9. und 13. Kreis 

Hessischer Arbeiterfußball

 

 

Warum Arbeiterfußball?

 

Wie kommt man als Anhänger der Frankfurter Eintracht dazu, sich mit dem Thema „Arbeiterfußball“ zu beschäftigen? Galt doch bereits der Vorgänger der SGE, der Frankfurter Fußball-Verein, vor dem 1. Weltkrieg als „der“ bürgerliche Klub der Stadt. Daran änderte sich auch nichts, als der Verein 1920 mit der Frankfurter Turngemeinde von 1861 zur Eintracht fusionierte und in den eher industriell geprägten Osten der Stadt umzog. Dort errichtete er in direkter Nachbarschaft zum 1877 eingemeindeten „Arbeiterstadtteil“ Bornheim und der 1909 bis 1912 entstandenen Arbeitersiedlung Riederwald seinen Sportplatz.

In Bornheim gab es neben dem Fußballsportverein auch die Freie Turnerschaft Abt. VI, aus der 1928 nach der Dezentralisierung der FT Frankfurt die eigenständige FT Bornheim und der VfL 1913 Bornheim entstanden. Auf den Riederwaldwiesen spielten die Fußballer der Abteilung IV und später auch der VfL 1913. Mit vier ATSB-Kreismeisterschaften und der Süddeutschen Meisterschaft 1922 waren die Bornheimer neben der Abteilung II (später ASV Westend 96) der erfolgreichste Verein im 9. Kreis (Hessen-Nassau). "Zu dieser Zeit gab es noch richtige Klassenunterschiede. Bürgerliche spielten gegen Bürgerliche. Arbeiter blieben unter sich." Als 1919 der „bürgerliche“ VfB Riederwald gegründet wurde, war man bei den Arbeitersportlern über die Konkurrenz überhaupt nicht erfreut und ließ vor dem Gasthaus „sogar eine Musikkapelle vor der Tür auf und ab laufen, um das Gründungstreffen zu stören.“ In den 1920er Jahren „konkurrierten zeitweilig bis zu 42 Vereine und Zusammenschlüsse“ in der Siedlung, die rund 2300 Einwohner zählte. Darunter auch die 1923 von Fußballfreunden der Freien Turner Nordend gegründete Spielvereinigung Vorwärts.1 

Trotz aller Klassengegensätze wurde auch der Eintracht-Sportplatz für den Arbeiterfußball genutzt. In der Zwischenrunde der Süddeutschen Meisterschaft besiegte der ASV Westend am 25. März 1928 die Fußballabteilung Gern 07 der FT München vor 3000 Zuschauern mit 6:3. Westend wurde anschließend Süddeutscher Meister und erreichte das Endspiel um die Bundesmeisterschaft, wo man dem Pankower SC Adler 08 aus Berlin allerdings mit 4:5 unterlag.

Warum also Arbeiterfußball? Weil er zur Geschichte des deutschen Fußballs gehört, 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurde und im Nachkriegsdeutschland bald in Vergessenheit geriet. Dabei war der Arbeitersport in der Weimarer Republik nach Partei, Gewerkschaft und Genossenschaftsbewegung die „vierte Säule“ der Arbeiterbewegung.

 

 

Kaisertreue und sozialistische Turner

 

Leibesübungen bestanden zur Zeit der Gründung des deutschen Kaiserreichs hauptsächlich aus Turnen. Die Turnbewegung geht zurück auf die Ideale des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852), für den Leibeserziehung der Vorbereitung auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung Deutschlands dienen sollte. Aus dem römischen „mens sana in corpore sanem“ wurde in Deutschland „frisch, fromm, fröhlich, frei“.

Der auf dem Wiener Kongress 1814/15 verabschiedeten Restauration der vornapoleonischen Herrschaftsstrukturen stand die Turnbewegung zunächst kritisch gegenüber, was ihr zwischen 1820 und 1842 mehrere Turnsperren einbrachte. Nach 1848 erneut politisch verfolgt, entwickelten sich aber bald Fraktionen, die eine groß- oder kleindeutsche Lösung der deutschen Frage favorisierten. 

