinn der Kreis- und Nordwestdeutschen Meisterschaft erreichten sie 1920 das Endspiel um die Bundes-Meisterschaft, in der sich TSV Fürth aber als zu stark erwies. Mit 1:5 zog man den Kürzeren. 1921 konnte erneut die Kreismeisterschaft gefeiert werden, das Endspiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft ging jedoch in Bremerhaven gegen die FT Unterweser mit 2:6 verloren, worauf das "Kasseler Volksblatt" monierte, dass Waldaus Spieleifer nicht gegen den Schiedsrichter und den Spielplatz habe ankommen können. Der mit einer „10 Zentimeter hohen Sandschicht bedeckt[e]“ Platz sei für die „festen Rasenboden gewöhnt[en]“ Nordhessen von Nachteil gewesen. Auch die „Ansicht des Schiedsrichters über Abseitsstellung“ wurde scharf kritisiert, so dass es „auf festem Boden unter einwandfreier Leitung ... sehr fraglich gewesen [wäre], wer als Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen wäre.“18 „Leider ist nicht ein einziger Spielername aus dieser großen Waldauer Fußball-Tradition überliefert.“19

 

Fußballplakat, das der Arbeiter-Turn-Verlag ab Frühjahr 1920 anbot

 

SV 1919 Oberkaufungen

 

Auch hier war die Quellenlage anfangs eher schlecht. Zwar verweist die Fußballsparte des heutigen SV Kaufungen 07 auf ihre bis 1890 (TSV Oberkaufungen) bzw. 1893 (Tuspo Niederkaufungen) zurückreichende Tradition, konkrete Hinweise auf die Historie der beiden Vereine sucht man jedoch vergeblich.20 Auch die 1990 erschienene Jubiläumsbroschüre „100 Jahre Turnen und Sport in Oberkaufungen“ hilft nicht weiter, da die Geschichte der Fußballabteilung erst ab Bildung der Spielgemeinschaft mit Tuspo Niederkaufungen im Jahr 1970 beleuchtet wird.21 Mit dem endgültigen Zusammenschluss beider Vereine zum SV Kaufungen 07 zum 1. Januar 2007 wurde die seit 1970 bestehende politische Vereinigung beider Orte auch auf sportlichem Sektor vollzogen. Dank der Unterstützung durch das Regionalmuseum Alte Schule in Kaufungen konnten schließlich doch wertvolle Informationen zur Geschichte des Arbeiterfußballs in der Gemeinde herangezogen werden. 
In Oberkaufungen lässt sich der Bergbau bis 1555 zurückverfolgen. Damals stellte Landgraf Philipp der Großmütige zwölf Unternehmern einen Lehnsbrief für das Alaunsieden in Kaufungen aus. Braunkohle wurde seit dem frühen 18. Jahrhundert gefördert.22 In dieser Branche waren Mitte des 19. Jahrhunderts rund 130 Arbeiter beschäftigt. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1879/80 bewirkte dann einen Aufschwung auch der ortsansässigen Industrie.23 „Um 1900 gab es im Industriedorf mit Braunkohlenzeche, Ziegel- und Spielzeugfabrik allein drei Firmen mit je über hundert Beschäftigten, dazu kleinere Industriebetriebe wie Dampf-Sägewerk, Korsettfabrik etc. Und Oberkaufungen wurde einer der Wohnstandorte für die Lohnarbeiter der Kasseler Fabriken.“24

Politisch organisiert waren die meisten Arbeiter in der Sozialdemokratie, die 2013 ihr 111-jähriges Bestehen in dem 1925 nur 3244 Einwohner zählenden Ort feiern konnte.25 1890 wurde der örtliche Turnverein gegründet, dem 1907 die Freie Turnerschaft (ab 1913 Arbeiter-Turn- und Gesangverein) und 1910 der Fußball-Verein Jungsport (nach 1920 Sportverein 1919) folgte. Letzterer hatte 1920 71, 1921/1923 64 und 1928 70 Mitglieder.26 Die erste Mannschaft „war fast immer mit an der Spitze, mindestens aber in der Spitzengruppe der 1. Klasse zu finden“ und „in den letzten Jahren ... wiederholt Endspielgegner um die Bezirksmeisterschaft.“

1932 wurden die Anstrengungen endlich belohnt, und Oberkaufungen setzte sich in der Kreismeisterschaft souverän gegen Hersfeld, Dennhausen und Göttingen durch. Das war umso erstaunlicher, da 1931 von den 69 Mitgliedern nur noch vier Arbeit hatten. „Mehrere Holzsägewerke, ein Braunkohlebergwerk und eine Ziegelei“ hatten da „ausnahmslos ihre Pforten geschlossen und der einst so blühende Ort [war] in größter Not.“ Außerdem wurde der Verein 1930/31 auch in die ideologischen Auseinandersetzungen mit der kommunistischen Opposition im ATSB hineingezogen.27

 

Anzeige für das 1920 vom ATSB herausgebrachte Arbeiterfußball-Abzeichen in der "Freie Sport-Woche" vom 19. Mai 1920

 

Mit dem der Kreismeisterschaft war die Erfolgsgeschichte der Oberkaufunger Arbeiterfußballer aber noch lange nicht zu Ende. Am 6. März 1932 bezwang der SV 1919 vor 1500 Zuschauern in der Kasseler Hessen-Kampfbahn den SC Obersprockhövel (aus dem heutigen Ennepe-Ruhr-Kreis) in einem spannenden Spiel mit 4:3. Und sogar die in Breslau erscheinende "Sozialistische Arbeiter-Zeitung" berichtete über die „Ueberraschung im Nordwestdeutschen Verband“.28 

Im Endspiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft, das zum ersten Mal seit 1922 wieder in Kassel ausgetragen wurde, traf man auf den Blumenthaler SV aus Bremen. Diesmal kamen 4000 Neugierige in die Hessen-Kampfbahn, die „glänzende Leistungen der Blumenthaler“ sahen, die durch „ihre Schnelligkeit, vortreffliche Ballbehandlung und gutes Zuspiel“ überzeugten und mit 4:2 siegten. Erst in der zweiten Halbzeit konnte Oberkaufungen an den gegen Obersprockhövel gezeigten „Kampfgeist, Eifer und Siegeswillen“ anknüpfen, was aber nichts an der Tatsache änderte, dass „die bessere Elf den Sieg errungen hat.“29

1932/33 wurde Oberkaufungen Gruppenmeister, unterlag in der Bezirksmeisterschaft jedoch gegen den RSV Eintracht 1920 Kassel knapp mit 2:3, obwohl die Mannschaft „das erfolgreichere Spiel [zeigte]“, zweimal in Führung lag und „durchweg besser als im Vorjahr bei den Kreismeisterschaftsspielen“ spielte.30

1933 bedeutete das Ende für den Arbeitersport in Oberkaufungen. „Das Verbot der Parteien SPD und KPD sowie der ihnen angeschlossenen Arbeitersportvereine ... traf die Organisatoren unvorbereitet. Beschlagnahmt wurden Inventar, Akten, Protokollbücher, Mitgliederlisten und das Vermögen.“31 Gleichzeitig wurden die im „roten Landkreis“ um Kassel herum liegenden Orte von SA und SS systematisch terrorisiert.32 In Oberkaufungen übernahm nach der „Auflösung der Freien Sportverbände“ der (bürgerliche) „Turn- und Sportverein ... die Pflege der Tradition aller Kaufunger Sportverbände.“33 

Nach Kriegsende nannte sich „der bereits 1945 wiedergegründete Sportverein ... dem Zeitgeist der unmittelbaren Nachkriegszeit entsprechend »Antifaschistischer Sportverein«.34 In der Tagespresse wurde diese Bezeichnung allerdings nicht verwendet. So meldeten die "Hessischen Nachrichten" am 20. November 1945 kurz und knapp ein 3:0 von „Oberkaufungen I“ bei „Sandershausen I“. Ab Dezember 1945 nahm Oberkaufungen an den Serienspielen im Kreis Kassel teil, an denen 60 Mannschaften in zehn Gruppen spielten. Trotz der im Frühjahr 1946 verpassten Qualifikation für die Bezirksliga erreichte Oberkaufungen im Sommer 1946 die 2. Runde im erstmals ausgespielten Hessenpokal.35

 

 

TSV Niederkaufungen

 

1929 trafen sich „Leichtathleten, Turner und Sänger des »Arbeiter-Turn- und Gesangvereins Niederkaufungen (gegr. 1. 7. 1893) im Gasthaus Endlich, um eine Fußballmannschaft zu gründen.“36 Doch gibt es bereits zehn Jahre zuvor Hinweise auf Niederkaufunger Arbeiterfußball. Sowohl Lothar Wickermann als auch der ATSB-Geschäftsbericht 1920 nennen einen Fußballverein 1912 mit 35 Mitgliedern (die allerdings allesamt als Turner ausgewiesen sind).37 Dieser bekam im Januar 1920 die Punkte aus einem Spiel gegen Oberkaufungen am grünen Tisch zugesprochen. „Außerdem wurde das Benehmen der Oberkaufunger Spieler scharf gerügt.“38 Der Fußballverein 1912 hatte zumindest für die Spielzeit 1920/21 noch zwei Mannschaften für die A- und B-Klasse gemeldet, danach verliert sich seine Spur.39

Die 1929 neu gebildete Mannschaft erlebte einen rasanten Aufschwung. 1932/33 stand sie nach Abschluss der Serienspiele punktgleich mit Harleshausen an der Spitze, unterlag aber im Entscheidungsspiel knapp mit 3:4. Während der Nazizeit scheint der Großteil der Spieler bei einem anderen örtlichen Verein untergekommen zu sein, denn Viktor Schnell spricht davon, dass man 1937 Bezirksklasse gespielt habe. „1945, nach Ende des Krieges wurde die Fußball-Sparte im »Turn- und Sportverein Niederkaufungen« (Tuspo) ... wieder ins Leben gerufen [und] musste wieder in der untersten Klasse anfangen.“40

Die Glanzzeit des Kaufunger Nachkriegsfußballs waren die 1950er Jahre, als sowohl der TSV Oberkaufungen (1952 bis 1956) als auch Tuspo Niederkaufungen (1953 bis 1956) in der 2. Amateurliga spielten. Tuspo schaffte 1963 sogar den Wiederaufstieg, verpasste 1965 aber als Tabellenletzter die Qualifikation für die neue Gruppenliga. Im gleichen Jahr stieg Oberkaufungen aus der A-Klasse ab. So kam es 1970 zur Bildung einer Spielgemeinschaft, von der man sich eine Steigerung des Spielniveaus erhoffte.41 Überregionalen Fußball gab es in Kaufungen jedoch lediglich in der Saison 1997/98 in der Landesliga Nord (der damals fünfthöchste Spielklasse).

