Arbeitersportvereine im Ruhrgebiet „Tor und Titel vollkommen gleichgültig“

 

„Es ist vollkommen gleichgültig, ob man in Düsseldorf, Bochum oder Köln durch irgendein Tor irgendwelche Meisterschaft errang. Wichtig ist, wie man spielt, wie man sich benimmt, wie man Arbeitersport zeigt und wie man den notwendigen werbenden Eindruck auf dem Sportplatz erzielt,“ schrieb die von 1921 bis 1933 erschienene Zeitschrift „Volkssport“ im Jahr 1928.
Der Arbeitersport, in dem um 1930 an die 140.000 Aktiven in über 8.000 Mannschaften Fußball spielten, galt neben der der SPD, den Freien Gewerkschaften und den Konsumgenossenschaften als „vierte Säule“ der Arbeiterbewegung. Der Arbeiter-Turner-Bund (ATB) war 1893 als Alternative zur kaisertreuen, sozialistenfeindlichen und deutschnationalen Deutschen Turnerschaft (DT) entstanden. „Sportliche Sensationen“, Rekordjagd, „Starkult“, Geschäftemacherei und „Nationenrummel“ lehnte man ab. Zwar verschrieb sich der Verband später auch dem Wettkampf-Prinzip, doch galten nach wie vor Breitensport, Fairness, Kameradschaft und Internationalismus als wichtig. Hinzu kam die politische Erziehung im Sinne des demokratischen Sozialismus, wie ihn die SPD damals vertrat.
Nach dem Ersten Weltkrieg öffnete sich die Massenorganisation spät, doch nicht zu spät dem Fußballsport, an dem die „Turner-Fraktion“ zuvor keinen Gefallen gefunden hatte. Hochburgen der linken Sportler, die Großereignisse wie die Arbeiterolympiaden 1925 in Frankfurt/Main und 1931 in Wien sowie die Bundesfeste 1922 in Leipzig und 1929 in Nürnberg feiern konnten, waren Berlin, Hamburg, Leipzig und Dresden. Die sogenannten Russenspiele 1926/27 gegen Vertretungen der Sowjetunion galten als fußballsportliche Sensation. Die Bundesauswahl (= ATSB-Nationalmannschaft) trat bereits gegen die einstigen „Feindstaaten“ aus dem Ersten Weltkrieg an, als der DFB derlei Vergleichen noch aus dem Weg ging. Und es war der Arbeitersport, der 1932/33, lange vor der 1954 entstandenen UEFA, die erste Fußball-Europameisterschaft veranstaltete.

 

Noch steht der Fußball an letzter Stelle – Programm des ATV Dortmund von 1921. (Archiv Verlag Die Werkstatt Göttingen)

 

Das Ruhrgebiet – „schwer zu beackern“

Man sollte annehmen, eine Industriezone wie das Ruhrgebiet mit Hunderttausenden Arbeitern sei ein ideales Terrain gewesen, um eine starke Gefolgschaft für den Arbeitersport zu rekrutieren. Dem aber war nicht so. Schon 1911 wurde im Mitteilungsblatt des 6. ATB-Kreises Rheinland-Westfalen erklärt: „Der Mutterboden für die Arbeiterturn-Bewegung ist äußerst ungünstig und schwer zu beackern.“ Noch in den 1870er Jahren galt die Gegend als „Notstandsgebiet der Sozialdemokratie“. Mit Ausnahme der SPD-Hochburgen qualifizieren Historiker das Ruhrgebiet als „verspätete Region des Arbeitersports.“ 
Denn große Teile der Arbeiterschaft waren durch den Katholizismus geprägt, der neben seinem weit verbreiteten Vereinswesen 1920 auch eine eigene Sport-Organisation gründete: Die Deutsche Jugend-Kraft (DJK), in der ATSB-Zeitschrift „Freie Sportwoche“ 1931 als „die schwarze Gilde“ bezeichnet. In der Festschrift „25 Jahre Arbeitersport in Essen“ ist drastisch festgehalten, wo außer dem DFB noch der Gegner stand: „Die Angriffe des pfäffischen Muckertums sind wir gewöhnt“, hieß es. Nun aber griff nach dem Prinzip „soziale Fürsorge“ die Großindustrie auch auf den Freizeitbereich der Lohnabhängigen zu. So bezeichnete denn der Arbeitersport „den Werksfaschismus mit seinen nationalistischen Sportgarden“ als „neuen Feind“. Das Deutsche Institut für technische Arbeitsschulung (DINTA) propagierte damals im Sinne der Industrie den „neuen Typ des deutschen Arbeiters“. Dessen sportliche Aktivitäten sollten die Produktivität im Betrieb steigern. Weshalb die Krupp-Zeche 1928 den Klub TuS Helene Essen ins Leben rief, sich der SV Bergbau 1D6 Hamborn gründete, der SV August Thyssen-Hütte, die Werksjugend des Schalker Vereins und Blau-Weiß Gelsenguss der Gussstahlwerke Gelsenkirchen entstanden. Ein Organisations-Problem für den Arbeitersport bedeutete zudem die häufige Fluktuation seiner potentiellen Mitglieder, sei es durch Wohnort- oder Arbeitsplatz-Wechsel. 