In Frankfurt wurden zum Beispiel 1861 die „Großdeutschen“ aus dem Frankfurter Turnverein von 1860 ausgeschlossen. Sie gründeten die Frankfurter Turngemeinde, die sich 1920 mit dem Frankfurter Fußball-Verein zur Eintracht zusammenschloss. 1862 verließ eine Wehrabteilung für „Volksbewaffnung und Volkswehr“ die FTG und gründete den Frankfurter Wehrverein, der 1866 nach der Annexion Frankfurts durch Preußen entwaffnet wurde und sich in Frankfurter Turn- und Fechtclub umbenennen musste. Bereits 1845 war in Frankfurt ein Turnverein der Handwerker und Arbeiter gegründet worden, der aber im Januar 1848 polizeilich aufgelöst wurde.

Die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft entwickelte sich dagegen in der Kaiserzeit zu einem Träger des herrschenden politischen Systems und unterstütze 1878 auch die Verabschiedung des Sozialistengesetzes. Kein Wunder also, dass viele Arbeiter nicht nur dem bestehenden politischen System ablehnend gegenüberstanden, sondern auch den traditionellen Turnvereinen. Auf den Erfahrungen während des Sozialistengesetzes aufbauend, wurden zunehmend auch Turnvereine zu Trägern sozialdemokratischer Ideen. Lars Geiges führt an, dass „in Orten mit einer starken industriellen Arbeiterschaft häufig zwei, drei oder mehr Vereine der DT [entstanden], deren Mitgliederstrukturen relativ homogen waren und sich gerade darin voneinander unterschieden: Ein Verein war für das Bürgertum, ein zweiter für den Mittelstand und der dritte für die Arbeiterschaft. Mitglieder, die sich offen zur Sozialdemokratie bekannten, bzw. Vereine, in denen sozialdemokratische Mitglieder die Mehrheit besaßen, wurden aus der DT ausgeschlossen.“ Man wollte mit den „vaterlandslosen Gesellen“ nichts zu tun haben. 2 

Am 21. Mai 1893 kam es schließlich im thüringischen Gera zur Gründung des Arbeiter-Turnerbundes. Zugute kam ihm, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Löhne stiegen und sich die tägliche Arbeitszeit verringerte. Neben den Arbeiterturnern gehörten auch der Arbeiter-Samariterbund (Ursprünge 1888 in Berlin), die Naturfreunde (gegründet 1895 in Wien) und der Radfahrerbund „Solidarität“ (gegründet 1896 in Offenbach) zur Arbeitersportbewegung.

 

 

Anfänge des  hessischen Arbeitersports

 

Das Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen war im hier betrachteten Zeitraum nicht nur politisch, sondern auch sportlich ein geteiltes Land. Und zwar sowohl im „bürgerlichen“ als auch im Arbeitersport. Kassel, Fulda, Marburg und Gießen spielten bis 1933 im Westdeutschen Spielverband und anschließend in der Gauliga Hessen. Das Rhein-Main-Gebiet und Südhessen gehörten dem Süddeutschen Fußball-Verband und später der Gauliga Südwest an.

Im Arbeitersport verliefen die Grenzen anders, da hier das „darmstädtische“ Oberhessen mit Gießen sowie Wetzlar und das Dilltal zum 9. ATSB-Kreis und damit zur Freien Sportvereinigung Hessen-Nassau gehörten. Was „Bürgerliche“ und „Proletarier“ in Nordhessen einte, war der gemeinsame Spielverkehr mit den Vereinen aus dem heutigen Südniedersachsen.
Schwerpunkte des Arbeitersports in Hessen waren das stark industrialisierte Rhein-Main-Gebiet und Kassel. Obwohl ein Zentrum des Eisenbahnbaus und der metallverarbeitenden Industrie, blieb Kassel als Hauptstadt der preußischen Provinz Hessen-Nassau aber „eine vornehmlich von Verwaltung, Militär und bürgerlichem Mittelstand geprägte Stadt. Ein großer Teil der in Kassel erwerbstätigen Arbeiter kam als Pendler aus den Landgemeinden des Kreises“, die sich zu Arbeitervororten entwickelten, „in denen das ursprünglich landwirtschaftlich-dörfliche Gefüge durch die industrielle Lohnarbeit langfristig verändert wurde. Die wichtigsten Vororte gingen mit der Zeit in den Prozeß der Verstädterung Kassels ein.“ 3

In Frankfurt verlief die Entwicklung ähnlich. Nach der schon 1895 vollzogenen Eingemeindung der Industrievorstadt Bockenheim, kamen 1910 die Landgemeinden des aufgelösten Landkreises Frankfurt hinzu, um Platz für die ständig wachsende Bevölkerung zu gewinnen. 1928 wurden mit Höchst und den westlichen Stadtteilen sowie Fechenheim im Osten wichtige Standorte der chemischen Industrie eingemeindet. Bereits am 7. November 1894 war in Frankfurt der Arbeiter-Turnverein, die spätere Freie Turnerschaft Frankfurt, gegründet worden. Nachdem eine Versammlung zur Gründung des 9. Kreises im ATB zu Ostern 1895 von der (preußischen) Polizei aufgelöst worden war, wich man ins hessische Offenbach aus, wo es am 10. November 1895 zur offiziellen Kreisgründung kam.