 

ATV-Werbung aus der "Freien Sport-Woche", 11. Januar 1922

 

Heute längst vergessen: Kassels einstige Größe im Arbeiterfußball

 

Obwohl der Anteil der Arbeiterschaft an der Zahl der Erwerbstätigen in Kassel am Ende der Weimarer Republik mit 32,2 % deutlich unter dem Reichsdurchschnitt von 50,1 % lag, hatte die Arbeiterbewegung in der Stadt eine bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition, was sich auch in den Wahlergebnissen der SPD niederschlug. Wenngleich diese bei den Reichstagswahlen nie die Werte im Landkreis erreichte, lag sie doch stets über dem Reichsdurchschnitt.42 

Dies hatte auch Auswirkungen auf die Organisation der Arbeiterschaft in Sportvereinen. Unmittelbar vor und nach dem 1. Weltkrieg gab es in der Stadt Kassel drei ATB-Vereine gegenüber 23 im Landkreis. Nach dem Krieg boten sich durch Wegfall diskriminierender Maßnahmen und Gesetze aus der Kaiserzeit sowie eine sozialdemokratische Mehrheit in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung43 „zum ersten Mal Möglichkeiten für eine öffentliche Sportförderung, die auch dem Arbeitersport zugute kam.“ Am Ende der Weimarer Republik lag das Verhältnis von ATSB-Vereinen in Kassel-Stadt und Kassel-Land bei 15:5544, was sich auch in der Zusammensetzung der obersten Spielklasse(n) des 13. Kreises niederschlug.

In der Herbstserie 1919/20 kamen fünf der zwölf Vereine der A-Klasse aus Kassel (Waldau und Harleshausen wurden erst 1936 eingemeindet). Bei Bildung der eingleisigen Kreis-Sonderklasse 1921 lagen Stadt und Land (inkl. Waldau) mit je fünf Vereinen gleichauf.45 1921/22 holte der BV 06 Kassel die erste von insgesamt zehn Kreismeisterschaften in die (damaligen) Grenzen der Stadt Kassel. Vom einstigen Glanz ist heute nicht mehr viel übrig geblieben – im Gegenteil: Von den fünf Vereinen, die sich in die Meisterliste eintragen konnten, gibt es zwei nicht mehr, einer kehrte Kassel den Rücken und zwei weitere büßten in Folge mehrerer Fusionen (eine besondere Spezialität im Kasseler Fußball) einen Teil ihrer ursprünglichen Identität ein.

 

Spiegesuch des Kasseler BV 06 in der "Freien Sport-Woche" vom 15. März 1922

 

Kasseler BV 06

 

Der am 2. September 1906 im Umfeld der Herkules-Brauerei unter dem Namen „Ostend“ gegründete Verein setzte sich zum größten Teil aus der 4. Abteilung der seit 1894 bestehenden Freien Turnerschaft Kassel zusammen. Vereinslokal war die Gastwirtschaft „Zu den drei Rosen“ in der Leipziger Straße 85, weshalb der ATSB-Geschäftsbericht 1921/1923 den Verein mit seinen 61 Mitgliedern (alles Fußballer) auch in „Cassel-Bettenhausen“ ansiedelt.

Nachdem der Klub 1920/21 den letzten Platz der Kreisliga Hessen des Gaues Hessen/Hannover im „bürgerlichen“ Westdeutschen Spielverband belegt hatte, schloss er sich dem ATSB an, „welcher sich somit um einen sehr respektablen Mitarbeiter vergrößert hat.“46 Diesen Worten ließ der Klub sofort Taten folgen und wurde mit 32:1 Toren und 15:1 Punkten überlegen Bezirksmeister. Über den Gewinn der Kreismeisterschaft wurde in der "Freien Sport-Woche" nicht berichtet. Durch Siege über den TSV 95 Lütgendortmund (2:0) und Germania Rüstringen (3:0) wurde der BV 06 Nordwestdeutscher Meister und erreichte anschließend das Endspiel der Bundesmeisterschaft, die im Rahmen des Ersten Deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfestes am 23. und 24. Juli 1922 in Leipzig ausgetragen wurde. Nach einem 3:1 gegen den ATSV Rheinau unterlagen die Kasseler jedoch Gastgeber und Titelverteidiger TB Leipzig-Stötteritz mit 1:4.

Laut der "Freien Sport-Woche" vom 2. August 1922 umsäumten „zirka 100 000 Zuschauer ... das Spielfeld“ auf dem Festplatz auf dem Gelände der heutigen Alten Messe. Da „die Endspiel-Fotos große Lücken auf den Rängen“ offenbaren, dürfte die „Rekord-Zahl auf etwa die Hälfte [zu] korrigieren“ sein.47

Es sollte der einzige große Erfolg des BV 06 bleiben. 1923/24 lag der Klub lange Zeit an der Tabellenspitze der Sonderklasse, „versagte im Endspurt [jedoch] durch zu weiches Spiel seiner Stürmer.“48 Im drauffolgenden Jahr tauchte er nicht mehr in der Tabelle der 1. Klasse des Bezirks Kassel auf 49 und kehrte 1925 zum Westdeutschen Spielverband zurück. Während des Krieges bildete der BV 06 ab Oktober 1943 eine Spielgemeinschaft mit dem BC Sport, die nach 1945 als SG Blau-Weiß weitergeführt wurde. Als die „Sportianer“ Ende Juli 1948 ihren Traditionsnamen wieder annehmen durften, verschwand der BV 06 von der Bildfläche.50

 

ATV-Werbung von 1929

 

RSV Eintracht 1920 Kassel

 

Ein ähnliches Schicksal hätte auch fast den mit fünf Kreismeisterschaften (1923, 1927, 1929, 1931 und 1933) Rekordmeister des 13. Kreises ereilt. Der RSV 1920 Kassel ging hervor aus der 1. Abteilung der Freien Turnerschaft, in der schon vor dem 1. Weltkrieg Fußball gespielt wurde. Nach schweren Anfangsjahren konnte eine Platzanlage an der Holländischen Straße errichtet werden und den 200 Mitgliedern neben Fußball auch Handball und Leichtathletik angeboten werden.51 Zweimal, 1923 gegen Komet Groß-Flotbek (0:1) und 1929 gegen den SC Lorbeer Rothenburgsort (3:6), wurde das Endspiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft erreicht. Zum letzten Mal traten die Kasseler am 19. März 1933 in der Zwischenrunde der Nordwestdeutschen Meisterschaft in Dortmund bei Eintracht Eving-Lindenhorst in Erscheinung (2:5), dann traf auch sie der Bannstrahl der neuen Machthaber.

2010 erinnerte die "HNA" aus Anlass des 90-jährigen Vereinsjubiläums an die große Zeit des Vereins aus der Nordstadt52, der auch nach dem 2. Weltkrieg Startschwierigkeiten hatte. Zwar war am 20. Dezember 1945 in Kassel wieder eine „Eintracht“ entstanden, jedoch nicht als Nachfolger des „proletarischen“ RSV Eintracht 1920, sondern des „bürgerlichen“ CSC 03. Im Holländischen Viertel, der alten Heimat des RSV Eintracht 1920, war bereits am 11. November 1945 die „FTSV Nordstadt“ gebildet worden.53 

Es dauerte bis 1949, ehe sich die Eintracht unter ihrem Traditionsnamen neu formieren konnte, eine Anknüpfung an die Erfolge aus der Zeit vor 1933 gelang jedoch nicht mehr. Im Gegenteil. Als die Bedingungen des Klubs in Kassel immer schlechter wurden, zog er 1983 nach Vellmar. So wurde aus dem Kasseler Rasensportverein Eintracht der Rasensportverein Eintracht Vellmar. In der Saison 2014/15 spielte dieser in der Kreisliga A2 Kassel zusammen mit dem ehemaligen Arbeitersportverein Olympia Kassel.

