Heiko Meuser

„Wankelmütige brauchen wir nicht!“ – Arbeiterfußball in Rostock

 

Gemeinsame Aktivitäten in den Nebenorganisationen der Arbeiterparteien sollten das proletarische Klassenbewusstsein auch der mecklenburgischen Arbeiterschaft herausbilden und stärken. Für den ideologisch gefestigten Arbeitersportler bot das Spiel neben spannender Freizeitbeschäftigung zugleich Training seines Körpers, um in der Arbeitswelt und in Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner zu bestehen.

Dieses Bild vermittelten zumindest die veröffentlichten Aufrufe der regionalen ATSB-Strukturen, mit denen die Zielgruppe zum Beitritt in die Arbeiter-Sportvereine bewegt werden sollte. Um herauszufinden, ob und wie das gelang, sollen im Folgenden die Verhältnisse in Rostock, der größten Stadt Mecklenburgs, etwas näher beleuchtet werden.

Als Quellen wurde hauptsächlich die sozialdemokratische „Mecklenburgische Volks-Zeitung“ (MVZ) und die kommunistische „Volkswacht“ herangezogen. Ein großer Teil der Abbildungen stammt aus den Recherchen von Dr. Wolfgang Pahncke, der sie zusammen mit einer Gruppe von Studenten zwischen 1959 und 1964 bei Zeitzeugen-Gesprächen zusammentrug und anschließend dem Kulturhistorischen Museum Rostock übergab.

Der Text basiert auf dem am 12. Juni 2019 im Rostocker Peter-Weiss-Haus im Rahmen der Wanderausstellung „Der andere Fußball. 100 Jahre Arbeiterfußball – 125 Jahre Arbeitersport" gehaltenen Vortrag.

 

„Vor allen Dingen rücksichtsloses Vertrauen zu den Schiedsrichtern!“ – Serienspielbetrieb in Mecklenburg


Im agrarisch geprägten Mecklenburg fand der organisierte Arbeitersport vor allem in den Städten statt. Seit 1906 bildeten die Länder Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz den 4. Bezirk im 3. Kreis des AT(S)B. In Rostock, Güstrow, Teterow, Wismar und Schwerin waren die mitgliederstärksten Vereine ansässig. Ab 1920 wuchs die Fußballsparte stetig, 1929 gab es im Bezirk Mecklenburg 36 Vereine mit 1194 Aktiven. Immer wieder appellierte die Arbeiterpresse an sporttreibende Arbeiter, sich ATSB-Vereinen anzuschließen.

DFB-Vereine versuchten dagegen, talentierte Spieler durch materielle Privilegien für sich zu gewinnen. Die „Mecklenburgische Volks-Zeitung“ beschrieb am 28. März 1928 unter der Überschrift „Wie man in Grabow Arbeitersportler kaufen will!“, dass Vertreter des dortigen DFB-Vereins Fußballer des Arbeiter-Turn-Vereins zum Übertritt bewegen wollten. In den drei publizierten Fällen jedoch erfolglos, da „die dargebotene Verräter-Wurst“ und sogar eine in Aussicht gestellte Arbeitsstelle die Sportgenossen nicht zum Vereinswechsel veranlassten.

 

Appell an das Klassenbewusstsein der Arbeitersportler in der „Mecklenburgischen Volks-Zeitung“ vom 25. Mai 1927, gezeichnet von Georg Kretzschmar, Leipzig

 

Seit Ende 1920 spielten die Fußballer in der Gruppe Mecklenburg der „Norddeutschen Spielvereinigung“ um die Meisterschaft. Von Beginn an gab es auch Spiele von Jugend-Mannschaften gegeneinander. An der Serie 1922/23 nahmen 49 Mannschaften aus 24 Vereinen teil. Die Männer spielten in den Klassen A, B und C, in denen in Hin- und Rückrunde jeweils Meister, Auf- und Absteiger ermittelt wurden. Der A-Klassenmeister, in sechs von dreizehn ausgespielten Serien wurde das die Freie Spielvereinigung Malchin von 1919, spielte gegen die Meister der Bezirke Hamburg, Kiel und Lübeck um den Kreismeister-Titel, der allerdings nie an einen mecklenburgischer Verein ging. 

Am 15. März 1925 war Rostock der Austragungsort des Kreis-Vorrundenspiels zwischen Mecklenburgs Meister FSV Malchin von 1919 und dem FSV Lübeck, das trotz zeitweiliger 3:0-Führung der Gäste noch in die Verlängerung ging.

 

Anzeige in der „Mecklenburgischen Volks-Zeitung“, 14. März 1925

 

Die MVZ brachte drei Tage später einen ausführlichen Spielbericht: „Ein herrlicher Wintertag. Auch die Sonne lacht freundlich den jungen, frischfröhlichen Sportlern zu, als sie mit klingendem Spiel zum Sportplatz marschieren. Hier sieht es böse aus. Der Platz ist mit einer 15 Zentimeter hohen Schneedecke bedeckt, nur die Strafräume auf beiden Seiten sind von Rostocker Sportlern vom Schnee befreit worden. Ein malerisches Bild bietet sich dem Zuschauer. Auf dem blendend weißen Schnee nehmen die rotwangigen Spieler mit ihren rot-weißen bzw. grün-weißen Sportjacken Aufstellung. Ein kräftiges Begrüßungs-Frei-Heil und das Spiel beginnt ...

Das Schneestampfen hindert die Spieler am freien Spiel. Wo der Ball hinfällt, bleibt er liegen ... In der zweiten Spielhälfte hat Malchin die bessere Seite ... Fünf Minuten vor Schluß kann Malchin ... den Ausgleich herstellen. 3:3. Bis zum Ende der regulären Spielzeit verbleibt es so. Der Schiedsrichter läßt Seitenwechsel vornehmen ... 

Das erste Tor soll entscheiden ... Das Publikum verfolgt mit Spannung das Spiel. Beide Mannschaften spielen mit großem Eifer. Gefährliche Situationen entstehen, ein Tor fällt nicht. Die erste Viertelstunde ist um, es wird gewechselt. Der Halbrechte von Malchin hat sich durchgespielt, läuft mit dem Ball aufs Tor, nur den Torwart vor sich, der Erfolg ist sicher, da – kurz vorm Tor schießt er hoch und scharf über die Latte weg. Durch das Publikum geht ein langgezogenes 'ooh'!

Mit dieser Leichtsinnigkeit bringt er seinen Verein um den Sieg. Das zweite Viertel geht ebenfalls, wie auch das dritte Viertel, resultatlos vorüber. Die Spieler sind sichtlich erschöpft und wollen abbrechen. Der Schiedsrichter hält sich an die Bestimmungen und pfeift zum letzten Viertel an. Malchin ist ermattet, Lübeck ist nicht viel frischer, nur der Sturm rafft sich noch einmal auf. Ein langer, schwacher Schuß auf das Malchiner Tor, der Torwart fängt im Liegen und läßt den Ball über die Hände ins Tor laufen! 4:3! 