 

 

Kreis- und Bezirkseinteilungen

 

Anfänglich bestand der 9. Kreis aus den beiden Bezirken Kassel und Frankfurt. In Nordhessen ging man jedoch bald eigene Wege, so dass es am 19. Juni 1902 in Hann. Münden zur Gründung des 13. Kreises kam, der Kurhessen, Südhannover und Waldeck umfasste. Als ältesten Kreisverein nennt die Festschrift zum 9. Kreisfest und 25-jährigen Kreisjubiläum 1927 die Freie Turnerschaft Wehlheiden von 1893. Von anfänglich zwei, ab 1904 drei Bezirken wuchs der 13. Kreis schließlich bis 1933 auf zehn Bezirke an: 1. Kassel, 2. Hann. Münden, 3. Besse, 4. Harleshausen, 5. Oberkaufungen, 6. Eschwege, 7. Immenhausen, 8. Elgershausen, 9. Niederzwehren und 10. Göttingen.
Der im 9. Kreis verbliebene Bezirk Frankfurt wurde auf dem Kreisturntag 1900 in Neu-Isenburg geteilt. Darmstadt, Neu-Isenburg und Umgebung bildeten fortan den 1., Frankfurt den 2. Bezirk. 1906 wurde um Gießen und Wetzlar der 3. Bezirk gebildet. Am 1. Januar 1914 bestand der Kreis aus fünf Bezirken mit 154 Vereinen und 10.737 Mitgliedern. Der 4. Bezirk umfasste Offenbach, Hanau und das Kinzigtal sowie den vorderen Spessart, der 5. Bezirk Wiesbaden und Mainz.

Während des 1. Weltkrieges sank die Mitgliederzahl zum 1. Januar 1918 auf 48 Vereine mit nur noch 1419 Mitgliedern, übertraf am 1. Januar 1920 aber mit 150 Vereinen und 18.437 Mitgliedern die Vorkriegszahlen.

1919/20 entstand in der Wetterau der 6. Bezirk. Zum Kreistag 1921 konnten 236 Vereine mit 25.862 Mitgliedern gezählt werden. Auf diesem wurde auch die Bildung eines 7. (Odenwald) und 8. Bezirks (Worms und Umgebung) sowie die Gründung der Freien Spielvereinigung Hessen-Nassau als Dachorganisation der Fußballsparte des 9. Kreises beschlossen.

Nicht in den ATSB eingebunden werden konnte die Region Fulda, die wie Rheinhessen und der Westerwald eine Hochburg der katholischen Zentrumspartei war.

Nach Martin Zöller bat 1908 die 1. Zöglingsriege des ATV Hanau ihren Turnwart, „mit den in Offenbach und anderen Orten bestehenden Arbeiter-Turnvereinen regelmäßig Freundschafts-Wettkämpfe austragen zu dürfen.“ Obwohl darüber erst auf dem folgenden Bundesturntag entschieden werden sollte, gab der informierte Kreisturnwart „den Forderungen nach, verpflichtete sie aber, auch weiterhin einmal wöchentlich zu turnen.“ 4 In der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des 13. Kreises (Kurhessen-Waldeck-Südhannover) werden die Freie Turnerschaft Kassel, Wolfanger, Heiligenrode, Harleshausen und Wellerode als Pioniere des dortigen Arbeiterfußballs genannt. Der Grundstein der späteren Spielvereinigung in Kurhessen wurde 1912 bei einer Vorturnersitzung gelegt, nachdem noch 1910 nur wenige Vereine Fußball als Ergänzungssport betrieben. Bereits im Herbst 1912 wurden in Kassel und Umgebung die ersten Serienspiele ausgetragen.

