Berlin von oben – Arbeitersportplätze 1928

 

Im Sommer 1928 nahm die Hansa Luftbild, ein Tochter-Unternehmen der Deutschen Lufthansa, erstmals das gesamte Berliner Stadtgebiet fotografisch auf. Damit wurden auch alle hauptstädtischen Sportplätze jener Zeit auf Zelluloid gebannt. Dank dieser hervorragenden Bildquelle können wir Euch die wichtigsten damaligen Schauplätze des Berliner Arbeitersports aus der Luft zeigen.

Unser Rundflug beginnt über dem Exerzierplatz "Einsame Pappel" an der Bernauer Straße, dem heutigen Jahn-Sportpark. 1825 kaufte der Preussische Militärfiskus das damals noch vor Berlin liegende Gelände und legte darauf den Exerzierplatz für das Kaiser-Alexander-Gardegrenadier-Regiment Nr. 1 an. Am 26. März im Revolutionsjahr 1848 versammelten sich hier 10.000 Menschen zur ersten demokratischen Versammlung in der Berliner Geschichte.

 

 

Ab 1890 durfte auf dem Exer ziviler Sport betrieben werden; der Legende nach erteilte Kaiser Wilhelm II. persönlich den Fußball-Pionieren vom BFC Alemannia 90 die Erlaubnis dazu! Auch Hertha und Tennis Borussia erlernten hier das Fußballspiel. 1912 kaufte die Stadt die östliche Hälfte zur Anlage öffentlicher Sportanlagen nach Plänen von Dr. August Bier, um den städtischen Massen etwas Luft und Sonne zu verschaffen, denn die Aufnahme zeigt ja auch, dass die Mehrheit der Exer-Anwohner in finsteren Hinterhäusern wohnte. 

In der Weimarer Zeit tummelten sich hier auch zahlreiche Arbeiter-Sportvereine: Teutonia 09, der BSC Wacker 20, BFC Amateure 24, ASV 24, diverse Abteilungen des ASV Fichte Groß-Berlin und etliche weitere.

Ein Teil der Grenze während der deutschen Teilung verlief zwischen "Exer" und Nordbahnhof. Auf dessen einstigen Gleisanlagen breitet sich heute der Mauerpark aus. Östlich von diesem liegt das 1951 eröffnete Jahn-Stadion, nördlich angrenzend die Max-Schmeling-Halle. Die Hauptwege im Sportpark verlaufen heute noch so, wie sie 1912 angelegt worden und hier zu sehen sind. 

 

 

Hoch im Norden in Wilhelmsruh, wo damals noch Kleingärten an Rieselfelder grenzten, liegt die Nordend-Arena. Errichtet von 1920 bis 1925 als Notstandsarbeit, hieß sie anfänglich nach Auftraggeber David August Bolle vom gleichnamigen Berliner Milch-Imperium Bolle-Sportplatz. An Arbeitersport-Vereinen waren hier die Fichte-Abteilung XXIII (Niederschönhausen) und der SC Union 1911 Pankow aktiv. 

Der Name eines Unternehmers und einer West-Berliner Firma war zu DDR-Zeiten nicht sonderlich opportun, daher die Umbenennung in Nordend-Arena. Hauptnutzer war nun und blieb es bis heute Concordia Wilhelmsruh, einer der ganz wenigen Fußballvereine, die in der DDR ihren alten Namen fortführen durften und auch keinen Trägerbetrieb hatten, sich also privat finanzierten. In den 1980er Jahren spielte hier auch die BSG Bergmann Borsig. Die idyllische Anlage ist weitestgehend im Originalzustand erhalten und steht unter Denkmalschutz.

 

 

Wieder stadteinwärts geht es zum Andreas-Hofer-Platz im Tiroler Viertel. Heute eine mit Trümmerschutt unterfütterte Grünanlage, und als die Trümmer noch Häuser waren ein ebener, öffentlicher Sportplatz. Die jetzige Umbauung mit Wohnblöcken fehlt auf dem Bild noch größtenteils.

