Zeitzeugen-Gespräch mit Richard Schnause vom SV Weser 08 Bremen! 

 

Die meisten und wichtigsten Quellen zum historischen Arbeiterfußball sind schriftlicher Art. Größtenteils handelt es sich um erhaltene Arbeitersport-Presse und behördliche Akten. Schon weniger umfangreich sind bildliche und gegenständliche Quellen (Fotos, Filme, Vereinsnadeln, Ziergegenstände etc).

Aus biologischen Gründen verstummt sind inzwischen die Zeitzeugen und damit die Quelle der persönliche Erinnerungen an den Arbeitersport, sofern nicht rechtzeitig in Text- oder Tonform fixiert. Auf unserer Webseite möchten wir gerne derartige Erinnerungen von Arbeiter-Sportlern veröffentlichen und freuen uns daher über entsprechende Zusendungen von Euch.

Den Anfang machen wir mit Auskünften von Richard Schnause, vor 1933 aktiver Fußballer im SV Weser 08 Bremen, der bis 1930 dem Arbeiter-Turn- und Sportbund angeschlossen war, dann wegen kommunistischer Umtriebe ausgeschlossen wurde und daraufhin dem kommunistischen Arbeitersport-Verband, der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, beitrat.

Die nun folgenden Auskünfte machte Richard Schnause 1985 für die schriftliche Hausarbeit "Die Fußballsparte im ATSB - unter besonderer Berücksichtigung des 5. Fußballbezirkes im 6. Kreis (Dortmund)" von Ralf Knipping.

 

Vorrundenspiel um die Nordwestdeutsche Verbandsmeisterschaft am 21. März 1926: SV Weser 08 Bremen – FC Union Neumünster 5:1 vor 3000 Zuschauern in Bremen

 

Richard, gab es Sportkontakte zwischen Euren Arbeitersportverein und bürgerlichen Fußballvereinen? Wenn ja, mit welchen?
 Nein, unser Sportverein "Weser" von 1908 e.V. hatte niemals Kontakte zu den bürgerlichen Fußballvereinen des DFB bzw. zu den Turnvereinen der Deutschen Turnerschaft.
 
Spielten in Eurem Verein auch Frauen Fußball?
Vor 1933 gab es in Bremen in den Vereinen des ATSB keinen Frauen-Fußball. Auch nicht inden Vereinen der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit.

 

Ebenfalls eine Szene aus dem Spiel gegen Union Neumünster; bei Halbzeit führten die grün-weißen Weseraner 2:1, bei Abpfiff 5:1 gegen die blau-weißen Neumünsteraner.

 

Habt Ihr mit Euren Vereinen an politischen Veranstaltungen teilgenommen (z.B. Demonstrationen der Eisernen Front, Wahlkampf)?
Ja, die Mitglieder des SV "Weser" haben an Demonstrationen und politischen Veranstaltungen gemäß ihrer politischenEinstellung teilgenommen, z.B. 1931 an einer Sportveranstaltung in Braunschweig als Gegendemonstration zum SA-Aufmarsch.
 
Gab es Kontakte zwischen "Weser" und Vereinen anderer Verbände?
Nein, zwischen den Vereinen der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit und denen des ATSB sowie des DFB und der Deutschen Turnerschaft gab es keine gemeinsamen Sportveranstaltungen, trotz mehrfacher Aufforderungen der Rot-Sport-Funktionäre.

 

 

Wie hoch lag bei Euch der ungefähre Organisationsgrad in den Gewerkschaften, SPD oder KPD? 
Bei uns im SV "Weser" waren Mitglieder aller politischen und gewerkschaftlichen Organisationen. Mitglieder von Gewerkschaften und SPD übten ihren Sport aber auch in bürgerlichen Vereinen aus, genauso wie heute auch.
 
Meldeten sich nach der Spaltung der Arbeitersport-Bewegung 1928 viele Arbeitersportler aus Eurem Verein ab? 
Vom SV "Weser" 08 Bremen hat sich nur eine Minderheit trennen müssen, nämlich die Mitglieder der SPD. Die Ausgeschiedenen gründeten die Freie Sportvereinigung "Weser" von 1930, die weiter im ATSB spielte. Die Mannschaften blieben meistens geschlossen zusammen.
 

 

Welche sportlichen und politischen Besonderheiten in Eurem Verein wären erwähnenswert?
Die Russland-Reise unserer I. Fußball-Mannschaft vom 29. September bis zum 6. November 1924, die Erringung der Kreis-Meisterschaft 1925/26, die Teilnahme an der Rot-Sport-Reichsmeisterschaft 1932, der Ausschluss des SV "Weser" aus dem ATSB 1930, der Einsatz von Weser-Spielern in Auswahlspielen.
 
Gab es Unterschiede in den Spielweisen zwischen bürgerlichen und Arbeiter-Fußballvereinen?
Die Spiele in der Arbeitersport-Bewegung wurden freundschaftlicher und nicht als bezahlter Leistungssport ausgeführt.
 

 

Hatte Euer Verein Probleme mit bürgerlichen Behörden?
Bis zum Jahr 1919 wurden den Arbeitervereinen keine staatlichen Sportanlagen wie den bürgerlichen Sportlern zur Verfügung gestellt. Den Vereinen der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit wurde in Bremen ebenfalls nicht die Nutzung öffentlicher Sportanlagen gestattet.
 
Beschreibe das Verhältnis zu Euren bürgerlichen Nachbarvereinen.
Ein sportliches Verhältnis zu den bürgerlichen Sportvereinen hat es nicht gegeben. da die Bürgerlichen nur darum bemüht waren, die besten Arbeitersportler für sich als Spesen-Amateure abzuwerben. Die bürgerlichen Sportvereine hatten auch nach der Revolution 1918 nicht ihre Einstellung in politischer und erzieherischer Hinsicht geändert, sondern passten sich den politischen Verhältnissen an. Genau wie 1933 waren alle "arische" Sportvereine.
 

Anzeige des Klublokals "Weserheim" 1929 im Bremer "Volkssport"

 

Welche gemeinsamen Aktivitäten hattet Ihr außerhalb des Sportvereins?
 Gemeinsame Zusammenkünfte in den Klubräumen von Gaststätten als Schüler mit den Lehrern zur schulischen Weiterbildung sowie auf allen freien Plätzen während derZeit der Arbeitslosigkeit Fußball zu spielen.
 
Nahmen Eure Fußballer auch an Massenveranstaltungen der Arbeiter-Turner teil?
Ja, der SV "Weser" nahm mit seinen Leichtathleten, Handballerinnen und Fußballern teil an den Arbeiter-Turn- und Sportfesten 1922 in Leipzig und 1929 in Nürnberg, an den Arbeiter-Olympiaden 1925 in Frankfurt/Main und 1931 in Wien sowie an den Kreisturnfesten des 11. Kreises in Bielefeld, Bremen-Vegesack und Bremerhaven.

 

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© Christian Wolter