Vor große Probleme wurde der 9. Kreis 1923/24 während der Besetzung des Brückenkopfes Mainz durch französisches Militär gestellt. Das „besetzte Gebiet erstreckte sich auch auf Teile rechts des Rheins bis nach Darmstadt, das Anfang März 1923 seinerseits vorübergehend besetzt wurde. Die durch die Besetzung hervorgerufenen Erschwernisse schlugen sich auch auf den Spielbetrieb nieder. Worms und Stockstadt – beide im besetzten Gebiet gelegen – sahen sich außerstande, an den Verbandsspielen teilzunehmen.“ 5 

Während Worms und das südliche Ried Ende 1924 an den 10. Kreis (Baden, Pfalz, Saar) abgetreten wurden, blieb der Odenwald fußballerisches Entwicklungsland. Nur 1922 wurde dort mit dem AC Teutonia Münster ein Meister ermittelt, der an den Spielen um die Kreismeisterschaft teilnahm.

 

 

Kreismeisterschafts-Modus

 

Nachdem die Meisterschaft des 8. Kreises bis 1926 im K.o.-System mit nur einem Spiel ausgetragen wurde, gab es 1926/27 eine Endrunde der sechs Kreismeister im Ligasystem mit Hin- und Rückspielen. 1927/28 ging man sogar noch einen Schritt weiter und führte eine bezirksübergreifende Kreisklasse in drei Gruppen ein. Am 7. Februar 1927 stellte die "Frankfurter Volksstimme" das neue Spielsystem der Fußball-Sparte vor:
„Seit zwei Jahren steht die Schaffung eines einheitlichen Spielsystems der Freien Spielvereinigung Hessen-Nassau im Brennpunkt der Diskussion. Wir hatten bereits vor 14 Tagen über die nahende Entscheidung in dieser Frage Mitteilung gemacht, und nun wurden auch die letzten Hindernisse aus dem Wege geräumt. Gestern tagten die Funktionäre der Fußball-Sparte und haben erfreulicherweise den Beschluß gefaßt, ihrer Sparte ein  e i n h e i t l i c h e s  S y s t e m  zu geben. Mit sofortiger Wirkung wird aus den besten Bezirksvereinen die erste Klasse gebildet, die unter Verwaltung des Kreises gestellt wird und in drei Gruppen den Kreismeister ermitteln soll. Seither spielten die 6 Bezirke nach verschiedenen Systemen ihren Bezirksmeister heraus, und diese dann wieder in einer besonderen Serie den Kreismeister. Das Verfahren war recht umständlich und für den Außenstehenden uninteressant. Das neue System hat zwei scharf getrennte Klassen, wobei die erste Klasse, aus 21 Vereinen bestehend, unter der Regie des Kreises steht, und alles übrige in der zweiten Klasse spielt und vom Bezirk verwaltet wird.“ 
Als Hauptargument war am 24. Januar 1927 ins Feld geführt worden, dass durch das Fehlen eines einheitlichen Spielsystems „jeder Anhaltspunkt [fehlte], wie die Spielstärke der einzelnen Bezirke untereinander sei. Auch für den Außenstehenden war es infolge der vielen Gruppen ganz unmöglich, sich über die Bedeutung der einzelnen Serienspiele zu informieren. Es war schließlich nicht verwunderlich, daß das Interesse der Sportwelt sehr minimal war. Der Laie will nun einmal ein verständliches System, dem er folgen kann. Bedauerlicherweise wird in den Kreisen der Arbeitersportler alles, was auf Agitation eingestellt ist, als bürgerlich bezeichnet. Sehr viele Sportler glauben recht ideell zu handeln, wenn sie dagegen ankämpfen. Im Grunde genommen schädigen sie durch ihre Engherzigkeit die gesamte Bewegung und stoßen weite Kreise sporttreibender Arbeiter von sich ab. Die Einsichtsvolleren haben deshalb einen schweren Stand, um die geradezu lächerliche Ängstlichkeit zu überwinden und auch dem Arbeitersport die Wege zum Aufstieg frei zu machen. Nicht immer ließen sich die Gegner der neuen Spielordnung von dem rein prinzipiellen Standpunkt leiten, sondern opferten ihre innerliche Überzeugung dem egoistischen Vereinsstandpunkt.