Die Mannschaften nehmen Aufstellung. Der Schiedsrichter und der Spielführer von Malchin beglückwünschen den Lübecker Spielführer zum Sieg und mit dreimaligem Frei Heil trennen sich die Mannschaften.

Wenn wir in der Vorbesprechung den Wunsch ausdrückten, es möge ein technisch schönes und anständiges Spiel gezeigt werden, so können wir mit Genugtuung feststellen, daß dieser Wunsch vollkommen erfüllt wurde. Die Mannschaften zeigten trotz des hohen Schneefalles ein Spiel, daß technisch auf großer Höhe stand. Die Zuschauer, besonders die bürgerlichen Sportler, gaben öffentlich zu, daß sie überrascht waren von der Spielstärke der 'Arbeiter'-Mannschaften. Wir nehmen das gern zur Kenntnis, ohne uns aber darauf was einzubilden. Wertvoller ist es uns, wenn unsere Arbeitsgenossen in 'bürgerlichen' Sportvereinen nun endlich zu der Einsicht kommen, daß sie auch bei uns Fußball spielen und noch etwas dazu lernen können.“

 

Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz mit den wichtigsten Arbeiterfußball-Vereinen (Michael Quade, Kambiz Palieh Vash)

Die Arbeitersportler disqualifizieren Disziplinbrecher“ Nicht alles lief wie geplant

 

Immer wieder konnten Spiele nicht stattfinden, weil die Gästemannschaft die Bahnfahrt nicht bezahlen konnte oder Mannschaften sich ganz vom Spielbetrieb zurückziehen mussten. Die in Rostock ansässige und den Spielbetrieb organisierende Gruppenleitung versuchte durch angepasste Staffeleinteilungen die Anfahrtswege so kurz wie möglich zu gestalten oder ließ Spiele auf neutralen Plätzen austragen. Die Serie 1925 fand als „Einserie“ statt, in der A-Klasse spielten sieben Mannschaften nur einmal gegeneinander, um Reisekosten zu sparen.

Die Termine der Pflichtspiele sowie die Adressen der Vereine und der Kreis- und Gruppenleitung wurden in den im Verlag der MVZ gedruckten Saisonspielplänen bekanntgegeben. Die Gruppenleitung entschied auch über Proteste gegen Schiedsrichterentscheidungen und verhängte Sperren gegen einzelne Spieler. Die Gründe waren meistens unsportliches Verhalten gegenüber Schiedsrichtern oder anderen Spielern sowie Wechsel zu DFB-Vereinen.

Solche Sanktionen wurden mit dem vollen Namen und der Vereinszugehörigkeit der Spieler in der MVZ und ab 1925 im Kreis-Mitteilungsblatt des ATSB, dem „Nordischen Arbeitersport“ (NAS) veröffentlicht. Um keinen „Starkult“ aufkommen zu lassen, wurden die Spieler in den Spielberichten wiederum nicht namentlich genannt. Vereine konnten wegen Rückständen von Beitragszahlungen, Nichtstellung von Schieds- und Linienrichtern, verspäteter Einsendung des Spielberichts oder Nichtantreten zu vereinbarten Spielen zeitweise vom Spielbetrieb ausgeschlossen oder mit Geldstrafen belegt werden. 

Mitte der 1920er Jahre erreichte die ausufernde Identifikation von Spielern und Anhängern mit ihren Vereinen auch den mecklenburgischen Arbeiterfußball. Mit Schiedsrichter-Entscheidungen unzufriedene Spieler verließen das Feld und provozierten so Abbrüche. Berichtet wurde ebenso von Beleidigungen und körperlicher Gewalt von Zuschauern gegen Spieler und Schiedsrichter. Dieser Vereinsfanatismus stand den Idealen der Arbeitersport-Bewegung entgegen, und sein Auftreten wurde immer wieder öffentlich verurteilt.

Als zum Beispiel die 1. Mannschaft des FC Vorwärts Teterow im Oktober 1926 ihr Heimspiel gegen den FSV Malchin mit 2:5 verlor, schrieb die MVZ am 8. Oktober: „Zwischen den zahlreich erschienen Zuschauern waren mehrere radaulustige Helden, die da glaubten, die Spieler durch wilde Zurufe aufpeitschen zu können. Diese 'Maulhelden' brachten es sogar fertig, den wirklich guten und überaus korrekten Schiedsrichter aus Güstrow mit Steinwürfen zu beeinflussen! Leider konnte nicht festgestellt werden, von woher es kam und wohin er ging. Teterower Sportgenossen! Bekämpft diese Schädlinge unserer Arbeitersportbewegung mit allen gesetzlichen Mitteln!" 

 

Der FC Vorwärts Teterow (auf den Emblemen steht noch ATV) ca. 1920 einträchtig mit seinen Gästen (Dr. Christian Kunz, Teterow)

 

„Die Leitung des Vereins liegt in guten Händen!“  Rostocker Arbeiterfußball-Vereine 

 

Mit den zwei gewonnenen Bezirks-Meisterschaften 1923 und 1924 kam das erfolgreichste Rostocker Team aus der Fußball-Abteilung des Arbeiter-Turn-Verein Warnemünde von 1907. Seit 1921 nahmen die I. Herren an den Serienspielen teil. Am 21. Mai 1923 verlor man zwar ein Freundschaftsspiel gegen den Kreismeister aus Hamburg mit 1:3 (0:2), trug aber zu einem gelungenen „Propagandaspiel“ für die Arbeitersport-Bewegung bei, wie die MVZ berichtete: 

„Unser Norddeutscher Meister, Komet-Hamburg weilte am 1. Pfingstage in Warnemünde, um gegen den Mecklenburgischen Meister ATV Warnemünde ein Gesellschaftsspiel auszutragen. Beide Mannschaften traten ohne Ersatzleute an. Vom Anfang bis zum Schluß wurde ein Spiel gezeigt, woran jeder Sportler seine Freude haben konnte. Es war ein Spiel, welches alle guten Eigenschaften eines Fußballspieles repräsentierte, wie: Vermeidung von jeglichen Zurufen, völlige Ausschaltung von Rempeleien usw.

