Wo kommt mein Verein her? Teil I: Ehemalige Arbeiterfußball-Vereine in Hessen-Nassau

 

 

Die Quellenlage 


Obwohl sich der Arbeitersport „in der historischen Milieuforschung seinen festen Platz erobert“ hat, weist Lars Geiges darauf hin, dass „die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Mitte der 1990er Jahre rar geworden ist und der Teilbereich Arbeiterfußball „überhaupt erst im Laufe der 1980er Jahre ins Interesse einzelner Sporthistoriker rückte“ ( "Fußball in der Arbeiter-, Turn- und Sportbewegung", S. 6). Zwar erschien bereits 1973 „Frisch, frei, stark und treu. Die Arbeitersportbewegung in Deutschland“ von Horst Ueberhorst, doch schon bei Hajo Bernett (1983) war der Arbeitersport nur ein Teilaspekt auf dem „Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur“. 1987 präsentierten Hans Joachim Teichler und Gerhard Hauk ihre „Illustrierte Geschichte des Arbeitersports“ und 1988 beschäftigte sich Frank Filter mit dem „Fußballsport in der Arbeiter-Turn- und Sportbewegung“. Aus dem Blickwinkel ihrer Betrachtungen fast logisch ist die nahezu vollständige Nichtthematisierung des Arbeitersports in „»English Sports« und deutsche Bürger“ von Christiane Eisenberg (1999).

Während Erik Eggers dem Arbeiterfußball in „Fußball in der Weimarer Republik“ (2001) gerade einmal sieben Seiten widmete, rückte Andreas Luh 2006 „das (sport-)historische Selbstverständnis und die politischen Konflikte im organsierten Arbeiterfußball“ in den Mittelpunkt. Ebenfalls 2006 stellte Eike Stiller seine Bibliographie „Literatur zur Geschichte des Arbeitersports in Deutschland von 1873 bis 2005“ vor, der 2008 sein Beitrag „Fußball in der organisierten Arbeitersportbewegung“ im von Lorenz Peiffer und Dietrich Schulze-Marmeling herausgegebenen Sammelband „Hakenkreuz und rundes Leder“ folgte. Den DFB-Bundestag 2013 in Nürnberg nahm René Martens in Zeit Online zum Anlass, über eine Konkurrenz zum DFB nachzudenken. „Verwandte von Franz Beckenbauer und Uwe Seeler haben es vorgemacht.“

Was bisher noch völlig fehlt, ist eine statistische Aufarbeitung der Geschichte des Arbeiterfußballs. Zwar hat Hardy Grüne 1996 die ATSB- und Rotsport-Meisterschaften sowie die Bundesauswahlspiele in Band 1 seiner „Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs: Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga“ aufgenommen und 1998 in seiner Betrachtung „100 Jahre Fußball in Göttingen“ einen Blick auf den Arbeiterfußball in Südniedersachsen geworfen, was für die Geschichte des 13. Kreises nicht unerheblich ist. Ein „richtiges“ Statistikwerk lieferte aber erst Rolf Frommhagen 2011 mit seiner Betrachtung „Die andere Fußball-Nationalmannschaft: Bundesauswahl der deutschen Arbeitersportler 1924–1932“. Es gibt allerdings eine Reihe recht interessanter regionaler Beiträge.3 

Warum aber gestaltet es sich so schwer, die Geschichte des Arbeiterfußballs aufzuarbeiten? Das A und O jeder rückwärts orientierten Recherche ist die Existenz auswertbarer Quellen. So sind in Eike Stillers Bibliographie zur Geschichte des Arbeitersports in Deutschland auf 335 Seiten zwar über „3000 Aufsätze, Monographien sowie Dissertationen und Zeitschriftenbeiträge zum Thema“ zusammengefasst, allerdings ist ein Großteil der für eine (auch statistische) Auswertung notwendigen Quellen nicht mehr vorhanden, für die Benutzung gesperrt oder die Einsichtnahme mit großen logistischen Schwierigkeiten verbunden. 

 

Diese Annonce aus dem "Freien Volkssport" Hannover vom 12. November 1928 wirbt trotz der inzwischen eingeleiteten Spaltung des Arbeitersports nicht nur für einen ATSB-Ring, sondern auch für "Sowjet"- und Rotfrontkämpferbund-Ringe.

 

Ohne Fragen keine Antworten 


Im Juni 2014 feierte der FC Sportfreunde Ostheim sein 90-jähriges Bestehen. Aus diesem Grund überarbeitete Frank Wagner die Vereinschronik. Um die Jahreswende 2011/12 erreichte mich sein Hilferuf aus dem Altkreis Hanau: „Uli, ich finde nichts im Hanauer 'Anzeiger'! In den alten Schriften steht vor 1933 immer 9. Kreis, 4. Bezirk. Damit kann ich nichts anfangen.“ Nun, zu dieser Zeit konnte ich damit auch noch wenig anfangen, doch allmählich dämmerte es: Das ist Arbeiterfußball! Kein Wunder, dass der gute Frank davon nichts im "Hanauer Anzeiger" finden konnte, denn in der sog. „bürgerlichen“ Presse wurde selten bis gar nicht über den Sport im „proletarischen“ ATSB berichtet.
Da der Arbeiter-Turn- und Sportbund der SPD nahe stand, suchte ich zunächst nach sozialdemokratischen Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet und fand schließlich im Suchportal der Universitätsbibliothek Frankfurt den Hinweis auf die Volksstimme: Mitteilungsblatt der SPD Hessen, erschienen in der Union-Druck- und Verlagsanstalt in Frankfurt von 1889 bis 1954. Mit diesen Daten machten wir uns auf die Suche. Die in Frankfurt erschienene Hauptausgabe mit dem Untertitel "Sozialdemokratisches Organ für Südwestdeutschland" konnte auf Mikrofilm im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt eingesehen werden. Frank fand im Stadtarchiv Hanau Zugang zur dortigen Lokal-Ausgabe. Es existiert eine weitere Ausgabe für Wiesbaden, Rhein-Maingau, Untertaunus und Lahntal, deren Bestände in der Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain in Wiesbaden wegen des schlechten Zustands des Papiers aber momentan für die Benutzung gesperrt sind. Ein Problem, über dass wir noch häufiger stolpern sollten.
Auf jeden Fall war ein Anfang gemacht. Frank recherchierte für seine Ostheimer Chronik und auch mich hatte die Neugier gepackt. Rolf Frommhagen aus Magdeburg wies mir den richtigen Weg und machte mich mit den Strukturen des Arbeiterfußballs in der Weimarer Republik vertraut. „9. Kreis“ war Hessen-Nassau, „13. Kreis“ Kurhessen-Waldeck-Südhannover. Und auch die Bezirkseinteilung – zumindest des 9. Kreises – bereitete mir bald keine Probleme mehr. Problematisch blieb aber die Suche nach Ergebnissen, die sich zu Tabellen zusammenfügen ließen und ein ungefähres Bild über die Abläufe eines Spieljahres geben konnten. Und dann stellte sich natürlich die Frage, was aus all den Vereinen geworden ist, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung verboten, aufgelöst oder gezwungen waren, sich neu zu organisieren.

 

Wenige Wochen später hatte der Anbieter die kommunistischen Artikel aus seinem Angebot genommen und bewarb statt dessen einen Reichsbanner-Ring.

 

Große Namen mit Bezug zum Arbeitersport

 

Uwe  Seeler,  Franz  Beckenbauer,  Uli  Stielike,  Klaus  Allofs  und  Philipp  Lahm  kennt  in Deutschland jedes Kind. Doch neben der Tatsache, dass sie alle Nationalspieler waren und in der  Bundesliga  spielten,  haben  sie alle  auch  eine  Verbindung  zum  Arbeiterfußball. 

Erwin Seeler,  der  Vater  von Uwe,  spielte  zwischen 1929  und 1931 neunmal  für die ATSB-Bundesauswahl  und  erzielte  dabei  elf  Tore.  1929  und  1931  wurde  er  mit  dem  SC  Lorbeer 06 Hamburg ATSB-Bundesmeister. Als er Anfang 1932 mit  Alwin  Springer zum „bürgerlichen“ SC Victoria Hamburg wechselte, wurden beide vom  SPD-Organ Hamburger  Echo als „verirrte Proletarier“ bezeichnet.

Alfons  Beckenbauer,  ein Onkel von „Kaiser Franz“, spielte für die Sportfreunde Giesing und erzielte in fünf ATSB-Bundesauswahl-Spielen acht Tore. Der Verein ist in der Säbener Straße 59 beheimatet und damit direkter Nachbar des großen FC Bayern.

