FSV Laer – Bochumer Osten spielte um die deutsche Fußball-Meisterschaft!

von Hans-Wilhelm Ruland

 

2018 wurde in vielen Feierstunden des endgültigen Endes des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet gedacht. Oft sprach man dabei über gelebte Bergmannskultur und eine vom Ruhrgebiet mit bis zu 600.000 Bergleuten maßgeblich prägte Wirtschaftsära. Wie diese hart arbeitenden Menschen ihre knapp bemessene Freizeit verbrachten wurde in den Berichten fast nie erwähnt. 
Unter dem Dach der Arbeitersport-Bewegung gründeten im Wilhelminischen Kaiserreich u.a. Bergleute und Stahlarbeiter, aber auch werktätige Frauen des Ruhrgebietes Turn- und Wandervereine. Vor dem Ersten Weltkrieg war Wettkampfsport im Arbeiter-Turnerbund verpönt. Der Verband lehnte satzungsgemäß "sportliche Sensationen, Rekordjagd, Starkult, Geschäftemacherei und nationalen Rummel" ab.

 

Kreisendspiel FSV Laer – Freie Turngemeinde Ohligs 4:2 am 21. Februar 1926: Laers Torwart hält einen Ball.

 

Und noch 1928 schrieb der “Volkssport”, die ATSB-Zeitschrift für Rheinland-Westfalen“Es ist vollkommen gleichgültig, ob man in Düsseldorf, Bochum oder Köln durch irgendein Tor irgendwelche Meisterschaft erringt. Wichtig ist, wie man spielt, wie man sich benimmt, wie man Arbeitersport zeigt und wie man den notwendigen werbenden Eindruck auf dem Sportplatz erzielt.” 

Ab 1919 bildeten sich in vielen Städten des Ruhrgebietes ATSB-Fußballvereine und -abteilungen. Etliche von ihnen bestehen heute noch, z.B. in Castrop-Rauxel der SC Arminia Ickern, in Bochum SV Altenbochum 01, SC Union Bergen, Freie Sportvereinigung Weitmar (heute SC Weitmar 45), ATSV Vorwärts Werne (nach Fusion heute WSV Bochum 06), im Ennepe-Ruhr-Kreis der SC Obersprockhövel und in Dortmund der TSV Eving-Lindenhorst.

 

Kreisendspiel im Barmer Stadion: Dieser Kopfball von Ohligs (dunkle Hemden) ging an die Latte.

 

In seiner Blütezeit hatte der ATSB in der Sparte “Fußball” reichsweit an die 140.000 Aktive in über 8.000 Mannschaften. Im Ruhrgebiet dürften nach unterschiedlichen Angaben etwa 20 Prozent der Fußballer im Arbeitersport organisiert gewesen sein. Der weitaus größere Teil spielte in den Reihen des “bürgerlichen” Deutschen Fußball-Bundes. Daneben gab es noch die katholische Deutschen Jugendkraft (DJK), vom ATSB-Wochenblatt “Freie Sport-Woche” als “schwarze Gilde” bezeichnet, sowie den Betriebssport mit Werksvereinen wie bei Thyssen, Krupp, Gussstahlwerke Gelsenkirchen oder Gerresheimer Glas.

 

Ohligs Mittelstürmer schießt dem Torwart von Bochum-Laer in die Hände. Die Barmer Radrennbahn existiert nicht mehr, aber das Haus links im Bild steht noch und trägt heute eine Erinnerungstafel für die abgegangene Arena.

 

Organisatorisch zählten alle Ruhrgebiets-Vereine des ATSB zum 6. Kreis (Rheinland-Westfalen), der sich in 14 Bezirke unterteilte. Der ATSB-Regionalverband war die “Freie Westdeutsche Spielvereinigung” mit Sitz in Köln. Alle Spiele begannen und endeten mit dem gemeinsamen Ruf “Frei Heil!”

Im 12. Bezirk (Bochum/Herne) existierten 1925/26 23 ATSB-Fußballvereine bzw -Abteilungen mit 846 volljährigen Mitgliedern, darunter sogar drei weiblichen! Verteilt man diese Zahl auf die der Vereine, so hatte ein jeder durchschnittlich etwa erwachsene 36 Mitglieder; eine wahrlich überschaubare Vereinswelt.

