Die Geschichte des 2. Kreises im ATSB

 

Nach und nach wollen wir auf dieser Seite die einzelnen Landesgebiete des Arbeiter-Turn- und Sportbundes vorstellen. Den Auftakt macht die Geschichte des 2. Kreises. 

 

 

Als die Berliner Märkische Zeitung am 16. Juni 1892 einen Aufruf zur Gründung eines Märkischen Arbeiter-Turn-Bundes veröffentlichte, hatten die Initiatoren wohl nicht mit überregionaler Resonanz gerechnet. Auf der ersten Tagung am 18. September 1892 waren nicht nur märkische Arbeitervereine anwesend, sondern auch Turngenossen aus weiteren Gegenden Deutschlands. Darunter auch Vertreter aus der damals selbständigen Gemeinde Benneckenbeck bei Magdeburg. Es wundert daher nicht, dass die Versammlung einvernehmlich beschloss, nicht nur die märkischen Belange zu sehen, sondern die Gründung eines Bundes für ganz Deutschland vorzunehmen. Als es zu Pfingsten 1893 in Gera mit dem Arbeiterturnerbund (ATB) dazu kam, wurden die vorhandenen Vereine in die ersten fünf Turnkreise eingeteilt. Die Mark Brandenburg mit Berlin hieß nun 1. Kreis, die Preußische Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt bildeten den 2. Kreis, zu dem später noch das Herzogtum Braunschweig hinzu kam.

 

 

Vom Anfang der Fußballbewegung

 

Offiziell erfolgte die Gründung des 2. Kreises am 15. Oktober 1893 in der „Zerbster Bierhalle“ in Magdeburg-Sudenburg durch neun bis dahin in der Deutschen Turnerschaft organisierte Arbeiterturnvereine aus Magdeburg und der dörflichen Umgebung sowie aus Dessau und Bernburg mit insgesamt 447 Mitgliedern. Die Kreisleitung nahm ihren Sitz in Magdeburg, das als Industriestandort eine SPD-Hochburg darstellte, die mit ihren Bindungen an Berlin und Leipzig auch politische Weichenstellungen vornehmen konnte. Nicht zufällig bildete sich hier 1906 der Arbeiter-Athleten-Bund Deutschlands, dessen Gründer, der Magdeburger Paul Strumpf, 1919 auch Mitbegründer der Luzerner Sportinternationale (ab 1921 Sozialistische Arbeitersportinternationale SASI mit Sitz in Brüssel), war. 1910 verlegten die Arbeiter-Athleten ihren Sitz von Berlin nach Magdeburg und eröffneten 1929 in Groß-Ottersleben (1952 nach Magdeburg eingemeindet) die Athleten-Bundesschule. Für die Hypothekarkredite haftete Strumpf mit seinem persönlichen Vermögen. 1909 gründete sich in Magdeburg der Arbeiter-Samariter-Bund und 1924 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

Im März 1896 bildeten sich im 2. Kreis die ersten drei Bezirke: Harzbezirk, Magdeburg und Anhalt. Weitere entstanden etwas später mit Halle und Braunschweig. An diese Struktur lehnten sich später auch die Arbeiterfußballer an. Der Magdeburger Fußballbezirk gründete sich 1913. Belegt ist aber, dass bereits 1908/09 jugendliche Turner in dortigen Arbeiterturnvereinen dem Fußball nachsetzten. Bei den Vereinigten Turnern im benachbarten Burg bestand schon seit dem 31. Mai 1908 eine Fußballabteilung. In Braunschweig gründete sich bei der Freien Turnerschaft von 1903 zu Ostern 1911 ebenfalls eine FA, und ab 1912 gab es dort regelmäßige Freundschaftsspiele.

Am 1. September 1909 fasste der ATB den Beschluss, auch Spielvereine in die Organisation aufzunehmen, wenn diese ihre Statuten anerkennen würden. In Berlin und Bremen gründeten sich erste Spielvereinigungen und gingen zu Serienspielen über. Für den 2. Kreis entstand die Provinz-Sächsisch-Anhaltinisch-Braunschweigische Spielvereinigung (PSABSV), ab 1919 hieß sie dann kurz und bündig Mitteldeutsche Spielvereinigung. Die 1914 erstmals ermittelten Bezirksmeister hießen SC vom Jahre 1911 Burg und FV Wacker 1912 Braunschweig. Ein Kreisendspiel gab es noch nicht.