Das Interesse, das den Kreismeisterschafts-Spielen entgegengebracht wurde, sollte doch auch den letzten von der Notwendigkeit eines einheitlichen Systems überzeugen. Von sechs Bezirken haben sich nun vier einstimmig für das neue System ausgesprochen, während ein Bezirk das Problem mit Zweidrittel-Mehrheit und der andere mit knapper Majorität ablehnte. In beiden Fällen war die Behandlungsart der Frage nicht immer vom Gedanken des Arbeitersportes geleitet. Bei der Zusammenfassung der Abstimmungen kann gesagt werden, daß sich acht Zehntel der Kreisvereine für die Kreisklasse entschieden haben. Ihrer Einführung steht demnach nichts mehr im Wege. Es ist zu hoffen, daß man recht bald damit beginnt. Wir begrüßen jedenfalls diesen Schritt.“

 

 

Meisterschaften und Olympiaden

 

Nach Abschluss der Kreismeisterschaft ermittelte der 9. Kreis gemeinsam mit dem 7. (Nordbayern), 8. (Württemberg-Hohenzollern), 10. (Baden, Pfalz, Saar) und 19. Kreis (Südbayern) den Süddeutschen Meister.

Der 13. Kreis spielte mit dem 3. (Hamburg, Lüneburg, Schleswig, Holstein und Mecklenburg), 6. (Rheinland-Westfalen) und 11. Kreis (Bremen, Oldenburg, Hannover) den Nordwestdeutschen Meister aus.

Mit Waldau (1920), Bornheim (1921), BV 06 Kassel (1922) und Westend (1928) gelang vier hessischen Vereinen der Gewinn einer dieser beiden Regionalmeisterschaften. Zusammen mit dem Mitteldeutschen und Ostdeutschen Meister wurde anschließend der Bundesmeister ausgespielt. Der BV 06 Kassel erreichte 1922 das Endspiel, wo er der dem TB 1892 Leipzig-Stötteritz mit 1:4 unterlag. Dem ASV Westend erging es 1928 wenig besser (4:5 gegen Pankower SC Adler 08 aus Berlin).

Neben diesen Erfolgen im Vereinsfußball war das größte Ereignis aber sicherlich die 1. Arbeiter-Olympiade 1925 im neu errichteten Frankfurter Stadion, an der vom 24. bis 28. Juli 1925 rund 3000 Arbeitersportler aus zwölf Ländern teilnahmen. Für diese und die insgesamt rund 450.000 Zuschauer war diese Veranstaltung „die bemerkenswerte Selbstdarstellung eines Lebensgefühls, das viele Menschen nach dem Ersten Weltkrieg prägte und das verstehbar wird aus der Umsetzung erlebter Enttäuschung und Not in eine beispiellose Opferbereitschaft und Solidarität und einen heute fast fremdartigen Glauben an eine bessere Zukunft.“ 6 

Ein weiterer Höhepunkt war das Gastspiel einer Moskauer Auswahl, die im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee am 8. August 1926 im Frankfurter Stadion eine Auswahl des 9. Kreises mit 7:1 besiegte. Die Russen bestritten auf jener Tournee insgesamt sieben Spiele in Deutschland, die alle mit hohen Siegen endeten.
Auch bei der 2. Arbeiter-Olympiade 1931 in Wien waren hessische Arbeitersportler vertreten, die meisten von ihnen nahmen aktiv an Massenfreiübungen und anderen Vorführungen teil. Aus dem 13. Kreis nahmen 1925  Turner und Wassersportler, 1931 aktiv nur die Leichtathleten Trude Hähnert von der Wassersport-Vereinigung Cassel teil. Aus Frankfurt fuhr ein Sonderzug mit 1000 Arbeitersportlern, davon 700 aus Frankfurt, nach Wien. Einige nahmen die Reise auch per Rad und sogar mit dem Faltboot auf sich.

 

 

Zerschlagung des ATSB 1933

 

Nachdem die Bezirksklasse 1930/31 aus wirtschaftlichen Gründen für ein Jahr ausgesetzt werden musste, wurde sie 1932 auf vier Gruppen mit je neun Vereinen aufgestockt. Auch die Kreismeisterschaft 1933 konnte nach diesem System noch ordnungsgemäß beendet werden. Mit einem 3:2 beim Vorjahres-Meister TuSV Naunheim wurde die FTSVgg Dietzenbach am 12. Februar letzter Meister des 9. Kreises. Im 13. Kreis holte sich der RSV Eintracht 1920 Kassel am 27. Februar den Titel zum fünften Mal.