Uli  Stielike, der  Europameister  von 1980, der  zwischen  1977  und 1985 für  Real Madrid spielte, kommt von der Spielvereinigung 06 Ketsch, die 1925 als Meister des 10. Kreises (Baden, Pfalz) an der Süddeutschen Meisterschaft des ATSB teilnahm.

Klaus Allofs und sein jüngerer Bruder Thomas stammen aus dem Düsseldorfer Stadtteil Gerreseheim, der in der Weimarer Republik  eine  Hochburg  der  KPD war,  die  hier  Ergebnisse zwischen  64,5  und  77,5  Prozent erzielen  konnte. TuS Gerresheim bezeichnet die Freie Turnerschaft von 1901 als einen ihrer Stammvereine.

Auch die Freie  Turnerschaft München-Gern hat  ihre Wurzeln im Arbeitersport. Dort ist Daniela Lahm, die Mutter des deutschen Weltmeister-Kapitäns von 2014, Jugendleiterin. Bei den Freien Turnern aus München ist es auch am Einfachsten, auf eine Tradition im Arbeitersport zu schließen. Die Bezeichnung „Freie Turnerschaft“ wurde nämlich von vielen Arbeitervereinen  als  bewusste  Abgrenzung  zur  bürgerlichen-nationalen „Deutschen Turnerschaft“ gewählt.

 

 

Allerdings sind die „Freien Turner“ in Hessen recht selten. In der  Auflistung von hessischen DFB-Vereinen mit Wurzeln im Arbeiterfußball lassen sich unter derzeit 125 Vereinen zwei Handvoll finden,  die  das  Kürzel „FT“ in ihrem Vereinsnamen führen, z. B. die FT Frankfurt-Oberrad 07, die FTSG Gießen 02, die FT 1897 Kassel-Niederzwehren, die FTG 1900 Pfungstadt und die FT 1896  Wiesbaden. Dass ein „F“ nicht immer für „Fußball“ stehen muss, zeigen auch die Beispiele FSV 1912 Dorheim, FSVgg 06 Erbach, FSV Münster  1899,  FSV  Spachbrücken  1911 und  FSG  1921  Wisselsheim. 

Doch wie findet man Spuren für die Mehrzahl der anderen Arbeiterfußballvereine? Ein großes Manko ist, dass die Vereine von den Zeitgenossen, sei es in der lokalen Arbeiter-Presse, der Volksstimme oder dem amtlichen ATSB-Organ "Freie Sport-Woche" (ab 1932 "Der Fußball-Stürmer") meist nur mit ihrem Ortsnamen genannt wurden. Zudem änderten die Vereine durch Zusammenschlüsse  oder Verselbständigung von Fußball-Abteilungen  eines Arbeiter-Turnvereins oft  ihre  Namen,  wie  der Rubrik „Veränderungen  im  Bestande  der Bundesvereine“ sowohl  in  der "Freien Sport-Woche" als  auch  in der "Arbeiter-Turn-Zeitung" (ab 1931 "Arbeiter-Turn- und Sportzeitung") zu  entnehmen  ist.

So  tauchen  unsere anfangs  erwähnten  Sportfreunde  aus Ostheim  im  Zeitraum 1928  bis  1931  gleich  viermal  auf:  Am 24. Oktober 1928 wird die (vorübergehende) Auflösung von „Ostheim, Sptfrde.“ mit 60 Mitgliedern  vermeldet,  am 14. August 1929 der Beitritt von „Ostheim,  Fr.  Tschft.“ mit 27  Mitgliedern,  am 7.Mai 1930 die Neugründung von „Ostheim, Sportfrde.“ mit 56  Mitgliedern und am 9. September 1931 die Vereinigung von „Ostheim, Fr. Tschft.“ mit „Fkl.Sptfrde“ „unter  letzterem  Namen“. So muss man das  Pferd im  wahrsten  Sinne  des  Wortes  von  hinten aufzäumen.

 

Geschäft für Flensburger Arbeitersportler, 1926

 

Das Vermächtnis der Vergangenheit

 

Das  Ende  des  2. Weltkriegs  brachte  1945  auch  im  Sport grundlegende  Neuerungen. Nach dem Gesetz Nr. 52 der alliierten Siegermächte waren „alle Vereine und Verbände, die von der NSDAP betreut wurden, verboten, und ihr Vermögen ... beschlagnahmt. Die Auflösung der NSRL-Vereine ist nicht nur eine formelle, sondern jede irgendwie geartete Weiterführung ist nicht statthaft.“ (Frankfurter Rundschau vom 29.August 1945)

Da die Amerikaner aber rasch auf Selbstverwaltung auf allen Ebenen setzten, wurde im August „im Einvernehmen mit der Militärregierung Frankfurt am Main ... ein Komitee, bestehend aus Vertretern der  früheren  Arbeiter-, bürgerlichen und konfessionellen Sportvereine“ gebildet, das die Neuorganisation  des  Sports  vorbereiten  sollte ... In  den  einzelnen  Ortschaften  wird jeweils nur ein Sportverein zugelassen, der sinngemäß alle Sportarten umfaßt. Der Einwohnerzahl entsprechend können in den Städten mehrere Vereine zugelassen werden.“ (Frankfurter Rundschau vom  30. September 1945)

Ziel  des Volkssportverbandes  war  die  Überwindung der sportlichen Zersplitterung, wie sie vor 1933 bestanden hatte, und „kleinlicher Vereinsmeierei“. „Der Wegfall traditionsreicher Vereinsnamen mag oft schmerzlich empfunden werden,  er  war notwendig ...  Die  Frankfurter Sportler  sehen  in  dem  Begriff  Sportgemeinschaft weniger einen neuen Namen als ein Programm ..., das die Arbeiter wie die bürgerlichen und katholischen Sportler verbindet.“ (Otto Großmann in der Frankfurter  Rundschau vom 22.September 1945)

Mit  diesem  Wissen  konnten nun die recht zahlreich existierenden „SG“-Vereine  nach Wurzeln im  Arbeitersport  abgeklopft  werden. Mit  einbezogen  wurden  dabei  auch  Vereinsnamen wie TSG, TSV, TuS und Tuspo. Da viele Vereine neben Sport auch ein kulturelles Programm anboten, kamen Bezeichnungen wie KSG (Kultur-und Sportgemeinschaft), KSV (Kultur- und Sportvereinigung), SKG (Sport-und Kulturgemeinschaft) und SKV (Sport- und Kulturvereinigung)  dazu.  Zur  Not  musste  man  auch einfach  nach  einer  Verbindung des  Ortsnamens mit den Begriffen „Sport“ und/oder „Fußball“ suchen und bei dabei gefundenen Vereinen  einen  Bezug  zum  Arbeitersport bzw. -fußball  vor  1933  suchen.

Das  war  nicht  immer  einfach, denn bei vielen Vereinen ist online entweder keine Chronik zu finden oder die Zeit zwischen  1933  und  1945  wird im  Schnelldurchlauf  behandelt.  Davor  machen  selbst  gedruckte Chroniken  nicht  halt.  So  werden  in  der  Broschüre "50  Jahre  Fußball  in  Wiesbaden-Dotzheim 1910 –1960" über 20 Jahre Sportgeschichte  auf  drei  kurze  Abschnitte reduziert: „Die  in dem Jahr 1923  gebildete Fußball-Abteilung der Freien Turnerschaft Dotzheim, welche den Namen VfR führte, aber  1933  wegen  der  damaligen politischen Verhältnisse  aufgelöst  wude, verfügte über recht brauchbares Spielermaterial. Leider  ging  der  Großteil  der  Aktivität  dem  Sport  verloren.  Nur  wenige  fanden  den Weg  zu  uns,  so  u.a. unser  langjähriger  Verteidiger  der  I. Mannschaft,  August Krebs.“ Nach  Erwähnung  des  25-jährigen  Jubiläums  der  Sportfreunde  1910  Dotzheim  1935 folgt  gleich  die  Nachkriegszeit: „Die Not ließ uns näher zusammenrücken. Einer war vom anderen abhängig. So entstand in Dotzheim eine Sportgemeinschaft. Die ehemals sporttreibenden Turner, Radfahrer,  Fußballer,  Ringer  und Stemmer  vereinigten  sich  im »Turn- und  Sportverein  Dotzheim«.  Im  Jahre  1946  wurde  noch  eine  Handballabteilung  ins Leben gerufen.“