Auf dem Hofer-Platz, volksmündlich "der Brenner", spielte einst der ATSV Pankow, bevor dieser 1926 auf seinen eigenen Platz am S-Bahnhof Heinersdorf umzog, des weiteren zeitweise der Pankower SC Adler 08 und der SC Germania 28 Pankow. Obwohl Pankow nicht Berlins proletarischste Stadtteil war, spielten bis auf den bürgerlichen VfB alle dortigen Fußball-Vereine im Arbeitersport. Eine derartige Dominanz brachte der Berliner Arbeiterfußball nirgends sonst zuwege.

 

 

Draufsicht auf den damaligen Hohenzollern-Platz (heute Heinrich-Mann-Platz) in Niederschönhausen und dem Fußballplatz an der Pfeilstraße. Seit einigen Jahren stehen dort Eigenheime, aber so, dass das einstige Spielfeld immer noch weitgehend unbebaut ist.

Ob die Bewohner wohl wissen, dass auf ihrem Grund und Boden einst längst verblichene Lokalmatadore wie der SC Union 1911 Pankow und der Pankower SC vom Jahre 1908 die Gemüter bewegten? Pankow 08 (bitte nicht wie auf Wikipedia durcheinander bringen mit Adler 08 Pankow!) eröffnete 1930 einen eigenen Platz an der Nordbahn-Straße, den heute der SV Nord Wedding bespielt. 

 

 

Nächste Station: der unscheinbare Pankower Gemeinde-Sportplatz an der Pichelswerder Straße. Auch hier wurde auf gestampftem Lehm gespielt, neben Asche und ein bisschen Unkraut an den Rändern jahrzehntelang der übliche Belag auf Berlins Sportplätzen. Rasen gab es damals fast nur auf den Hauptplätzen von Vereins- und Kommunalstadien.

In den frühen 1920er Jahren kickten an der Pichelswerder Straße der schon erwähnte SC Pankow 08 sowie SC Union 1911 Pankow und BFC Nordiska 1913. Letzterer bestritt hier am 22. Mai 1921 das Endspiel um die Ostdeutsche Meisterschaft des Arbeiter-Turn- und Sport-Bundes. Dieses gewann Nordiska gegen Breslau Süd 1919 mit 3:2 vor 1500 Zuschauern. Nordiska erreichte schließlich auch das Bundes-Endspiel, unterlag dort aber Leipzig-Stötteritz.

Heute ist hier Borussia Pankow beheimatet. Die einstige Lehmdecke ist inzwischen, wie die meisten Berliner Fußball-Felder, mit Kunstrasen belegt. Seit DDR-Zeiten ist der Sportplatz nach dem Pankower Antifaschisten Walter Husemann benannt.

 

 

In Heinersdorf liegt das Kissingen-Stadion, als Sportanlage geplant und realisiert für das zeitgleich errichtete Kissingen-Viertel. Auf dieser Aufnahme ist noch alles im Werden. Die Laufbahn umfasst tatsächlich auch den Nebenplatz.

Es spielten hier neben verschiedenen DFB-Clubs die Pankower ATSB- und "Rot Sport"-Vereine SC Falke 1913, SC Union 1911 Abteilung Buchholz, die Freie Sport-Vereinigung Pankow sowie ab ca. 1925 der Pankower SC Adler 08, seines Zeichens Meister im Arbeiter-Turn- und Sportbund 1928!

Das Stadion verfügt heute noch über Haupt- und Nebenplatz, die Laufbahn ist aber längst auf handelsübliche 400 Meter reduziert. Das Fassungsvermögen von 8000 macht es unter Berlins kleineren Stadien zu einem der größeren. Inzwischen spielt jetzt u.a. Fortuna Pankow 46. Rechts im Bild sehen wir ein Stück der Prenzlauer Promenade.

 

 

Ob die Prenzlauer Promenade stadtein- oder auswärts, immer fällt einem der Heinersdorfer Rund-Lokschuppen auf. Westlich von ihm, hinter einer Kleingarten-Kolonie, erstreckte sich ab 1926 der vom ATSV Pankow geschaffene Sportplatz, dazwischen verläuft heute eine Hochstraße. 