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 schien den Arbeitersport also zunächst nicht zu beeinträchtigen. So berichtete die "Frankfurter Volksstimme" noch am 27. Februar 1933, dass „Ruhe auf den Fußballplätzen“ herrsche, „dafür Aktivität im Wahlkampf“ zu beobachten sei. „Die mit aller Kraft einsetzende Wahlarbeit erfordert auch die Aktivität der Arbeitersportler. Im 9. Kreis haben die Fußballer diese Notwendigkeit erkannt und stellen sich geschlossen für die Wahlarbeit der Eisernen Front zur Verfügung. Im ganzen Kreisgebiet fanden überall mächtige Demonstrationen statt, bei denen die Arbeitersportler nicht fehlten. Auch in der Kleinarbeit wird Tüchtiges geleistet.“ 

Zwei Tage später erschien die "Volksstimme" nicht mehr, da nach dem Reichstagsbrand die gesamte sozialdemokratische Presse in Preußen für 14 Tage verboten wurde. Dieses Verbot betraf auch das "Kasseler Volksblatt". Mit der noch im Laufe des 28. Februar 1933 verkündeten „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ wurden die Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Die Wahlen vom 5. März 1933 wurden zur Farce. Noch vor der ersten Sitzung des neuen Reichstags wurden die 81 KPD-Sitze für ungültig erklärt. Zusammen mit der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 und dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 diente diese Verordnung zur Festigung der Machtposition Adolf Hitlers und der Beseitigung des demokratischen Rechtsstaats.
Ungeachtet des Terrors gegen Sozialdemokraten und Kommunisten „ging der Übungs- und Wettkampfbetrieb zunächst ohne größere Einschränkungen weiter“. Trotz des Verbots von SPD-Zeitungen auch im Volksstaat Hessen lässt sich dort aus Zeitungsberichten „auf einen weitgehend funktionierenden Sportverkehr für den Monat April schließen ... Vor allem das Osterwochenende Mitte April sah wieder zahlreiche sportliche Aktivitäten, zu denen man wie gewohnt auswärtige Arbeitersportvereine eingeladen hatte.“ 7

So begannen im März auch die Spiele um die Süddeutsche und Nordwestdeutsche Meisterschaft. Am 12. März 1933 unterlag die FTSVgg Dietzenbach in Mannheim gegen den 1. FFC 1921 Ludwigshafen mit 2:3. Die Informationen zu diesem Spiel stammen aus der "Pfälzischen Post" vom 7. März 1933: „Sämtliche Kreismeister und Beteiligte um die 'Süddeutsche' stehen nun fest. Die erste Paarung begegnet sich bereits am Sonntag, 12. März. In Nürnberg spielen Nürnberg-Gostenhof gegen Freie Turner München und in Mannheim-Neckarau Club Ludwigshafen gegen Frankfurt-Dietzenbach.“ 

Der "Fußball-Stürmer" sprach am 13. März 1933 vom „gestrigen Spiel in Mannheim“. Der weitere Verlauf der Süddeutschen Meisterschaft fiel „den politischen Ereignissen . . . zum Opfer. In Nürnberg sind die Spielplätze der Arbeitersportler bis auf zwei Ausnahmen polizeilich gesperrt. Die weitere Austragung der süddeutschen Meisterschaft denkt man sich nun so, daß am 26. März Stuttgart-Ost gegen Fr. T. München spielt und der Sieger hieraus an einem erst noch zu bestimmenden Tage gegen Nürnberg-Gostenhof.“ In der gleichen Ausgabe wird auch über das Ausscheidungsspiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft berichtet, das Eintracht Eving-Lindenhorst vor 3000 Zuschauern in Dortmund mit 5:2 gegen den RSV Eintracht 1920 Kassel gewann. Dazu der "Fußball-Stürmer": „Mit der kampferprobten Dortmunder Mannschaft reist ein würdiger Vertreter Westdeutschlands nach Hamburg zum Schlußspiel um die nordwestdeutsche Meisterschaft.“ Es gab also noch Hoffnung, dass wie gewohnt weitergespielt werden könne.
Eine „deutliche Zäsur brachte aber erst der 1. Mai 1933 mit den ihm folgenden verstärkten Terrormaßnahmen der Nationalsozialisten gegen die Organisationen der Arbeiterbewegung“. Giesler nennt als letzte Wettkämpfe der Arbeitersportler im Volksstaat Hessen ein Fußballspiel der FT Mühlheim gegen die FTG Darmstadt und ein Handballspiel der Darmstädter gegen die FT Griesheim (bei Darmstadt) Anfang Mai.