 

 

SC 1926 Kassel

 

Kein Happy End hatte auch die kurze Geschichte des SC 1926 Kassel, dessen Beitritt zum ATSB mit 27 Mitgliedern am 19. Januar 1927 sowohl die "Arbeiter-Turn-Zeitung" als auch die "Freie Sport-Woche" bekannt gab. Am 20. April 1927 meldete die "Freie Sport-Woche" kommentarlos ein 2:2 zwischen Kreismeister FT Bettenhausen 1895 und „1926“. Danach vergehen fast zwei Jahre, bevor der SC 1926 wieder in einem Artikel über den „Verlauf der ersten Runde im 1. Bezirk“ in der "Freien Sport-Woche" erwähnt wird: „In der 1. Abteilung steht Sportklub 1926 an der Spitze und es ist zu erwarten, daß, wenn nicht besondere Umstände eintreten, die Mannschaft sich auch in der kommenden zweiten Runde durchsetzen wird.“

Im gleichen Artikel wurde aber auch auf die Disziplinlosigkeit der Mannschaft verwiesen, nachdem ein Spiel gegen Vorwärts zwei Minuten vor Schluss beim Stand von 1:2 abgebrochen werden musste, „weil einige Spieler von 26 den Schiedsrichter schlugen! ... (Das ist doch wohl unmöglich. Die Schriftleitung)“54 

Disziplinlosigkeit war jedoch nicht nur ein Problem des SC 1926. Der Start der zweiten Serie war für den Berichterstatter der "Freien Sport-Woche" „kein verheißungsvoller Anfang“. Man müsse „den Mannschaften klarmachen, warum wir überhaupt Sport treiben. Es geht nicht an, daß sich die Spieler auf dem Spielfelde als Feinde betrachten. Man sollte nicht davor zurückschrecken, mal dem einen oder anderen Verein ein ganzes Jahr Sperre aufzuhängen. Denn es ist unserer Bewegung letzten Endes dienlicher, mit wenig Vereinen gut zu bestehen vor der Öffentlichkeit, als uns mit vielen zu blamieren, die die Grundideen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes bei weitem noch nicht erkannt haben. Wir als Arbeitersportler betreiben nicht den Sport um Meisterehren, sondern um des Sportes und um unserer Gesundheit und Arbeitsfähigkeit willen.“55

Doch letztlich war es vor allem der SC 1926, dessen Spiele „auf Grund der robusten Spielweise, der mangelnden Disziplin und des unsportlichen Benehmens in der Arbeiterpresse negative Beachtung fanden“.56 Nach einem Platzverweis im Endspiel um die Kreismeisterschaft gegen die SpVgg Eschwege (2:0) rügte die "Freie Sport-WocheW „Kassels körperliche Spielweise und mangelnde Disziplin ... Die Mannschaft wird in den bevorstehenden Spielen alles daran zu setzen haben, den von ihr am 2. März gewonnenen ungünstigen Eindruck gutzumachen. Meister sein verpflichtet zu musterhaftem Benehmen.“57

Doch auch im Spiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft gegen den SC Obersprockhövel (2:3) „glaub[t]en einige Spieler von 26 das mangelnde Können durch eine Spielweise ausgleichen zu müssen, wie wir sie im Arbeiter-Turn- und Sportbund nicht dulden werden“.58 Die "Freie Sport-Woche" ging noch einen Schritt weiter und forderte, „solchen Vereinen für die Zukunft den Weg [zu zeigen], den sie zu gehen haben. Scheut euch nicht zurück, wenn es sein muß, einmal einen ganzen Verein für eine Serie kaltzustellen. Dann erst wird sich bei denen zeigen, inwieweit sie überhaupt mit unserer Bewegung verwachsen sind. Machen wir einmal ganze Arbeit und schalten wir die Schädlinge aus unserer Bewegung aus. Das eine bleibt fest: mit dem Spiel gegen Obersprockhövel hat sich Sportklub 26 keine Achtung erworben.“59

Es sollte keine leere Drohung bleiben. Am 23. April 1930 meldete die "Arbeiter-Turn-Zeitung" den Ausschluss des SC 1926 Kassel,60 der sich daraufhin der kommunistischen "Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport" anschloss.61 In der ganzen Diskussion ging fast unter, dass das "Kasseler Volksblatt" die Aufstellungen des SC 1926 vom Kreisendspiel und von der Begegnung mit Obersprockhövel veröffentlicht hatte. Gegen Eschwege spielten die Kasseler in Blau-Weiß-Schwarz mit Dietzel, H. Rehm, Fr. Müller, Boller, L. Kellner, Th. Rehm, Fr. Klein, Chr. Kellner, Alb. Kellner, H. Klein und K. Kellner. Gegen Obersprockhövel gab es zwei Änderungen. Im Tor stand Müller (ohne Vornamenskürzel) und auf halblinks spielte Witzel.62
Der Übertritt zum Rotsport scheint nicht von langer Dauer gewesen sein, denn am 25. Februar 1931 gab die Arbeiter-Turn- und Sport-Zeitung den Wiedereintritt des SC 1926 mit 23 Mitgliedern in den ATSB bekannt. Hier konnte der Klub jedoch nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. So hieß es am 11. Mai, dass „[Spkl. 1926] nicht so recht in Schwung kommt“ und „von den bisherigen Spielen ... noch keines gewinnen“ konnte. Ende August wird der Klub im 1. Bezirk als letztes von neun Teams genannt und im November bildeten „Fv. Großenritte, Immenhausen und Spkl. 1926 ... den Schluß.“ Bei der Neueinteilung der Spielklassen im April 1932 fehlte der SC 1926.63 Der Klub war wieder zum kommunistischen Verband gewechselt und gewann dort 1932 die Regionalmeisterschaft von Hessen-Waldeck. In den Spielen um die Westdeutsche Meisterschaft unterlag „1926“ am 17. Juli 1932 dem Ruhrgebietsmeister BV Gelsenkirchen-Bismarck Ost mit 5:9. Das KPD-Zentralorgan "Die Rote Fahne" veröffentlichte dazu einen Vierzeiler. Die "Neue Arbeiter-Zeitung", Organ der KPD für die Gebiete Hannover-Braunschweig, Westfalen-Lippe und Hessen-Waldeck, berichtete nicht über das Spiel.64 
Über das weitere Schicksal des Klubs konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.65

 

 

Freie Turnerschaft Bettenhausen von 1895

 

Auf eine lange Tradition können Gewerbe und Industrie auch in Bettenhausen zurückblicken. „Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert hatte sich das einstige Ackerdörfchen mit handwerklichen Mühlenbetrieben zu einem imponierenden Industriezentrum mit 31 Fabriken entwickelt.“66 Bei der Eingemeindung nach Kassel 1906 gab es mit der Turngemeinde (gegründet 1888), dem TV Germania (1895), der Freien Turnerschaft (1901) und der Jüngeren TG (1902) bereits mehrere Vereine. 1919 schlossen sich TG und Jüngere TG zum TSV Bettenhausen 1888, der TV Germania und die Freie Turnerschaft zur FT Bettenhausen 1895 zusammen, die Mitglied im ATSB war. Der ATSB-Geschäftsbericht 1920 nennt außerdem noch eine Spielvereinigung 1919, die allerdings 1921/1923 nicht mehr verzeichnet ist.67 

1925 und 1926 wurde „1895“ Kreismeister und spielte bis 1933 in der obersten Spielklasse des 13. Kreises. In der Nordwestdeutschen Meisterschaft scheiterte man jedoch beide Male in der ersten Runde. Das Spiel 1925 in Düsseldorf bezeichnete die "Freie Sport-Woche" als „sportlich hochstehendes Spiel“, das der TV Eller verdient mit 2:0 gewonnen habe. Allerdings „hatte man sich von Kassel bedeutend mehr versprochen.“ Die Gäste kamen „in der ersten Halbzeit kaum über einige durchbruchartige Vorstöße hinaus. Der Sturm konnte sich nicht finden ... Die beste Leistung bot noch der Hüter, der manch schönen Schuß zunichte machte.“68

1926 empfing Bettenhausen auf dem Sportplatz Waldauer Fußweg den Westdeutschen Meister FSV Laer (1929 nach Bochum eingemeindet) und ging schnell mit 3:0 in Führung. „Wer nun geglaubt hatte, 95 würde Sieger bleiben, der hatte sich getäuscht.“ Nachdem den Gästen noch vor der Pause der Anschlusstreffer gelang, waren sie nach dem Seitenwechsel nicht mehr zu halten und gingen mit 6:3 in Führung. „Hat bis jetzt die Verteidigung von 95 standgehalten, so ist es mit dem Rest der Spielzeit mit der Ruhe vorbei.“ Und obwohl es schien, „als sollte sich das Blatt noch einmal drehen“, mehr als einen vierten Treffer gelang Bettenhausen nicht. Das packende Spiel wurde „in jeder Beziehung einwandfrei und fair ausgetragen“ und hat „für unsere Bewegung propagierend gewirkt.“69

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme fanden die meisten Mitglieder der FT 1895 Unterschlupf beim TSV 1888, der 1945 durch Alliierten Kontrollratsbeschluss zunächst aufgelöst, am 4. November 1945 aber als Freier Turn- und Sportverein neu gegründet wurde.70 1970 folgte eine Fusion mit dem SV Sportfreunde 09 zum VfB Kassel, dem sich 2001 der FC 1949 Viktoria Bettenhausen anschloss. „Die Fusion war die Folge aus dem Abstieg des FC in die A-Klasse in der Saison 1999/2000. Durch zahlreiche Abmeldungen stand die Fußballabteilung kurz vor dem Aus. Nur unter großen Anstrengungen gelang es schließlich, eine spielfähige Mannschaft auf die Beine zu stellen.“71 Heute ist der VfB Viktoria Bettenhausen der größte Verein im Stadtteil. Die Fußballabteilung hat 345 Mitglieder.72

 

 

TSG Wilhelmshöhe 1883

 

Ohne Zusammenschlüsse, Abspaltungen und Wiedervereinigungen ging es auch in Wilhelmshöhe nicht. Der 1906 gegründete FV Wahlershausen verließ nach dem 1. Weltkrieg den Westdeutschen Spielverband und schloss sich dem ATSB an. Nach Horst Biese und Herbert Peiler kam es 1921 zur Vereinigung mit der 1920 gegründeten FT Wilhelmshöhe (für die der ATSB-Geschäftsbericht 1920 bei 83 Mitgliedern 33 Fußballer ausweist). 1921/1923 gab es neben dem FTSV 1920 Kassel-Wilhelmshöhe mit 67 Mitgliedern (darunter 23 Fußballern) auch den SV Wilhelmshöhe 06 mit 98 Mitgliedern (alles Fußballer) auf. Diese beiden Klubs schlossen sich im Dezember 1924 zur Freien Sportvereinigung Wilhelmshöhe 06 zusammen, die 1928/29 neben 79 männlichen auch acht weibliche (!) Fußballer hatte. Daneben gab es den SV Herkules 1920 mit 51 Mitgliedern (alles Fußballer).73