Immerhin gibt  es  ein  Foto  der  VfR-Mannschaft,  allerdings  ohne Datumsangabe. Das  Beispiel  Dotzheim  ist  kein  Einzelfall.  1960  war man  im bundesrepublikanischen Fußball nicht – oder besser  gesagt:  nicht  mehr – bereit, sich  mit  der  Vergangenheit  kritisch auseinanderzusetzen. Schließlich  hatte sich  schon  bald  nach  Kriegsende  die  alte DFB-Führungselite  wieder  an  die  Spitze  der  Bewegung gesetzt.  Der  von  ehemaligen  Arbeitersportlern  über  die Landessportbünde  in  Angriff  genommene  Neuaufbau  des  deutschen Sports stieß dort auf taube Ohren. So hoffte der in Köln erscheinende "Fußball-Sport" im Vorfeld  der  im  Juli  1949  versuchten  Neugründung  des  DFB  auf  eine  Wiederherstellung  der  Zustände vor 1933: „Einige wilde Männer glaubten, nach 1945 all den Verdienten im Fußballsport,  die  in  der  Nazizeit  das  Schiff  nicht  verließen,  sondern  treu  ihrem  Sport  dienten,  ins Gesicht springen zu dürfen ...“

Mit der Neugründung des DFB, „ungeändert in seiner Struktur, hoffentlich auch ungeändert in seinem Wesen“ könne schließlich auch der Einfluss dieser „Wilden“ gebrochen werden, „die in den letzten vier Jahren in törichter Weise versuchten, nach zentralistischen Grundsätzen den Sport auszurichten ... Da außer Sorg (Frankfurt) die  meisten  seiner  Anhänger  ...  sich  zur  Vernunft  bekehren  ließen,  darf  man ... wohl  zur Tagesordnung übergehen. Wenigstens im Lager der Fußballsportler.“2

 

Anzeige aus dem Berliner "Arbeiter-Sport" von 1920. Die das "Sporthaus Berg" führenden Gebrüder Wilkens waren Mitglieder der "Märkischen Spielvereinigung", und diese bis 1928 ATSB-Regionallverband der Arbeiterfußballer der Mark Brandenburg.

 

Bereits 1954 stellte Carl  Koppehel  nach  dem  WM-Sieg in seiner Geschichte  des  Deutschen  Fußballsports zufrieden  fest,  dass die  Einschränkungen  durch  die  Besatzungsmächte überwunden und „politische  Einflüsse ... abgewehrt“ wurden. Zwar  lag „die Leitung des Sports ... vorerst bei den Kommunalbehörden“, doch „der Sportgedanke war kräftig genug, um politische Hemmnisse unbeachtet zu lassen.“ So konnte „der politisch gelenkte Einfluß der kommunalen Ämter ... laufend zurückgedrängt werden, die alte Selbständigkeit des Sportes marschierte.“3

Genau  dies  hatte  der  aus  Bischofsheim  bei  Frankfurt  (heute Maintal)  stammende  Heinrich  Sorg  (1898 –1963),  bis  1933  in  der Leitung des 9. Kreises im ATSB tätig, bereits 1946 aus seinem englischen Exil beklagt. In einem Brief an den SPD-Vorstand kritisierte er die Entwicklung in der „Sport- und Kulturbewegung“: „Die Vorstellung unserer Genossen war, daß nach dem Dritten Reich der Ton in der  Sportbewegung  von  den  verboten  gewesenen  Arbeitersportlern  angegeben  wird.  Es  ist  heute  in  den  meisten  Fällen  umgekehrt.“4

Er  konnte  sich  aber  parteiintern  nicht gegen  Friedrich Wildung  (1872 –1954),  vor  1933  Leiter der  Zentralkommission  für Arbeitersport und nach dem Krieg Sportreferent der SPD, durchsetzen.  Wildung  begründete den  Verzicht  auf  die  Neugründung  des ATSB „nicht nur mit den Anordnungen der Militärregierungen, die keinen politischen Sport zulassen, sondern  auch  in  der  Erwägung,  daß  wir  uns  jeden  Einflusses  auf die Entwicklung der allgemeinen Sportbewegung Deutschlands begeben würden, wenn wir uns jetzt einkapseln.  Es  bleibt  uns  gar  kein  anderer  Weg,  als  zunächst  alle  Anstrengungen  zu  machen,  um den deutschen Sport in eine demokratische Richtung zu drängen.“5

So wurde  auf  der Sportkonferenz  der  SPD  am 26./27. September 1946 in  Frankfurt zwar einstimmig auf  eine eigene Organisation verzichtet, der Anspruch auf die sozialistische Durchdringung der Sportbewegung  aber  nicht  aufgegeben.6 Mit  dieser  Entscheidung  konnte  sich  schließlich  auch Sorg, seit dem 6. November  1946  Nachfolger  Wildungs  als SPD-Sportreferent,  arrangieren. Von Seiten des DFB wurde dieser Verzicht 1950 mit der Ernennung Wildungs zum Ehrenmitglied „honoriert“.7

1950 enthielt die Jubiläumsschrift "50 Jahre Deutscher Fußball-Bund" noch den vierseitigen  Beitrag "Fußball  im  einstigen  Arbeiter-Turn- und  Sportbund" mit  einer  Übersicht der ATSB-Länderspiele und einem Foto der Bundesauswahl vor dem Spiel am 3.August 1930 in Kassel gegen England (3:1). Der Beitrag von Ulrich Preussner schloss mit den Worten: „Möge der  DFB  stets  des  Opfers  bewußt  bleiben,  das  der  einstige Arbeiter-Turn- und Sportbund zur  Überwindung  der  früheren Zersplitterung gebracht hat.“8

Zehn  Jahre  später  war  davon keine  Rede  mehr.  Da referierte Carl Koppehel über die Zeit zwischen  den beiden  Weltkriegen und konnte einen Dr. Josef Klein ungeniert als „politisch sehr rührigen Mann“9 bezeichnen. Erst im Jubiläumsbuch "100 Jahre DFB" wird  daraufhingewiesen, dass Klein „eine bedeutsame Rolle durch Verbreitung nationalsozialistischen  Gedankenguts  in  der  Jugendarbeit  [des  Westdeutschen  Spielverbandes, Anm. d. Verf.] spielte“ und „von 1932 bis 1936 ... für die NSDAP im Reichstag“ saß. Außerdem wird erstmals seit 1950 auch der ATSB wieder erwähnt.10

 

Auch das bürgerliche Sporthaus von Willy Kohlmey annoncierte 1920 im Berliner "Arbeiter-Sport". Rechts hinter dem Spieler ist die Kaiserloge des Deutschen Stadions erkennbar.

 

Die "Sportgemeinschaft" als Programm zur Überwindung der Vergangenheit

 

Vor  dem  Hintergrund  der  kontrovers  geführten  Diskussion  der Nachkriegsjahre wird verständlich, warum viele Fußballvereine diese quasi von oben verordnete politische Neutralität zum Teil bis heute mittragen. Während des kalten Krieges und der Westintegration der Bundesrepublik  bedeutete  dies  schließlich die Anerkennung des  westlichen  Wertesystems, der sich auch die SPD nicht entziehen konnte. So wollte Sorg „keine parteipolitischen Dinge in [den] internen Vereinsbetrieb tragen ... Wir sind froh, daß die Gegensätze vor 1933 aus dem Sport verschwunden sind. Ebenso wünschen wir nicht noch einmal solche unglücklichen Zustände,  wie  wir  Sportler  sie  von  1933 bis 1945  durchstehen  mußten,  wo  der  Sport  rein parteipolitischen Interessen dienen mußte.“11

Diese Einstellung findet ihren Niederschlag in vielen Vereinssatzungen,  in  denen Bekenntnisse wie „Religiöse  und  politische  Betätigung innerhalb des Vereins ist nicht gestattet“ ganz selbstverständlich klingen. Auch beim FSV 07 Bischofsheim 22, der seine Wurzeln im Arbeitersport hat und in dem vor 1933 auch Heinrich Sorg aktiv  war,  nach dem  in  Maintal-Bischofsheim  sogar  eine  Straße  benannt  ist. Über  die historische Entwicklung gibt die Internet-Chronik der Turnerschaft 1886 e.V. Auskunft. 1886 als  Turnverein  gegründet,  spaltete  sich 1891 die Turngesellschaft ab. „Eine endgültige scharfe  Trennung  erfolgte  1907  ...,  denn  aus  weltanschaulichen  Gründen  trat  die  Turngesellschaft aus der Deutschen Turnerschaft aus und schloß sich dem Arbeiterturnerbund an.“ 1907 wurde auch der Fußball-Sport-Verein gegründet, der sich 1927 mit der Turngesellschaft zusammenschloss. Zu diesem Zeitpunkt gehörte der FSV dem ATSB an. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die Turngemeinde aufgelöst und „ihr Vereinsvermögen beschlagnahmt“. 1945 wurden alle örtlichen Klubs in der SG Bischofsheim vereinigt. „Aber schon 1948 brach dieses künstliche Gebilde wieder auseinander, die Fußballer wollten wieder ihren eigenen Verein.“ 1953 entstand  schließlich aus der „losen Verbindung“ zwischen TV und TG die heutige Turnerschaft 1886 Bischofsheim.