Komet ist in der ersten Spielhälfte überlegen. Ihre ruhige, überlegte Spielweise, das kurze Stoppen des Balles und das außerordentlich präzise Zuspiel brachte Warnemünde etwas aus dem Konzept ... Dieses Spiel wird wohl allen denen, die an die Spielstärke der Arbeitersportler gegenüber den bürgerlichen Vereinen zweifelten, die Augen geöffnet haben. Wir führen keine 'Ober-Liga', 'Gau-Liga' oder sonstige schöne Reklame-Titel. Unsere Reklame ist kurz die: Wir spielen, um unseren Körper zu stählen und gesund zu halten, und betrachten unsere Sportsgenossen auch während des Spiels als Freunde.“ 

Nach dem zweiten Meistertitel kam es zu organisatorischen und finanziellen Problemen im Verein, die mehrere Aktive zum Wechseln veranlassten. So spielte der „Meister-Torwart“ jetzt in Rostock. Ob Spieler auch zu DFB-Vereinen wechselten, ist nicht bekannt. Zur Serie 1925 trat Warnemünde wieder in der A- und B-Klasse an, ab 1926 wurden die Männer jedoch vom Spielbetrieb zurückgezogen und es spielten nur noch Jugendliche Fußball für den Verein. 1931 startete dann wieder eine Männer-Mannschaft der sich mittlerweile "Arbeiter-Turn- und Sportverein" nennenden Warnemünder in der B-Klasse, ein Jahr später auch wieder in der A-Klasse.

 

Kassenwart-Stempel des ATSV Warnemünde, 1928

 

Im 1896 gegründeten Arbeiter-Turnverein (in den 20er Jahren umbenannt in ATSV) Rostock trainierten einige Mitglieder schon vor dem Ersten Weltkrieg auch Leichtathletik und verschiedene Ballspiele. 1919 gründete der ATV eine Fußball-Abteilung, die auch Arbeiter aus bürgerlichen Vereinen anzog und die ab 1921 an den Meisterschaften teilnahm. Trotz Geldspenden von Arbeitern der Neptunwerft und der Eisenbahn-Werkstatt mussten die Männer- und Jugend-Mannschaften im November 1922 zeitweise von den Serienspielen zurückgezogen werden, da die Reisekosten nicht aufgebracht werden konnten. Grund dürfte die damalige galoppierende Geldentwertung gewesen sein.

Die Spielberichte der „Mecklenburgischen Volks-Zeitung“ fielen 1923 noch recht kurz aus: „Am Himmelfahrtstage spielte Rostock 1 gegen Blankenese 1 und verlor mit 3:1, obwohl Rostock überlegen spielte, aber die Stürmer glaubten, der Ball würde von selbst ins Netz laufen und ließen das Schießen Schießen sein. Blankenese war mit 9 Mann erschienen!“

Zwei Wochen später hieß es: „Union 1-Wismar – Rostock 1 endete unentschieden mit 0:0, 1 Abseitstor für Wismar wurde nicht gegeben. Die Verteidigung nebst Torwart von Wismar war gut; die Stürmer, besonders die Außenstürmer, versagten. Bei Rostock schossen diesmal die Stürmer schon etwas mehr, aber immer daneben. Der Rechtsaußen, eifrig beim Spiel, stellte sich schlecht und konnte deshalb nicht gefährlich werden.“

 

Stempel des ATSV Rostock auf dem ATSB-Statistikbogen von 1928

 

Ab Frühjahr 1924 zog man die Mannschaft der A-Klasse aus der Meisterschaft zurück. In den folgenden Jahren gewann Handball im ATV an Bedeutung. Erst ab 1930 nahm auch wieder eine Fußball-Mannschaft an der A-Klasse teil. Ende November 1923 kündigte die MVZ die Gründung eines neuen Arbeitersport-Vereins in Rostock an:

„Um den Rostocker Arbeitersport-Freunden Gelegenheit zu geben, sich an einem Sportverein zu betätigen, der nur Ballspiele, wie Handball, Fußball, Hockey und Leichtathletik betreibt, soll am Sonnabend, dem 24. November, abends 8 Uhr, im Lokal 'Zum Dammhirsch', Kasernenstraße, ein solcher Verein gegründet werden. Die Gründer sind ältere Arbeitersport-Freunde, die Gewähr dafür bieten, daß der neue Verein bald viele und gute Arbeitersportler an sich ziehen wird. Für die Fußball-Bewegung ist die Neugründung besonders zu begrüßen, da dann die Fußball-Abteilung des ATV-Rostock einen Gegner am Ort hat.“

 

RBV-Stempel auf dem ATSB-Statistikbogen von 1928

 

Auf der Gründungsversammlung in der heutigen Budapester Straße gab man sich den Namen „Rostocker Ballspielverein von 1923“, kurz: RBV. Bis Dezember erfolgte die Aufnahme in das Rostocker „Kartell für Arbeiter-Bildung, Sport- und Körperpflege e.V.“ sowie in die „Norddeutsche Spielvereinigung, Gruppe Mecklenburg“ des ATSB. Die „Spielkostüme“ der Mannschaft bestanden aus schwarzem Hemd mit rotem Wappen, roter Hose und schwarzen Stutzen.

 

Rostocker Ballspielverein (dunkle Trikots) und ATSV Rostock vor einem Handballspiel am 1. Mai 1926. Der ATSV gewann 2:1. (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

Das erste offizielle Spiel des RBV fand laut MVZ am 25. Dezember 1923 gegen die Freie Turnerschaft Stettin – unter erschwerten Bedingungen – statt:

Sturm und Schneegestöber machten jedes Spiel am ersten Feiertag einfach unmöglich. Die Stettiner Mannschaft blieb unterwegs lange im Schnee stecken. Statt zu Mittag kam der Zug erst gegen 8 Uhr abends hier an. Die Stettiner erklärten sich bereit, zwei Spiele an einem Tage zu machen. Da das Wetter am zweiten Weihnachtstage sich bedeutend gebessert hatte, die Plätze spielfähig waren, wurden die Spiele angesetzt.

Vormittags ½ 10 Uhr begann das Spiel Freie Turnerschaft Stettin 1 – Rostocker Ballspielverein 1. Es war ein flottes und technisch gut durchgeführtes Spiel. Die Stettiner Mannschaft war den Rostockern körperlich und technisch überlegen. Der Sturm hatte eine starke Durchschlagskraft. Die junge Rostocker Mannschaft war schnell und im Zusammenspiel nicht schlecht, sie wehrte sich verzweifelt, konnte aber den Stettinern den Sieg von 4:1 nicht nehmen, Halbzeit 3:1.