Der Dunkelton des Spielfeldes und die abgelaufenen Stellen vor den beiden Toren deuten auf Grasbelag hin. Eine so intakte Rasendecke war damals selbst für oberklassige DFB-Vereine keine Selbstverständlichkeit. 1932 trat der ATSV Pankow dem Zentralverein Fichte als Abteilung Pankow bei, ab dann taucht der Platz in der kommunistischen Presse als Fichte-Pankow-Platz auf. 1933 wurde er wie alle Arbeitersport-Plätze enteignet, später die Gegend mit Wohnblöcken bebaut.

 

 

Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße, Großstadtgewusel zwischen Mietskasernen und Ringbahn-Station, Gewerbebuden und der IV. Berliner Gasanstalt (heute Ernst-Thälmann-Park). Doch schon ein paar Schritteabseits läutet ein Fußballplatz eine Oase der Entspannung ein. Das Geläuf hatte der Weißenseer FC 1928 frisch angelegt, spielte hier dann aber nur wenige Jahre, aber immerhin zum Teil in der obersten Spielklasse des damaligen DFB-Regionalverbandes Verband Brandenburger Ballspielvereine (heute Berliner Fußball-Verband).

Im Abstiegskampf musste der Weißenseer FC mehrmals wegen Raufhändeleien die Polizei herbei telefonieren, je nach Dringlichkeit rückte diese auch mit mehreren Überfall-Wagen an. Bei den Spielen des Untermieters Arbeiter-Sportverein Weißensee ging es hoffentlich gesitteter zu. Aber nicht nur die Berliner "Fußball-Woche" klagte damals wiederholt über Randale im DFB-Fußball, der Berliner "Arbeiterfußball" beklagte 1929, dass dieses Problem in seinem Zuständigkeitsbereich ebenfalls Konjuktur hatte.

Der Weißenseer FC zog 1934 endgültig ins Stadion Buschallee um, sein Platz an der Greifswalder Straße wurde 1938/39 mit der heute denkmalgeschützten Wohnanlage Olga-Benario-Prestes-Straße bebaut.

 

 

Das Gelände der bereits vor dem Ersten Weltkrieg aufgegebenen Trabrennbahn Weißensee diente schon zu Kaisers Zeiten als Betätigungsfeld für Arbeitersportler. Unter anderem der Weißenseer FC Germania 1910, BFC Nordiska 1913, sowie als sportlich bedeutendster Verein der ASV Weißensee, Berliner Arbeiter-Meister 1912 und 1933, empfingen hier ihre Gäste.

Für Freunde der gepflegten Beatmusik dürfte außerdem von Interesse sein, dass hier in der DDR-Endzeit vor Hunderttausenden Bruce Springsteen, Joe Cocker und die Rolling Stones auftraten. Woodstock? Wembley? Weißensee!

 

 

Wie viele andere kommunale Erholungsanlagen der 20er Jahre wurde auch jene im obigen Bild als Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme in Angriff genommen. So entstand an der heutigen Buschallee in Berlin-Weißensee der Volkspark Fauler See mit Stadion und Nebenplätzen. Der Hauptplatz wurde am 25. August 1923 von den DFB-Vereinen Weißenseer FC und Wacker 04 eingeweiht.

Es folgte eine weitere Eröffnungsfeier speziell durch Weißenseer Arbeitersportler, denn gemeinsame Veranstaltungen von bürgerlichen und proletarischen Sportvereinen waren von den Verbänden beider Seiten nicht erwünscht. Auf unserer Aufnahme von 1928 sind die Nebenplätze abgewetzt vom vielen Gebrauch, dafür der für besondere Anlässe reservierte Hauptplatz augenscheinlich sehr gut in Schuss.

 

 

Etwa 1911 hatte die damalige Landgemeinde Hohenschönhausen diesen hier noch unauffälligen Platz an der Sommerstraße angelegt. Erst zu DDR-Zeiten wurde er zum Stadion ausgebaut, und um ihn herum entstand das Sportforum Hohenschönhausen als Leistungszentrum der Sportvereinigung Dynamo.