Das Beispiel aus Bischofsheim ist kein Einzelfall. So führt Lars Geiges an, dass „in Orten mit  einer  starken  industriellen  Arbeiterschaft  häufig  zwei,  drei  oder  mehr  Vereine  der  DT [entstanden], deren Mitgliederstrukturen relativ homogen waren und sich gerade darin voneinander  unterschieden:  Ein  Verein  war  für  das  Bürgertum,  ein  zweiter für  den Mittelstand und der dritte für die Arbeiterschaft. Mitglieder, die sich offen zur Sozialdemokratie bekannten,  bzw.  Vereine,  in  denen sozialdemokratische  Mitglieder  die  Mehrheit  besaßen,  wurden aus der DT ausgeschlossen.“12

Für  Bischofsheim dürfte  bei  rund  1330  Einwohnern  im  Jahr 1895 das Bürgertum eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben, denn der Ort lebte bis Mitte des 20. Jahrhunderts v.a.  von  Landwirtschaft,  Kleingewerbe und von Beschäftigung in der Chemieindustrie im Osten Frankfurts.

Die  Sezession  von  Fußballabteilungen  aus  den  neu  gebildeten  Sportgemeinschaften Ende der 1940er Jahre war aber nicht nur auf kleinere Orte beschränkt, wie das Beispiel von Nied zeigt,  das  1928  mit den  anderen  westlichen  Stadtteilen  nach  Frankfurt  eingemeindet wurde. Die  günstige  Lage  zwischen  den  Industriestandorten  Höchst  und  Griesheim  ließ  die Einwohnerzahl des Dorfes von 1035 im Jahr 1873 auf 7928 bei Kriegsausbruch 1914 steigen. Die Errichtung eines Eisenbahn-Ausbesserungswerks im Jahr 1918 zog noch einmal viele neue Arbeitskräfte  an,  für  die gegenüber  des  Werkes  eine  eigene  Siedlung  gebaut  wurde.  Die  Eisenbahnersiedlung „zählt  zu  den  wenigen  in  Deutschland  noch  in  ihrer  ursprünglichen  Art erhaltenen  Wohndenkmälern  und  steht  als  Kulturdenkmal ... unter  Denkmalschutz.“14 1933 hatte Nied 9241 Einwohner, die in 29 Vereinen organisiert waren. 1933/34 fanden sich der Turnverein  (gegründet  1877),  die  Turngemeinde  (1907)  und  die  Freie  Turnerschaft (1911) „politisch  zwangsvereint  als »Turnerschaft  1877«  wieder. 

 

 

Auch  in  Nied  kam  es nach dem 2. Weltkrieg zum Gründung einer Sportgemeinschaft, in der alle Sportarten vereinigt waren. Ende 1949 verließen jedoch die Fußballer die SG und gründeten den FV Alemannia  08  neu,  weshalb  die  SG 1877 Nied  nicht  in  der  Liste  ehemalige Arbeiterfußballvereine auftaucht, da sie seitdem über keine Fußballabteilung mehr verfügt. 

Die SG Nied  war  nicht  die  einzige  Sportgemeinschaft,  die  nach  dem  Krieg  in  Frankfurt entstand. Wie der Frankfurter Rundschau vom 8. September 1945 zu entnehmen ist, wurden „noch in den folgenden Vororten solche gegründet: Industrieviertel, Rödelheim, Bockenheim, Bornheim,  Riederwald  und Sachsenhausen.  In  Eckenheim, Preungesheim, Schwanheim, Innenstadt,  Fechenheim  und  Ostend  sind  die Vorarbeiten  im  Gange,  und  die  gleiche einmütige Zustimmung ist zu erwarten.“ 

Zwischenzeitlich firmierte sogar die traditionsreiche Eintracht als „SG Frankfurt“. Als sie sich jedoch  für  eine  Teilnahme  an  der neuen süddeutschen Oberliga  entschied,  nahm  die  Reserve  als  SG  Frankfurt  an  denAusscheidungsspielen für die neue Mainliga teil.

Nur einen Steinwurf entfernt vom im Krieg zerstörten alten und vom 1952 eröffneten neuen Eintracht-Sportplatz liegt die zwischen 1910 und 1928 errichtete Arbeitersiedlung Riederwald. Die Riederwaldwiesen sind mit zwei Rasen- und zwei Hartplätzen heute eine  der  größten Sportanlagen in  Frankfurt.  Bis  1933  trugen  hier  der  im  Riederwald beheimatete Arbeiterfußball-Verein SpVgg Vorwärts (gegründet 1923) und der VfL 1913 Bornheim  ihre  Heimspiele  aus.  Der  VfL  1913,  bis 1928 Abteilung  6  der  Freien  Turnerschaft Frankfurt,  war  eine große  Nummer im süddeutschen Arbeiterfußball. Viermal (1919, 1920, 1921 und 1927) waren die „Bernemer“ Meister des 9. Kreises. 1921  schieden  sie  als Süddeutscher  Meister  im  Halbfinale  der Bundesmeisterschaft  gegen  den  späteren Meister TB Leipzig-Stötteritz mit 0:3 aus. Mit Karl „Daller“ Heldmann (1908 – 1985) hatte  der  Klub sogar einen Bundes-Auswahlspieler, der  in  18  Spielen  acht  Tore  erzielt hatte. 1933  wechselte  er  zum  „bürgerlichen“ FSV, mit dem er Süddeutscher Meister  wurde  und  1938  das  Pokalendspiel gegen Rapid Wien erreichte.

Über das Schicksal des VfL 1913 nach  1933  ist  nichts  bekannt.  Anfragen  beim  Institut  für  Stadtgeschichte und  beim Vereinsregister  des Amtsgerichts Frankfurt  blieben  ohne  Erfolg. Vermutlich  fanden  die  Mitglieder Unterschlupf  in  anderen  Vereinen – so  wie  die  der  Freien  Turnerschaft, die „geschlossen in die Turngemeinde  ein[trat]  und ...  so  das Dritte Reich [überlebte].“13

Ob  der VfL  1913  nach 1945 als  Fußballabteilung der neuen SG Bornheim zu neuem Leben erweckt wurde, kann nur gemutmaßt werden, da die Vereinschronik darüber keinen Aufschluss gibt: „An einem schönen Septembertag des Jahres 1945  trafen  sich  sportbegeisterte  Bornheimer Sportfreunde,  um  im  Lokal »Zum  dickenFritz« die  Sportgemeinschaft  Bornheim  aus der  Taufe  zu  heben. Vorstandsmitglieder der  verschiedensten Sportarten  gesellten  sich  zueinander  und ebneten  den  Weg  für  den Bornheimer Sport. Traditionsreiche  Bornheimer  Vereine  gaben ihre  Selbstständigkeit  auf ... Ende 1946 hatte der Verein 805 Mitglieder, die sich auf fünf Abteilungen verteilten, und zwar auf Fußball, Handball, Radsport, Schwerathletik und Turnen."14  

 

 

Die Quellenlage bei den Nachfolgeklubs der Kreismeister im 9. Kreis

 

 

ASV Westend

 

Wie der VfL 1913 Bornheim war auch der ASV Westend (ehemals FT Frankfurt, Abteilung 2) viermal  Kreismeister und stand außerdem 1928  im  Endspiel  um  die  Bundesmeisterschaft  (4:5 gegen den Pankower SC Adler 08). Mitte der 1960er Jahre war die SG Westend mit Trainer Udo Klug, dem späteren Eintracht-Manager, nach Eintracht und FSV zeitweise die Nr.3 im Frankfurter Fußball und erreichte 1966 das Halbfinale der Deutschen  Amateurmeisterschaft. Zum 90-jährigen  und  100-jährigen  Bestehen  erschienen  noch  Jubiläumsbroschüren, doch  da  waren die besten Jahre des Vereins schon lange vorbei. „100 Jahre SG Westend : Der  tiefe  Fall  von  der  Hessenliga  in  die  B-Klasse“ überschrieb die Frankfurter  Neue  Presse ihren Beitrag zum Jubiläum 1996.

Zwar  gelang  durch  das  finanzielle  Engagement eines neuen  Vorstands 2010  nach zwei Aufstiegen in  Folge  noch  einmal der  Aufstieg bis in  die Gruppenliga  (siebthöchste  deutsche, dritthöchste  hessische  Spielklasse),  doch als es 2014 finanzielle Engpässe gab und viele Leistungsträger dem Verein den Rücken kehrten, war der Höhenflug  vorbei.  Auf  diesem  war  allerdings  auch  die Erinnerung  an  die große Vergangenheit des Vereins, der mit Franz Caspari (1898 –1978), August Dehnhardt und dem späteren FSV-Stürmer  Christian  Hensel  immerhin  drei  ATSB-Bundesauswahlspieler  in  seinen  Reihen hatte, auf der Strecke geblieben.

