SUDETENDEUTSCHER ARBEITERSPORT WAR BINDEGLIED ZUR TSCHECHISCHEN BEVÖLKERUNG

 

Um 1900 haben sich die Arbeiter nicht nur organisiert, um politische Ziele durchzusetzen, sondern auch um gemeinsam die Freizeit zu verbringen. Wie dies bei der deutschsprachigen Arbeiterschaft in Böhmen und Mähren war, das verriet Thomas Oellermann, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag sowie Mitglied im Paderborner Kreis, in folgendem Interview mit Radio Prag

 

Herr Oellermann, im Zuge der Industrialisierung in Europa kam es an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert nicht nur zu einer hohen Konzentration von Arbeitskräften in den Städten, sondern die Arbeiter an den Maschinen begannen auch immer mehr, ihr Leben in der Freizeit zu organisieren. Sie gründeten dazu Arbeitersport- oder Turnvereine, die von entsprechenden Verbänden koordiniert wurden. Was steckt eigentlich genau hinter dem Begriff Arbeitersport?

„Dazu gibt es verschiedene Punkte, die erwähnt werden müssen. Zum einen gibt es größere Arbeiterrechte. Diese Rechte führen zu mehr Freizeit, die von den Arbeitern dann auch gestaltet wird. Sie tun dies zum Beispiel im Rahmen des Sports oder des klassischen Turnens. Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist der, dass Arbeiter, die ursprünglich turnen wollten, aus bürgerlichen Vereinen heraus gedrängt wurden, wenn sie besonders selbstbewusst auftraten. Denn die bürgerlichen Turner wollten solch selbstbewusste Arbeiter einfach nicht in ihren Vereinen haben. Das ist eine Entwicklung, die praktisch parallel verläuft.  

 

 

Und eine dritte Entwicklung, die dazu beigetragen hat, dass es ausdrücklich Arbeitersportvereine gegeben hat, ist der Betriebssport, der immer mehr aufkam. Ein ganz bekannter Betriebssportverein war beispielsweise Bayer Leverkusen. Die Arbeiterbewegung hat den Betriebssport jedoch mehr und mehr abgelehnt. Ihrer Meinung nach versuchte ein Unternehmer damit, die Interessen der Arbeiter ein wenig zu betäuben, indem er ihnen Sport bot. Deswegen hat man versucht, diesem kapitalistischen Betriebssport einen eigenen Sport entgegenzusetzen. 

Das hat schließlich zur Gründung der Arbeiterturnvereine geführt. Es gilt also festzuhalten: Arbeitersport ist immer die Ablehnung des bürgerlichen Sports. Denn man hält diesen für unsolidarisch und kapitalistisch. Er ist in bestimmter Weise immer auf das Profitum ausgerichtet. Davon will man sich unterscheiden. Es gibt in der Frühphase der Arbeitersportbewegung zum Beispiel eine Tendenz, es grundsätzlich anders zu machen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Rad-Langsamfahren. Hier ging es also nicht darum, so schnell wie möglich mit dem Rad zu fahren, also ein Rennen zu gewinnen, sondern so langsam wie möglich zu fahren. Das war der Versuch, das Rekordtum des bürgerlichen Sports ein wenig umzukehren.“

 

Der sudetendeutsche ATSV Reichenberg 1931 zu Gast beim Mögliner SC 1913

 

Wie entstand der Arbeitersport im Allgemeinen und speziell im damaligen Böhmen und Mähren, wo vor und nach der Gründung der Tschechoslowakei auch etwas mehr als drei Millionen Deutsche zu Hause waren?

„Der Arbeitersport ist in den industriellen Zentren entstanden. Denn es brauchte eine wirkliche städtische Arbeiterschaft, ein urbanes Zentrum. Bezogen auf Österreich-Ungarn war das natürlich in Wien. Also Wien war immer der Motor der Arbeiterbewegung. Im böhmischen Raum waren solche Zentren Städte wie Liberec /Reichenberg, Ústí nad Labem/Aussig und auch Karlovy Vary/Karlsbad. Hier begann sich der Arbeitersport damals recht schnell zu regen. Diese Entstehungsphase beginnt so in den 1890er Jahren. Das ist etwas später als im Deutschen Reich. Dort ist die Entwicklung immer etwas weiter vorangeschritten. Und die böhmische Arbeiterbewegung zieht dann immer erst mit einer gewissen Verzögerung nach.“

 

ATUS Jägerndorf, Aufnahme von 1914

 

Wo entstand der erste Arbeitersportverein in Böhmen?

„In den deutschsprachigen Gebieten war das ein Arbeitersportverein im nordböhmischen Eichwald (Dubí). Das ist der erste Arbeitersportverein, der sich behördlich hat registrieren lassen. Es ist aber möglich, dass es vorher auch schon Sportabteilungen gegeben hat in anderen Arbeitervereinen. Sehr klassisch ist zum Beispiel die Doppelung von Arbeiterturn- und Arbeitergesangsverein. Da könnte es also sein, dass es vordem in Arbeitergesangsvereinen eigene Turnabteilungen gegeben hat. Aber der erste eingetragene Arbeiterturnverein war der in Eichwald.“

 

Entwurf für das Vereinsheim des Arbeiter-Turnverein Eichwald (Dubí)

 