 

Endspiel um die Nordwestdeutsche Verbandsmeisterschaft 1926: FSV Laer (in weißen Hemden) – SV Weser 08 Bremen 2:1

 

Von diesen 23 Fußball-Vereinen bzw. -Abteilungen war der heute längst vergessene Freie Spielverein Laer (nicht zu verwechseln mit dem noch heute existierenden LFC Laer 06 e.V.!) zeitweilig besonders erfolgreich, denn er schaffte es 1926 unter die besten vier ATSB-Vereinsmannschaften! Mein Vater Hans Ruland (1904-1986) gehörte jener Mannschaft als Stürmer an. Dies war für mich der Anlass, die Geschichte seines Vereins etwas genauer zu betrachten.

Bei Wikipedia finden sich zum FSV Laer einige wenige Hinweise zu den damals erzielten Erfolgen. Gründung, Vereinsfarben und Emblem, Spielernamen und Heimplatz bleiben hingegen unbekannt, weil die Zeitzeugen bereits verstorben und die Vereinsunterlagen verschollen sind. Die wichtigsten und fast einzigen Quellen sind die "Freie Sport-Woche" und der in Düsseldorf erschienene "Volks-Sport". 
 
Noch einmal Laer gegen Weser 08, hier ein Eckball vor dem Weser-Tor

 

Ende 1925 gewann der FSV Laer erst- und einmalig die Bezirksmeisterschaft. Zunächst sicherte er sich durch ein 7:2 über den ATSV Vorwärts Werne mit 7:2 den 1. Platz in der Gruppe "Bochum/Herne", dann  nach einem Sieg gegen den Gruppenmeister von Gelsenkirchen und einem 4:4 gegen jenen von Essen, den SV Preußen Altenessen, die Bezirks-Meisterschaft. 
Organisatorisch gehörte Bochum-Laer zwar zum 12. Bezirk, bildete damals aber noch zusammen mit den Großstädten Essen und Gelsenkirchen den 6. Fußball-Bezirk, was den errungenen Titel sportlich natürlich noch wertvoller machte. 
Außerdem berechtigte die Bezirkskrone dazu, gegen die anderen Bezirks-Meister der “Freien Westdeutschen Spielvereinigung" um die Kreismeisterschaft anzutreten. Die anderen Bezirks-Meister waren: SC Köln-Nord rrh., (Meister im 1. Bezirk Köln), Freie Turngemeinde Ohligs (2. Solingen/Remscheid), ATSV Tönisheide Velbert (3. Wuppertal/Velbert), ATSV Hagen 96 Fußball-Abt. Boehlerheide (4. Hagen), SSV Hansa Dortmund (5. Dortmund), OBV Düsseldorf (7. Düsseldorf), Spielverein Schwarz-Gelb Krefeld (8. Krefeld/München-Gladbach), SV Einigkeit Duisburg-Kasslerfeld (9. Duisburg) und SV Gönnersdorf (10. Koblenz-Neuwied).

 

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Der FSV Laer schlug in der Kreismeisterschaft zuerst Einigkeit Duisburg-Kasslerfeld mit 2:1, dann den SSV Hansa Dortmund mit 2:3 nach 5-minütiger Verlängerung, anscheinend gab es damals in der "Freien Westdeutschen Spielvereinigung" eine "Golden Goal"-Regelung. Im Kreis-Finale gelang den Ost-Bochumern schließlich vor ca. 5000 Zuschauern in der Radrennbahn Barmen ein 4:2 über die Freie Turngemeinde Ohligs! Für den kleinen Vorort-Verein mit gerade mal 17 aktiven Spielern ein herausragender Erfolg!

Und es kam noch besser, denn mit diesem Erfolg hatte sich der FSV Laer für die Nordwestdeutsche Verbandsmeisterschaft qualifiziert. In der Vorrunde drehten die Bochumer auswärts beim TSV 95 Kassel-Bettenhausen einen 1:3-Pausenrückstand noch mit 5 Toren auf 6:4!

