SC 1926 Kassel, nicht gerade das Aushängeschild des ATSB

 

Das Anwachsen der Arbeitersportbewegung in den 1920er Jahren brachte auch unerwünschte Begleiterscheinungen mit sich, wie die kurze Geschichte des SC 1926 Kassel zeigt, die kein „Happy End“ hatte. 

Den ATSB-Beitritt mit 27 Mitgliedern am 19. Januar 1927 gaben sowohl Arbeiter-Turn- und Sport-Zeitung als auch Freie Sportwoche bekannt. Am 20. April 1927 meldete die Freie Sportwoche kommentarlos ein 2:2 zwischen Kreismeister FT Bettenhausen 1895 und „1926“.  Danach vergehen fast zwei Jahre, bevor der SC 1926 im „Verlauf der ersten Runde im 1. Bezirk“ wieder in einem Artikel der FSW erwähnt wird: „In der 1. Abteilung steht Sportklub 1926 an der Spitze und es ist zu erwarten, daß, wenn nicht besondere Umstände eintreten, die Mannschaft sich auch in der kommenden zweiten Runde durchsetzen wird.“

Im gleichen Text wurde aber auch auf die Disziplinlosigkeit von "1926" verwiesen, speziell im Spiel gegen Vorwärts, das zwei Minuten vor Schluss beim Stand von 1:2 abgebrochen worden war, „weil einige Spieler von 26 den Schiedsrichter schlugen! . . . (Das ist doch wohl unmöglich. Die Schriftleitung)“ 1 

Disziplinlosigkeit war jedoch  nicht nur ein Problem des SC 1926. Der Start der zweiten Serie war für den Berichterstatter der Freien Sportwoche „kein verheißungsvoller Anfang“. Man müsse „den Mannschaften klarmachen, warum wir überhaupt Sport treiben. Es geht nicht an, daß sich die Spieler auf dem Spielfelde als Feinde betrachten. . . . Man sollte nicht davor zurückschrecken, mal dem einen oder anderen Verein ein ganzes Jahr Sperre aufzuhängen. Denn es ist unserer Bewegung letzten Endes dienlicher, mit wenig Vereinen gut zu bestehen vor der Öffentlichkeit, als uns mit vielen zu blamieren, die die Grundideen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes bei weitem noch nicht erkannt haben. . . . Wir als Arbeitersportler betreiben nicht den Sport um Meisterehren, sondern um des Sportes und um unserer Gesundheit und Arbeitsfähigkeit willen.“ 2 

 

Gründungsmannschaft des FC Sportfreunde 1924 Ostheim (Frank Wagner, Nidderau)

 

Doch letztlich war es vor allem der SC 1926, dessen Spiele „auf Grund der robusten Spielweise, der mangelnden Disziplin und des unsportlichen Benehmens in der Arbeiterpresse negative Beachtung fanden.“ 3  Nach einem Platzverweis im Kreisendspiel gegen die SpVgg Eschwege (2:0)  rügte die Freie Sportwoche „Kassels körperliche Spielweise und mangelnde Disziplin . . . Die Mannschaft wird in den bevorstehenden Spielen alles daran zu setzen haben, den von ihr am 2. März gewonnenen ungünstigen Eindruck gutzumachen. Meister sein verpflichtet zu musterhaftem Benehmen.“ 4

Doch auch im Spiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft gegen den SC Obersprockhövel (2:3) „glauben einige Spieler von 26 das mangelnde Können durch eine Spielweise ausgleichen zu müssen, wie wir sie im Arbeiter-Turn- und Sportbund nicht dulden werden“.Die Freie Sportwoche ging noch einen Schritt weiter und forderte, „solchen Vereinen für die Zukunft den Weg [zu zeigen,] den sie zu gehen haben. . . . Scheut euch nicht zurück, wenn es sein muß, einmal einen ganzen Verein für eine Serie kaltzustellen. Dann erst wird sich bei denen zeigen, inwieweit sie überhaupt mit unserer Bewegung verwachsen sind. Machen wir einmal ganze Arbeit und schalten wir die Schädlinge aus unserer Bewegung aus. Das eine bleibt fest: mit dem Spiel gegen Obersprockhövel hat sich Sportklub 26 keine Achtung erworben.“ 6 

Es sollte keine leere Drohung bleiben. Am 23. April 1930 meldete die Arbeiter-Turn-Zeitung den Ausschluss des SC 1926 Kassel, der sich daraufhin der kommunistischen Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport anschloss.7 In der ganzen Diskussion ging fast unter, dass das Kasseler Volksblatt die Aufstellungen des SC 1926 vom Kreisendspiel und von der Begegnung mit Obersprockhövel veröffentlicht hatte. Gegen Eschwege spielten die Kasseler in Blau-Weiß-Schwarz mit Dietzel, H. Rehm, Fr. Müller, Boller, L. Kellner, Th. Rehm, Fr. Klein, Chr. Kellner, Alb. Kellner, H. Klein und K. Kellner. Gegen Obersprockhövel gab es zwei Änderungen. Im Tor stand Müller (ohne Vornamenskürzel) und auf halblinks spielte Witzel.8

 

KPD-Wahlkampf durch die Spieler der SG Griesheim und ihrer Gäste zur Reichstagswahl, 1932

 

Der Übertritt zum Rotsport scheint nicht von langer Dauer gewesen sein, denn am 25. Februar 1931 gab die Arbeiter-Turn- und Sport-Zeitung den Wiedereintritt des SC 1926 mit 23 Mitgliedern in den ATSB bekannt. Der Klub konnte jedoch nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. So hieß es am 11. Mai, dass „Spkl. 1926 ... nicht so recht in Schwung kommt“ und „von den bisherigen Spielen . . . noch keines gewinnen“ konnte. Ende August wird der Klub im 1. Bezirk als letztes von neun Teams genannt, und im November bildeten FV Großenritte, Immenhausen und "1926" den Schluß.9

Bei der Neueinteilung der Spielklassen im April 1932 fehlte der SC 1926. Er hatte inzwischen erneut die Fronten gewechselt und die kommunistische Fußball-Meisterschaft von Hessen-Waldeck gewonnen. In den Spielen um die Westdeutsche KG-Meisterschaft unterlag „1926“ am 17. Juli 1932 dem Ruhrgebietsmeister BV Gelsenkirchen-Bismarck Ost mit 5:9. Das KPD-Zentralorgan Die Rote Fahne veröffentlichte dazu einen Vierzeiler. Die Neue Arbeiter-Zeitung, Organ der KPD für die Gebiete Hannover-Braunschweig, Westfalen-Lippe und Hessen-Waldeck, berichtete nicht über das Spiel. Über das weitere Schicksal des Klubs konnte nichts in Erfahrung gebracht werden, vermutlich erlosch er 1933.

Uli Matheja

 

 

 

Quellen:

1   Freie Sportwoche vom 29. Juli 1929        

2  Freie Sportwoche vom 16. September 1929 

3 Lothar Wickermann, "Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel", S. 314

4   Freie Sportwoche vom 3. März 1930 

5   Kasseler Volksblatt vom 24. März 1930

6   Freie Sportwoche vom 31. März 1930

7   Der Rote Sportler vom 27. Mai 1930

8   Kasseler Volksblatt vom 2. und 24. März 1930

9  Freie Sportwoche vom 11. Mai, 31. August und 9. November 1931

 

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© Christian Wolter