Wilhelmshöhe 06 griff 1924 zum ersten Mal nach der Meisterkrone, unterlag in einem Entscheidungsspiel um die Bezirksmeisterschaft jedoch dem punktgleichen RSV Eintracht 1920 trotz 14:6 Ecken mit 1:2.74 1926/27 musste man im Kreisendspiel erneut der Eintracht den Vortritt lassen (1:3), wobei das "Kasseler Volksblatt" anmerkte, dass „der Sieg Eintrachts ... nicht unbedingt als verdient anzusehen [sei]. Wilhelmshöhe 06 ist ehrenvoll unterlegen [und] ... war die technisch bessere Mannschaft.“75 

1927/28 setzte sich Wilhelmshöhe im Bezirksendspiel gegen Oberkaufungen knapp mit 3:2 durch und deklassierte anschließend den Meister von Südhannover, den BSV Göttingen, mit 10:0. Auch im ersten Spiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft fielen zehn Tore, doch vor 3000 Zuschauern konnte Wilhelmshöhe den Heimvorteil nicht nutzen und unterlag dem SC Preußen Altenessen mit 4:6 (1:3). Dennoch gab es Lob von der Freien Sportwoche, da Kassel bewiesen habe, „in der Lage zu sein, großen Spielen der Arbeitersportler einen Rückhalt zu geben.“ Die Gäste hatten schon 3:0 geführt, doch Wilhelmshöhe konnte in der zweiten Halbzeit zum 4:4 ausgleichen, bevor die Gäste im Endspurt noch zweimal trafen.“76

Wilhelmshöhe 06 spielte bis 1933 in der höchsten Spielklasse, bevor es „dasselbe Schicksal ... wie Harleshausen und Waldau“ ereilte. „Die im ATSB organisierte Freie Sportvereinigung 06 Kassel-Wilhelmshöhe wurde aufgelöst und ihr Vereinsvermögen, wie das aller Vereine des ATSB, beschlagnahmt.“ Viele Mitglieder konnten jedoch zum SC Wilhelmshöhe wechseln.77 

1945 kam es zur Neugründung der Freien Sportvereinigung Wilhelmshöhe, die die „Traditionen der 1933 bzw. 1937 in Wilhelmshöhe bestehenden Vereine“ übernahm. Doch schon 1948 kam es zur Trennung. Die Fußballer machten sich als SV Wilhelmshöhe 06 selbständig, Handballer und Turner bildeten nun den Tuspo 1883 Wilhelmshöhe. 1962 wurde das Schisma überwunden und alle Abteilungen in der TSG Wilhelmshöhe 1883 vereint.78 

 

Anzeige für die Ausgabe des Bundesliederbuches 1928

 

Sonderfall Osthessen


Damit nähert sich die Betrachtung der Geschichte ehemaliger Arbeiterfußballvereine in Hessen (in den Grenzen nach 1945) dem Ende. Allerdings fehlt bisher eine Region. Ähnlich wie das von unbeugsamen Galliern bevölkerte Dorf von Asterix und Obelix blieb das Fuldaer Land weitgehend immun gegen klassenkämpferische Ideen. Zwischen 1921 und 1928/29 taucht in den ATSB-Geschäftsberichten kein Arbeitersportverein aus Fulda und Umgebung auf. Der 9. Kreis reichte im Südwesten mit dem 4. Bezirk bis Schlüchtern (Arbeiter-Turn- und Sportverein – ohne Fußball-Abteilung) und im Nordwesten mit dem 3. Bezirk bis Lauterbach (Turngemeinde – ebenfalls ohne Fußball-Abteilung). Im Norden erstreckte sich der 13. Kreis nur bis Hersfeld.

Das entspricht in etwa den Grenzen des 1802 säkularisierten Fürstbistums Fulda, das 1816 an Kurhessen und mit diesem 1866 an Preußen fiel. Da bis zur Annexion des Kurstaates 1866 „die Abneigung des Kasseler Regenten gegen fremdes Kapital ein unüberwindliches Hindernis für eine Gewerbeansiedlung großen Stils dar[stellte]“79, kam es erst danach zu einer Industrialisierung des jetzigen Regierungsbezirks Kassel der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Aber selbst nach Wegfall dieser Barrieren konzentrierten sich die großen Betriebe hauptsächlich auf den Raum Kassel und Hanau, obwohl der Anteil der Arbeiterschaft auch in Fulda gegen Ende der Weimarer Republik 50,1 % betrug.80 

Im Gegensatz zu anderen Industrieregionen Deutschlands war die Fuldaer Arbeiterschaft jedoch fast vollkommen in ein katholisches Sozialmilieu integriert. Während der Anteil der katholischen Bevölkerung in Hessen 1925 nur 25,5 % ausmachte (reichsweit 32,4 %), lag er in der Stadt Fulda bei 72,3 %, im Landkreis sogar bei 95,6 %.81 Bereits seit den 1830er Jahren hatte sich die katholische Kirche in Osthessen erfolgreich gegen Disziplinierungsversuche von staatlicher Seite zur Wehr gesetzt und ging „voll mobilisiert in die Auseinandersetzungen der Reichsgründerzeit“ („Kulturkampf“).82 

Als Anlaufstellen für abgewanderte katholische Arbeitskräfte waren 1855 in Fulda und 1863 in Hünfeld Gesellenvereine gegründet worden, „um auf diese Weise katholische Lebensweise unter den Bedingungen der beruflichen Mobilität zu befördern.“83 1886 veröffentlichte der Fuldaer Bischof Georg Kopp eine Denkschrift über die „Aufgaben und die Organisation von katholischen Arbeitervereinen im Bistum Fulda.“ 1902 kam es schließlich zur Gründung des „Diözesanverbandes Fulda katholischer Arbeitervereine“, der 1921 aus drei Bezirken und 59 Ortsvereinen bestand, davon allein 31 im Bezirk Fulda.84 

Nach dem 1. Weltkrieg änderte sich die Situation. „Wollte man das Vordringen der politischen Sportverbände in den katholischen Bereich – gerade unter der katholischen schulpflichtigen Jugend – nicht hinnehmen, so hatte der Vereinskatholizismus selbst sportlich tätig zu werden.“ Im Rahmen der 1920 gegründeten Deutschen Jugendkraft (DJK) wurde man auch im Raum Fulda aktiv. 1931 gab es in der Diözese Fulda, die den ganzen Regierungsbezirk Kassel umfasste, 139 DJK-Vereine mit 4582 Mitgliedern. Diesen standen allerdings auch 805 nichtkonfessionelle Sportvereine gegenüber.85 Trotz allem blieb die Bevölkerung in Osthessen stark im Katholizismus verwurzelt.86

Zwar gibt es auch in Fulda eine „FT“, doch verbirgt sich dahinter keine „Freie“ sondern die „Fuldaer Turnerschaft von 1848.87 Nach 1945 wurde die CDU zur dominierenden politischen Kraft im Raum Fulda, die als überkonfessionelle Partei auch „evangelische Mitbürger“ ansprach und Wert darauf legte, „nicht die Wiedergeburt des alten Zentrums“ zu sein, „sondern seine politische Ueberwindung“.88

 

 

Rot-Sport in Hessen 


Gleicht schon die Geschichte des Fußballs im ATSB einem großen Puzzle, bei dem etliche Teilchen fehlen, so stößt man im (kommunistischen) Rotsport auf ungleich größere Probleme. Ohne im Detail auf die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik einzugehen89, sollen aber kurz die wichtigsten Eckdaten genannt werden, die zur Bildung der „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“ führten.

Nach Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands am 30. Dezember 1918 blieben deren Mitglieder und Sympathisanten zunächst im ATB. Der 12. Bundesturntag 1919 in Leipzig, bei dem der Name in ATSB geändert wurde, lehnte jedoch die Formel „Diktatur des Proletariats“ ab. Als Gegenpol zur 1920 gebildeten „Luzerner Sportinternationale“ (LSI, ab 1928: Sozialistische Arbeiter-Sport-Internationale SASI) wurde 1921 in Moskau die „Rote Sportinternationale“ (RSI) gegründet. Auf die I. Internationale Arbeiter-Olympiade der LSI/SASI 1925 in Frankfurt antwortete die RSI 1928 mit der I. Internationalen Sommerspartakiade in Moskau. Die 1931 kurz vor der II. Arbeiter-Olympiade in Wien begonnene II. Spartakiade in Berlin wurde nach polizeilichem Verbot in Moskau beendet. Bereits seit 1928 wurden kommunistische Funktionäre und Vereine aus dem ATSB ausgeschlossen, was 1929 zur Bildung der „Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport“ (ab 1930 „KG für Rote Sporteinheit“) führte.90

Auch IG und KG hatten Verbandsorgane, doch hat von diesen im Unterschied zur "Arbeiter-Turn-Zeitung" und "Freien Sport-Woche" nur ein Bruchteil zwölf Jahre Nazi-Diktatur und den Krieg überlebt. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek findet man unter dem Suchbegriff „Rote Sporteinheit“ nur zehn Einträge, in der Zeitschriftendatenbank immerhin 16 und bei der Friedrich-Ebert-Stiftung gerade einmal acht. So ist "Der Rote Sportler", das Organ der IG für Hessen-Nassau und Westbayern, zwar für die Jahre 1928 bis 1930 nachgewiesen, über das Bundesarchiv Berlin konnten aber nur 13 Ausgaben des Jahres 1930 per Fernleihe eingesehen werden.