Als finanzielle Träger des Dynamo-Sports fungierten die inneren Sicherheitorgane der DDR (Volkspolizei, Staatssicherheit und Zoll). Der Dynamo-Vorsitzende und hauptberufliche Stasi-Chef Erich Mielke war in seiner Jugend Arbeitersportler beim ASV Fichte Berlin, welcher wiederum hier in Mielkes Jugendtagen mit mehreren Abteilungen ansässig war. Zu DDR-Zeiten trainierte und spielte an Ort und Stelle dann folgerichtig Mielkes Lieblings-Verein BFC Dynamo. Ein internationales Highlight gab es hier 1972 im UEFA-Cup, als "Dynamo Ostberlin" dem großen FC Liverpool ein 0:0 vor 20.000 Zuschauern abrang. 

 

 

Kommen wir nun vom Berliner Nordosten in den Osten nach Lichtenberg: Links der damalige Straßenbahner-Platz (heute BVG-Stadion an der Siegfriedstraße 71), noch ohne die spätere Tribüne von Jean Krämer. Dieser Platz war also ein Hort des Betriebs- und Behördensports, damals eine ernsthafte Konkurrenz für die bürgerlichen wie proletarischen Sportverbände, da er viele Freizeit- und Spitzensportler mit guten Sportanlagen und beruflichen Perspektiven an sich binden konnte. 

Rechts das 1914 begonnene und am 25. Juli 1920 von Arbeitersportlern eröffnete Stadion Lichtenberg, am 8. September 1923 Schauplatz des ersten Spiels zwischen deutschen und sowjetischen Fußballern. 6:0 gewann damals die Sowjet-Elf gegen eine Berliner Arbeiter-Auswahl. Am 13. September 1923 gab es hier ein weiteres "Russenspiel" zwischen Berlin und dem ukrainischen Charkiw, das die Gastgeber mit 4:1 für sich entschieden. Am 21./22. Mai 1923 sollen sich hier 40.000 Menschen zu einer Kundgebung des Roten Frontkämpfer-Bundes mit Ernst Thälmann versammelt haben, ein Besucher-Rekord für die Ewigkeit!

Zu DDR-Zeiten war hier zunächst die BSG Chemie Lichtenberg ansässig. 1973 bis 1990 folgte die Umfunktion zum Zeltlager "IX. Parteitag der SED" für FDJler, die während des Sommers auf Baustellen der DDR-Hauptstadt arbeiteten. Inzwischen hat das geschichtsträchtige Gelände eine geglückte Umgestaltung zum Landschaftspark Herzberge hinter sich. Das Stadion-Oval ist noch vorhanden, aber nicht mehr an Originalstelle, sondern aufgrund einer Umgestaltung 1950 etwas weiter nördlich als hier im Bild.

 

 

Weiter südlich kommen wir an der Normannenstraße vorbei. Es sportelte hier die Freie Turnerschaft Lichtenberg, aus der sich nach der Spaltung des Arbeitersports der kommunistische ASV Lichtenberg und die sozialdemokratische Abteilung Lichtenberg der Freien Turnerschaft Groß-Berlin entwickelten. Der ASV eröffnete am 18. April 1930 seinen eigenen Platz an der Bornitzstraße 31. Aus dem Normannen-Sportplatz wurde Anfang der 50er Jahre das Zoschke-Stadion. 1952 gewann Dynamo Dresden hier den FDGB-Pokal im Endspiel gegen den VfB Pankow.

Rechts im Bild, zwischen Atzpodien- und Hubertusstraße, erstreckt sich hinter Mietskasernen ein weiterer städtischer Sportplatz, auf dem zeitweise SV Stralau 1910 und die Lichtenberger Vereine SC Brandenburg 02, FV Hertha 22, FC Oststern und Sparta ansässig waren. Schräg darüber läßt eine weitere abgelaufene Fläche vermuten, dass Proletarier-Füße auch dort das runde Leder traktierten.