 

SVgg Sturm 07 Magdeburg, Bezirksmeister 1923/24 und 1925/26

 

Aufbauarbeit und Stabilisierung in der Mitteldeutschen Spielvereinigung

 

Die Mitteldeutsche Spielvereinigung saß in der Magdeburger Hansastraße 22, ab 1931 dann in der Großen Münzstraße im Stadtzentrum. Hier gab es auch Sportgeräte und -bekleidung aus dem Leipziger Arbeiterturnverlag zu erwerben. Ein Kreisspielwart war für die organisatorische, technische und sportliche Entwicklung auf der Kreisebene zuständig. In den Bezirken existierte eine ähnliche organisatorische Regelung. Die Arbeit leistete fast vollständig ehrenamtliches Personal.

Die Struktur des 2. Kreises wies zum Stand 1932 folgende Gliederung für den Fußball auf: 1. Bezirk: Harzbezirk (Sitz Halberstadt), 2. Magdeburg (Magdeburg, seit 1913), 3. Anhalt (Dessau), 4. Aschersleben (Aschersleben), 5. Braunschweig (Braunschweig, seit 1913), 6. Saalebezirk (Halle), 7. Mansfelder Bergbaubezirk (Mansfeld), 8. Bitterfelder Industrieland (Bitterfeld).

Den Bezirken waren die umliegenden Städte und Dörfer der Region zugeordnet, für Magdeburg z. B. Schönebeck, Burg, Wolmirstedt und Haldensleben. Als Magdeburger Publikationsorgan diente die SPD-Zeitung Volksstimme, in der 1919/20 unter der Rubrik „Sport und Spiel“ bestenfalls kleine dürftige Sportnachrichten und 1922 die Volkssportbeilage mit kurzen Spielberichten erschienen. Ab 1921 gab die Mitteldeutsche Spielvereinigung wöchentlich montags eine eigene Sportzeitung heraus, die zunächst Der Fußballspieler, dann Arbeiter-Sport und ab 1927 Volkssport hieß. Redakteur war der Spartenleiter Fußball Richard Heinrich, Herausgeber der Redakteur der Volksstimme und Bundesvorstandsmitglied Arthur Engel, der ebenfalls zeitweilig für die Fußballsparte verantwortlich war. Im April 1930 stellte der Volkssport vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen sein Erscheinen ein. Inzwischen hatte die Volksstimme aber ihren Sportteil beträchtlich ausgebaut und konnte den Informationshunger der Arbeitersportfreunde stillen.

In den ersten Jahren nach 1918 erhielt der ATSB recht regen Zulauf von proletarisch strukturierten DFB-Vereinen. Außer ideologischen Gründen boten auch vermeintlich größere Erfolgschancen einen Anreiz zum Verbandswechsel. Das dies unter Umständen eine Milchmädchenrechnung blieb, zeigte das Beispiel von Wacker Südost Magdeburg: 1924 zum ATSB gekommen und in die 1. Klasse eingeordnet gewannen die Wackeraner nicht ein Spiel und gingen zur neuen Saison zum DFB zurück. Solchen Übertritten folgten durchaus nicht immer alle Mitglieder, manche schlossen sich dann anderen Vereinen an oder versuchten es mit einer Neugründung.

Auch mit dem hehren Motiv des Sports unter Klassengenossen war es manchmal nicht weit her: Die Spielvereinigung Eintracht 02 Magdeburg trat 1919 zum ATSB über, kehrte ein Jahr später zum DFB zurück, um am 6. April 1921 reumütig zum ATSB zurück zu wechseln. Übrigens hatte bei Eintracht 02 einst Ernst Jordan seine Laufbahn begonnen, Magdeburgs erster DFB-Internationaler (Seinen einzigen Einsatz hatte er beim ersten DFB-Länderspiel – 3:5 am 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz, Jordan spielte zu dieser Zeit allerdings schon bei Cricket Victoria 1897  Magdeburg).

Neben den erwähnten sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit noch folgende Verreinsüberläufer zu nennen: 1920 kamen der Magdeburger BC 1919 und der VfR 1919 Magdeburg zum ATSB, 1921 der Burger BC 08 (Rückkehr zum DFB am 6. Dezember 1929), 1922 die SportVgg. Sturm 07 Magdeburg, FC Weitstoß 01 Schönebeck, Burgund 09 Halberstadt, 1923  der FC Borussia Magdeburg, 1929 Germania Südost Magdeburg und 1931 der FC Wacker Köthen, der schon früher im ATSB spielte und zwischen 1922 bis 1929 fünfmal die Bezirksmeisterschaft gewonnen hatte. Als gleich dem ATSB beigetretene Vereine sind für Magdeburg der 1919 gegründete FC Weitstoß Wilhelmstadt zu nennen, für 1926 der BC Cracau, 1930 entstand Schwarz-Weiß Lemsdorf und ein Jahr später der nach dem Reichsbanner-Stadion benannte SV Neue Welt.