Nachmittags fuhren die Stettiner nach Warnemünde und traten gegen den ATV. Warnemünde I an. ... Mit 3:1 hat Stettin auch das zweite Spiel gewonnen. Die Stettiner Mannschaft ist äußerst spielstark. Die Spieler haben ein gutes Zusammenspiel und verfügen über reiche Wettspielerfahrung. Es ist eine fröhliche, gut disziplinierte Mannschaft, die unsere Arbeiter-Sportbewegung wirklich ernst nimmt.“

Ab Frühjahr 1924 ersetzte der Rostocker Ballspielverein den Arbeiter-Turnverein in der A-Klasse. Im Herbst nahmen bereits vier RBV-Mannschaften am Spielbetrieb teil. 1925/26 errang die 1. Jugend den Bezirksmeister-Titel, 1932/33 folgte die I. Herren des nun 220 Mitglieder zählenden Vereins. Der Werftarbeiter Hans Weber und der Schriftsetzer Paul Levetzow waren sportliche und organisatorische Leiter im RBV, der bis 1933 der aktivste Arbeiter-Fußballverein Rostocks blieb.

 

Die I. Herren des Rostocker Ballspielverein im Jahr 1928, v.l.: Blank, Karl Lübbe, Wilhelm Lübbe, Kelling, Paul Lemcke, Hans Bohm, Hans Weber, Franz Hoefener, Brümmer, Franz Genkel, Hinz (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

„Den Parteigenossen bestens empfohlen!“ Sportanlagen und Treffpunkte in Rostock


Zu den ersten Ballspielen trafen sich Sportgenossen des ATV Rostock bereits um 1905 an den arbeitsfreien Sonntagen auf einer Parkwiese in Brinkmannsdorf. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch den Arbeitersportlern der Exerzierplatz in Damerow zu Sportzwecken zur Verfügung gestellt. Ab Beginn der 1920er Jahre nutzte man zusammen mit den anderen Rostocker Vereinen die Alte Rennbahn nordöstlich des Barnstorfer Waldes als Trainings- und Spielfläche.

 

Spiel des RBV (in dunklen Hosen) auf der Alten Rennbahn in Rostock, um 1930 (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

Versammlungen und Feiern der Arbeitersportvereine fanden im Gewerkschafts-Haus „Philharmonie“, in „Albert Dümmlers Gesellschaftshaus“ sowie in der Gaststätte „Zum Dammhirsch“ in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt statt. Als Postadresse waren zunächst die Privatanschriften der Vereinsvorstände angegeben.

 

Anzeige aus der „Volkswacht“ vom 18. September 1921; beide Lokalitäten befanden sich am Patriotischen Weg.

 

1923 pachtete das Arbeiter-Sport-Kartell von der Stadt Rostock ein Gelände neben der Alten Rennbahn zum Bau eines eigenen Sortplatzes. Die Anlage wurde durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Darlehen finanziert. Sportlerinnen und Sportler sowie gewerkschaftlich organisierte Handwerker leisteten über Jahre freiwillige Arbeitsstunden.

 

Rostocker Zimmerleute und Maurer bauten aus zwei Baracken das „Sporthaus im Arbeiterstadion“. (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

Dazu kamen zeitweise im Rahmen von Notstandsarbeiten verpflichtete Arbeitslose. Als erstes konnte am 11. Oktober 1925 das „Sporthaus“ mit 6 Vereinsräumen, einem Samariterraum, einer Zweizimmerwohnung und Restaurantbetrieb mit 70 Gartentischen eingeweiht werden. Die Grundsubstanz dieses Sporthaus bildete eine günstig erworbene frühere Unterkunfts-Baracke, die man im Ersten Weltkrieg für russische Kriegsgefangene in Güstrow-Primerburg errichtet hatte.

 

Anzeige aus der „Mecklenburgischen Volks-Zeitung“ vom 4. Oktober1925

 

Die Fertigstellung des Rostocker „Arbeiterstadions“ wurde dann vom 28 bis 30. Juli 1928 mit Konzerten und Festball, einem Umzug und sogar einer Dampferfahrt auf der Ostsee sowie natürlich sportlichen Wettkämpfen mit über 10000 Teilnehmern und Zuschauern gefeiert.

 

Anzeigen zur Stadionweihe in der „MVZ“ vom 28.Juli 1928

 

"Ein gewaltiges Kulturwerk in Rostock ... das 'Arbeiter-Stadion Gartenstadt', ist Eigentum des Arbeiter-Sport-Kartells Rostock. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß es in Mecklenburg-Lübeck kein zweites vereinseigenes Projekt gibt, das dem Rostocker Arbeiter-Stadion gleichkommt. Das Stadion ist von dem Gartenarchitekten Herrn Lehmann-Rostock entworfen. 20-25000 Zuschauer kann das Stadion fassen.

Die Lage des Stadions ist äußerst günstig. Tannenwald und Gartenkolonien umsäumen ... zwei große Rasenplätze für Fußball, Hockey und sonstige Rasenspiele, ferner Spielplätze für Kinder, Turnplätze, Radfahrertenne usw. ... Der Hauptkampfplatz ist ringsum mit 5 Terrassen umgeben, die getrennt durch kleine Gänge bequem von den Zuschauern eingenommen werden können und gute Aussicht bieten. Vor diesen Terrassen befindet sich ein Wandelgang von 3 m Breite.

 

Die Gesamtanlage aus Richtung Trotzenburger Weg gesehen, MVZ vom 29. Juli 1928

 

 

Es folgt die 6 m breite Laufbahn, hieran grenzt der große Kampfplatz für Fußball, Hockey usw. Die Inneneinrichtung des Sporthauses ist sehr geschmackvoll gehalten. Ein großer Versammlungsraum und ein Gastzimmer dienen den Turnern und Sportlern sowie deren Angehörigen zum geselligen Aufenthalt. Auch ein geschützt liegender Garten ist vorhanden ... Wir Arbeitersportler Mecklenburgs können mit großer Befriedigung auf das Kulturwerk der Rostocker Arbeiter-Turner und -Sportler schauen“.

Im Fußballspiel anläßlich der Einweihungsfeier unterlag die erste Mannschaft des RBV gegen die Harburger Arbeiter-Turnerschaft v. 1893 mit 1:3. Die rund 10.000 Anwesenden dürften damaliger Zuschauerrekord im mecklenburgischen Fußball gewesen sein!

 

Blick vom Barnstorfer Wald über das Hauptspielfeld bei der Einweihung am 29. Juli 1928 (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

„Strenge Disziplin und saubere Kleidung Hauptbedingung!“ – Überregionale Spiele

 

Zu Freundschaftsspielen kamen immer wieder spielstarke Vereine aus Hamburg, Lübeck, Kiel, Berlin und Brandenburg ins Land. Man erhoffte sich durch diese Vernetzung Fortschritte in der Spielkultur und höhere Zuschauerzahlen. Die Gastmannschaften erhielten freie Unterkunft, und oft wurden Rückspiele vereinbart.