 

 

An der Friedrichshainer Goslerstraße zog 1919 der damalige SV Stralau 1910 ein. In den 20ern wurde Stralau viermal hintereinander Ost-Berliner Bezirks-Meister und 1925 sogar Vize-Meister im ATSB. Der fast schon quadratische Hartplatz bietet beachtlich viel Stauraum für Besucher. Auf alten Aufnahmen verströmt der Stralau-Platz dank der wilhelminischen Fassaden ringsum und dem über die Dächer lugenden Wasserturm am Ostkreuz eine ordentliche Portion Kiez-Romantik.

Inzwischen ist der Platz umgestaltet, heißt seit langem Lasker-Sportanlage. Die Gosler- ist jetzt die Corinth-Straße, und spielen tut hier jetzt der FSV Berolina-Stralau von 1901, dessen eine Namenshälfte an die ruhmreiche Vergangenheit im Arbeiterfußball erinnert.

 

 

In einem Hofwinkel in der Lichtenberger Ortslage Victoriastadt legte das Bezirksamt in der Inflationszeit einen Sportplatz an, wobei viele arbeitslose Mitglieder von Sparta Lichtenberg mithalfen. Hier an der Hauffstraße löste Sparta den Lokalrivalen SV Stralau 1927 als Lokalfavorit ab und wurde fünfmal in Folge Meister des Berliner Ostens. Am 6. August 1930 spielte hier die Berliner "Rot Sport"-Auswahl gegen die "Rot Sport"-Reichsauswahl 5:5 vor über 5000 Zuschauern, wohl der Besucherrekord an der Hauffstraße.

Die Sparta-Herren spielen längst woanders, aber die gesamte Vereins-Jugend spielt weiterhin am Platz an der Hauffstraße, der mit seinem besonderen Flair Stammgäste wie Groundhopper für ihre Besuche belohnt.

 

 

Der Sportplatz Kynaststraße entstand 1923 als Ersatz für den Gemeinde-Sportplatz an der Hirschberger Straße, der damals mit dem neuen Hauptwerk der Knorr-Bremse GmbH bebaut wurde. Am 24. August 1924 wurde die kleine Tribüne zum Spiel der Arbeiter-Auswahlen Berlin – Dresden (1:1) eingeweiht. Seltsam nur, dass sie nicht parallel zum Platz steht.

Einer der Hauptnutzer war die Freie Turnerschaft Rummelsburg, zudem gingen hier zahlreiche Entscheidungs- und Repräsentativspiele im Arbeiterfußball über die Bühne. Das maximale Fassungsvermögen ließ sich durch das Zuschauen von Mauern, Dächern und von den Bahnsteigen des nahen S-Bahnhof Ostkreuz noch etwas steigern. Rekordbesuche gab es bei den beiden Russenspielen: 6000 am 12. September 1925 gegen Charkiw (1:4), sogar 6500 am 24. Januar 1926 gegen Moskau (0:7) laut zeitgenössischen Schätzungen. Zaun- und Ferngäste wohl jeweils inbegriffen, denn der schmale Zuschauersaum um das Feld konnte diese Menge wohl nur schwerlich fassen.

Außerdem spielte hier der DFB-Verein Berolina-LSC 01, bei dem der dem spätere WM-Trainer Sepp Herberger im Rahmen seiner Trainerausbildung um 1930 ein Praktikum absolvierte! Bis 2007 waren hier die Männer-Mannschaften von Sparta Lichtenberg ansässig, dann zogen sie um auf die beiden neuen Sportplätze an der Fischerstraße. Der damit aufgegebene Sportplatz an der Kynaststraße 25 soll für Wohnungs-, Büro- und Dienstleistungs-Zwecke sowie für Grünflächen-Ergänzungen genutzt werden.

 

 

An der Treskowallee 32 in Friedrichsfelde eröffnete der JTSV Bar Kochba am 17. Mai 1914 mit 2500 Gästen den ersten selbstgeschaffenen Sportplatz eines jüdischen Vereins in Deutschland! 1926 zog Bar Kochba um nach Mariendorf, zurück blieb der Platz, den fortan das lokale Arbeitersport-Kartell und ihm angeschlossene Arbeitervereine wie der Freien Turnerschaft Friedrichsfelde bewirtschafteten.