Im Magdeburger Bezirk beteiligten sich ab September 1919 folgende Vereine an der 1. Klasse: Eintracht 02, TV 77 Jahn Ottersleben, TV Benneckenbeck, Fichte Alte Neustadt, Fichte Buckau, FT 61 Schönebeck, ATV Hohendodeleben, SC Germania 13 Burg, und  SC 1911 Burg. Die Bezirksmeister des 2. Kreises hießen 1920 SK Wernigerode (Harzbezirk), SC 1911 Burg (Magdeburg) und FV 12 Wacker Braunschweig. Im Kreisendspiel am 18. April in Braunschweig besiegte der dortige FV Wacker 12 vor 1.000 Zuschauern Burg mit 2:1 (1:0) und qualifizierte sich für die Mitteldeutsche Verbandsmeisterschaft, scheiterte dort aber in der Vorrunde am Dresdener SV 1910 mit 3:4. Hier begann die Crux des 2. Kreises, dessen Vertreter sich gegen die sportliche Übermacht der Sachsen, besonders mit den mehrfachen Bundesmeistern aus Leipzig und Dresden, dann nicht mehr durchsetzen konnten.

Der 1. Kreisfußballtag am 18. Juli 1920 in Magdeburg registrierte bereits 90 Vereine in sechs Bezirken. Zur Saison 1920/21 musste die 1. Klasse des 2. Bezirkes in zwei Gruppen eingeteilt werden. Nach den verständlichen Anlaufschwierigkeiten der Nachkriegszeit wurde diese Spielzeit ohne größere Probleme absolviert und damit eine Stabilisierung erreicht. 1921/22 spielten in der Magdeburger 2. Klasse in drei Staffeln schon 22 Mannschaften, darunter 14 zweite Mannschaften. Das allein zeigt schon, wie breit die Basis in kurzer Zeit geworden war.

 

 

Sportplatzbau durch Eigenhilfe

 

Da es in Magdeburg wie anderswo auch mit Turn- und Sportplätzen nicht zum Besten stand, griffen die Arbeitersportler hier 1912 zur Selbsthilfe und bildeten trotz diverser Schwierigkeiten mit der Bürokratie eine Spiel- und Turnplatz-Genossenschaft. Durch den Erwerb von Anteilen durch zunächst 28 Mitglieder konnten drei Hektar Kleingärten an der Lübecker Straße 68 gekauft und bis 1914 zur Sportanlage Fichteplatz ausgebaut werden. Nach 1918 wurde dank der gestiegenen Anzahl an Genossenschaftlern die Qualität der Anlage weiter verbessert. Am 28. August 1927 spielte hier zur offiziellen Eröffnung nach dem Ausbau die Auswahl des 2. Kreises gegen eine Auswahl Niederösterreichs, die mit sechs österreichischen Internationalen antrat und unterlag dieser vor 3.000 Zuschauern mit 2:4.

Der grassierende Fehlbedarf an Sportplätzen wurde in Magdeburg in den 20er Jahren durch die Umwidmung früherer Befestigungsanlagen etwas gelindert. Unter dem SPD-geführten Magistrat entstanden so auch die Sportanlagen Fort I und Fort III und 1924 der sogenannte Sportplatz Ravellingarten. Die Freie Turnerschaft 95 Südost schuf bis 1927 aus einer stillgelegten Tongrube im Stadtteil Westerhüsen die Sportanlage Tonschacht mit einer imposanten Zuschauerrampe, die ein bisschen an die Hohe Warte in Wien erinnert. Erfindungsreich waren auch die Arbeitersportler aus Magdeburg-Diesdorf, die mit einer Lotterie das notwendige Grundkapital für den heute noch bestehenden Sportplatz an der Schmeilstraße aufbrachten.

ATSB-Vereine verfügten kaum über eigene, größere Stadien. Die Fußballsparte mietete daher zu ihren Großkampftagen geeignete Objekte von bürgerlichen Vereinen an. Besonders der SC Victoria 95 Hamburg zeigte sich dabei kooperativ, sah sich dafür aber nicht selten auch Anfeindungen von bürgerlichen Vereinen ausgesetzt, obwohl Victoria das Geld offenkundig gut gebrauchen konnte. Anders wohl als der bürgerliche SC Fortuna 1911 Magdeburg, dessen Platz die Sportvereinigung Fichte 1923 für ein Sportfest mieten wollte, aber trotz freier Kapazität eine fadenscheinige Absage erhielt.