Zwar  wollte man nach  dem  Abstieg 2014 auf „Spieler, die nur die Hand aufhalten“ verzichten, doch sahen einige darin lediglich die Bestätigung eines seit Jahren gescheiterten Konzepts: „Mit viel Geld – kein Erfolg.“ Als es im Oktober 2014 nach dem Spiel gegen den KSV Tempo „zu teaminternen Auseinandersetzungen“ kam, „was einen Polizeieinsatz nötig machte“, trat zunächst der Trainer zurück und anschließend die Mannschaft dreimal nicht mehr an, was nach den Statuten des HFV den Ausschluss vom Spielbetrieb bedeutete.

So  ist  es  der  Geschichtswerkstatt  Gallus  und  Helga  Roos  zu  verdanken,  die  im September  2013 an „Die Sportanlage an der Sondershausenstraße“ erinnerte. Diese gehört zu den ältesten Fußballplätzen Frankfurts und war einst Teil des Griesheimer Exerzierplatzes, auf dem  schon  zu  Kaisers  Zeiten Meisterschaftsspiele ausgetragen  wurden.  Neben  den Griesheimer Vereinen waren hier auch der FFC Victoria und die Frankfurter Kickers (Vorläufer der Eintracht), Germania 94 (Frankfurts ältester Fußballverein) und der FSV zu Gast. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Teil des Exerzierplatzes in Kleingärten umgewandelt, der andere mit der Friedrich-Ebert-Siedlung überbaut.

 

Spielgesuch der Fußball-Abteilung Westend in der "Freien Sport-Woche" vom 5. Juli 1922

 

SG 1945 Dietzenbach

 

Wesentlich  besser  sieht  die  Quellenlage  bei  den  Vereinen  des Frankfurter  Umlands  aus,  die fünf der  insgesamt 15 Kreismeister stellten.  Letzter Meister des  9. Kreises war  1933 die Freie Turn- und  Sportvereinigung Dietzenbach,  die  sogar  noch nach  der  nationalsozialistischen Machtübernahme an den Spielen um die süddeutsche Verbandsmeisterschaft teilnahm.

Bei der heutigen SG 1945 Dietzenbach wird diese Tradition bis heute gepflegt. Unter dem Menüpunkt „Verein“ schreibt der parteilose Bürgermeister Jürgen Rogg (seit 2009) in einem Grußwort, dass der Verein „seine Wurzeln über dieses Gründungsdatum hinaus [hat]. Die Geschichte  der  SGD  ist  mehr  als  die Geschichte  eines  Sportvereins,  sie  ist wie bei vielen anderen Vereinen auch politische Geschichte.“ Klare Worte. Kein Rückzug auf die  seit Kriegsende  oft  postulierte  Neutralität  des  Sports. Unter „Vereinsgeschichte“ ist festgehalten, dass  am 4. November  1945  die  SG Dietzenbach „als  Nachfolgeorganisation aller früheren Sportvereine gegründet werden konnte ... Voraussetzung für die Genehmigung  zur Vereinsgründung  war,  dass  dem Vorstand  keine  früheren  Mitglieder  der  NSDAP oder  einer  ihrer  Gliederungen  angehören  durften.“ Als Gründungsvereine werden genannt: Freie  Turn- und  Sportvereinigung, Rot-Sport Union, Sportclub  06, Turngemeinde und Turngesellschaft.

Über den „Arbeitersport am Ende der Weimarer Republik in Dietzenbach“ gibt es zudem einen Zeitzeugenbericht von Lina Weilmünster (1916 –2009). Dietzenbach war  eines  von  vielen „roten Dörfern“ im Frankfurter Umland. Über  Mörfelden, die einzige Gemeinde im Volksstaat Hessen mit einem kommunistischen  Bürgermeister und  das  ausgeprägte  Vereinsleben dort wurde  bereits  im  Hessen-Almanach  2011  berichtet.15

 

 

SKG 1886 Sprendlingen

 

Auch  in  Sprendlingen,  Kreismeister  1925,  ist  die  Geschichte  der  örtlichen  Arbeiterfußballer gut  dokumentiert.  Im "Sprendlinger Anzeiger" finden sich Berichte über alle im Ort aktiven Vereine, vom „bürgerlichen“ FV 06, von den Fußballern  in  der  DT,  vom  Arbeitersport  in  der  TG  1886  und ab  1931 auch  vom  Rotsport.  Die 1945 entstandene Sport-und Kulturgemeinschaft von 1886 e.V.  sieht sich bis heute in der Tradition des ehemaligen „Arbeitervereins mit starken sozialdemokratischen  Tendenzen“, der „1933  ins  Visier  der neuen  Machthaber [geriet] und  wurde  sofort  verboten“ wurde.

Besonders  stolz  ist  man  in  Sprendlingen  auf Heinrich  Anthes  (1904–1964), der  1927/28  in acht Bundes-Auswahlspielen  (davon  vier  Länderspielen)  zehn Tore erzielte und später auch einmal für die IG-Auswahl (Rotsport) aktiv war. Anthes widerstand allen Abwerbungsversuchen des FSV Frankfurt und spielte nach  1933  und  dem  Verbot  der  TG  1886  für  die  Sprendlinger  Turngemeinde 1848.

 

 

TSG Neu-Isenburg

 

Ähnlich  wie  in  Sprendlingen  sieht  es  im  wenige  Kilometer  nördlich  gelegenen Neu-Isenburg  aus.  Auch hier  finden  sich  im örtlichen Neu-Isenburger  Anzeigeblatt nebeneinander Artikel  aller  Sportvereine. So auch am 11. Januar  1927 die  Meldung, dass sich „die Fußballabteilung  der  »Freien  Turnerschaft«  ...  unter  dem  Namen  Sportverein  »Vorwärts 1911«  ab  1. Januar  selbstständig gemacht“ habe. Höhepunkt  der  Vereinsgeschichte  war die  Kreismeisterschaft  1930  und  die  anschließende  Teilnahme  an  der  süddeutschen  Verbandsmeisterschaft,  bei  der  immerhin  Platz  2  erreicht  wurde. Ob  es  dem  Verein  nach  der nationalsozialistischen  Machtübernahme gelang,  sich  neu  aufzustellen,  ist  unklar.  Die  Online-Chronik  der  SpVgg  Neu-Isenburg  berichtet,  dass der „Sportverein  1911, der  selbst gerne  seine  Selbständigkeit behalten  hätte“, 1938 auf politischen Druck mit dem VfL zur SpVgg  03  Neu-Isenburg  zwangsfusioniert wurde.

In  der  Vereinschronik  der  Fußballabteilung  der  TSG  Neu-Isenburg  heißt  es,  dass es „durch das Verbot des Arbeitersportvereins »Vorwärts«  im  Jahr  1933“ möglich wurde, die „Mannschaft durch einige Übertritte spielerisch zu verstärken.“ Keine Skrupel hatten die neuen Machthaber dagegen mit der Freien Turnerschaft (gegründet 1899), der man „in einer im wahrsten Sinne des Wortes Nacht- und Nebelaktion ... zu Leibe rückte“ und  dabei die  Turnhalle  und  das Vereinslokal  verwüstete und plünderte. „Es war uns unmöglich, vor der Zerstörungswut der Leute, die in Neu-Isenburg  eingesetzt  waren,  irgend  etwas  zu  retten  oder  in  Sicherheit  zu  bringen ...  Ein offzielles  Verbots- oder  Auflösungsdekret hat der  Verein nie  erhalten.“

Nach  dem 2.Weltkrieg entstand auch in  Neu-Isenburg eine Sportgemeinschaft. „Es gab keine Außenseiter,  da  sich  Freie Turnerschaft,  Turngemeinde,  Turnverein,  Kraftsportverein, Rote Sport- und  Spielgemeinschaft, Spielgemeinschaft 03 (Fußball),  DJK,  RV  Solidarität,  Freie  Athleten,  SV  Vorwärts  und  Schachfreunde  32  alle  anschlossen.“ Mit Ludwig Arnoul wurde der 1.Vorsitzende des  SV  Vorwärts  1911 aus  dem  Jahr  1927 in  den  geschäftsführenden  Vorstand  gewählt. Nachdem  sich  einzelne  Vereine wieder  verselbständigt  hatten,  kam  es  1953  zur  Fusion  zwischen  Turngemeinde  1885  und Freier  Turnerschaft  zur  Turn- und Sportgemeinschaft  1885  e.V.  Neu-Isenburg. „Als Rechtnachfolgerin  der  Freien  Turnerschaft  führte  die  TSG noch  einen  6  Jahre  dauernden  Schriftwechsel mit den zuständigen Behörden, um für die Verluste, die durch die NSDAP verursacht worden waren, eine Entschädigung zu erhalten. Dies gelang zum Schluß auf dem Wege eines Vergleichs mit der Behörde beim Regierungspräsidium in Darmstadt.“16