Das Leichtathletik-Oval existierte noch bis zur Bebauung Mitte der 70er, dann folgte die Bebauung mit Wohnhochhäusern (Am Tierpark 40, 42) und einer Kaufhalle. Diese Gebäude stehen noch; zu lokalisieren ist der ehemalige Sportplatz auch dadurch, dass sich auf der anderen Straßenseite der Besucher-Eingang des Tierparks befindet.

 

 

Zwischen 1924 und 1932 entstand nach Plänen des damaligen Treptower Gartendirektors Ernst Harrich der Volkspark Wuhlheide mit Sport- und Spielwiesen, Tanzplatz und Planschbecken, einem Rodelhang und einem Kiefernhain, wo man in Hängematten abhängen durfte. Im Stadion spielten u.a. der SC Oberspree 1913 und die Sport-Vereinigung Berolina 1928 Niederschöneweide. 

Zu DDR-Zeiten trug das Stadion den Namen des Kommunisten-Führers Ernst Thälmann. Seit 2007 beherbergt es den Modellpark Berlin-Brandenburg mit Nachbildungen von Sehenswürdigkeiten im Maßstab von 1:60. Das Stadion als solches ist weitgehend 1:1 im Original erhalten, es existieren noch einige Stehstufen, die wohl noch zur Erstausstattung gehörten. Das ebenfalls noch vorhandene Gebilde an der Südwestkurve ist übrigens ein kleines Freilicht-Theater, dank dem dieses Stadion über ein charmantes Alleinstellungs-Merkmal verfügt.

 

 

Ebenfalls in der Wuhlheide, hinter der Rennbahn Karlshorst, links angeschnitten noch gerade im Bild, lag einst der Sportplatz der Deutschen Bank. Geschmackvoll gestaltet, gediegen ausgeführt und mit Stehstufen ausgestattet wie nur wenige andere Beispiele in dieser Galerie.

Rechts davon liegt ein namenloser Platz, auf dem mal der proletarische BFC Nordiska 1913 spielte. Reich und arm nebeneinander. Aber auch auf dem einfachen Platz ist das Gras grün, bewacht eine Umzäunung den Frieden. Statt einer Klub-Villa gibt es hier zwar nur eine Umkleidebaracke, aber immerhin einen kleinen Freisitz.

Spiel und Spaß, Geselligkeit und Lebensfreude also hüben wie drüben. Auf beiden Plätzen wachsen heute Bäume. Aus der Vogelperspektive hebt sich der Bank-Sportplatz als angelegte Schonung heute noch deutlich ab. Sein armer Nachbarn hingegen ist schon wie verschluckt von seiner Umgebung, von der er sich schon auf dieser Aufnahme aus seinen vielleicht besten Tagen nur schwach abzuheben vermag.

 

 

Kein Köpenicker Sportverein trägt schon so lange seinen Namen wie der am 15. Januar 1896 gegründete TSV Eiche. Der dazugehörige Platz entstand ab 1920 in Eigenarbeit auf einer früheren Mülkippe am Ufer der Müggelspree. 1500 Sportler und Zuschauer feierten seine Eröffnung am 21. Juni 1921.

Bei Eiche Köpenick wurde ab 1912 gekickt, von 1915 bis 1920 war man Mitglied in der Märkischen Spielvereinigung, dem ATSB-Fußballverband für Berlin-Brandenburg. Danach spielte der Fußball erst einmal keine Rolle mehr im Vereinsprogramm. Das Turnen und die Leichtathletik traten wieder in den Vordergrund. Das lässt sich hier auch aus der Platzgestaltung ablesen. Erst Ende der 20er Jahre gab es wieder Fußball bei Eiche, allerdings ausgelagert auf einen Platz an der Gasanstalt Grünau, der sich von uns selbst mit diesen Luftaufnahmen nicht mehr lokalisieren ließ.