Im Finale lauerte dann der SV Weser 08 Bremen. Dieser hatte 1924 als erster deutscher Fußballverein überhaupt die Sowjetunion bereist und dort auch einige Siege errungen. Aufgrund dieser Auslandserfahrung, der noch in die Kaiserzeit zurückreichenden Vereinstradition und einer viel höheren Mitgliederzahl war Weser 08 als haushoher Favorit anzusehen. Dass der FSV Laer gegen diese Bremer dennoch mit 2:1 die Verbandsmeisterschaft gewann war vielleicht die größte Überraschung der damaligen ATSB-Saison!

 

FSV Bochum-Laer gegen den Dresdner SV - ein Bochumer Verteidiger hat soeben gerettet.

 

Unser wackerer Ost-Bochumer Vorort-Verein zog damit in die ATSB-Endrunde ein. Der nächste Gegner, der Dresdner SV 1910, stellte damals das Nonplusultra des deutschen Arbeiterfußballs dar. Seine äußerst spielstarke I. Mannschaft hatte bereits 1924 und 1925 die ATSB-Bundesmeisterschaft gewonnen und galt nach wie vor als nahezu unschlagbar.
Laut Anzeige war für das Vorrundenspiel das Stadion Bochum vorgesehen. Das Foto vom Spiel zeigt allerdings einen einfachen Platz als Kulisse. Wie auch immer, in den ersten 45 Minuten konnte der Gastgeber dem Dresdner SV noch Paroli bieten und ging nach zwischenzeitlichem Rückstand mit einem 3:3 in die Kabine. In der zweiten Halbzeit spielten die Sachsen dann ihre Überlegenheit aus, gewannen letztendlich verdient mit 5:3 und zogen so zum dritten Mal in Folge ins ATSB-Endspiel ein.

Der FSV Laer war ehrenvoll ausgeschieden, sein sagenhafter Höhenflug damit beendet. Dieser gerade erst aufgegangene Stern verschwand wieder vom überregionalen Firmament. Aber in dieser einen großen Saison hatte der Freie Spielverein Laer anderen "Zwergvereinen" vorgemacht, dass man es im Arbeiterfußball auch mit nur 17  Spielern weit bringen konnte. 

 

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Meisterschaft des 6. Kreises (Rheinland-Westfalen) 1926

  • 31. 1. FSV Laer – SV Einigkeit Duisburg-Kasslerfeld 2:1, Gewerkschafts-Sportplatz Langendreer
  • 7. 2. SSV Hansa Dortmund – FSV Laer 2:3 (2:1) nach 5-minütiger Verlängerung
  • 21. 2. FSV Laer – FTG Ohligs 4:2, 3000 Zuschauer in der Radrennbahn Barmen

Nordwestdeutsche Verbandsmeisterschaft 1926 

  • 21. 3. SV Weser 08 Bremen – AFC Union Neumünster 5:1 (2:1) in Bremen, 3.000 Zuschauer
  • 28. 3. TSV 95 Bettenhausen Kassel – FSV Laer 4:6 (3:1), Platz von 95 Bettenhausen, 1.000 Zuschauer
  • April: FSV Laer – SV Weser 08 Bremen 2:1 (1:0), Platz des SC Köln-Nord rrh. in Köln-Mühlheim, 1000 Zuschauer 

ATSB-Bundesmeisterschaft 1926

  • 25. 4. FSV Laer – Dresdner SV von 1910 3:5 (3:3), 3.500 Zuschauer in Bochum
  • 9. 5. 1926 TSV St. Leonhard-Schweinau – TSV Süden Forst 07 0:2 (0:1), 4.000 Zuschauer in Nürn­berg
  • 29. 5. Dresdner SV von 1910 – TSV Süden Forst 07 5:1 (1:0), Ilgen-Kampf­bahn Dresden, 12.000 Zuschauer

 

ATSB-Vereine in Bochum und Umgebung 1926/27. Die Zahlen bedeuten in ihrer Reihenfolge: Turner, Turnerinnen, Fußballer, Fußballerinnen (!), Wassersportler, Wassersportlerinnen, Summe sowie Knaben, Mädchen, Summe.
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