 

 

KSV Urberach

 

Auch  der KSV  Urberach knüpft  an die  Zeit  vor  1933  an und versteht sich als „Wiedergründung  der  Urberacher  Vereine,  die ... durch  den  Nationalsozialismus  aufgelöst  und  deren  Vermögen  beschlagnahmt  wurde ... Ein  Stück deutscher  Kultur  war  damit ausgelöscht.“ Nachdem ein  erster direkt  nach  dem  Krieg vorgenommener Versuch zum Zusammenschluss „aller sporttreibenden  Vereine  der  Gemeinde  unter  dem  Namen  Verein für Leibesübungen“ nach nur zwei Jahren infolge „innerlicher Machtkämpfe  wie  auch  politischer Argumente“ gescheitert war, schlossen sich „die Turner  der  späteren »Freien  Turn- und Sportgemeinde«, die Sänger der »Freien Sängervereinigung« und  die  Fußballer der »Spielvereinigung« schließlich am 16.  Januar 1949 zu einem Verein zusammen“, dem Kultur- und Sportverein Urberach 1888 e.V. Noch heute blickt man voller Stolz zurück auf die Kreismeisterschaft 1929 und das Spiel gegen Nürnberg, das „eine  Zuschauerzahl  zu  verzeichnen  hatte,  wie  man  sie  selten  in  Urberach und Umgebung  sehen  konnte. Außerdem wurde in diesem Jahr sowohl die 2. Mannschaft als auch die Jugendmannschaft Bezirksmeister."

 

 

FASV Vorwärts Lampertheim

 

Der erste Kreismeister aus der „Provinz“ war 1924 der Freie Arbeiter-Sportverein Vorwärts Lampertheim,  obwohl  es  durch die Besetzung rechtsrheinischer Brückenköpfe durch die Franzosen zu großen Problemen im Spielverkehr kam. Dies führte schließlich auch dazu, dass der 8. Bezirk um Worms und das südliche Ried Anfang 1925 aus  dem  9. Kreis  ausschied  und  dem 10. Kreis  (Baden-Pfalz)  zugeteilt  wurde. Auch  in Lampertheim  kam  es  Ende  der  1920er Jahre  zur Bildung  von  Rotsport-Gruppen. „In den ersten  Apriltagen  des  Jahres  1933 wurden alle  den  Arbeiterparteien  nahestehenden  Sport- und Kultur-Vereine aufgelöst, so der Sportverein »Vorwärts« am 1. April, der Volkschor am 4. April, der Freie  Athletenklub  und  die Arbeiter-Samariter  am  5. April,  die  Naturfreunde  und  die Radfahrer-Ortsgruppe »Solidarität«“ am 7. April.  Bei  allen  Auflösungen  gab  die "Lampertheimer  Zeitung", statt der wahren Gründe, die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse als Grund dafür an.“17 Zu einer Neugründung von Arbeitersportvereinen in Lampertheim kam es nach 1945 nicht. 

 

 

TuS Naunheim

 

Bereits  1902  war in  Gießen  die  Freie  Turnerschaft  gegründet worden,  der  1906 die Einrichtung des 3. Bezirks folgte, in dem bis zur Einführung der bezirksübergreifenden Kreis-klasse 1927 dieVereinigungen aus Marburg und Gießen dominierten. Mit dem Beschluss des Kreisfußballtages vom 23. März  1930  in  Frankfurt, „sämtliche Klassen aufzuheben und die Spiele künftig nur in einer Einheitsklasse auszutragen“, ging auch hier der Stern eines kleinen Vereins vom Lande auf.

Noch 1931 hatte der TuSpV Naunheim als Bezirksmeister in der Kreismeisterschaft Lehrgeld zahlen müssen, doch ein Jahr später gelang der große Wurf. Erst am  1.November  1924  war  der 1906 gegründete Turnverein  dem  ATSB unter  dem  Namen „Turn- und  Spielverein“ beigetreten. „Aus  heutiger  Sicht  eine  richtige  Entscheidung,  da  dieMehrzahl der Mitglieder Arbeiter sind.“ Nachdem die Fußballmannschaft in den Folgejahren einen rasanten Aufschwung genommen hatte, holte man sich 1932 mit nur einer Niederlage aus 16 Spielen überlegen die Gruppenmeisterschaft in der inzwischen wieder eingeführten  Kreisklasse.

Auch  in  der Kreismeisterschaft gab  es  für  die  favorisierten  Frankfurter  Vertretungen bei den heimstarken Naunheimern nichts zu holen. Der VfL 1913 Bornheim unterlag zum Auftakt mit 2:5, die FT Bockenheim mit 2:8. Die Begeisterung war riesengroß und die drei  Kreisspiele  zogen  rund 7000 Zuschauer an. Dabei zählte  die  Gemeinde  keine  2000  Einwohner. Zum ersten Spiel um die Süddeutsche Meisterschaft wich man nach Gießen aus, wo  über  5000 Begeisterte ein  6:3  gegen den Pfalz-Meister Kickers Ludwigshafen sahen. Im Halbfinale beim württembergischen Meister VfL Neckargertach hielt man bis zur Halbzeit mit (1:1), doch dann fielen „in der zweiten Hälfte die Tore rasch aufeinander“. Trotz einer 2:6-Niederlage „behielt Naunheim eine ganz vorzügliche sportliche Haltung.“  Die  Kreismeisterschaft  gilt  bis  heute  als  Höhepunkt  der  Vereinsgeschichte. 

Die Vereinschronik  berichtet  weiter,  dass  Hermann  Schäfer  und Heinrich Bill „zu  einem Kursus und  anschließendenSpielen  nach  Wien  eingeladen“wurden und „Adolf Kern ... zu einem Lehrgang an die Bundesschule des Arbeitersportsnach Leipzig“ fuhr. Kern (1905 –1985) war 1924 Übungsleiter  der  neugegründeten Sparte Frauenturnen, als rechter Läufer Mitglied der Meistermannschaft 1932, bereits vor 1933 SPD-Gemeindevertreter,  nach  1933  Vereinskassierer, von  1946  bis  1971  Bürgermeister und 1951/52 auch Vorsitzender  des  Klubs,  dem  die durch die nationalsozialistische  Machtübernahme 1933 „geforderte Auflösung nach dem Prinzip der Gleichschaltung und [die]anschließende  Neugründung ... einen  herben  Schlag[versetzte]. 

Am 24.8.1933 erscheinen nur etwa 40 Personen bei der Gründungsversammlung in der Gastwirtschaft Jakob Bill.  Nur  22  Männer  tragen  sich  als  Mitglieder  ein.“ Am  10.  Oktober 1945 gründeten 47 Einwohner den Verein neu.

 

Richard Rau war einer der bekanntesten deutschen Leichtathleten seiner Zeit und Olympia-Teilnehmer 1912 in Stockholm. 1920 inserierte sein Sporthaus auch im Berliner "Arbeiter-Sport".

 

 

Arbeiterfußball-Vereine in den ländlichen Regionen des 9. Kreises

 

Das  Beispiel  Naunheim zeigt,  dass  auch  in  Orten  mit  geringer  Einwohnerzahl  große Leistungen erbracht wurden. Daher soll nun nach Betrachtung der „Spitzenvereine“ ein Blick geworfen werden auf die große Masse der „kleinen“ Vereine, die auch im Arbeiterfußball die Basis der  Bewegung  bildeten. In  seiner  Anfangsphase  hatte  sich  der  AT(S)B  nämlich  durch Ablehnung  des  Leistungsgedankens vom „bürgerlichen“ Sport mit  seinem  Auswüchsen  des Individualismus und der „systematischen Züchtung von Kanonen des Sports“ abgegrenzt.

Mit dem Anwachsen der Mitgliederzahlen in der Weimarer Republik und der zunehmenden Popularität des Fußballs auch innerhalb des ATSB wurde es aber immer schwieriger, diesem Anspruch in  der  Realität  gerecht zu werden.  Längst  waren  die  Top-Arbeiterfußballer ins Blickfeld „bürgerlicher“ Vereine geraten und ständigen Abwerbungsversuchen ausgesetzt. So musste  man  auch  in  der  Fußballsparte  den  Leistungsgedanken  akzeptieren,  was  im  9.  Kreis 1927 zur Einführung der bezirksübergreifenden Kreisklasse führte. Doch neben den anfangs 21 (später  36) Kreisligavereinen  gab  es  zwischen  Rheinhessen und  Marburg,  Odenwald  und Dilltal Dutzende von Vereinen, die auf Bezirksebene Woche für Woche dem Ball nachjagten. 