Durch Feiertage verlängerte Wochenenden waren regelmäßige Termine für die auch Propaganda- oder Gesellschaftsspiele genannten Vergleiche. Pfingsten 1923 spielten z.B. der SV Komet Groß-Flottbeck, die Freie Turnerschaft Neukölln-Britz, die Arbeiter-Turnerschaft Harburg von 1893 und der FC Britannia 1901 Hamburg in Warnemünde, Güstrow, Waren, Malchow und Wismar. Die Mannschaften aus Rostock und Schwerin waren zeitgleich nach Lübeck, Harburg und Blankenese unterwegs.

Die Bezirksmannschaft des 4. Bezirks im 3. Kreis des ATSB, also quasi die Mecklenburg-Auswahl, trug Vergleiche mit Mannschaften anderer Bezirke und Kreise aus. Bis zu drei Vorbereitungsspiele gegen einheimische A-Klasse-Vereine oder kombinierte Städte-Mannschaften sollten das Zusammenspiel fördern. Bei Heimspielen stellte der Verein des Austragungsortes einheitliche Hosen und Hemden, Bälle, Ersatzspieler, Schiedsrichter und Unterkünfte für die Gäste. Anders als bei den Serienspielen veröffentlichte die MVZ auch die Namen und Heimatvereine der Auswahlspieler.

 

Der RBV, wieder in dunklen Hemden, am 14. September 1924 zu Gast beim der Arbeiter-Turnerschaft Harburg v. 1893. Man beachte auch die Mannschafts-Maskottchen vorne mittig: ein Äffchen der Harburger und ein Teddy der Rostocker! (Kulturhistorisches Museum)

 

Für den 16. September 1923 hatten Mecklenburg und Kiel ein Auswahlspiel vereinbart. Die Mecklenburger testeten ihre A-Elf daraufhin am 19. August in Malchin gegen eine ebenfalls aus Spielern verschiedener Vereine zusammengestellte Mannschaft. Zum Spiel in Kiel kamen neben den Aktiven aus Warnemünde, Malchin, Rostock, Teterow und Schwerin „noch verschiedene Sportsfreunde“ bereits am Vorabend mit dem Zug an. Die Gruppenleitung verlangte ausdrücklich „von jedem Spieler, daß er größte Enthaltsamkeit in den letzten Tagen vor dem Spiel übt.“ Im Spiel gingen die in den roten Hosen und weißen Hemden des FSV Malchin spielenden Mecklenburger mit 1:0 in Führung, Kiel glich noch vor der Halbzeit zum Endstand von 1:1 aus.
Die MVZ berichtete: „Vor einer zahlreichen Zuschauermenge beginnt das Spiel ... Kurz vor Schluß verwirkt Mecklenburg zwei Elfmeter. Beide werden von Kiel mit Absicht vorbeigeschossen. Ein Zeichen, daß unsere Arbeitersportler gute Sportdisziplin besitzen ... Von der ursprünglich aufgestellten Gruppenmannschaft hatten 6 Spieler im letzten Augenblick abgesagt! Davon 3 Spieler ohne stichhaltigen Grund! Um so mehr muß anerkannt werden, daß diejenigen Genossen, die nun in letzter Stunde einspringen mußten, sich pünktlich und ohne Voreingenommenheit stellten! Die säumigen und von keinem Pflichtbewußtsein erfüllten Genossen sollten sich hieran ein Beispiel nehmen.“
Die drei genannten Spieler vom Arbeiter-Turn-Verein Warnemünde wurden „mit je 10 Millionen Geldstrafe bestraft, weil sie ohne genügenden Grund und wegen verspäteter Absage am Gruppenspiel in Kiel nicht teilnahmen. Falls das Geld bis zum 23.9.23, nachmittags 2 Uhr, nicht in Händen des Gruppenkassierers ist, tritt von diesem Zeitpunkt ab Disqualifikation ein.“
 
Fußball-Lehrgang des RBV an der Bundesschule des ATSB in Leipzig 1926, hier beim Training auf dem Platz der Bundesschule an der Teichstraße in Connewitz (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

„Nicht zuletzt im Interesse des Anschlussgedankens mit Oesterreich!“ – Wiener Arbeiterfußballer in Mecklenburg

 

Internationales Flair brachten die Auftritte von Wiener und Kopenhagener Vereinen in die mecklenburgische Fußballprovinz. Den Anfang machte im August 1928 der Sportklub Feuerwehr Wien. Außer in Lübeck und Neumünster war die mit fünf österreichischen Auswahlspielern antretende Mannschaft in Rostock, Güstrow und Malchin zu Gast.

Ausführlich berichtete die MVZ vor und nach den Spielen und wies auch darauf hin, dass die Wiener Sportgenossen ihren Urlaub für die Reise nutzten und die Anfahrtskosten selbst übernahmen. Erste Station war am 15. August 1928 um 18.30 Uhr Rostock, wo es gegen die mecklenburgische Auswahl ging, die sich mit drei Probespielen vorbereitet hatte. 3000 Zuschauer wollten das Spiel sehen. 

„Um 6.15 Uhr betraten die Mannschaften, von den Zuschauern lebhaft begrüßt, den Platz. Nach Vornahme der unvermeidlichen photographischen Aufnahme und eines kurzen Begrüßungsaktes – Mecklenburg läßt durch ein kleines Mädchen einen Rosenstrauß überreichen, während die Wiener dem Bezirksspielleiter [der schon erwähnte Paul Levetzow vom Rostocker Ballspielverein] einen Vereinswimpel übergeben – beginnt das Spiel unter Leitung des Schiedsrichters Wendler-Güstrow ... Die Gäste haben vollauf das gehalten, was man sich von ihnen versprach. Die Mannschaft spielte in einer derartig feinen Weise, verbunden mit hoher Technik, daß die Mecklenburger einfach nicht Stand halten konnten ...“ und mit 1:6 (0:2) verloren.
Zwei Tage später erwarteten eine kombinierte Städtemannschaft aus Güstrow und Teterow sowie 2000 Zuschauer das Wiener Team um 18.30 Uhr auf der Güstrower Schützenwiese: „Das Wetter war am Tage des Spiels außerordentlich schlecht. Es regnete ununterbrochen ... Programmäßig erfolgte die photographische Aufnahme der Mannschaften. Der Begrüßungsakt auf dem Sportplatz wurde schnell erledigt. Eine Turnerin des ATV Güstrow überreichte den Wienern einen Blumenstrauß und die Wiener übergaben dem Spielführer der Städtemannschaft Güstrow-Teterow einen Vereinswimpel ...