Die Freie Turnerschaft Braunschweig behob ihr Platzproblem im Juni 1929 durch den Kauf des Richmond-Sportparks. Die über vier Hektar große Anlage mit einer stattlichen Radrennbahn als Kernstück gab es zum Preis von 135.000 RM zuzüglich nicht geringer Unterhaltskosten. Zwar gab es städtische und staatliche Beihilfen, aber die Risiken blieben trotz Einnahmen aus Rennbahn und Gaststätte erheblich. Am 31. August 1930 fand hier vor 5.000 Zuschauern das ATSB-Länderspiel Deutschland – Finnland (4:0) statt, und am 7. August 1931 sahen  1.500 Besucher ein 3:0 Sieg im Werbespiel der Bezirksauswahl Braunschweig gegen die lettische Olympiamannschaft. In den Krisenjahren 1930/31 wurden die Beihilfen gestrichen, und auch die sonstigen Einnahmen gingen zurück. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Freien Turner verschärften sich, so dass sie der Stadt den Kauf mit dem Ziel der Rückverpachtung anboten. Die Braunschweigische Staatsregierung mit dem  nationalsozialistisch geführten Innenministerium untersagte der Stadt 1932 jedoch den Kauf und veranlasste auch noch die Annullierung der vom Verein ausgeübten Statisterie, die den Verein Geld brachte, am Landestheater. Das Ziel, den Verein zu zerschlagen, war erreicht, als sich die Freie Turnerschaft wegen der nun unlösbaren finanziellen Probleme vermutlich am 7. Januar 1933 selbst auflöste.

 

 

Von Städtespielen zu internationalen Begegnungen

 

Dank günstiger Zugverbindung gaben Berliner Arbeitersportvereine gern ihre Visitenkarte im Bezirk Magdeburg ab. Diese Beziehungen begannen 1921 durch den Berliner SV 16 und Teutonia 09 und setzten sich mit Adler 08 Pankow und der FT Wilmersdorf, Alemannia 22, Askania Köpenick und vielen anderen fort.

Die wachsende Zahl der Arbeitersportvereine und ihre zunehmende Spielstärke führte zur Bildung von Stadt-, Bezirks- und Kreisauswahlmannschaften, in denen sich die besten Fußballspieler weiterentwickeln konnten. Auch im 2. Kreis wurden durch Sichtungsspiele schon bald ein Stamm von Auswahlspielern für die verschiedenen Auswahlebenen „ausgesiebt“. Ab 1924 konnten die Kreistechniker zudem Bundesspielwart Robert Riedel befähigte Spieler für die ATSB-Auswahl vorschlagen.

Die Magdeburger Auswahl begann mit Vergleichen gegen die benachbarten Städte wie Burg und Schönebeck, bald ging es auch etwas weiter nach Zerbst, Dessau, Halberstadt und Braunschweig. Später bestanden auch gute Kontakte zur Hamburger Stadtauswahl. Gegen diese ging das erste Spiel noch 2:5 verloren, doch am 29. Juli 1924 ging es in Magdeburg mit 0:1 vor 3.000 Zuschauern schon knapper zu.

Eines der ersten Spiele der Kreisauswahl fand am 5. Oktober 1924 in Freital-Potschappel gegen die Auswahl des 4. Kreises (Sachsen) statt. Der 2. Kreis unterlag vor 3.000 Zuschauern 2:3, der eigentliche Zweck der Begegnung war aber die Einspielung der Reisekosten für das erste ATSB- Länderspiel am 11. Oktober 1924 in Paris gegen Frankreich.

Die Magdeburger Bezirksauswahl hatte am 14. Juli 1926 ihr internationales Debüt gegen den EMTK Budapest „An der Zitadelle“, einen Hartplatz hinter der ehemaligen Festungsanlage. 3.000 Augenzeugen registrierten einen 2:1-Sieg der Ungarn. Das Tor der Gastgeber erzielte der 17-jährige Linksaußen vom Burger BC; Erich Behne hieß er und beeindruckte die Verantwortlichen so, dass er auf gleicher Position am 26. September 1926 in der ATSB-Auswahl gegen die Tschechoslowakei spielte. Die deutsche Bundesauswahl unterlag mit neun überwiegend süddeutschen Neulingen zwar 1:4, aber der seit drei Tagen volljährige Behne erzielte wiederum das Ehrentor und legte mit einer guten Leistung den Grundstein für eine bemerkenswerte Sportkarriere. 25 Länderspiele und weitere vier internationale Einsätze in der Bundesauswahl mit acht Toren zeugen für ein beachtliches Leistungsvermögen. 

 

Bundesauswahlspieler Erich Behne (25 Länderspiele)

Mit dem Halblinken Ernst Heise kam beim „Russenspiel“ Deutschland – Sowjetunion (1:4) am 10. Juli 1927 in Hamburg auch ein Magdeburger zu Länderspielehren, der mit Behne auf dem linken Flügel eingespielt war, wovon Bundesspielwart Riedel sich eine bessere Wirkung versprach. Wenig später wechselte er als einer der ersten ATSB-Internationalen die Seiten und ging von Borussia Magdeburg zum bürgerlichen Verein SC Viktoria 96 Magdeburg.