Weitere regionale Blätter waren "Rot-Sport" (für Berlin-Brandenburg, Lausitz, Grenzmark, Pommern, Schlesien, 1931 bis 1934; Vorläufer: "Arbeiter-Fussball" und "Spiel und Sport"), "Roter Bayernsport" (Nürnberg 1932), "Roter Nordsport" (Hamburg 1930 bis 1933), "Roter Ruhrsport" (Berlin/Essen 1932/33) und "Westdeutscher Arbeitersport" (Berlin, 1931 bis 1933). Das KPD-Zentralorgan "Die Rote Fahne" hatte einen Sportteil, der sich aber hauptsächlich auf den Großraum Berlin und Kurzberichte über die KG-Reichsmeisterschaft konzentrierte. Außerdem war das Blatt 1931/32 mehrmals polizeilich verboten.

Hessen war auch bei der Organisation der KPD und der KG zweigeteilt. Nordhessen gehörte zum Bezirk Hessen-Waldeck, der nur etwa 3000 Mitglieder hatte und über kein eigenes Parteiorgan verfügte. Der Bezirk wurde von Hannover aus durch die "Neue Arbeiter-Zeitung". Organ der KPD für die Gebiete Hannover-Braunschweig, Westfalen-Lippe und Hessen-Waldeck mitbetreut. Nach Auskunft der Universitätsbibliothek Kassel enthielt die Zeitung im Juli 1932 aber „überhaupt keine Sportberichte“.91 

Südhessen gehörte zum Bezirk Hessen-Frankfurt, wo bis Mitte Januar 1933 die "Arbeiter-Zeitung". Organ der KPD, Sektion der Kommunistischen Internationale, Bezirk Hessen-Frankfurt, erschien, die sich seit Ende der 1920er Jahre scharfe Auseinandersetzungen mit der sozialdemokratischen "Volksstimme" lieferte.92 

In der Dokumentation „Frankfurter Arbeiterbewegung in Dokumenten 1832 – 1933“ (1994) wird der Arbeitersport nur marginal thematisiert. In der ebenfalls vom Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte herausgegebenen Organisationsgeschichte der KPD in Frankfurt und der Region Rhein-Main von Franz Neuland (2012) sucht man die KG vergeblich.

 

Werbung für das Vereinslokal der Freien Turnerschaft Bremen in der "Bremer Freien Sport-Woche" vom 15. Dezember 1925

 

Beide Bezirke unterschieden sich strukturell stark voneinander. Während Hessen-Waldeck „als einer der schwächsten im gesamten Reichsgebiet“ galt, waren Ende 1932 in Hessen-Frankfurt 16.762 Mitglieder in 530 Orts- und Betriebsgruppen organisiert.93 Dennoch konnte die KPD auch in Nordhessen in einigen Gemeinden auf eine treue Gefolgschaft zählen, wie die Ergebnisse der Reichstagswahlen 1932/33 in der Stadt Kassel und ihrem „roten Gürtel“ zeigen. Während die Kommunisten im Landkreis Kassel mit 16,6 % (Juli 1932), 20,2 % (November 1932) und 13,9 % (März 1933) immer den Reichsdurchschnitt (14,3 %, 16,9 % und 12,3 %) übertrafen, lagen sie in der Stadt Kassel immer darunter (11,4 %, 14,4 % und 9,5 %). In Oberkaufungen (31,1 %) und Helsa (25,5 %) wurde im November 1932 sogar der Kreisdurchschnitt übertroffen, in Niederkaufungen nie nennenswert verfehlt. Im wenige Kilometer entfernten Nieste dagegen schnitt die KPD mit 2,1 %, 9,5 % und 2,7 % stets unterdurchschnittlich ab. Hier war die SPD, die bis 1932 immer auf über 60 % kam, sogar im März 1933 mit 55,7 % noch stärkste politische Kraft.94

Auch in Südhessen gab es ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. Überdurchschnittlichen Zulauf hatte die KPD in der Stadt und im Landkreis Hanau sowie den südlich von Frankfurt gelegenen Arbeitergemeinden von Mörfelden bis Dietzenbach. In Hanau wurden bei den Reichstagswahlen im November 1932 31,8 %, im Landkreis 32,3 % erzielt. In Groß-Zimmern, das „als eine Art »rote Insel« ... im zumeist von der SPD oder der katholischen Zentrumspartei regierten Landkreis Dieburg“ lag, kam die KPD sogar auf 46,3 %. Dennoch war Hessen keine KPD-Hochburg. Sowohl im Wahlkreis 19 (Provinz Hessen-Nassau) als auch im Wahlkreis 33 (Volksstaat Hessen) wurde der Reichsdurchschnitt 1932/33 nie erreicht.95

Die unterschiedlichen Organisationsstrukturen der Partei hatten selbstverständlich auch Auswirkungen auf den Sport. So konnten im Rahmen dieses Beitrags mit Ober- und Niederkaufungen und dem SC 1926 Kassel nur drei Rotsport-Vereine in Nordhessen gefunden werden. In Südhessen bedeutete ein starker KPD-Rückhalt in der Bevölkerung in der Regel die Existenz eines Rotsport-Vereins. Auch die nur rund 1500 Einwohner zählende Ortschaft Ostheim im Kreis Hanau hatte Anfang 1933 mit der „bürgerlichen“ Viktoria, dem ATSB-Verein FC Sportfreunde und dem Roten Sport drei Fußballvereine.96

1930 wurden Vorwärts Biebrich und Fichte Hanau aus dem ATSB ausgeschlossen.97 Obwohl der Sportteil der "Frankfurter Arbeiter-Zeitung" meist nur reine Ergebnisse enthält, ergibt sich durch die Erwähnung zahlreicher Vereine zusammen mit der Berichterstattung im Sprendlinger Anzeiger ein recht gutes Bild über den Fußball im Rotsport, denn als Verkündungsblatt für die amtlichen Bekanntmachungen der Gemeinde Sprendlingen und der benachbarten Oberförstereien berichtete diese Zeitung über alle im Ort aktiven Vereine: vom „bürgerlichen“ FV 06, von den Fußballern in der DT, vom Arbeitersport in der TG 1886 und 1931/32 auch vom Rotsport.
Der erste Bericht über „Rot-Sport in Sprendlingen“ erschien am 10. Februar 1931. Drei Tage später schrieb „ein Parteiloser“, „daß die Sportler, die auf dem Boden der Kommunistischen Partei stehen, aus der [sozialdemokratischen, Anm. d. Verf.] Turngesellschaft und auch aus anderen Vereinen ausgetreten sind. Es wäre auch nicht zu begreifen, wenn Kommunisten und Sozialdemokraten noch weiter gemeinsam geturnt und dem edlen Fußballspiel sich hingegeben hätten. Dabei rief noch vor wenigen Wochen bei der Reichsbannerkundgebung der Referent in jugendlich-politischer Naivität zu gemeinsamen Kampfe gegen die Rechtsradikalen auf. Es verdient ferner festgehalten zu werden, daß die Rotsportler sich ausgerechnet den Sportplatz des Fußballvereins als Betätigungsfeld ihres sportlichen Tuns ausgesucht haben. Ob die dort wehende Luft, die doch reichlich mit bürgerlichen Bakterien durchsetzt ist, ihrer revolutionären Gesinnung nicht Abbruch zu leisten imstande ist, bleibe dahingestellt.“98 

Ganz im Gegenteil. Sein erstes Fußballspiel gewann der neue Verein am 15. Februar 1931 vor rund 400 Zuschauern gegen Fichte Hanau mit 2:0, die zweite Mannschaft unterlag 0:4. Für den kommenden Sonntag wurden Spiele beider Mannschaften in Neu-Isenburg angekündigt.99 Bereits im April konnte der Klub seinen eigenen Platz einweihen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der ASV Sprendlingen über drei Fußball- und eine Handball-Mannschaft.100 Als Gegner tauchen bis Sommer 1931 Griesheim, Nied und Bockenheim (alle aus Frankfurt), Langenselbold, Dreieichenhain, Mainz, Dietzenbach und Walldorf in der Berichterstattung auf. Für den 6. Juni 1931 war ein Spiel der heimischen Bezirksauswahl gegen eine Mannschaft aus Frankfurt mit Spielern aus Fechenheim, Griesheim, Höchst, Rödelheim und Sindlingen angekündigt. Bei den Gastgebern wirkte der ehemalige ATSB-Bundesauswahlspieler Heinrich Anthes aus Sprendlingen als Mittelstürmer mit. 101

 

ATV-Werbung von 1929

 

Nachdem sich Sprendlingen am 24. Januar 1932 mit einem 2:2 in Dietzenbach die Bezirksmeisterschaft gesichert hatte, begannen am 14. Februar 1932 die Spiele um die „Landesmeisterschaft“, an der die fünf Bezirksmeister teilnahmen: Frankfurt-Griesheim (1.), Sprendlingen (2.), Langenselbold (3.), Mainz (4.) und Griesheim bei Darmstadt (5. Bezirk).102 Der KG-Fußball war im Rhein-Main-Gebiet also von Mainz und Alzey im Westen bis hinter Hanau im Nordosten und von Frankfurt bis in den Raum südlich von Darmstadt organisiert. Dies entsprach in etwa dem Gebiet des 1., 2., 4. und 5. Bezirks im 9. Kreis des ATSB. Am 21. Mai 1932 holte sich Sprendlingen auf dem VfR-Platz in Offenbach durch ein 2:1 nach Verlängerung gegen Frankfurt-Griesheim die „Landesmeisterschaft von Hessen und Hessen-Nassau“.103 In der Zwischenrunde um die Süddeutsche Meisterschaft musste man am 26. Juni 1932 auf eigenem Platz dem Meister des Saargebiets, Union Saarbrücken, mit 2:3 den Vortritt lassen. Der "Sprendlinger Anzeiger" brachte einen ausführlichen Vorbericht, aber keinen Spielbericht.104

Am 13. August 1932 spielte in Sprendlingen eine Bezirksauswahl gegen die Landesauswahl von Hessen und Hessen-Nassau auf dem Platz der Turngemeinde (!). Heinrich Anthes stand diesmal in den Reihen der Landesauswahl, die sich außerdem auf Spieler aus Frankfurt, Groß-Auheim, Hanau, Langenselbold, Mainz-Kastel und Mörfelden stützte.105 Das Ergebnis ist nicht bekannt.