Diese  Entwicklung ist  auch in der  Berichterstattung sowohl in der lokalen (Arbeiter-) Presse als auch in der "Freien Sportwoche" zu beobachten. Noch 1920 galt die Prämisse „Unwahres, Selbstverständliches und Ueberflüssiges lasse man von vornherein weg. Schade um die Tinte.“ Dazu gehörten auch  Minutenangaben bei Toren, denn „die Wichtigkeit des Momentes liegt nicht in der Zeit, die Erde bleibt auch nicht stehen“.

Unterlassen werden sollten auch „alle Lobhudeleien und hervorhebenden Namensnennungen ... Im Rahmen des Arbeitersports soll es keinen Personenkultus geben.“ Getadelt wurde auch die Einsendung von Mannschaftsbildern. „Ehe mal ein solches Verwendung finden kann,  ist  die Mannschaft  schließlich  nicht  mehr  zusammen,  das  Bild  wertlos und  die  jetzt hohen Ausgaben  für  Autotypien  besser  für  belehrende  Bilder  angewandt.  Besser  ist, einen Moment  aus  dem  Spiel  bildlich  zu  bringen.  Mit  1/250  Sekunde  gearbeitet,  ist  der  Erfolg  sicher. Auch vier Jahre später stand die Pressearbeit der Vereine weiterhin in der Kritik. „Warum liest man so wenig vom Arbeitersport in der Presse? Ist unter den vielen Tausend Arbeitersportlern  wirklich niemand,  der  in  einem  vernünftigen  Deutsch  einen  genießbaren Aufsatz  über  eure Veranstaltungen und Ziele schrieben kann?“ Da aber „gewöhnlich ...  in der Generalversammlung ein Genosse so lange gedrängt [wird], bis er sich das Amt des Pressewartes aufhalsen  läßt“,  wird „der so gepreßte Genosse ... in den meisten Fällen nur das allernotwendigste  arbeiten.  Hier  muß  der  Hebel  angesetzt  werden.  Es  muß  sich  in  jeder Sparte ein Genosse finden, der freiwillig Berichte und Aufsätze schreibt.“

Doch anscheinend stieß der Appell auf taube Ohren, denn am 30.September 1925 bemängelte Karl Krebs in  der "Freien  Sport-Woche" erneut die  mangelhafte  Berichterstattung  im  9. Kreis. „In der Berichterstattung war wieder mal der Sonntag einer der schwärzesten. Bericht erstatten heißt schnell  und  pünktlich  arbeiten.  Es  muß ...  mehr  als  seither  darauf  hingewirkt  werden, daß  die  Partei- und  Gewerkschaftsgenossen  die  Plätze  der  Arbeitersportvereine besuchen.“

Im Geschäftsbericht 1928/29 „35 Jahre 9. Kreis“ betont Heinrich Sorg die wichtige Rolle der Kreispresse, ohne die „heute kein geregelter Verkehr im Kreisgebiet“ möglich  sei. Eine „wahllose Vermehrung der Bundespresse“ wurde aber abgelehnt, da „der Schwerpunkt der  gesamten Agitation  und  Vorwärtsentwicklung  heute  mehr  denn  je  in  dem  Verein  und den untersten Organisationsmitgliedern liegt“. Eine Bundeszeitung müsse „so ausgestaltet werden,  daß  alles, was  die  Bundeszentrale  den  Bundesmitgliedern  mitzuteilen  hat,  hierin Raum finden kann. Stünde einer solchen Bundespresse ... eine gut entwickelte Kreispresse zur  Seite,  hätten  wir,  in  Verbindung  mit  den Tageszeitungen,  ein  Pressenetz,  daß  nicht  nur innerorganisatorisch  allen  Anforderungen  gerecht  werden  könnte,  sondern  auch  dem  außenstehenden Publikum beizukommen in der Lage wäre.“

Zumindest  im  Rhein-Main-Gebiet  muss  es  diesen Idealzustandzeitweise gegeben haben. Neben der Bundespresse erschien auf Kreisebene bis 1926 die von  Karl  Krebs  herausgegebene  Wochenzeitung "Arbeitersport",  die  ab  1926  von  Heinrich Sorg  unter  dem  Titel "Freier Sport" als „Offizielles  Nachrichtenblatt für  die  gesamte  freie  Sportbewegung  in  Hessen  und  Hessen-Nassau“ weitergeführt wurde.

Die Berichterstattung über den Arbeiterfußball im 1. (Darmstadt/Groß-Gerau), 2. (Frankfurt) und 4. Bezirk (Offenbach/Hanau) kann man ab Mitte der 1920er Jahre zunehmend als „gut“ bezeichnen. Aus  dem  Jahr  1930  existieren  außerdem  im  Bundesarchiv  Berlin 13  Ausgaben von "Der  Rote Sportler", dem Organ der IG für Hessen-Nassau und Westbayern. Im September und Oktober wurden  dort  die  Tabellenzwischenstände  aller  Gruppen  des  1.,  2. und  4. Bezirks  veröffentlicht. Über die Probleme im 5. Bezirk (Wiesbaden/Mainz) im Zusammenhang mit der (Wiesbadener) Volksstimme" wurde  schon  anfangs  berichtet.

Hilfreich – zumindest  für  die Jahre 1931  und 1932 – ist  der  Sportteil  der "Sozialistischen Arbeiter-Zeitung",  die  über  das  von  der Friedrich-Ebert-Stiftung  und  der Uniwersytet Wrocławski gemeinsam initiierte „Portal Breslauer Arbeiterbewegung“ in digitaler Form eingesehen werden kann.

 

 

Zu den Problemfeldern gehörten die Randgebiete des 9. Kreises, so der Odenwald, wo 1922/23 kurzzeitig  der 7. Bezirk  bestand,  der  aber  nur  1922  mit dem dem  AC  Teutonia Münster  einen  Bezirksmeister  ermittelte,  dessen  Beteiligung  an  der  Kreismeisterschaft (vermutlich gegen  Borussia  Mainz-Kastel)  aber (noch) im  Dunkeln  liegt.  Die  heutige Freie Sportvereinigung 1899 Münster knüpft an die Tradition der Teutonia an, wie der 1.Vorsitzende Hans-Peter  Samoschkoff auf  Anfrage  mitteilte.

WenigeKilometer  südlich  liegt  die  heute  zu Reinheim gehörende Ortschaft Ueberau, wo der 1919 gegründete Arbeiter-Sportverein „ein Kristallisationspunkt der lokalen Arbeiterbewegung [war]. Als Mitglied der 1930 gegründeten »Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit«  war  der  Verein  nach der  Machtübernahme  der Nationalsozialisten dem Terror der NS-Organisationen ausgesetzt.“

Seit 1919 bildete der Wetteraugau den 6. Bezirk des 9. Kreises. In einem Schreiben des Staatskommissars  für  das  Polizeiwesen  in  Hessen  an  das  Kreisamt  in  Friedberg  vom  6.Juni 1933  werden  30  Arbeiter-Turn- und Sportvereine genannt, „deren Vermögen ...  sicherzustellen“ sei. „Falls das Verzeichnis nicht vollständig ist, wollen Sie berichten.“

Der "Oberhessische Anzeiger" veröffentlichte am 24. Januar 1934 eine Liste von 72 Vereinen und Organisationen  aus 27  Städten  und  Gemeinden  des Kreises Friedberg,  dessen  Vermögen  auf Grund des „Gesetzes über die Einziehung von volks- und staatsfeindlichen Vermögens“ vom 14.Juli 1933 beschlagnahmt „und in das Eigentum des Landes Hessen überführt“ wurde.

Im „Vorkriegsarchiv Wetterau“ findet man weitere Artikel über den Arbeiterfußball im Landkreis, den letzten am 10. Mai 1933 über ein Freundschaftsspiel des ATSV Nieder-Florstadt mit Dietzenbach, dem„Kreismeister des 9. Kreises“ (4:4).