 

"Arbeitersport Werksport - So oder So?" und "8 Stunden genug geschunden!". Reklamewagen mit Pferdeantrieb am 1. Mai 1927 in Berlin. (Freie Sport-Woche)

 

Ein weiteres Problem: Die Arbeits-Immigranten aus den preußischen Ostprovinzen und Polen besaßen eine eigene kulturelle wie auch sprachliche Identität. „Viermal gehen sie in die Kirche und fünfmal sind sie betrunken“, klagte ein Gewerkschaftsvorsitzender aus Herne. All die Szepan, Kuzorra, Kalwitzki, Tilkowski, Kelbassa, Kwiatkowski, Tibulski, Burdenski, Kapitulski, Koslowski, Zielinski etc. etc. fand man dann in den Meister-Mannschaften des DFB aus den 1930er, 1940er und 1950er Jahren wieder, kaum aber im Arbeiterfußball. 

Folge der geschilderten Entwicklung: Westfalia Schalke aus Gelsenkirchen, Vorläufer von Schalke 04, war zwar ebenso ein Arbeiterverein wie der SV Vogelheim 07 (später Rot-Weiss Essen) und Hamborn 07, doch gehörte keiner dieser Vereine dem Arbeitersport an. Und der Dortmunder Klub SpVgg Hombruch/Barop 08 (heute FV Hombruch 09) hatte im Jahre 1933 mehr SPD-Mitglieder in seinen Reihen als der Arbeitersportverein Barop 96, nahm aber am DFB-Spielbetrieb teil. 
Wie oben erwähnt, hatte der ursprüngliche Arbeiter-Turnerbund den Fußballsport lange vernachlässigt. Man hielt den Ballsport für eine „einseitige Betätigung“ und nicht mit den Grundprinzipien des Turnens vereinbar. Sogenannte Spielvereine wurden erst ab 1909 aufgenommen, erste Fußball-Serienspiele fanden 1910 in Berlin statt. Nachdem man sich 1919 in Arbeiter-Turn-und-Sportbund (ATSB) umbenannt hatte, brach sich der neue Volkssport Bahn. 1920 wurde die erste Bundes-Meisterschaft (= Deutsche Meisterschaft) ausgetragen, und ab 1921 war Fußball eine eigenständige Sparte des ATSB. In Herne z.B. gründeten fast alle Arbeiter-Turnvereine Fußball-Abteilungen. Zusätzlich entstanden reine Fußballklubs wie Vorwärts Herne 07 in der Freien Sportvereinigung Einigkeit Herne 07, der FSV Sodingen und VfB Grün-Weiß Wanne-Eickel. Nach unterschiedlichen Angaben dürften etwa 20 Prozent der Fußballer im Ruhrgebiet im Arbeitersport organisiert gewesen sein. 

 

ATV Dortmund gegen (vermutlich) SC 1912 Elberfeld (heute Wuppertal) auf dem Sportplatz Fredenbaum in Dortmund-Nordstadt, nach dem Platzbesitzer ASV Roland von 1898 auch “Rolandsplatz” genannt. (Fritz-Hüser-Institut Dortmund)

 

Die drei Nordwest-Meister

Organisatorisch zählte das Ruhrgebiet zum 6. Kreis Rheinland-Westfalen des ATSB, der in 14 Bezirke unterteilt war, zu denen auch das eher schwach vertretene „Schmerzenskind“ („Freie Sportwoche“ 1931) Neuwied/Koblenz gehörte. Nach Durchführung einer regionalen Fußballmeisterschaft durfte der 6. Kreis einen Vertreter für die Endrunde um den Titel von Nordwestdeutschland abstellen.