Am 16. September 1932 begannen die Serienspiele 1932/33 auf Bezirksebene, an denen sieben Vereine aus den Landkreisen Offenbach und Groß-Gerau teilnahmen. Nach Abschluss der Vorrunde lag Sprendlingen mit 11:1 Punkten vor Dietzenbach (10:2) und Mörfelden (8:4) an der Spitze. Den einzigen Punktverlust hatte es zum Auftakt in Dietzenbach gegeben (2:2). „Trotz mächtiger Anstrengungen beider Mannschaften“ trennte man sich auch zum Rückrundenauftakt am 11. Dezember 1932 mit dem gleichen Ergebnis, womit „die Frage nach dem Meister weiter offen“ blieb.106 

Es war die letzte Meldung im "Sprendlinger Anzeiger" über ein Fußballspiel im Rotsport. Am 16. März 1933 wurde die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit im Volksstaat Hessen durch den Staatskommissar für das Polizeiwesen aufgelöst.107 Ob der kommunistische ASV Sprendlingen nach 1945 einen Platz unter dem Dach der SKG Sprendlingen 1886 fand, bleibt unklar. Deren Chronik spricht von zehn Vereinen, die „sich unter dem Dach einer Sport- und Kulturgemeinschaft ... zu neuer Betätigung zusammen[schlossen].“ Auch Jakob Heil erwähnt 1974 lediglich die sozialdemokratische Turngemeinde, die „nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« ... zusammen mit anderen Korporationen unter dem Namen »Sport- und Kulturgemeinschaft« wieder an die Öffentlichkeit“ trat.108 Im Gegensatz zu Dietzenbach, Mörfelden und Neu-Isenburg wird der Rotsport-Verein nicht ausdrücklich genannt – auch nicht in Dreieichenhain, Langen und Walldorf, die 1932/33 mit dem ASV Sprendlingen in einer Spielklasse spielten.109 

In Frankfurt-Griesheim fand das letzte Rotsport-Fußballspiel am 29. Januar 1933 statt. Der Arbeiter-Sportverein, der sich 1931 vom FV 08 (ATSB) abgespaltet hatte, gewann auf dem Platz der „bürgerlichen“ SpVgg 02 die Landesmeisterschaft gegen den ASV Mainz. „Es muß gleichzeitig das letzte Spiel gewesen sein, denn die alsdann eintretenden politischen Verhältnisse ließen einen weiteren Spielbetrieb nicht mehr zu.“ Auch der FV 08 wurde 1933 aufgelöst, allerdings „muss es noch eine gute Weile gedauert haben, ... denn aus einer noch vorhandenen Festschrift ist zu entnehmen, daß geplant war, in den Tagen vom 21. bis 28. Mai 1933 das 25jährige Bestehen des Vereins zu begehen.“ In der nach dem Krieg auch in Griesheim gegründeten Sportgemeinschaft war die „Aufnahme des Fußballsportes nur möglich, weil sich frühere Mitglieder des 1933 aufgelösten Fußballvereins 08 einfanden.“ Das Schicksal des kommunistischen Arbeiters-Sportvereins wird nicht erwähnt.110 

 

 

Fazit und Ausblick 

 

Inzwischen sind in Hessen – in den Grenzen seit 1945 – über 120 Vereine mit einer Fußball-Abteilung nachgewiesen, die sich auf einen vor 1933 im ATSB aktiven Verein zurückverfolgen lassen. Dies entspricht etwa einem Drittel der Zahl, die im ATSB-Geschäftsbericht 1928/29 für den 9. und 13. Kreis angegeben wurde.111 Dazu kommen 68 Fußballmannschaften im Rotsport: 65 im Rhein-Main-Gebiet und drei in Nordhessen. Man braucht sich nur die Tabellen in der "Freien Sport-Woche" bzw. dem "Fußball-Stürmer", in der "Frankfurter Volksstimme" oder im "Kasseler Volksblatt" anschauen, um zu erkennen, wo noch recherchiert werden muss.

Die Gründe, warum noch so viel im Verborgenen liegt, sind mannigfaltig. Zum einen scheinen viele Vereine ihre Geschichte entweder vergessen zu haben oder verschweigen sie schlichtweg. Außerdem ist zwischen 1933 und 1945 viel Material verloren gegangen. Und vieles von dem, was diese Zeit überlebt hat, fiel späteren Haushaltauflösungen zum Opfer. 82 Jahre nach der NS-Machtübernahme sind kaum noch Zeitzeugen greifbar.
Es wäre aber zu einfach, die Schuld nur bei den Vereinen zu suchen. Auch bei der Aufarbeitung von Vorhandenem gibt es immer wieder Barrieren, die schier unüberwindbar scheinen. So ist die Wiesbadener Ausgabe der "Volksstimme" wegen ihres schlechten Papierzustands immer noch für die Benutzung gesperrt. An eine Verfilmung oder Digitalisierung ist angesichts leerer öffentlicher Kassen kurzfristig nicht zu denken. Aber selbst verfilmte Bestände sind nicht immer von bester Qualität und bereiten bei der Recherche ungeahnte Schwierigkeiten.

Ein weiteres Hindernis ist die regionale Streuung. Zur bisherigen Recherche der Geschichte des Arbeiterfußballs in Hessen mussten Bibliotheken und Archive in Frankfurt, Nürnberg, Leipzig, Bonn, Kassel, Marburg, Wiesbaden, Darmstadt, Neu-Isenburg, Sprendlingen und Herborn aufgesucht werden, was einen erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand bedeutete.
Doch selbst in den aufgesuchten Archiven ist nicht immer alles vorhanden. Gedruckte Vereinschroniken sind oft nur über Stadt- oder Gemeindearchive sowie die Vereine selbst erhältlich. Zum Glück waren viele Stellen sehr kooperativ, wofür ich mich herzlich bedanke. Bei den angesprochenen Klubs kam ein positives Echo allerdings meist nur von Vereinen, die sich ohnehin mit ihrer Vergangenheit aktiv auseinandersetzen. Selbst das Medium Internet wird von vielen nicht oder nur schlecht genutzt. Ein Schnelldurchgang durch die Geschichte hilft letztlich niemandem.
Natürlich stellt sich auch die Frage, ob sich Vereine eigentlich ihrer Vergangenheit und Tradition bewusst sind. Häufig gewinnt man den Eindruck, dass hier die Faustformel „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ gilt. Kein Wunder, da heute im Fußball oft nur die Gegenwart zählt und selbst ehemals „große“ Vereine in Vergessenheit geraten. Wer weiß noch, dass Preußen Münster einst Gründungsmitglied der Bundesliga war? Oder dass Borussia Neunkirchen und nicht die favorisierten Münchner Bayern 1964 in Deutschlands Eliteklasse aufstieg? Und so lange Arbeiterfußball mit dem FC Schalke 04 gleichgesetzt wird, bleiben Klubs wie Oberkaufungen, Naunheim, Dietzenbach oder Urberach natürlich auf der Strecke.
Wenig hilfreich ist auch die oft beschworene politische Neutralität des Sports. Wenn aber Verbände und Vereine aus politischen Gründen verfolgt und verboten, Sportler und Funktionäre verhaftet und ins KZ gesteckt wurden, hat es sehr wohl mit Politik zu tun. Man muss die politischen Überzeugungen der damals Beteiligten nicht unbedingt teilen, sollte ihr Engagement im Sport aber zumindest respektieren. Eine demokratische Gesellschaft muss aus den Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernen.
Was also ist zu tun? Man müsste sich die Chroniken von Vereinen aus Ortschaften, die in den ATSB-Geschäftsberichten, der "Freien Sport-Woche" und im "Fußball-Stürmer" sowie der einschlägigen Tages- und Sportpresse – und zwar nicht nur der sozialdemokratischen, sondern auch der kommunistischen! – aufgeführt sind, anschauen und auf eine Vergangenheit im ATSB und/oder Rotsport überprüfen. Das ist natürlich eine Sisyphusarbeit, die für einen Einzelnen kaum zu stemmen ist. Andererseits läuft man Gefahr, dass noch mehr verloren geht oder in Vergessenheit gerät, wenn man es nicht tut. Gefordert sind also alle.

„Wo kommt mein Verein her?“ darf also keine leere Worthülse bleiben, sondern muss mit Inhalt gefüllt werden. Wenn diese Beitragsreihe einen Denkanstoß liefert, sind wir schon einen Schritt weiter.