Im Volksstaat war die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit auf Grund einer Notverordnung und auf Weisung des Reichsinnenministers am 1. März 1933 verboten worden. Der seit dem 13. Mai 1933 amtierende nationalsozialistische hessische Staatspräsident Ferdinand Werner ordnete Anfang April an, marxistischen Vereinigungen ab dem nach den Osterferien beginnenden neuen Schuljahr keine öffentlichen Räumlichkeiten mehr zu überlassen. Das Ende des Arbeitersports im Volksstaat wurde beschleunigt durch Selbstauflösung zahlreicher Vereine und Aktionen der lokalen SA- und SS-Einheiten, die auch von den staatlichen Stellen nicht eingedämmt werden konnten. Nachdem am 16. Mai mehrere Arbeiterorganisationen verboten wurden, kam das endgültige Aus am 6. Juni 1933 durch einen Beschluss des Staatskommissars für das Polizeiwesen, mit dem sämtliche Turn- und Sportvereine, die am 6. März dem Arbeiter-Turn- und Sportbund angehörten, verboten wurden. 

In Preußen war Hermann Göring seit dem 30. Januar 1933 Innenminister und Reichskommissar. Am 16. April wurde ihm von Hitler, der dem Preußentum zutiefst misstraute, auch die Reichsstatthalterschaft über den größten deutschen Bundesstaat übertragen. Fortan übten die „preußischen Beamten . . . ihre Hoheitsrechte nur noch im Namen des Reiches und auf Weisung der zuständigen Reichsminister aus; die preußischen Ministerien wurden eines nach dem anderen aufgelöst und den entspre-chenden Reichsministerien eingegliedert“9

In Nordhessen traf das Verbot der Arbeitersportvereine „die Organisationen ziemlich unvorbereitet. Während die Verbände sofort aufgelöst wurden, hatten die einzelnen Vereine noch einen geringen Spielraum, ein zu erwartendes Verbot zu unterlaufen oder das Eigentum des Vereins zu retten.“ Der Landrat des Kreises Kassel erklärte am 12. Mai 1933 „alle . . . marxistischen Vereine . . . für aufgelöst“ und ließ „das Vermögen polizeilich sicherstellen“. 10 Am 27. Juni 1933 verfügte Reichsinnenminister Frick in einem Rundschreiben an die Landesregierungen „die endgültige Liquidierung des Arbeitersports“.11 Ehemaligen Arbeitersportvereinen war es demnach untersagt, sich vor dem 1. April 1934 den „unter Führung des Reichssportkommissars im Aufbau befindlichen deutschen Sportverbänden anzuschließen“, ehemalige Arbeitersportler durften bis zum 1. Oktober 1933 nicht in andere Vereine aufgenommen werden. In beiden Fällen konnte der Reichssportkommissar Ausnahmen zulassen.

So entstand z. B. in Mörfelden die paradoxe Situation, dass der 1932 aus dem Arbeiter-Sängerbund ausgeschlossene Arbeiter-Gesangverein „Frohsinn“ nicht verboten wurde und im Laufe des Jahres 1933 "unerwarteten Zulauf" von 22 ehemaligen Mitgliedern des Vereins für Sport- und Körperpflege erhielt.12

Dieter Hochgesand weiß aus Frankfurt zu berichten, dass „Mitglieder der Freien Turnerschaft 1908 Aufnahme beim Fuß-ball-Sportverein Praunheim 1911 fanden“ und sich „rund einhundert Fußballer der Freien Turnerschaft Bockenheim ... dem Fußball-Verein 1920 Frankfurt-Hausen“ anschlossen.13 Die SPD-nahe Freie Turnerschaft Bornheim trat geschlossen in die Turngemeinde ein und überstand so das Dritte Reich.14

Ulrich Matheja, Nürnberg

 

Die hessischen Kreismeister im Arbeiterfußball

 
9. Kreis (Hessen-Nassau)
1919 – FT Frankfurt/Main Abt. VI Bornheim
1920 – FT Frankfurt/Main Abt. VI Bornheim
1921 – FT Frankfurt/Main Abt. VI Bornheim
1922 – FT Frankfurt/Main Abt. II Westend
1923 – FT Frankfurt/Main Abt. II Westend
1924 – FASV Vorwärts Lampertheim
1925 – TG 1886 Sprendlingen
1926 – ASV Frankfurt-Westend 96
1927 – VfL 1913 Bornheim Frankfurt/Main
1928 – ASV Frankfurt-Westend 96
1929 – FTSVgg 1900 Mörfelden
1930 – SC Vorwärts 1911 Neu-Isenburg
1931 – SpielVgg 1919 Urberach
1932 – TSVgg Naunheim
1933 – FTSVgg Dietzenbach 1925
 