Leider kam die [Wiener] Mannschaft nicht zu solch feinem technischen Spiel wie in Rostock. Der sich in sehr schlechter Verfassung befindliche Platz gab den Wienern keine Gelegenheit, ihr gewohntes flaches Paßspiel auszuführen. Die Spieler stürzten sehr oft durch die Unebenheit des Platzes ... Wenn der Platz nicht so holperig gewesen wäre, dann wäre das Spiel noch bedeutend spannender geworden. Trotzdem sind die Zuschauer voll auf ihre Kosten gekommen, und das bei einer glatten 0:3 (0:0) Heimniederlage."
Im letzten Spiel zwei Tage später gewannen die Wiener in Malchin 4:0. Obwohl daheim damals nur zweitklassig hatten die Feuerwehrleute in Mecklenburg also klar dominiert. 

 

Szene zwischen Teterow/Güstrow und Feuerwehr Wien am 17. August 1928 im „Nordischen Arbeiter-Sport“ vom 11. September 1928

 

Im Juli 1929 folgte die Mecklenburg-Tour des Wiener Sportklub Wieden, Wiener Arbeiter-Fußballmeister von 1927, mit Spielen in Grabow, Schwerin, Rostock, Güstrow und Malchin. Wiederum gelang den mecklenburgischen Vereins- und Auswahlmannschaften kein Sieg. Lediglich der FSV Malchin konnte seine Partie ausgeglichener gestalten:

„Ueber 2500 Zuschauer umsäumten den Platz. Für eine Stadt von 7000 Einwohnern ist das eine Rekordzuschauerzahl ... Nach einem kurzen Propaganda-Umzug durch die Stadt nahmen die Mannschaften auf dem Sportplatz Aufstellung. Der Photograph nahm das übliche 'Knipsen' vor. Nach einer kurzen Ansprache des Bezirksspielleiters überreichte der Spielführer von Malchin den Wienern einen Blumenstrauß und ein Mannschaftsbild. Die Wiener überreichten den Malchinern einen Wimpel. Dann pfiff der Kreisschiedsrichter-Obmann Stier-Lübeck an.

[Nach dem 2:2-Ausgleich für Malchin:] Das Publikum klatscht stürmisch Beifall. Man hofft sogar auf einen Sieg der Einheimischen. Das war aber eine falsche Rechnung. Die Wiener erkennen den Ernst der Situation und bringen nun alle technischen Feinheiten an. Oft geht der Ball von Mann zu Mann, ohne daß die Malchiner überhaupt den Ball berühren können ...

 

Juli 1929: SV Wieden in Mecklenburg, Vorankündigung im "Nordischen Arbeitersport"

 

Das Spiel litt unter den Platzverhältnissen. Der Platz ist für derartige Spiele unbedingt zu klein. Dazu kommt, daß die Zuschauer noch zum Teil in dem Spielfeld standen. Es war natürlich dadurch unmöglich, ein flüssiges Spiel vorzuführen. Die Spieler standen viel zu eng zusammen. Die Wiener Mannschaft litt ganz besonders unter diesen Verhältnissen. Es war wirklich nicht ihre Schuld, wenn das Spiel technisch nicht so erstklassig durchgeführt wurde, wie in Rostock ...

Mit diesem Spiel ist die Tournee der Wiener in Mecklenburg beendet ... Wir können mit großer Genugtuung feststellen, daß alle drei Spiele einen großen propagandistischen Erfolg eingebracht haben. Die Wiener Mannschaft hat ihren guten Ruf bewiesen. Sie ist spielerisch eine erstklassige Mannschaft. Vor allen Dingen hat sie uns ein so fein durchdachtes und überaus faires Spiel vorgeführt, daß wir in Deutschland überhaupt noch nicht kennen.

Sie spielten mit solcher Eleganz und Vornehmheit, daß sie überall sogleich die Herzen der Zuschauer gewannen. Wohin die Wiener kamen, überall begeisterter Empfang und freundschaftliche Aufnahme. Alle, die Wiener in Quartier genommen hatten, sorgten dafür, daß die Gäste aus Oesterreich sich wohl fühlten ... Wir werden die Wiener Sportgenossen stets in treue[r] Erinnerung behalten und rufen ihnen bei ihrem Scheiden aus Mecklenburg ein herzliches 'Freundschaft' zu.“

 

Aus dem Spiel Malchin gegen SK Wieden (2:3) im „Nordischen Arbeiter-Sport“ vom 30. Juli 1929

 

Die Gesamtbilanz von 31:5 Toren für die Wiener zeigt den Klassenunterschied deutlich auf, rund 11.000 Zuschauer verfolgten die Spiele.

Am 13. Juni 1930 schließlich empfing der Rostocker Ballspielverein das damalige Wiener Spitzenteam SC Phönix Schwechat für drei Spiele. Schlechtes Wetter hielt die Zuschauer ausgerechnet beim einzigen Mecklenburger Sieg über Wiener vom Kommen ab, am nächsten Tag verlor Rostock die wegen kurzfristig vereinbarter Wiederholung kaum besuchte Revanche mit 0:2. Vorwärts Wismar gelang mit 3:5 immerhin ein Achtungserfolg.

 

Und noch mal Malchin gegen Wieden: "Glänzende Abwehr zur Ecke des Malchiner Torwarts," meint der „Nordische Arbeiter-Sport“ vom 30. Juli 1929

 

Alle Spiele zwischen Mecklenburger und Wiener Arbeiterfußballern

 

  • 15. 8. 1928 Mecklenburg – SK Feuerwehr Wien 1:6 (0:2), 3000 im Arbeiterstadion Rostock
  • 17. 8. 1928 Güstrow/Teterow – SK Feuerwehr Wien 0:3 (0:0), 2000 Besucher
  • 19. 8. 1928 FSV Malchin 1919 – SK Feuerwehr Wien 0:4 (1:1), 2500 Zuschauer
  • 6. 7. 1929 Arbeiter-Turnverein Grabow Wiener SV Wieden 2:12 (2:5), 2000 Zuschauer, "schlechte Platzverhältnisse"
  • 7. 7. 1929 Schweriner Auswahl Wiener SV Wieden 0:5, 1500 Zuschauer, "schlechte Bodenverhältnisse"
  • 10. 7. 1929 Rostocker Ballspielverein von 1923 Wiener SV Wieden 1:7 (1:3), ca. 3500 Besucher, "idealer Radenboden des Rostocker Stadions"
  • 12. 7. 1929 Güstrow/Teterow Wiener SV Wieden 0:4 (0:3), 2000 Zuschauer, "vollkommen unzulänglicher Platz" in Güstrow
  • 14. 7. 1929 FSV Malchin von 1919 Wiener SV Wieden 2:3 (1:3), 2500 Zuschauer
  • 13. 6. 1930 Rostocker Ballspielverein – SC Phönix Schwechat 3:2 (2:1), wegen Wolkenbruch nur 300 im Arbeiterstadion
  • 14. 6. 1930 Rostocker Ballspielverein – SC Phönix Schwechat 0:2 im Arbeiterstadion "Leider blieben die Zuschauer aus."
  • 15. 6. 1930 FTSV Vorwärts Wismar – SC Phönix Schwechat 3:5 (2:2)