Zu diesem Bereich gehörten mit Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Hessen-Nassau fußballerisch spielstarke Gebiete, so dass es Mannschaften aus Rheinland-Westfalen von 1920 bis 1932 lediglich dreimal gelang, den Nordwest-Titel zu gewinnen und ins Halbfinale der Bundesmeisterschaft vorzustoßen: 1924 durch die FT Gerresheim aus dem Viertel um die bedeutende Glashütte in Düsseldorf, 1926 durch den FSV Laer aus Bochum und 1928 durch Preußen Altenessen. Ein mögliches Weiterkommen von Eintracht Eving-Lindenhorst aus Dortmund verhinderte 1933 die Machtübernahme der Nazis. Die Endrunden wurden im K. o.-System ausgetragen. Spiele begannen und endeten mit dem gemeinsamen Ruf „Frei heil!“. 

 

Halbfinale Nordwestdeutsche Verbandsmeisterschaft 19. 3. 1933: ATSVgg Eintracht Eving-Lin­denhorst – Kasseler RSV Eintracht 1920 5:2 (3:1), Rolandplatz, 2.000 Zuschauer. Für beide Vereine war es wohl das letzte Spiel. (Fritz-Hüser-Institut)

 

Die Spaltung des Arbeitersports

Der Arbeitersport war allerdings nicht allein mit der Konkurrenz von DFB, katholischem Sport und Werksportvereinen konfrontiert, sondern auch mit der politischen Auseinandersetzung in den eigenen Reihen. Die Arbeiterparteien SPD und KPD standen sich Ende der 1920er Jahre in bitterer Feindschaft gegenüber – ein Konflikt, der schließlich auch den ATSB erfasste. Die KPD gab für die Sozialdemokraten die Bezeichnung „Sozialfaschisten“ heraus, die SPD wiederum nannte die Kommunisten in Anlehnung an die Nazis „Kozis“. Ebenso wie bei den Gewerkschaften – Allgemeiner Deutscher Gewerkschafts-Bund (ADGB) kontra Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) – entstand aus dem ATSB die kommunistische „Oppo“ (= Opposition). Der sozialdemokratisch ausgerichtete ATSB beschloss im Juni 1928, deren Vereine auszuschließen. Dies betraf im 6. Kreis zuerst insbesondere Düsseldorf. Doch erlebte schließlich neben Berlin (wo kommunistisch orientierte Sportklubs, darunter der größte deutsche Arbeitersportverein Fichte, dominierten) und dem mitteldeutschen Industriegebiet vor allem Rheinland-Westfalen infolge des ideologischen Richtungsstreits die gravierendsten Veränderungen. 
Per Fragebogen-Aktion versuchte die Bundesfußballsparte 1928/29 die unübersichtliche Lage zu klären. Vereine, die dabei nicht oder ablehnend antworteten, wurden umgehend ausgeschlossen. Die Spaltung des 6. Kreises Rheinland-Westfalen wurde damit Realität. Eine neue Heimat fand „die Oppo“ in der im Mai 1929 gegründeten „Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport“ (kurz: IG), die im Dezember 1930 von der „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“ (kurz: Rotsport) abgelöst wurde; beide Unternehmungen betrieb die KPD.
Nach der am 4. April 1929 veröffentlichten Erhebung per Fragebögen blieben in Rheinland-Westfalen 261 fußballspielende Vereine beim ATSB, 35 hatten gegen diesen votiert und 83 die Abstimmung boykottiert. Ob diese Zahlen realistisch sind oder aus politischen Gründen „geschönt“ wurden, wissen wir nicht. Jedenfalls verließ demnach fast ein Drittel der Fußballvereine im 6. Kreis den Bund und wandte sich der KPD zu. In Solingen blieben lediglich drei von 32 Klubs beim ATSB, in Velbert wanderte die Hälfte, nämlich 18, ab. In Gelsenkirchen lautete das Verhältnis Bund/„Oppo“ 24 zu 15, in Hamm 17 zu 7. So gut wie unberührt von der Spaltung blieben Dortmund, wo sämtliche 37 Vereine „bundestreu“ waren, und Bochum (von 19 zwei zur „Opposition“). 
Aus Hagen meldete der Bund ein Verhältnis von 19:12 zu seinen Gunsten, doch hatten nach anderen Quellen tatsächlich 90 Prozent der Vereine den ATSB verlassen, denn die Arbeiterschaft der Industriestadt galt als linksorientiert: Bei den Reichstagswahlen im November 1932 z. B. lagen KPD (28,3 Prozent) und SPD (11,0) deutlich auseinander. Für Essen, mit 654.000 Bewohnern größte Stadt des Ruhrgebiets, teilte der ATSB ein Verhältnis von zwölf zu zwölf mit, doch waren nach anderen Angaben lediglich neun Fußballvereine beim Bund verblieben und 15 hatten sich für die kommunistische Linie entschieden. Die Spaltung ging tief bis in einzelne Orte hinein: In Altenessen standen der SC Preußen 1912, SC Emschertal und Vorwärts nach wie vor zum ATSB, der „Oppo“ schlossen sich SV 1913, Schwarz-Weiß, Sparta, SC 21 Süd und Laubenhof an.