Übrigens gab es von 1929 bis 1933 zweimal Eiche Köpenick, einen ATSB-treuen sozialdemokratischen Verein und einen kommunistischen in der "Rot Sport"-Bewegung. Heute ist der Eiche-Platz ein normales, wettkampfgerechtes Fußballfeld. Und der einzige Platz in dieser Aufstellung, auf dem noch ein Verein mit selbem Namen wie damals im Arbeitersport präsent ist! 

 

 

Der Treptower Park ist heute vor allem für sein Sowjetisches Ehrenmal bekannt, aber seine Geschichte reicht zurück bis 1876. Damit ist er neben Friedrichshain, Humboldthain und Viktoriapark eines der vier großen öffentlichen Erholungsgebiete Berlins. Das langgezogene Oval diente damals als Spiel- und Sportwiese. 1910 zelebrierten auf ihr Fichte-Turner mit Freiübungen das 20-jährige Jubiläum ihres Vereins.

 

 

Und nun zum ersten vereinseigenen Arbeiter-Sportplatz überhaupt! Dieser wurde im Juli 1900 vom TV Fichte an der Köpenicker Landstraße/Ecke Eichbuschallee in Baumschulenweg eröffnet. Das Kernstück bildete der Turnplatz mit seiner 300-m-Laufbahn. Das Gebäude rechts davon hatte man zusammen mit dem Grundstück erworben, es gehörte einst einem landwirtschaftlichen Btrieb und anschließend bei Fichte dann als Umkleide, Tagungs- und für Festort. 1910 pachtete Fichte ein angrenzendes Grundstück hinzu, um Fußball-Felder anzulegen, denn damals begann im Berliner Arbeiterfußball der geregelte Punktspiel-Betrieb.

Nach der Selbstauflösung 1933 wurde der Fichte-Platz mit den dort heute noch zu sehenden Wohnblöcken bebaut. An der Eichbuschallee 30 steht seit 1978 eine Stehle mit dem Fichte-F zur Erinerung an diesen für die Arbeitersport-Bewegung einst so wichtigen Ort.

 

 

Im Arbeiterfußball wurden auch Spielfelder zugelassen, die offizielle FIFA-Wettkampfmaße nicht ganz erreichten. So wie dieser Platz an der Kiefholzstraße. Auf ihm spielten 1919/1920 die Fußballer des TV Jahn von 1894 Treptow-Baumschulenweg. Am 12. November 1920 machten sich die Ball-Jünger als SV Jahn Treptow selbständig, dieser löste sich am 31. Mai des folgenden Jahres auf bzw. trat der neuen Fußball-Abteilung von Fichte Südost bei, um fortan der Ball-Passion auf dem geräumigeren Fichte-Platz fröhnen zu können.

Oberhalb des Platzes verläuft übrigens der Britzer Verbindungs-Kanal, gegenüber liegt der ältere Teil des Friedhofs Baumschulenweg, der in den 1930er Jahren auf die östliche Seite der Kiefholzstraße expandierte und damit den Sportplatz zu einem Gräberfeld umfunktionierte.

 

 

In Niederschöneweide kommen wir an der Berliner Straße (heute Schneller-Straße) in Spreenähe an diesem Parallelogram vorbei. Offensichtlich hätte der Arbeiter-Sportbund "Frisch frei" Niederschöneweide bei vier rechten Winkeln entweder auf entscheidende Teile seiner Laufbahn oder des Zuschauerbereichs verzichten müssen. Daher diese Notlösung, die man früher durchaus öfter bei Sportplätzen anwendete. Heute steht hier ein korrekt ausgewinkelter REWE-Markt

 

So weit für heute. Demnächst präsentieren wie Euch die Arbeiter-Sportplätze aus dem Süden und Westen Berlins.

 

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Bildmaterial: Luftbildplan 1928, Maßstab 1:4000, 164 Schwarz/Weiß-Senkrechtaufnahmen von Berlin, entstanden in einem Zeitraum um 1928. Die Luftbilder im Maßstab 1:4000 liegen im K5-Blattschnitt vor. Die Georeferenzierung erfolgte über die 4 Eckkoordinaten. Auftragnehmer: Hansa Luftbild; Bereitsteller: Geoportal Berlin; Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 

 

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© Christian Wolter

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