Zwei  Wochen später gab es den ATSV Nieder-Florstadt nicht mehr. Um seiner Auflösung zuvorzukommen, schloss sich der Verein der Turngemeinde an, die „jetzt der DT. angehöre und demzufolge auch  das Führersystem Platz  greife.  Eine  Gleichschaltung  erübrige  sich,  da  der Gesamtvorstand  auf  nationalem  Boden  stehe  und  schon  immer  gestanden  habe. Die Mitglieder  des seitherigen  Arbeiter-Turn- und  Sportvereins  stellten  verschiedene  Anfragen, die bald  in  zufriedenstellender  Weise  geklärt  werden  konnten.  Auch  der  inzwischen eingetroffene  kommissarische  Bürgermeister  Hübner  hieß  den  Zusammenschluß  der Turnvereine  willkommen.“ Allerdings konnte man „ueber die Fußballfrage ... eine restlose Einigung nicht erzielen.“

Trotz dieser scheinbaren Billigung von oben blieben die Nieder-Florstädter Arbeitersportler weiter  im  Visier  der  neuen  Machthaber, und der  Verein stand  sowohl  auf  der  Liste des Staatskommissars  vom  6. Juni  1933  als  auch  auf  der  im "Oberhessischen  Anzeiger" vom 24. Januar 1934 veröffentlichten Aufstellung des Kreisamts Friedberg.

Ausgesprochen unbefriedigend ist die  Quellenlage  für  die  frühe  Zeit  im 3. Bezirk, obwohl  hier  Walter Bernsdorff bereits 1983 einen Beitrag „über fast vergessene Arbeiter-Fußballer in Marburg“ veröffentlicht hatte. Schon damals musste er freilich feststellen, dass „die Jahre vor dem 1.Weltkrieg noch ganz im Dunkeln“ liegen und es auch „aus den ersten Jahren  nach dem Kriege ...  keine zuverlässigen Nachrichten“ gibt. Denn weder die "Freie Sport-Woche" noch die Marburger Zeitungen berichteten ausführlich über den 3. Bezirk. Für die Jahre 1921 und 1922, in denen der MTV Marburg Bezirksmeister war, fanden sich in der "Oberhessischen Zeitung" nur vier Artikel über ihn. So ist weiterhin unklar, warum der Verein 1921 nicht an der Kreismeisterschaft  teilnahm. Die "Freie Sport-Woche" veröffentlichte  am 23. Februar  1921 kommentarlos einen  Spielplan  ohne  den  Vertreter  des  3. Kreises.

1922 spielteMarburg in Friedberg gegen die FTG Mörfelden. Das  Spiel  ist  im "Oberhessischen Anzeiger" vom 9. März  1922  angekündigt,  das  Ergebnis  jedoch nicht überliefert. Da Mörfelden bis ins Kreisendspiel  vordrang,  ist  von  einer  Marburger  Niederlage  auszugehen. Die "Oberhessische  Sportzeitung" berichtete  gar  nicht  über  den  Arbeitersport. Der MTV Marburg taucht dort ab der Ausgabe Nr.3 (14.September 1920) lediglich in der Rubrik „Vereinskalender“ auf. So wurde in der Nr.5 (21.September 1920) zu einer Vorstandssitzung am 23.September in „Dörrs Bierhaus (Vereinslokal)“ geladen und ab der Nr.6 (23. September 1920) auf die Turnstunde verwiesen, die „jeden Montag in der Oberrealschule von 7 ½ – 9 ½ Uhr“, ab Januar 1921 „jeden Dienstag und Freitag in der Turnhalle der Südschule“ abgehalten wurde.

Überhaupt  gehörte der  3. Bezirk  in  Bezug  auf  den  Fußball  zu  den  Spätentwicklern  im 9. Kreis. DerATSB-Geschäftsbericht für 1920 führt mit der Freien Turnerschaft Gießen lediglich eine  Vereinigung mit  Fußball-Abteilung,  in  der  40 der insgesamt 180  Mitglieder aktiv  waren. Kein  Wunder,  dass Gießen  im  Spieljahr  1919/20  an  den  Serienspielen  des 2. Bezirks teilnahm. Aus  diesem  Grund  ist auch  wenig  wahrscheinlich, dass  1920 ein  Arbeiter-Fußballverein  aus  dem  Dillkreis  Bezirksmeister  war.

Der  heutige  Ortsteil  Offenbach der  Gemeinde Mittenaar zählte  1910  799  und  1925  906 Einwohner. 28  von  ihnen hatten am 20.Juni  1914  den  Turnverein  Jahn Offenbach gegründet. Im Juli 1920] wurde der erste Fußball angeschafft, bereits im Oktober konnte das zweite Exemplar gekauft werden.“ Ab  1922  nahm der TV Jahn an  den  Punktspielen  im „bürgerlichen“ Westdeutschen Spielverband teil. 

Der  ATSV  Herborn nahm  1923  als  Meister  des  3. Bezirks  an der  Kreismeisterschaft  teil und unterlag dort am  11. März  dem  späteren  Kreismeister  FT  Frankfurt, Abt. 2 (Westend) in Friedberg mit 0:8. Ein Foto der  Meistermannschaft wurde 1991 imBildband  „Herborn  und  seine Stadtteile in alten Fotografien“ veröffentlicht. „Längst  vergessen“,  heißt es da, „Der ATSV Herborn  entstand – wie  der  SV Herborn – 1920 und wurde nach  der»Machtergreifung«Hitlers 1933 aufgelöst.“ Recherchen in der regionalen Presse brachten keine neuen Erkenntnisse, obwohl  sowohl die "Dill-Zeitung" als auch das "Herborner  Tageblatt" amtlichen  Charakter  hatten.  Im  Frühjahr  1920  gehörten  die  Schlagzeilen  dem  Kapp-Putsch, im Frühjahr 1923 der französischen  Besetzung  des  Ruhrgebiets  und der Hyperinflation.  Sportmeldungen  sind sehr selten. Zwar  gibt  es  Hinweise  auf Veranstaltungen der örtlichen SPD und USPD, Arbeitersport sucht man allerdings vergeblich. 

Uli Matheja (Erstveröffentlichung im Hessen-Almanach 2013) 

 

 

Anmerkungen:

  1. Neben den im Rahmen dieses Beitrags verwendeten Arbeiten seien genannt: Bernd Ph. Schröder: "Arbeitersport, Waldstadion und Arbeiter-Olympiade in Frankfurt am Main. In Erinnerung an den Frankfurter Arbeitersportler und Olympiateilnehmer Franz Caspari (1898 – 1978)" in: "Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst", Verlag Waldemar Kramer, Band 57, Frankfurt 1980, S. 209-217; Lothar Wickermann: "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel" in: "Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 36/1986", S. 275 – 316; Die Wurzeln des KSV Baunatal im ATSB zeigt Hartmut Schäfer auf: „Der Tradition verpflichtet, für die Zukunft gerüstet“ in: Franz Nitsch; Rolf Lutz (Hg.): "Sport, Bildung und Demokratie. Fünfzig Jahre 'Sport für alle' im Landessportbund Hessen", Schüren Presseverlag, Marburg 1996, Band 1, S. 94 – 97; Ein Vortrag von Klaus J. Becker, Stellvertretender Archivleiter des Stadtarchivs Ludwigshafen, zum Thema „Kampf um die Klasse. Arbeitersport in Ludwigshafen am Rhein“ (2010) ist als PDF hier zu finden.
  2. J. Zündorf: Stuttgart bringt die Neugründung des DFB, in: „Der Fußball-Sport“, 4. Juli 1949, S. 8
  3. Carl Koppehel: "Geschichte des Deutschen Fußballsports", S. 214/215
  4. vgl. Horst Ueberhorst: "Frisch, frei, stark, treu", S. 280
  5. ebenda, S. 279
  6. ebenda, S. 281
  7. "Der  Fußball-Sport" vom  23.Oktober  1950,  S.  2
  8. Ulrich  Preussner: "Fußball  im  einstigen  Arbeiter-Turn- und Sportbund"  in: "50  Jahre Deutscher Fußball-Bund", S. 224
  9. "60 Jahre DFB", S. 36
  10. "100  Jahre  DFB",  S.  285,  287/289  (Klein);  S.  291/292,  295  (ATSB).  Allerdings  sucht  man den ATSB im Register vergeblich.
  11. Heinrich Sorg: "Ein Leben für den Sport", S. 10
  12. Lars Geiges, S. 16 f.
  13. "150 Jahre Turngemeinde Bornheim", S. 35
  14. "60 Jahre SG Bornheim/Grün-Weiß", S. 12
  15. Ulrich Matheja: "Arbeiterfußball in Hessen, Teil I",S. 221/222 und Anmerkung
  16. SpVgg03 Neu-Isenburg: "Geschichte: Wenn ein Verein auf 100 Jahre zurückblicken kann"; TSG  1885 Neu-Isenburg: "Vereinschronik  unserer Fußballabteilung",  in: "Monatliche  Mitteilungen", Oktober 1955, S. 3, TSG 1885 Neu-Isenburg: "Die Fusion. Die Freie Turnerschaft"; "Frankfurter Rundschau" vom 11. November 1945
  17. Kyra T. Inachin: "Lampertheim in der Weimarer Republik und im Dritten Reich", S. 281

 

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