 

"Osterspiel"-Werbung von 1929 zwischen FV Hertha 22 Lichtenberg und "A.S.C. Düsseldorf (Erkrath)" im "Arbeiter-Fußball" der KPD-nahen Märkischen Spielvereinigung (MSV).

 

Tote vor dem Stadion

Die Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit war nach Auskunft ihres Leiters Ernst Grube (1890 in Neundorf/Anhalt – 1945 im KZ Bergen-Belsen) „eine überparteiliche Massenorganisation, die unverbrüchlich auf dem Boden des Klassenkampfes" stand. Während sich die sozialdemokratisch orientierten Arbeitersportler im Februar 1932 mit SPD, Freien Gewerkschaften und Reichsbanner in die „Eiserne Front“ zur Verteidigung der Weimarer Republik einreihten, waren die Rotsportler nach Parteilinie gehalten, die teils aggressive Agitation der KPD z. B. in der „Antifaschistischen Aktion“ zu unterstützen.
Ein Anlass, die Anhänger zu mobilisieren, war im Sommer 1932 die Ruhr-Spartakiade, ein Sportfest, das als „Auftakt zur Weltspartakiade“, die 1933 in Moskau stattfinden sollte, bezeichnet wurde. Die kommunistische Tageszeitung „Ruhr-Echo“ „trommelte“ unablässig für das Unternehmen und den Vertrieb von Plaketten per Akontozahlungen („wir brauchen Pulver!“). Alle Essener Stadtteile sollten an dem Ereignis teilhaben. „Platz, Straße frei! Rot-Sport marschiert!“ hieß die Parole. Als Höhepunkt war das Fußballspiel Westdeutschland gegen England am 3. Juli 1932 im Stadion „Am Krausen Bäumchen“, der heutigen Bezirkssportanlage, vorgesehen. Westdeutschland war die Fußballauswahl von Rotsport, dessen namhafte Vereine Liberté Bockum-Hövel, BV 21 Gelsenkirchen, Horst-Heßler, Dynamo Düsseldorf, Fichte Dortmund, Freiheit Eving und Olympia Dortmund hießen. Englands Vertretung bildeten Fußballer der kommunistischen British Workers Sports Federation, die aus der Sport-Sparte der sozialistischen Labour Party hervorgegangen war. 
Während nach KPD-Angaben 25.000 Zuschauer im Stadion warteten und laut „Ruhr-Echo“ „Zehntausende Spalier standen“, griff die preußische Polizei außerhalb der Spielstätte Ecke Weserstraße/Rellinghauser Straße den Aufzug an, weil „ein verbotenes Lied“ gesungen worden war. Bei den Zusammenstößen wurden ein Mitglied der Schutzpolizei getötet und 24 Arbeiter schwer verletzt. Das Polizeipräsidium brach die Sportveranstaltung ab und kesselte die Zuschauer im Stadion stundenlang ein. Tatsächlich war die Zahl der Opfer höher, als ursprünglich mitgeteilt: Infolge ihrer Verletzungen starben der Demonstrant Josef Bracht aus Rünthe und der arbeitslose „Zeche Hansa“-Bergmann Heinrich Steinweg aus Dortmund-Brakel, der als Mitglied einer kommunistischen Schalmeien-Kapelle vor Ort war.
Alle KPD-Veranstaltungen in Essen wurden daraufhin verboten, doch fand „das England-Spiel“ dennoch statt: Am 5. Juli 1932 gastierten die British Workers bei Blau-Weiß Meiderich auf dem Platz an der Meidericher Hütte und am 6. Juli im Stadion Horst in Gelsenkirchen. Bei beiden Spielen wurden Gedenkminuten für die getöteten Arbeiter eingelegt. 