Uli Matheja

 

 

 Anmerkungen:

 

  1. Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 291, Bestandsliste bis S. 295
  2. Eike Stiller: "Literatur zur Geschichte des Arbeitersports", S. 37
  3. Gottfried Christmann, Dieter Kropp: "Arbeiterbewegung in Hann. Münden", S. 41 und 48
  4. "Freie Sport-Woche" vom 27. September 1922
  5. zitiert nach Hardy Grüne: "Zwischen Hochburg und Provinz", S. 55/56; außerdem: ders.: "TSG 1860 Hann. Münden. Oberligaträume an Werra und Fulda"
  6. Mail von Jürgen Tolle vom 5. Dezember 2014. Das Foto ist bei Gottfried Christmann, Dieter Kropp: "Arbeiterbewegung in Hann. Münden" auf S. 38/39 zu finden.
  7. Wolfgang Schäfer: "Allein bist Du nichts", S. 143
  8. Online-Chronik SV 07 Eschwege e. V.
  9. "Freie Sport-Woche" vom 16. April 1924
  10. Siegfried Furchert, Herbert Fritsche: "Als der Sport laufen lernte"
  11. Christian Wolter: "Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg", Statistik-Beilage, S. 43 
  12. Richard Kallok, Gerhard Walter: "Oberkaufungen 1930 – 35", Buchrücken
  13. ATSB-Geschäftsbericht 1920, S. 186/187; ATSB-Geschäftsbericht 1921/1923, S. 146; ATSB-Geschäftsbericht 1928/29, S. 279
  14. "125 Jahre in Bewegung: Der Turnsportverein Waldau feiert vom 9. bis 11. Mai seine Gründung", HNA-online vom 28. April 2014
  15. Über die Umbenennung berichtete die "Hessische Allgemeine" am 16. November 1946. 
  16. "100 Jahre Tuspo 1889 Waldau", S. 33, 55 und 57; Nachdem noch am 14. September 1951 Spiele des VfB Rot-Weiß in den "Hessischen Nachrichten" angekündigt waren, fehlt der Verein am 10. Dezember 1951 in der Tabelle der A-Klasse. 
  17. Tuspo Waldau 1889 e. V., Vereinsgeschichte
  18. "Kasseler Volksblatt" vom 26. Mai 1921
  19. Horst Biese, Herbert Peiler: "Flanken, Tore und Paraden", S. 48
  20. SV Kaufungen 07, Geschichte der Fußballsparte
  21. "100 Jahre Turnen und Sport in Oberkaufungen", darin der Abschnitt „SG Kaufungen – Senioren im TSV-Oberkaufungen und TUSPO Niederkaufungen", ohne Paginierung
  22. Eco-Pfad Mensch und Wasser in Kaufungen,Tafel 2 widmet sich dem Bergbau am Rossgang, Tafel 6 (Steinertsee) dem Braunkohleabbau in der Region.
  23. Richard Kallok, Gerhard Walter: "Oberkaufungen 1930–35", S. 23
  24. Dieter Vaupel, Winfried Wroz: "Kaufungen im Nationalsozialismus", S. 21
  25. "Vier Arbeiter waren die Gründungsväter: SPD feierte 111-jähriges Bestehen des Ortsvereins Kaufungen" in: HNA-Online vom 19. Juni 2013
  26. Gründungsdaten bei Fritz Meyer: "TSV Oberkaufungen", S. 384/385; Siehe auch Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 294; Mitgliederzahlen aus den ATSB-Geschäftsberichten 1920 (S. 186/187), 1921/1923 (S. 146) und 1928/29 (S. 278); Den am 14. Juli und 25. August 1920 in der Freien Sport-Woche veröffentlichten Spielplänen des 13. Kreises kann man entnehmen, dass Jungsport mit seiner 1. Mannschaft in der Ligaklasse und mit zwei Mannschaften in der A-Klasse spielte, der Sportverein in der B-Klasse und der Turnverein in der B- und C-Klasse.
  27. Zitate nach "Der Fußball-Stürmer" vom 1. Februar 1932. Über die ideologischen Auseinandersetzungen, die schließlich zur Bildung der Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport (später Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit [Rotsport] führten, kann hier nicht eingegangen werden. Richard Kallok und Gerhard Walter schildern in "Oberkaufungen 1930–35", dass es im Februar 1931 zu einer Aufspaltung des Arbeiter-Sportvereins in Oberkaufungen kam: „Nachdem ... Ende 1930 in Niederkaufungen kommunistische Sportler aus dem dortigen »Arbeiter-Turn- und Gesangverein« ausgeschlossen worden waren, verließen aus Solidarität mit ihnen auch in Oberkaufungen die sog. Rot-Sportler den sozialdemokratisch dominierten Verein.“ (S. 27/28); Dieter Vaupel, Winfried Wroz berichten in "Kaufungen im Nationalsozialismus", dass 1931 von den 3230 Einwohnern Oberkaufungens 540 Personen mit ca. 800 Familienangehörigen erwerbslos waren (S. 21).
  28. "Sozialistische Arbeiter-Zeitung" vom 8. März 1932
  29. "Kasseler Volksblatt" vom 4. April 1932; "Sozialistische Arbeiter-Zeitung" vom 5. April 1932 
  30. "Der Fußball-Stürmer" vom 28. November 1932
  31. Dieter Vaupel, Winfried Wroz: "Kaufungen im Nationalsozialismus", S. 67/68
  32. In einem „Rückblick auf das Jahr 1933“ berichteten die "Hessischen Nachrichten" am 26. September 1945 über den „Naziterror in Oberkaufungen“. Vgl. auch Richard Kallok, Gerhard Walter: "Oberkaufungen 1930–35", S. 60 – 74, und Dietfried Krause-Vilmar: "Das Konzentrationslager Breitenau", S. 32, 81, 105 sowie die Liste der in „Schutzhaft“ genommenen Personen auf S. 278 bis 284.
  33. Fritz Meyer: "TSV Oberkaufungen", S. 285
  34. Richard Kallok, Gerhard Walter: "Oberkaufungen 1930–35", S. 9
  35. "Hessische Nachrichten" vom 27. Mai 1946: „Oberkaufungen unterstrich seinen Gruppenmeister mit einem 5:1-Sieg über Eschwege.“ In der nächsten Runde musste man jedoch die Überlegenheit der zwei Klassen höher spielenden Mannschaft von Kirchditmold anerkennen (1:6). 
  36. Viktor Schnell: "Fußball in Niederkaufungen"; Der ATSB-Geschäftsbericht für 1928/29 gibt für den „Turnverein“ 74 Mitglieder an (davon 44 Fußballer) an (S. 278).
  37. Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 293; ATSB-Geschäftsbericht 1920, S. 186 
  38. "Freie Sport-Woche" vom 28. Januar 1920; Im September stand Oberkaufungen erneut im Fokus der Kreisbehörde. So musste ein Spieler „wegen ungehöriger Aeußerungen Sportgenossen gegenüber“ 10 Mark Strafe bezahlen. Außerdem wurde der Verein ermahnt, seine „Mitglieder anzuhalten, sich Mannschaften anderer Vereine gegenüber in ihren Aeußerungen zu mäßigen, andernfalls wird Oberkaufungen alle Serienspiele auswärts austragen müssen.“ ("Freie Sport-Woche" vom 15. September 1920) 
  39. "Freie Sport-Woche" vom 14. Juli 1920: Spielpläne des 2. Bezirks; Im ATSB-Geschäftsberichten 1921/1923 wird der Fußballverein 1912 nicht mehr erwähnt. 
  40. "Der Fußball-Stürmer" vom 17. Oktober und 21. November 1932; Viktor Schnell: "Fußball in Niederkaufungen"; Nach der im Frühjahr 1946 verpassten Qualifikation zur Kurhessenliga (nach einem Protestspiel 1:2 gegen Großenritte) und Bezirksklasse (1:4 gegen Wellerode) fand man sich zusammen mit Oberkaufungen in der Kreisklasse wieder.
  41. "Hessische Nachrichten" vom 25. Juli 1970
  42. Zahlen bei Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 279 und 281
  43. 1919 errang die SPD in Kassel bei den Wahlen zur Nationalversammlung (54,6 %), Preußischen Landesversammlung (51,6 %) und der Kommunalwahl (51,5 %) jeweils absolute Mehrheiten und zog mit 37 Stadtverordneten ins 72-köpfige Stadtparlament ein (siehe Tomas Baum: "Philipp Scheidemanns Wahl zum Oberbürgermeister", S. 233)
  44. Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 285 und 287.
  45. "Freie Sport-Woche" vom 17. September 1919 und 6. Juli 1921
  46. Hardy Grüne: "BV 06 Kassel", S. 25; ATSB-Geschäftsbericht 1921/1923, S. 144; Gründungsgeschichte und Beitritt zum ATSB in: Festbuch zum Ersten Reichs-Arbeiter-Sporttag, S. 10
  47. Christian Wolter: "Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg", S. 64. Das Archiv der sozialen Demokratie spricht von „rund 100 000 Arbeiter[n] und Arbeiterinnen aus dem Reich und dem Ausland“, die „in einem langen Festzug zu den Leipziger Sportstätten“ marschierten, die Chronik des heutigen SSV Stötteritz nennt 60 000 Zuschauer.
  48. "Freie Sport-Woche" vom 19. März 1924
  49. Tabelle in der "Freien Sport-Woche" vom 18. Februar 1925 
  50. Hardy Grüne: "BV 06 Kassel", S. 25; ders.: "BC Sport Kassel", S. 49; Wieder „KBC Sport“, "Hessische Nachrichten" vom 31. Juli 1948. Horst Biese und Herbert Peiler erinnern in "Flanken, Tore und Paraden" auf S. 18 an den BV 06, „der über viele Jahre hinweg seinen Platz im Kasseler Fußballgeschehen hatte ... Später schloß 06 sich dem BC Sport an und gab damit seine Eigenständigkeit auf.“