 

"Zur Erinnerung an den Wiener Sportklub Wieden Juli 1929“ (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

„Wer sich nicht fügt, der fliegt!“ – Politische Auseinandersetzungen im Rostocker Arbeiterfußball


Am 11. Oktober.1931 nutzte die NSDAP-Ortsgruppe Rostock die Alte Rennbahn für ene Kundgebung. Am nächsten Morgen fand ein städtischer Angestellter die beiden hölzernen Fußall-Tore mit Drahtnetz, die dem Arbeiter-Turn- und Sportverein gehörten, aus dem Boden entfernt und zerstört vor. Das Arbeiter-Sport-Kartell wandte sich in mehreren Schreiben an die Stadtverwaltung, um den Schaden vom Verursacher ersetzt zu bekommen, was von diesem in Person des späteren Oberbürgermeisters Walter Volgmann jedoch abgelehnt wurde. Nach drei Monaten entschied die Stadt, dass die Anschaffungskosten für neue Tore geteilt werden müssten. Das Arbeiter-Sport-Kartell sollte sich direkt an die NSDAP wenden, um das entsprechende Geld zu erhalten. Wie und ob das geschah ist nicht überliefert.

Ab 1930 wurde die Spaltung der Arbeitersportler im Land durch vermehrte Berichte in der Arbeiterpresse für die Öffentlichkeit sichtbar. Auf Ausschlüsse von Vereinen und Personen durch den Mecklenburger ATSB-Bezirksvorstand wegen „kommunistischer Wühlarbeit“ reagierte die KPD-nahe Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit ab 1931 mit der Durchführung einer separaten Fußballserie.

Deren Spielbetrieb organisierten der Rostocker KPD-Stadtverordnete Hans Mahnke sowie die beiden Bützower Arbeitersportler W. Schröder und Rudolf Warning. In zwei Klassen spielten 16 Mannschaften aus 11 Vereinen gegeneinander. Den Meistertitel 1932 errang die Freie Sportvereinigung Vorwärts Teterow, die sich im Vorjahr vom amtierenden Mecklenburg-Meister FC Vorwärts abgespalten hatte.

Im Unterschied zum ATSB, in dem die Turner immer noch zahlenmäßig dominierten, bildeten die Fußballer im „Rotsport“ die größte Sparte. Das lag sicher auch daran, dass der ATSB bereits auf das Jahr 1893 zurück ging, als das Turnen noch die deutsche Sportart Nr. 1 war, während der Altersschnitt im drei Jahrzehnte später gegründeten "Rot Sport" naturgemäß viel niedrger lag und die jungen Leute schon damals lieber kickten als turnten. 

 

1926 auf der Alten Rennbahn vor einem der beiden Tore des ATSV Rostock, die später von den Nazis demoliert wurden (Kulturhistorisches Museum Rostock)

 

„Den marxistischen Sportorganisationen unser Kampf!“  Die NSDAP an der Macht


Am 11. April 1933 besetzte die als Hilfspolizei eingesetzte Rostocker SA das Arbeiterstadion. Man erklärte die Arbeiter-Sportvereine für aufgelöst und beschlagnahmte die Anlage sowie das vorhandene Inventar. Vergeblich bat der Vorstand des Arbeiter-Sport-Kartells den Rat der Stadt um die Rücknahme dieser Maßnahmen, um die sportlichen Aktivitäten fortführen zu können. Einige Fußballer des RBV konnten bis zur Saison 1936/37 in der Sportabteilung der Rostocker Straßenbahn weiter gemeinsam am Spiel- und Trainingsbetrieb teilnehmen. 

Ab Sommer 1933 nutzte der neu gegründete Heinkel-Sport-Club das Rostocker Arbeiterstadion als Spiel- und Trainingsstätte. Ab September '33 wurde es in der Rostocker Presse als „Volksstadion“ bezeichnet. Die Gastronomie im „Sporthaus“ betrieb nun NSDAP-Mitglied Hermann Christopher, der auch die Wohnung bezog. Die Werksport-Elf des Heinkel-Konzerns nutzte das Stadion auch nach Fertigstellung des betriebseigenen Sportplatzes in Marienehe weiter zu Liga- und Repräsentativ-Spielen. So empfing man hier u.a. am 24. Januar 1937 die Fußballmannschaft der Leibstandarte SS "Adolf Hitler“ Berlin (0:2) und am 8. Oktober 1939 eine aus den Besatzungen der gerade in Rostock vor Anker liegenden Kriegsschiffe „Lech“ und „Emsmann“ gebildete Auswahl (3:1).

Der Heinkel-Sport-Club im Strafraum der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Stadion und Sporthaus wurden den Arbeitersportlern geraubt.

 

Große demokratische Sportgemeinschaften in den Betrieben!“ Neubeginn nach Kriegsende


Am 30. Juli 1945 beantragten Vertreter von sechs Rostocker Vereinen, darunter der Freie Arbeiter-Turn- und Sportverein, bei der sowjetischen Militärkommandantur erfolglos die Wiederaufnahme des Sportbetriebs. Der Antifaschistische Jugendausschuss teilte das Stadtgebiet in vier Sportgruppen ein. Die Arbeitersportler trafen sich nun in der SG Mitte, die im November die ersten Fußballspiele gegen SG Nord, SG Süd sowie eine Mannschaft der Polizei austrug.
Anfang 1946 wurde der SG Mitte das zu der Zeit noch von den sowjetischen Streitkräften benutzte Volksstadion zugewiesen. Die Wiederherstellung der gesamten Anlage mit Spielfeldern, Laufbahnen, Sprunggruben, Zäunen und Toren war Ende Oktober 1947 abgeschlossen. Aus der SG Mitte gründete sich im September 1948 die SG Vorwärts, deren Mitglieder sich im Frühjahr 1949 mit der SG Eintracht zur Zentralsportgemeinschaft Einheit Rostock zusammenschlossen. Am Ostersonntag 1950 hatte Einheit Rostock mit der Freien Sportvereinigung Lübeck wieder einen Verein mit Wurzeln im Arbeitersport im Volksstadion zu Gast.

 

Anzeige in der „Landes-Zeitung“, Tageszeitung der SED für Mecklenburg, vom 8. April 1950

 

„So gut wie keine Literatur oder sonstige schriftliche Aussagen.“ Was blieb vom Rostocker Arbeiterfußball?