 

Mannschaftsbild der Fußballer von TuS 19 Altenessen, gegründet als selbständige Abteilung aus dem Arbeiter-Turnverein Essen heraus. Der Verein besteht seit 1946 wieder im Essener Norden. (Initiative Zeche Carl e. V. Essen)

 

„Ein Russenspiel“: Ukrainer in Essen

Angesichts der teils erfolgreichen Politik der KPD im fußballerischen Bereich musste der ATSB seinen Sportbetrieb in Rheinland-Westfalen oft völlig neu organisieren. „Das Spalterwerk zerfällt“, wurde allerdings optimistisch im Frühjahr 1929 gemeldet. Die Fußballmeisterschaft im Westen, deren Endspiel der SC Obersprockhövel („der Altmeister“ mit 200 Mitgliedern und fünf Fußball-Mannschaften aus einem 1.200 Einwohner-Ort im Bergischen Land) vor 2.000 Zuschauern mit 3:2 n. V. gegen Blau-Weiß Homberg-Hochheide gewann, konnte fortgesetzt werden. 

Auch Repräsentativspiele gab  es wieder. So trat Dortmunds Stadtauswahl in Hamburg an (3:6-Niederlage vor 5.000 Besuchern). Zu Pfingsten gastierten Altona bei Dortmund-West und Eisenach in Dortmund-Eving. Stets wurde Dortmund als „der stärkste Bezirk“ gepriesen: „Zahlenmäßig und spielkulturell die beachtenswerteste Stadt im 6. Kreis, 2.000 Zuschauer sind keine Ausnahme.“ Dort existierten 55 ATSB-Fußball-Vereine. Ein Gastspiel von Wien in Dortmund-Eving zog 5.000 Besucher an. Internationale Spiele waren erneut an der Tagesordnung. Der AWV Gladbeck empfing Roode Rackers Amsterdam und Vorwärts Gelsenkirchen ebenfalls aus den Niederlanden Hilversum. 

Bereits 1926 hatte sogar eines der so genannten Russenspiele im Ruhrgebiet stattgefunden: Preußen Altenessen, späterer Nordwest-Meister, trennte sich von einer Auswahl ukrainischer Bergarbeiter aus dem Donezk-Gebiet 3:3. Diese Begegnungen galten als Sensation im Fußballsport, denn die UdSSR trat erst 1946 dem Fußball-Weltverband FIFA bei und trug ihre ersten Länderspiele gegen die Bundesrepublik Deutschland 1955 und gegen die DDR 1960 aus. Bei der Vergabe von Länderspielen der ATSB-Bundesauswahl ging das Ruhrgebiet ansonsten leer aus. Die Ausnahme bildete die Begegnung einer Dortmunder Bezirks-Auswahl am 30. Juli 1931 mit Finnland, das auf der Rückreise von der Arbeitersport-Olympiade in Wien war (4:1 für die Gäste). 

Städtespiel Dortmund - Hamburg (1:1, 3000 Zuschauer) im Stadion Rote Erde zum Rheinisch-Westfälischen Arbeiter-Turn-und Sportfest am 3. Mai 1930. Hamburg in weißen Trikots; 5. v.l. Erwin Seeler, 7. Josef Logowski (Marco Logowski, Hamburg)

 

Allerdings war auch „die Oppo“ nach wie vor präsent – und litt ebenso wie ihr sozialdemokratischer Gegenpart unter der großen Arbeitslosigkeit der Mitglieder („Fahrgeldmangel“ ließ manche Begegnung ausfallen). Da eine umfassende Aufarbeitung der Fußball-Meisterschaften von Rotsport bislang noch aussteht, sind nur wenige Details bekannt. 1931 war Horst-Heßler aus Gelsenkirchen Westmeister, 1932 folgte für das Ruhrgebiet, das bei Rotsport neben dem Rheinland einen eigenen Bezirk bildete, BV Bismarck Ost, ebenfalls aus Gelsenkirchen, das sogar das Endspiel der kommunistischen „Reichsmeisterschaft“ erreichte. In Bitterfeld unterlag man jedoch vor 4.000 Zuschauern mit 0:8 deutlich gegen die Freie Turnerschaft Jeßnitz aus der KPD-Hochburg Anhalt. Andere namhafte kommunistische Sportvereine aus dem Ruhrgebiet waren in jener Zeit Wacker Habinghorst aus Castrop-Rauxel, Einigkeit Werne, SW Karnap aus Essen und die Duisburger Einigkeit Kaßlerfeld.