1927 gastierte der Wiener Verein SC Renneweg in Deutschland und trat am Karfreitag in Magdeburg an. Die Bezirksauswahl empfing die Gäste auf dem Platz vom Sturm 07 in der Alten Neustadt, wo sie den Wienern 0:2 unterlag. Das Spiel markierte den ersten offiziellen Sportkontakt zu VAFÖ-Mannschaften (Verband der Amateurfußballvereine Österreichs), die nun öfters in den 2. Kreis reisten. Die Wien-Auswahl gewann mit vier Internationalen am 12. Mai 1928 gegen Magdeburgs Bezirksmannschaft 5:1 vor 5.000 Zuschauern im Oval der Magdeburger Radrennbahn an der Königsborner Straße, der heutigen Berliner Chaussee. Obwohl bei Magdeburg Behne und auf Halbrechts Josef Retzekitzegger spielte, ein ehemaliger Ligaspieler von Nord-Wien und nun bei Weitstoß 01 Schönebeck, langte es für die Elbestädter inklusive eines verschossenen Elfmeters nur zum Ehrentor. Bei der Revanche schon am nächsten Tag gab es zwar wieder eine Niederlage – 3:4 vor 2.000 Zuschauern in Schönebeck –, doch die Magdeburger kämpften diesmal nach Meinung der Volksstimme „wie die Tataren“. Die Zuschauer sahen für ihr Geld auch ein Selbsttor des Burgers Heisinger (Vereinigte Turner Burg) und ein 40-Meter-Solotor vom Rechtsaußen Friedrich „Käse“ Kurth (Magdeburger BC 19) und waren  zufrieden. Kurth, der auch schon 1927 gegen gegen Niederösterreich auf dem Platz gestanden hatte, machte zunehmend auf sich aufmerksam. Allgemein kann gesagt werden, dass die österreichischen Vereine durch ihre bessere Technik und Spielkultur den Deutschen überlegen waren, was auch die Magdeburger Ergebnisse nachweisen.

Die böhmische Meistermannschaft von Lasalle Krochwitz trat am 7. September 1929 in Magdeburg auf Fort I gegen den BC 19 an und gewann ohne Mühe mit 5:0. Ihre Stärke hatten die Krochwitzer schon im Vorjahr bewiesen, als sie alle Spiele ihrer Deutschlandreise gewannen. Da hätte es wohl einer anderen Mannschaft, als es an diesem Tag die Magdeburger waren bedurft, um sie zu schlagen.

 

 

Auswahlberufung für Erich Behne für die Länderspielreise in die Schweiz 1927

 

Die Krise des ATSB und die Turbulenzen im 2. Kreis

 

Als sich der ATSB 1928 gegen die kommunistische Opposition nur durch Ausschlüsse zu helfen wusste, folgten parallel dazu auch Austritte von kommunistisch orientierten Sportlern und Vereinen. Besonders davon betroffen war der Arbeiterfußball durch seine propagandistische Wirkung als Massensportart. Für den 2. Kreis hatte diese Entwicklung gravierende Folgen. In Magdeburg konnten die Kommunisten zwar wenig bestellen, aber die von der chemischen Industrie dominierten Bezirke Halle und Bitterfeld verloren zwei Drittel ihrer Fußballer (ca. 950) und 23 Vereine, darunter auch die früheren Kreismeister Minerva Halle, SV Halle-Kröllwitz und den SV 21 Sandersdorf. Das Hallenser Sportkartell wurde verboten und damit als Gesamtvertretung gegenüber den kommunalen Behörden wirkungslos.

Der ATSB-Fußball des 2. Kreises umfasste nach Angaben des „FUSSBALLSTÜRMERS“ 1928 204 Vereine mit  577 Mannschaften und 9.025 Mitgliedern. 1929 gab es 191 Vereine mit 509 Mannschaften und  8.397 Mitglieder. 1930 waren es schon 231 Vereine mit 608 Mannschaften und 8.847 Mitglieder, Die Einbußen der Spaltung waren also durch Neuzugänge und einige zurückgekehrte „Oppo-Vereine“ fast wettgemacht. Der Verlust von eingearbeiteten Funktionsträgern (Schiedsrichter, Techniker, Obleute) auf allen Strukturebenen konnte dagegen nur mühsam und allmählich aufgefangen werden.

Im Jahr 1931 erreichte man bei  259 Vereinen mit 707 Mannschaften und  9.116 Mitgliedern den höchsten Stand.