  51. "Der Fußball-Stürmer" vom 13. März 1933
  52. "90 Jahre RSV Eintracht Vellmar: Siege gab es im schwarzen Hemd", HNA-Online vom 22. Juli 2010
  53. Horst Biese, Herbert Peiler: "Flanken, Tore und Paraden", S. 89; "Hessische Allgemeine" vom 7., 10. und 17. November 1945
  54. "Freie Sport-Woche" vom 29. Juli 1929
  55. "Freie Sport-Woche" vom 16. September 1929
  56. Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 314
  57. "Freie Sport-Woche" vom 3. März 1930
  58. "Kasseler Volksblatt" vom 24. März 1930
  59. "Freie Sport-Woche" vom 31. März 1930
  60. "Arbeiter-Turn-Zeitung" vom 23. April 1930
  61. "Der Rote Sportler" vom 27. Mai 1930
  62. "Kasseler Volksblatt" vom 2. und 24. März 1930
  63. "Freie Sport-Woche" vom 11. Mai, 31. August und 9. November 1931; "Der Fußball-Stürmer" vom 11. April 1932
  64. Christian Wolter: "Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg", S. 165, in der Statistik-Beilage S. 35. Zur "Neuen Arbeiter-Zeitung": E-Mail der UB Kassel vom 1. April 2015
  65. Im Bestand der Universitätsbibliothek Kassel sind „keine Materialien speziell zum Arbeiterfußball in Kassel“ vorhanden (E-Mail der UB Kassel vom 1. April 2015).
  66. Bettenhausen
  67. ATSB-Geschäftsbericht 1920, S. 182; ATSB-Geschäftsbericht 1921/1923, S. 144 
  68. "Freie Sport-Woche" vom 20. Mai 1925
  69. "Kasseler Volksblatt" vom 31. März 1926
  70. "Hessische Nachrichten" vom 31. Oktober und 10. November 1945; Die Gründung des Freien Turn- und Sportvereins fand am 4. November in der „Spinnfaser“ in Bettenhausen statt. Die Online-Chronik des Klubs spricht von der „Neugründung des Turn- und Sportvereins Kassel-Bettenhausen“.
  71. HNA-Regiowiki zum VfB Viktoria Bettenhausen
  72. VfB Viktoria Bettenhausen, Fußballabteilung
  73. Horst Biese, Herbert Peiler: "Flanken, Tore und Paraden", S. 38/39; ATSB-Geschäftsbericht 1920, S. 182/193; ATSB-Geschäftsbericht 1921/1923, S. 144; ATSB-Geschäftsbericht 1928/29, S. 277. Die Online-Chronik der TSG Wilhelmshöhe 1883 erwähnt für 1906 die „Gründung eines Fußballvereins in Wahlershausen (der spätere SV Wilhelmshöhe 06)“ und beschreibt die 1921 vollzogene „Vereinigung mit einem Teil des »Wahlershäuser Fußballvereins 1906«“ als „Erweiterung des sportlichen Angebots“.
  74. "Freie Sport-Woche" vom 2. April 1924
  75. "Kasseler Volksblatt" vom 13. Dezember 1926
  76. "Freie Sport-Woche" vom 19. März 1928
  77. Horst Biese, Herbert Peiler: "Flanken, Tore und Paraden", S. 62. Der VfB Harleshausen wird auf S. 39 als Vorläufer des heutigen SVH Kassel bezeichnet.
  78. Online-Chronik der TSG Wilhelmshöhe 1883
  79. Siegfried Weichlein: "Sozialmilieus und politische Kultur", S. 34
  80. ebenda, S. 123
  81. Klaus Schönekäs: "Soziopolitische Verfassung Hessens", S. 49 und "Christenkreuz über Hakenkreuz", S. 130
  82. Siegfried Weichlein: "Sozialmilieus und politische Kultur", S. 76
  83. ebenda, S. 124
  84. Reiner Mehler: "100 Jahre KAB", S. 15 und 20
  85. Siegfried Weichlein: "Sozialmilieus und politische Kultur", Zitat S. 157, Zahlen zu DJK-Vereinen S. 158
  86. Die starke Verwurzelung der Bevölkerung im Katholizismus gilt auch als Indiz dafür, dass es der NSDAP nicht gelang, „in das Wählerpotential des Zentrums und der Arbeiterbewegung einzudringen.“ Bei den Reichstagswahlen 1932 stagnierte der Stimmenanteil der NSDAP im Raum Fulda bei 20 %. Das Zentrum kam sogar bei den Wahlen vom 5. März 1933 noch auf 51,5 % in der Stadt und auf 60 % im Kreis Fulda. (Eike Hennig: Hessen unterm Hakenkreuz, S. 141)
  87. Hardy Grüne: "FT 1848 Fulda", S. 84
  88. Die CDU stellt seit 1945/46 alle Oberbürgermeister und Landräte in der Stadt und im Kreis Fulda und gewann seit 1949 alle Direktmandate bei Bundestagswahlen, bei denen sie zwischen 1953 und 1994 sowie 2013 stets über 50 % erreichte. Das beste Ergebnis der SPD waren 37,1 % bei der Bundestagswahl 1972. 
  89. Siehe hierzu Horst Ueberhorst: "Frisch, frei, stark treu", Kapitel V: Die Arbeiter-Turn- und Sportbewegung bis zum Ende der Weimarer Republik, S. 215 – 278. Hier werden u. a. „Der Weg zur Spaltung“, „Die Arbeiter-Turn- und Sportbewegung im Zeichen der »Eisernen Front«“ und „Die kommunistische Opposition“ beschrieben; Etwa 1932 publizierte der ATSB selbst eine 40-seitige Schrift über „Die Lüge von der Einheit“, in der er die Versuche von KPD und Komintern zur Spaltung der deutschen Arbeitersportbewegung offenzulegen versuchte. Den kommunistischen Standpunkt vertreten  u. a. Martin Zöller et al.: Fußball in Vergangenheit und Gegenwart.
  90. Jens Klocksin: "Zeittafel zum Arbeitersport", S. 412 – 416
  91. E-Mail der UB Kassel vom 1. April 2015
  92. Karl Gniffke: "Die Arbeiterpresse" in: "Zeitungsstadt Frankfurt am Main", S. 242
  93. Rolf Engelke, Wolfgang Form: "Kommunistischer Widerstand", S. 214 
  94. Richard Kallok und Gerhard Walter: "Oberkaufungen 1930–35", S. 46; Für die Stadt Kassel siehe Wilhelm Frenz: "Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Kassel", S. 101
  95. Rolf Engelke, Wolfgang Form: "Kommunistischer Widerstand", S. 214/215, hier auch die Wahlergebnisse für Hanau im November 1932; weitere Wahlergebnisse aus: "Hessen unter dem Hakenkreuz", S. 56 – 59, 265, 286/287, 310/311 und 361.
  96. "90 Jahre FC Sportfreunde 1924 Ostheim", S. 19
  97. "Arbeiter-Turn-Zeitung" vom 24. September und 17. Dezember 1930. Biebrich hatte laut ATSB-Geschäftsbericht 1928/29 (S. 256/257) 24 Mitglieder (alles Fußballer), Hanau 56 (ebenfalls nur Fußballer). Über den Ausschluss des Biebricher Vereins wurde auch in der 3. August-Ausgabe des IG-Organs "Der Rote Sportler" berichtet. 
  98. "Sprendlinger Anzeiger" vom 13. Februar 1931
  99. ebenda, 17. Februar 1931
  100. ebenda, 24. April 1931
  101. ebenda, 5. Juni 1931
  102. ebenda, 29. Januar 1932
  103. ebenda, 27. Mai 1932
  104. ebenda, 24. Juni 1932; "Die Rote Fahne" veröffentlichte am 28. Juni 1928 lediglich das Ergebnis.
  105. Sprendlinger Anzeiger vom 12. August 1932; Für den 21. August 1932 kündigte die "Arbeiter-Zeitung" einen „Fußball-Großkampf Hessen-Nassau gegen Baden-Pfalz“ in Langenselbold an.
  106. ebenda, 9. Dezember 1932
  107. Horst Giesler: „Arbeitersportler schlagt Hitler!“, S. 100
  108. Online-Chronik der SKG Sprendlingen; Jakob Heil: "Sprendlingen", S. 94/95. Der Sozialdemokrat Heil (1893 – 1972) wurde 1945 zum Bürgermeister von Sprendlingen gewählt und war von 1950 bis 1964 Landrat des Kreises Offenbach.
  109. Online-Chronik des TV 1880 Dreieichenhain und der SKG Walldorf 1888. Bei der SSG 1889 Langen heißt es, dass „die Sportler der Freien Sport- und Sängergemeinschaft unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs den Wiederaufbau des sportlichen Lebens“ anpackten. Am 24. April 1946 wurde die Sport- und Sängergemeinschaft 1945 e. V. von der Militärbehörde offiziell genehmigt.
  110. "50 Jahre Fußball in Frankfurt/M.-Griesheim", S. 63 und 73; Die SG Griesheim zog sich nach der Saison 1997/98 aus der B-Klasse Frankfurt zurück und ist zur Zeit nur mit einer Soma aktiv. Auf dem Sportplatz Lärchenstraße spielt heute der SV Griesheim Tarik.
  111. Der ATSB-Geschäftsbericht 1928/29 weist für den 9. Kreis (S. 253 – 259) 8017 Mitglieder in 207 Vereinen mit einer Fußballsparte aus, für den 13. Kreis (S. 277 – 281) 3583 Mitglieder in 100 Vereinen mit Fußballsparte, zusammen also 11.600 Mitglieder in 307 Vereinen. Einige der angegebenen Orte gehören seit 1945 nicht mehr zu Hessen, sondern liegen in Rheinland-Pfalz, Bayern und Niedersachsen. Nicht berücksichtigt ist das südliche Ried, das Anfang 1925 vom 9. in den 10. Kreis (Baden-Pfalz) wechselte. Nach den im August und Oktober 1930 im IG-Blatt "Der Rote Sportler" veröffentlichten Tabellen nahmen 136 Vereine an den Meisterschaftsspielen im 1., 2. und 4. Bezirk des 9. Kreises teil. Gegenüber dem ATSB-Geschäftsbericht 1928/29 stieg die Zahl der Mannschaften in diesen drei Bezirken also um 26.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Christian Wolter