Die Fußballer des ATSB besaßen seit 1932 eine eigene Zeitschrift namens „Der Fußballstürmer“, die nun endgültig die Anonymität der Arbeiterfußballer aufhob und sich in Format und Berichterstattung den weit verbreiteten Fachzeitschriften „Der Kicker“ und „Fussball“ anglich. Da sie, wie eingangs erwähnt, den „Starkult“ ablehnten, wurden im Arbeitersport vorher noch nicht einmal die Namen der Spieler genannt. Es hieß schlicht: „der Mittelläufer“ oder „der Linksaußen“. Entsprechend langweilig und stereotyp waren die Berichte von Fußballbbegegnungen. 1932 aber war sogar Herbert Schmidt von Union Bielefeld anlässlich seines 25. Länderspiels in der Bundesauswahl auf der Titelseite des „Fußballstürmer“ zu sehen. 

 

1930 marschieren die Arbeitersportler von Eintracht Eving-Lindenhorst in Dortmund zum Mendesportplatz im Fredenbaumpark in der Nordstadt. Die internationale Begegnung mit Olympia Wien sollen 5.000 Zuschauer miterlebt haben. (Fritz-Hüser-Institut Dortmund)

 

„Aus dem Haus gewiesen“

Das Ruhrgebiet stellte im ATSB zwar nie einen Bundesmeister, und es gab auch „nur“ zwei Nationalspieler in der Bundesauswahl: Otto Chrust (1909-1994), von Beruf Bergmann, von Arminia 22 Ickern aus Castrop-Rauxel wurde 1930 in der Radrennbahn Köln-Müngersdorf vor 8.000 Zuschauern gegen Österreich (1:1) eingewechselt. Nach dem Verbot seines Vereins schloss er sich Blau-Weiß Ickern an. Hermann Liedtke von Eintracht Eving-Lindenhorst aus Dortmund, kam 1932 in Aussig (heute: Ústí nad Labem in Tschechien) im Länderspiel Tschechoslowakei gegen Deutschland (0:4) vor 6.000 Besuchern zum Einsatz.
Das Potenzial der Fußballer im Arbeitersport war aber reichsweit beachtlich. Bürgerliche Presse und Fachzeitschriften lobten die Spielkultur und den fairen Umgang untereinander. Kein Wunder also, dass DFB-Klubs immer wieder Spieler „zogen“, darunter spätere Nationalspieler wie z. B. Rudi Noack (Hamburger SV/Vienna Wien), Ludwig Leinberger (SpielVgg Fürth), Willi Billmann (1. FC Nürnberg) und „Edu“ Hundt aus Bremen (international für Schwarz-Weiß Essen). Erwin Seeler, Vater von „Uns Uwe“ und B-Nationalspieler Dieter, stürmte in Hamburg ursprünglich für den Bundesmeister Lorbeer 06 sowie für die Bundesauswahl, der auch der Münchner Alfons Beckenbauer, ein Onkel von „Kaiser Franz“, angehörte. Bockum-Hövel verlor 1932 seinen Mittelstürmer an den DFB-Klub Herringen, der erfolgreich mit einer Wohnung und Spesen gelockt hatte. „Seine klassenbewussten Eltern haben ihn aus dem Haus gewiesen“, teilte „Der Fußballstürmer“ daraufhin mit. Auch Alemannia 97, damals bester Dortmunder Vertreter im DFB, warb in der Wirtschaftskrise mit dem Versprechen eines Arbeitsplatzes regelmäßig arbeitslose Arbeitersportler ab.
Weil sich Arbeitersport und der so genannte bürgerliche Sport unversöhnlich gegenüberstanden, fanden Stadion-Einweihungen im Ruhrgebiet meist zweimal statt. In Dortmunds Kampfbahn Rote Erde marschierte am 6. Juni 1926 erst der Stadtverband für Leibesübungen ein, am 13. Juni folgte bei der zweiten Weihestunde das Arbeiter-Sport- und Kulturkartell. Der Vergleich fiel eindeutig zugunsten der sozialistischen Sportler aus: Der Stadtverband mobilisierte nur wenige Aktive und 8.000 Zuschauer; bei 8.000 Arbeitersportlern und 2.000 Musikern in der Roten Erde sahen und hörten dagegen 30.000 Menschen zu.