Durch die der Spaltung folgenden Machtkämpfe und den permanenten Propagandakrieg zwischen den beiden Arbeiterparteien und ihren Vorfeldorganisationen ließen sich die Gräben der Vergangenheit nicht mehr zuschütten. Ein gemeinsames Handeln gegen das Erstarken der Nazis war nicht mehr möglich.

Kurz vor Ultimo der Weimarer Republik gelangte der anhaltinische Arbeiterfußball dann noch etwas überraschend zu seinem größten Erfolg. Die Freie Turnerschaft Jeßnitz zog ins Endspiel um die Reichsmeisterschaft, der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit ein, in dem der BV 22 Gelsenkirchen am 11. Dezember 1932 vor 4.000 Zuschauern in Bitterfeld mit 8:0 deklassiert wurde.

 

Freie Turnerschaft Jeßnitz (heute Raguhn-Jeßnitz bei Bitterfeld/Wolfen)

 

Ein Länderspiel in Magdeburg

 

England zu Gast in Magdeburg, das zog nicht nur die Fans der Bundesauswahl, der Nationalmannschaft der deutschen Arbeitersportler, an. Denn nach Schätzung der Volksstimme wollten am 7. August 1929 10.000 Zuschauer auf Fort I im Magdeburger Stadtteil Fermersleben (heute Platz der Freundschaft) die Fußballer von der Insel zu sehen. Der damit verursachte Andrang ließ sich kaum bewältigen, die Kapazität des Sportplatzes lag deutlich darunter, so dass die Besucher auch auf Bäumen, Mauern und Zäunen in der Nachbarschaft Position bezogen. Der Arbeiter-Radio-Bund besorgte die Lautsprecheranlage, die Arbeiter-Samariter übernahmen Sanitätsdienste und die Arbeitersportvereine stellten die Ordner. Oberbürgermeister Hermann Beims (SPD) begrüßte auf dem Platz die Mannschaften und den Schiedsrichter Henry Stier aus Lübeck. Cornelius Gellert vom ATSB und der englische Delegationsleiter Maurice Bunyan sprachen ebenfalls. Ein flottes Handballspiel zwischen Fichte Magdeburg und einer Stadtauswahl heizte die Stimmung an und dann ging es los.

Magdeburger Lokalpatrioten registrierten mit Freude, dass neben Behne auch „Käse“ Kurth mitwirkte, der kürzlich beim Spiel Süddeutschland-Mitteldeutschland (3:3) während des 2. Bundesfestes in Nürnberg eine gute Leistung geboten hatte. Die Engländer brillierten von Anfang an mit genauem und gekonntem Flachpassspiel. Der deutsche Sturm hatte zunächst Mühe sich zu finden, doch beide Seiten zeigten schon in den ersten 20 Minuten gute Situationen. Dann unterbrach Schiedsrichter Stier das Spiel. Aus den Lautsprechern ertönte gedämpfter Trommelwirbel, und die Zuschauer erhoben sich für eine Schweigeminute zu Ehren des in der Nacht vor dem Spiel verstorbenen Magdeburger Schiedsrichterobmanns Willi Pfeifer.

Nach Wiederanpfiff vergaben Peetz (Bremerhaven 93) und Kurth zwei gute Chancen, und Torwart Brummer (VfK Leipzig-Südwest) entschärfte eine gute englische Gelegenheit. Beide Verteidigungen ließen sich kaum überwinden, und so versuchte man es mit Standards. Pech für Deutschland, als Peetz einen von Kurth ausgeführten Freistoß gegen die Latte knallte. Die Engländer ließen sich nicht lumpen und antworteten mit einem Lattenschuss ihres Halbrechten Webb (FC Grays Athletic). Sein Mannschaftskamerad Burns (FC London Caledonians) verfehlte das leere deutsche Tor, und so blieb es zur Halbzeit beim 0:0.

Kurz nach dem Wechsel wurde ein deutscher Stürmer im englischen Strafraum gelegt. Der Elfmeterpfiff blieb nicht aus, Dorn (TSVgg. 91 Nürnberg-West) trat zur Ausführung an und verschoss den Ball. Ein weiterer Lattenschuss belegte die Bemühungen der Deutschen, das erste Tor zu erzielen. Eine Flanke von Kurth versiebte der frei stehende Peetz. Nachdem der deutsche Sturm noch einmal Pech mit einem Lattentreffers hatte, war es in der 69. Minute dann doch soweit: Peetz verwandelte einen Freistoß gekonnt zum 1:0. Dann bekam Kurth Gelegenheit, die Führung auszubauen, als er allein auf das englische Tor zulief. Sein Schuss ging aber infolge des heraus geeilten Torwarts und einem die Torlinie sichernden Verteidiger am Tor vorbei. Die Engländer versuchten noch das Ausgleichstor zu erzielen, es war ihnen in der verbleibenden Zeit trotz harten Kampfes aber nicht vergönnt. Die Deutschen gewannen ein wenig glücklich und dank ihres besten Mannes, Torwart Brummer, der so manchen hart platzierten Schuss der Engländer pariert hatte. Die Zuschauer gingen unter den üblichen „Wenn-und-hätte“-Diskussionen zufrieden nach Hause. Dem Arbeiterfußball war die Werbung bei den Magdeburgern wohl gelungen.