13. Kreis (Kurhessen-Waldeck-Südhannover)
1919 – FT Münden
1920 – TSV Waldau
1921 – TSV Waldau
1922 – BV Kassel 06
1923 – Kasseler RSV Eintracht 1920
1924 – SpielVgg 07 Eschwege
1925 – TSV 1895 Kassel-Bettenhausen
1926 – TSV 1895 Kassel-Bettenhausen
1927 – Kasseler RSV Eintracht 1920
1928 – SportVgg Wilhelmshöhe 06 Kassel
1929 – Kasseler RSV Eintracht 1920
1930 – SC 1926 Kassel
1931 – Kasseler RSV Eintracht 1920
1932 – SV 1919 Oberkaufungen
1933 – Kasseler RSV Eintracht 1920
 
 

 

1  Martin Lothar Müller: "Sozialgeschichte des Fußballsports im Raum Frankfurt am Main 1890 – 1933", S. 39. Die Mitglieder und Anhänger „wohnten über viele Stadtteile verstreut ... Die Mitgliedschaft des FFV war zwar räumlich zersplittert, doch bestand deren soziale Homogenität darin, daß sie sich vor allem aus dem gehobenen Frankfurter Bürgertum zusammensetzte; die Pflege von Prestigesportarten wie Hockey und Cricket sowie die beachtliche Zahl promovierter Akademiker in ihren Reihen sind deutliche Zeichen hierfür.“

2     Lars Geiges: Fußball in der Arbeiter-, Turn- und Sportbewegung, S. 16 f.

 Lothar Wickermann: Zur Geschichte des Arbeitersports im Raum Kassel, S. 278/279; 1899 wurde Wehlheiden eingemeindet, 1906 Bettenhausen, Kirch- und Rothenditmold sowie Wahlershausen, 1936 Harleshausen, Nieder- und Oberzwehren, Waldau und Wolfsanger. Alles Orte, die auch in den Fußballtabellen des 13. Kreises zu finden sind.

4 Martin Zöller: Fußball in Vergangenheit und Gegenwart, Band 1: Geschichte des Fußballsports in Deutschland bis 1945, S. 34

5  Festschrift zum 9. Kreisfest und 25jährigen Kreisjubiläum des 13. Kreises, S. 5. Nach Wickermann (S. 293) war die Freie Turnerschaft Wehlheiden bis 1933 Mitglied im ATSB. Nach dem 2. Weltkrieg verliert sich ihre Spur in den Kasseler Fusionswirren. 1945 wurde die SG West als Zusammenschluss der Vereine aus Wilhelmshöhe, Wehlheiden und Westviertel gegründet. Nach ihrer Auflösung entstand im Mai 1946 der Kasseler SV (auch SG Wehlheiden genannt) als Zusammenschluss der Wehlheider Vereine. Dieser fusionierte am 9. Juni 1947 mit dem VfL Hessen zum KSV Hessen Kassel. 1951 wurde in Wehlheiden der Kasseler SV 51 gegründet. Für diese Information bin ich Dr. Ulf Leinweber aus Kassel dankbar.

6   Andreas Ebner: Sportler unter roten Fahnen, S. 10/11

  Horst Giesler: „Arbeitersportler schlagt Hitler!“, S. 90/91

8   ebenda, S. 91

9   Bernt Engelmann: Preußen, S. 413
10   Lothar Wickermann, S. 289/290
11   Hans Joachim Teichler: Arbeiterkultur und Arbeitersport, S. 229 – 232
12   50 Jahre Sport- und Kulturvereinigung Mörfelden, S. 22
13  Dieter Hochgesand: "Der braune Fußball 1933 – 1945", S. 43/44. Die heutige SG Praunheim 1908 bezeichnet sich in § 1 ihrer Satzung ausdrücklich „als Nachfolger der im Jahr 1908 gegründeten Freien Turnerschaft Praunheim und des 1911 gegründeten Fußballsportvereins Praunheim (FSV 1911)“
14    Turngemeinde Bornheim 1860, S. 35

 

 

 

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