 

"Lebendes Schachspiel" bei der Eröffnung des Stadions Rote Erde durch Arbeitersportler am 13. Juni 1926

 

Verhaftet, misshandelt, ermordet

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kam das Ende für den Arbeitersport. Schon in der Nacht nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar waren zahlreiche Rotsport-Funktionäre verhaftet worden. Die ATSB-Führung biederte sich mit dem „ehrlichen Willen zur Mitarbeit“ vergebens beim bürgerlichen Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) an.

Als der Arbeitersportverein Vorwärts Hagen noch einmal in Hohenlimburg spielen wollte, „hinderten uns jede Menge Polizisten daran, den Platz zu betreten“. Sportler in Dortmund trafen sich noch einmal, um ein Gruppenbild aufzunehmen: „Als letzter Gruß! Das Jahr 1933, ASV Roland“, hat ein Mitglied des 1898 gegründeten Vereins auf das Photo geschrieben. Vereinsheime, Sportanlagen, Sportgeräte u. v. m. wurden den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitersportlern geraubt. Meist fielen sie in die Hände von SA oder HJ. Der DFB kommentierte das Verbot 1933 mitleidslos: „Diese Vereine haben den Sport bisher zur Verfolgung parteipolitischer und klassenkämpferischer Ziele betrieben und den DFB bekämpft.“
Etliche Arbeitersportler waren im Widerstand gegen die Nazis. Sie wurden verhaftet, misshandelt, verurteilt, ermordet. Der Rotsportler Heinrich Bohne, ein Arbeiter aus Hagen-Remberg, wurde wegen „Hochverrats“ inhaftiert und am 7. November 1933 im Alter von 26 Jahren in der U-Haft ermordet.

Gottfried Franze gehörte dem Freien Turn- und Spielverein 1896 Hagen an, einem der traditionsreichsten Arbeitersportvereine des Ruhrgebiets. Nach dem Verbot engagierte er sich als Platzkassierer bei einem bürgerlichen Verein, um bei entsprechender Gelegenheit Geld zur Unterstützung politischer Gefangener zu sammeln. Franze starb in der Nacht zum 17. Oktober 1934 im Keller des Polizeigefängnisses Hagen infolge schwerer Misshandlungen.