 

 

Kleine Brötchen in Magdeburg

 

Im folgenden Jahr stand wieder der Fußballalltag auf der Tagesordnung. Am 29. Mai 1930 wurde in Magdeburg das Reichsbanner-Stadion Neue Welt vor 20.000 Zuschauern mit einem 0:2 der Kreisauswahl gegen Thüringen eröffnet. In der Heimmannschaft wirkte als rechter Läufer Leopold „Poldi“ Nebauer mit, ehemals beim  österreichischen Arbeiter-Meister und Pokalsieger Red Star Wien, der inzwischen in Schönebeck lebte und beim dortigen FC Weitstoß 01 (Foto) kickte. Auch er schaffte es bis in die Bundesauswahl und kam am 3. und 4. Mai 1930 in Frankfurt/Main und Köln zu zwei Einsätzen, ausgerechnet gegen Österreich (3:4 und 1:1), das mit mehreren seiner ehemaligen Mannschaftskameraden aufwartete, darunter als Ersatzmann sein Schwager Gärtner. 

Im letzten ATSB-Länderspiel überhaupt, Deutschland gegen Polen, 4:1 am 26. Dezember 1932 in Leipzig, kam auch noch Fritz Kohn (Fortuna 21 Barleben) als Rechtsaußen zum Einsatz. Zuvor war im Juli 1931 in Chemnitz beim Übungsspiel der Olympiakandidaten für die Bundesauswahl zur Arbeiterolympiade in Wien der Halbrechte Arthur Wernecke  (SpVgg. Wacker 12 Braunschweig) leider gescheitert.

Am 2. August 1931 sah Magdeburg wieder ein internationales Spiel, zwar kein Länderspiel, aber die Bezirksauswahl trat gegen die finnische Olympiaauswahl an. Die Magdeburger mit Kurth (nun Weitstoß 01 Schönebeck), Nebauer, Behne (seit dem ATSB-Austritt des Burger BC 08 bei den Vereinigten Turnern Burg) sowie Retzekitzegger (Weitstoß 01 Schönebeck) und Kohn spielten die Finnen im Stadion Neue Welt vor 3.000 Zuschauern mit 4:0 in Grund und Boden. Besonders Behne, der keine Berufung für die ATSB-Olympiaauswahl bekommen hatte, war nicht zu halten und empfahl sich wieder bei Bundesspielwart Riedel. Das Spiel leitete der Engländer Bunyan (Wembley London), der in seiner Heimat schon Profispiele gepfiffen hatte und nach 1929 mit der England-Auswahl wieder zu Besuch in Magdeburg weilte.

 

 

Einen propagandistischen Erfolg erzielte der 2. Kreis im Oktober 1931 mit dem Eintritt des nach dem Magdeburger Kaufhaus benannten SV Barasch. Die Barasch-Angestellten bildeten den einzigen Firmensportverein im 2. Kreis und spielten Fuß- und Handball.

Offenbar gab es 1930/31 Schwierigkeiten, die Arbeiterschaft zum Zuschauen beim Arbeiterfußball zu animieren. Beim bürgerlichen Spitzenspiel dieser Saison zwischen Fortuna 11 und Viktoria 96 drang das Publikum nach dem „Niederholzen“ eines Fortuna-Stürmers ins Spielfeld ein. Erst die alarmierte Schutzpolizei konnte den Tumult auflösen. Die Volksstimme kritisierte unter der Überschrift „Für 50 Pfennig Aufregung“ dieses wenig klassenbewusste Verhalten, denn viele der Zuschauer verdingten sich in den Betrieben der Alten Neustadt, wo auch Fortuna 11, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand, beheimatet war. Die Spiele der Bürgerlichen versprachen damals mehr sportliche Attraktivität als der Magdeburger Arbeiterfußball mit seinen inzwischen stagnierenden Leistungen. Nur 1929 konnte mit dem BSC 1919 (Foto) ein hiesiger Verein die Kreismeisterwürde erringen, insgesamt dominierten die Braunschweiger mit vier Kreismeisterschaften vor den Hallensern mit drei Titeln. Fünf Meister des 2. Kreises kämpften sich bis in das Finale der Mitteldeutschen Verbandsmeisterschaft vor, scheiterten dort aber ausnahmslos an ihren sächsischen Gegnern.