In den vierzehn Jahren zwischen den ersten Gründungen von Fußball-Abteilungen in den Arbeiter-Turnvereinen des Landes bis zum Verbot durch die nationalsozialistische Regierung stieg die Anzahl der organisierten und am Spielbetrieb teilnehmenden Arbeiter-Fußballer stetig an.

Allerdings behinderten die wirtschaftlichen Krisen der Zeit erheblich einen kontinuierlichen Spielbetrieb. Dazu kam die Konkurrenz der DFB-Vereine um gute Spieler, die Auseinandersetzungen zwischen SPD und KPD, die schließlich zur Aufspaltung des Arbeitersports in zwei sich gegenseitig bekämpfende Verbände führten, und immer wieder auch Aggressionen durch Nazis schon vor 1933.

Trotzdem wurden die Bezirks-Meisterschaften jährlich ausgespielt, und die Endspiele wie auch Partien gegen auswärtige Gegner fanden vor größeren Zuschauermengen statt. In Rostock als industriellem Zentrum Mecklenburgs entstand mit dem Arbeiterstadion das größte Sportstadion von ganz Mecklenburg.Eine vorhandene Fankultur machte sich allerdings auch über ihre negativen Seiten bemerkbar. Die mecklenburgischen Arbeiterfußballvereine spielten sportlich, wie ihre Konkurrenz aus den DFB-Vereinen, überregional keine Rolle. 

Die Recherchen aus Anlass der Wanderausstellung des Paderborner Kreises e.V. erbrachten bisher einen Überblick zum mecklenburgischen Serien-Spielbetrieb, an dem drei Rostocker Vereine kontinuierlich auf den ihnen in der Stadt zur Verfügung stehenden Anlagen teilnahmen. So konnten überregionale Entwicklungen im Arbeiterfußball auch für Mecklenburg mit seinen ganz spezifischen Voraussetzungen nachvollzogen werden.

Für die Zukunft heißt es nun, trotz der ungünstigen Quellenlage weiter Biografieforschung zu betreiben und über die Aktiven und Funktionäre das Bild der Rostocker Arbeiterfußball-Bewegung lebendiger zeichnen zu können.

 

Harburger Äffchen und Rostocker Teddy noch mal in Groß

 

Die Meister des Mecklenburger Arbeiterfußballs

 

Meister im 4. Bezirk des 3. Kreises im ATSB (Mecklenburg)

  • 1920/21 ATV Güstrow
  • 1921/22 FSV Malchin 1919
  • 1922/23 A-Klasse: ATV Warnemünde, B-Klasse: ATV Grabow, C-Klasse: FC Vorwärts Teterow II, Jugend-Klasse: FTSV Vorwärts Wismar
  • 1923/24 ATV Warnemünde
  • 1924/25 FSV Malchin 1919
  • 1925/26 FC Vorwärts Teterow
  • 1926/27 FSV Malchin 1919
  • 1927/28 FSV Malchin 1919
  • 1928/29 FSV Malchin 1919
  • 1929/30 FSV Malchin 1919
  • 1930/31 FSV Vorwärts Teterow
  • 1931/32 ATV Hagenow
  • 1932/33 Rostocker Ballspielverein von 1923

 

Mecklenburger Landesmeister der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit

  • 1931/32 FC Vorwärts Teterow

 

***
 

 

Quellen:

  • "Arbeiter-Zeitung: Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs"; Wien, 10., 11., 13., 15., und 17. Juli 1929
  • "Heinkel-Werkzeitung"; Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke; Rostock/Berlin, Nr. 18-02./03.1937, 11/12-11/12.1939
  • "Mecklenburgische Volks-Zeitung: Organ der sozialdemokratischen Partei für beide Mecklenburg"; Rostock, Jahrgänge 1923 bis 1932
  • "Nordischer Arbeitersport: Wochenschrift für die Arbeiter-Turn- und Sportvereine, Bezirks- undKreisverwaltungen (3. Kreis), für die Arbeitersport-Kartelle Schleswig-Holstein, Groß-Kiel undHamburg"; Geesthacht, Nr. 43/27. Oktober 1930
  • "Rostocker Anzeiger: Wirtschaftsblatt für Mecklenburg, Vorpommern und Prignitz"; Rostock, Nr.204/1. September 1933
  • "Rostocker Adressbuch 1934: Einwohnerbuch einschl. Warnemünde u. Gehlsdorf"; Rostock 1933
  • "Volkswacht: Organ der Kommunistischen Partei Deutschlands für beide Mecklenburg"; Wismar, Nr. 216/16. September 1921, Nr. 60/24. März 1932
  • diverse Kreisfragebögen über das Jahr 1928 des Arbeiter-Turn- und Sportbundes, Leipzig 1929
  • Archiv der Hansestadt Rostock (AHR) 1.1.3.26.-158: Arbeiter-Turn- und Sportverein, Kartell für Arbeiterbildung, Sport- und Körperpflege Rostock, 1924-1933
  • AHR 1.1.10.-5892: Rennbahn auf dem Ausstellungsplatz, 1908-1926
  • AHR 1.1.10.-5895: Ausstellungsplatz (Alte Rennbahn) auf der Barnstorfer Feldmark an der Maßmannstraße (jetzt LeninAllee), 1928-1937
  • AHR 2.1.0.-42: Antifaschistisches Jugendkomitee/FDJ, 1945-1951
  • AHR 2.1.0.-411: Erhaltung, Instandsetzung und Neubau von Sportanlagen, 1928-1951
  • AHR 2.1.0.-426: Förderung der Turn- und Sportvereine, 1945-1951.
  • Arbeiter-Stadion Einweihung 1928: 28. bis 30. Juli in Rostock; Arbeiter-Sportkartell e.V. Rostock; Rostock 1928
  • Arbeiter-Turnverein Rostock: Festschrift zum 25jährigen Vereinsjubiläum: am 25. und 26. Juni
    1896 – 1921; Rostock 1921
  • ATSB 3. Kreis, 4. Bezirk: Festbuch zum Bezirks-Turn- und Sportfest vom 10. bis 13. Juli 1926 in
    Schwerin; Schwerin 1926
  • Müller, Lutz: Die Entwicklung von Körperkultur und Sport in Rostock von der Zerschlagung des
    Hitlerfaschismus bis zur Gründung der DDR
     – 1. Mai 1945 bis 7. Oktober 1949; Diplomarbeit,
    Rostock 1982
  • Pahncke, Wolfgang: Traditionen der Rostocker Arbeiter-Turn- und Sportbewegung. Ein Beitrag zur
    Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung; Rostock 1964

 

Verzeichnis der ATSB-Vereine in Mecklenburg 1926
ATSB-Vereine in Mecklenburg 1926.pdf
PDF-Dokument [3.9 MB]
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Christian Wolter

Anrufen

E-Mail