In Dortmund organisierte sich eine Widerstandsgruppe um den Buchbinder, Ex-SPD-Stadtverordneten und Leiter des früheren Arbeitersportkartells Max Zimmermann (1888-1945) vom Borsigplatz, die in Kleingärtner- und Kegelvereinen KPD-Schriften und die Hirtenbriefe des Bischofs Galen verbreitete. Zimmermann denunzierte im September 1940 ein Spitzel. Am 13. Mai 1945 verstarb der Dortmunder infolge der Haft im KZ Dachau in Bayern. 
Rudolf Hallwass, geb. am 8. Oktober 1896, zugewandert aus Ostpreußen, war Maschinist bei Mannesmann in Gelsenkirchen. Seit 1924 in der KPD, engagierte er sich für den ATSB und schließlich für die IG / Rotsport. Er war Reichsleiter dieser kommunistischen Sport-Organisation, wurde deshalb 1933 verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach verliert sich seine Lebens-Spur.
Mehr persönliche Daten sind vom gebürtigen Hagener Willi Bürger (1907-1988), in der Landesleitung von Rotsport aktiv, bekannt. Der Schlosser kämpfte für die Verteidigung der Spanischen Republik gegen die Franco-Faschisten und wurde schwer verwundet. Von 1946 bis 1950 gehörte er nach seiner Haftzeit dem Landtag von Nordrhein-Westfalen für die KPD an. 1952 verließ Willi Bürger die Bundesrepublik Deutschland und siedelte in die DDR über.
Wer nach der Machtübernahme der Nazis als früherer Arbeitersportler weiter aktiv sein wollte, musste einem bürgerlichen Verein beitreten, wozu ein polizeiliches Führungszeugnis und zwei Bürgen, die Mitglieder der NSDAP oder des Stahlhelm waren, sowie die Absage an den Marxismus (dies galt für SPD und KPD) notwendig waren. Teils geschlossen traten Arbeitersportler anderen Vereinen bei: Die von Eving-Lindenhorst sammelten sich bei Westfalia Dortmund 09 (heute TuS Eving-Lindenhorst). Aktive von Roland 98 in Dortmund kamen beim SV Hansa unter (und traten 1936 geschlossen aus, als das Hakenkreuz auf den Vereinsjacken getragen werden musste), die von TuS Freiheit 1910 Deusen aus Dortmund schlossen sich Westfalia Huckarde an. Der Dortmunder ATSV Barop 96, Fußball-Bezirksmeister von 1932, sollte nach dem Willen der SA mit einem „nationalen Namen“ weiter bestehen, lehnte dies aber ab. In Solingen und Umgebung wurden im April 1933 Werksmannschaften aufgelöst, weil sie fast ausschließlich aus Rotsportlern bestanden. Andere Arbeitersportler betätigten sich nicht mehr, zogen sich in die Passivität, in „wilde Vereine“, private Gesinnungsgemeinschaften zurück oder passten sich dem NS-System an. 
Bis in den April 1934 existierte im Ruhrgebiet noch die verbotene Rotsport-Organisation. Man sammelte Beiträge, verbreitete Schriften gegen die Nazis, unterstützte politische Gefangene und deren Angehörige. Oft war diese Arbeit nachlässig organisiert, denn die Basis war auf die illegale Arbeit unvorbereitet, und vor allem hatte die KPD hatte den Terrorapparat der Nazis völlig unterschätzt . Sehr zahlreiche Denunziationen aus der „Volksgemeinschaft“ taten ein Übriges, um den Widerstand gegen die Diktatur zumindest zeitweise zum Erliegen zu bringen. Andererseits hält der Historiker Reinhard Mann fest, die konspirative Arbeit der Arbeitersportler sei wesentlich effektiver als die der kommunistischen Partei gewesen. Noch 1937 verbreitete diese im Ruhrgebiet aber auch eine in Amsterdam hergestellte Tarnschrift mit politischen Inhalten zum Fußball-Länderspiel gegen Luxemburg unter dem Titel „Wer wird siegen?“

 

Erinnerungsfoto vom letzten Treffen der Mitglieder der Fußballabteilung des ASV Roland Dortmund von 1898 kurz vor der Selbstauflösung. “Als letzter Gruß im Jahr 1933 ASV Roland” stand auf der Tafel. (Fritz-Hüser-Institut)

 

„Tausend Jahre“ später

Als das „Tausendjährige Reich“ am 8. Mai 1945 nach zwölf Jahren vorüber war, gab es vereinzelt Bestrebungen, den Arbeiterfußball als eigene Organisation im Arbeitersport wieder aufleben zu lassen. Die SPD hatte daran kein Interesse. Fritz Wildung (1872-1954), ehemaliger Arbeitersport-Funktionär und nach 1945 erster Sportreferent der Partei, schrieb 1946 an einen Hamburger Genossen, der nach England emigriert war: „Es empfiehlt sich für unser Land nicht, die frühere sportliche Zerrissenheit wiederaufleben zu lassen.“

So, wie die Richtungsgewerkschaften im DGB zusammenfanden, einigte sich auch der Sport auf die gemeinsame Organisation Deutscher Sport-Bund (DSB) und die Fußballer kamen unter dem Dach des DFB zusammen. „Es gibt keine weltanschauliche Zersplitterung mehr“, freute sich DFB-Präsident Peco Bauwens 1949 bei der Wiedergründung des Verbandes in Stuttgart und ernannte Wildung, den Vater der späteren SPD-Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger (1919-2008), zum Ehrenmitglied. Rotsport wie auch der jüdische Fußball (Sportbund Schild, Makkabi) erfuhren damals keine Würdigung. 

In unseren Tagen erinnert sich der DFB erfreulicherweise wieder an seine auch im Arbeitersport vorhandenen Wurzeln und fördert entsprechende Forschungsarbeiten durch seine Kulturstiftung. 
Werner Skrentny

 

 

Dieser Beitrag ist Bestandteil des 2017 in Neuauflage erschienenen umfangreichen Buches "Im Land der tausend Derbys - Die Fußball-Geschichte des Ruhrgebiets" von Hartmut Hering (Hrsg.), 384 Seiten, Hardcover, viele Fotos, erschienen im Verlag Die Werkstatt zum Preis von 34,90 Euro (ISBN 978-3-7307-0209-3).

 

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