Im 2. Bezirk boten die Sportfreunde Magdeburg und Sturm 07 in den frühen 20er Jahre die stärksten Leistungen, wurden dann aber vom Burger BC 08 und Weitstoß 01 Schönebeck abgelöst. Im 4. Bezirk dominierte die Freie Turnerschaft 95 Aschersleben mit neun Meisterschaften, und im 5. Bezirk stellte Wacker Braunschweig 1932  mit 14 Titeln seit 1913/14 einen „ewigen Rekord“ im ATSB auf.

 

SV Weitstoß 01 Schönebeck, 4.v.l. unten Kurth, 8. Retzekitzegger, 10. Nebauer

 

Das Ende des Arbeitersports 1933 und das Wiederaufleben seiner Traditionen nach 1990

 

Die politische und wirtschaftliche Situation in Deutschland zeigte sich Anfang der 30er Jahre äußerst widersprüchlich und beeinflusste das sportliche Klima negativ, da die Menschen zumeist andere Sorgen hatten. Im August 1932 gab es in Magdeburg ein Zeltlager der Mitteldeutschen Spielvereinigung, wo Bundesspielwart Riedel über die neue Satzung der Fußballsparte referierte und Fragen der Spieler und Funktionäre beantwortete. Ende November 1932 spielte Magdeburgs Bezirkself gegen die Auswahl Anhalts und gewann durch zwei Tore von Behne mit 3:2. 2.000 Zuschauer sahen auf Fort I diesen wohl letzten Auftritt der Magdeburger Arbeiterauswahl. Einen Tag vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, nämlich am 29.1.1933, errangen die Sportfreunde Bernburg die letzte Kreismeisterschaft durch ein 2:1 n. V. gegen Fortuna 21 Barleben. In der letzten Mitteldeutschen Verbandsmeisterschaft unterlag dann Bernburg im Vorrundenspiel gegen die Freie Turnerschaft 93 Erfurt mit 2:8 vor 4.000 Zuschauern in Erfurt.

Die Volksstimme war am 15. März 1933 verboten worden, deshalb fehlen Berichte von den letzten Magdeburger Spielen. Der letzte frei gewählte Magdeburger Oberbürgermeister Ernst Reuter und spätere Regierende Bürgermeister Berlins wurde am 11. März 1933 von der SA aus seinem Amt entfernt und noch im Rathaus verhaftet. Auch im 2. Kreis endete der Arbeitersport durch Auflösung und die Beschlagnahmung der Vereinsvermögen. Wollten die Fußballer ihren Sport weiter ausüben, so ging das nur unter bestimmten Bedingungen in den nun gleichgeschalteten DFB-Vereinen. Cricket Victoria Magdeburg und Fortuna 11 Magdeburg profitierten besonders von den guten Spielern der Arbeitersportvereine Sturm 07 und Fortuna 21 Barleben. Behne kam bei Preußen 02 Burg unter, Kurth machte bei Viktoria 96 Magdeburg weiter, Nebauer ging nach Wien zurück. Manch anderer Spieler hörte auf. Der Versuch der FT 03 Braunschweig, sich am 20. Januar 1933 mit einer Neugründung als Freie Turn-und Sportvereinigung zu retten, scheiterte durch ein erneutes Verbot. Schiedsrichter Willi „Pico“ Schmidt von Weitstoß 01 Schönebeck, der im Rahmenprogramm der Wiener Arbeiterolympiade 1931 Freundschaftsspiele geleitet hatte, war später noch in der DDR-Oberliga aktiv.

Die Traditionen der ehemaligen Arbeitersportbewegung waren nach 1945 in der DDR nicht mehr gefragt. In der einstigen SPD-Hochburg Magdeburg erfolgte schon bald nach dem Aufbau der „antifaschistischen Sportbewegung“ die personelle Reinigung zugunsten kommunistischer Sportfunktionäre.  Der Fußball wurde nach dem System der russischen Klassenbrüder mit sogenannten Betriebssportgemeinschaften (BSG) organisiert.

Erst viel später wurden die besten Fußballmannschaften in Sportclubs konzentriert; erster Sportclub war der heutige 1. FC Magdeburg mit der Gründung im Dezember 1965.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands kam es im neuem Bundesland Sachsen-Anhalt zum Wiederaufleben der Traditionen des Arbeitersports, als sich mit dem Spiel-und Sportverein Stern Elbeu 1928, SV Blau-Weiß Dölau von 1907, SV 1919 Hohenmölsen und den Nietlebener SV Askania 1909  Vereine bildeten, die früher mit Fußballmannschaften im ATSB antratenn und auch heute Fußball  spielen.

Rolf Frommhagen

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