Diese Entwicklung hat also noch zu Zeiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie begonnen. Doch was passierte nach dem 28. Oktober 1918, als die Tschechoslowakei gegründet wurde? Es ist zu lesen, dass die meisten Sudetendeutschen dieser Staatsgründung nicht unbedingt positiv gegenüberstanden…

„Für den organisierten Arbeitersport war dies natürlich eine Zeit der Unsicherheit. Man wusste nicht genau, in welchem Staat geht es eigentlich weiter. Deswegen registrieren wir für die Zeit von Kriegsende 1918 bis Sommer 1919 auch hier eine große Pause. Alle Aktivitäten waren quasi auf Eis gelegt bis zur Unterzeichnung der Friedensverträge im Sommer 1919 in Paris. Als dabei klar wird, dass die deutschsprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens Teil der neugegründeten Tschechoslowakei werden, organisiert man sich neu. Man gründet die Vereine neu, dazu die entsprechenden Verbände. Dies erfolgt zunächst auf Bezirks- und Kreisebene, bis schließlich auch ein gesamtstaatlicher Verband entsteht. Das war der Arbeiter-Turn- und Sportverband, kurz: ATUS.“

 

Das ATUS-Emblem enthielt neben dem Hinweis auf die Tschechoslowakische Republik (ČSR) auch das vom ATSB übernommenen Arbeiter-Turnerkreuz

 

Die Entwicklung im Arbeitersport nahm jedoch ihre eigenen Wege im Gegensatz zur Politik. Welche Beziehungen pflegten dabei die sudetendeutschen Sportler zu den tschechischen?

„Da muss man zunächst unterscheiden zwischen dem Verhältnis, das die Verbände offiziell zueinander hatten, und welches zum Beispiel die lokalen Vereine. Ich denke, auf lokaler Ebene hat es immer eine wirklich gute und solidarische Zusammenarbeit gegeben. Es waren beides sozialdemokratische Organisationen mit den gleichen Zielen und teilweise auch mit der gleichen Ausstattung. Man hat nicht selten auf den gleichen Sportplätzen Sport getrieben und in den gleichen Turnhallen geturnt. Von daher war es auf lokaler Ebene nie eine Konfliktfrage.

Auf der Ebene der großen gesamtstaatlichen Verbände – zwischen dem Arbeiter-Turn- und Sportverband auf der einen und dem tschechischen Arbeiterturnverband auf der anderen Seite – kann es gewisse Konflikte gegeben haben. Und zwar deshalb, weil die beiden sozialdemokratischen Parteien in der Frühphase der 1920er Jahre einige Konflikte miteinander austrugen. Das ändert sich dann gegen Ende der 20er Jahre, die Zusammenarbeit der beiden Verbände wird wirklich besser. Ein Höhepunkt dieser Zusammenarbeit ist dann 1934 die sogenannte Arbeiterolympiade in Prag, durchgeführt vom tschechischen Arbeiter- Turn- und Sportverband im Strahov-Stadion. An dieser Olympiade nehmen einige tausend deutsche Arbeiterturner des ATUS teil.“

 

Aussiger Arbeitersportler auf dem Wenzelsplatz beim Umzug zur Prager Arbeiter-Olympiade 1934

 

Welche großen Arbeiter-Sportereignisse gab es denn in der Ersten Republik der Tschechoslowakei außer dieser Olympiade? Und wie trugen die sudetendeutschen Arbeitersportler dazu bei?

„Die Arbeitersportler haben in der Tat eigene und wirklich große Sportfeste durchgeführt. Zu ihnen gehörten vor allem die sogenannten Bundesturnfeste des ATUS – 1924 in Karlsbad, 1930 in Aussig und 1936 in Komutau. Das waren Massenveranstaltungen mit mehreren Zehntausend Teilnehmern, darunter tausende Turner und Sportler, die in etlichen Sportarten antraten. Das Programm lief immer über eine ganze Woche. Dahinter stand natürlich immer der Versuch, bürgerlichen Sportfesten etwas entgegenzusetzen.

Genau das gleiche Prinzip herrschte vor bei den sogenannten Arbeiter-Olympiaden. Daran haben sudetendeutsche wie auch tschechische und slowakische Arbeiterturner als nationale Repräsentanten teilgenommen. Auch die Arbeiterolympiaden sollten in der Zwischenkriegszeit ein Gegenstück sein zu den bürgerlichen Olympiaden. Sie wurden veranstaltet 1925 in Frankfurt/Main, 1931 in Wien und 1937 in Antwerpen. Das waren riesige Arbeitersportfeste.“

 

Deutsch und tschechisch bedruckte Teilnehmerkarte für die Arbeiter-Olympiade 1931 in Wien

 

Die Erste Republik der Tschechoslowakei hörte 1938 auf zu existieren, danach folgte schon bald der Zweite Weltkrieg. Und wie wir wissen, nach dem Krieg wurden die Sudetendeutschen schließlich per Dekret aus dem Land vertrieben. Damit endete hier auch ihr Arbeitersport. Wie wurde das Ganze aufgelöst?

„Es gibt diesen Arbeitersport noch bis zum September 1938. Unter den fast bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die nun in den Sudetengebieten herrschten, aber können die Arbeiterturnvereine auch nicht mehr weitermachen. Mit der Besetzung der Gebiete durch die Wehrmacht ist ihr Ende gekommen. Die Sportplätze und die Turnhallen werden konfisziert, sie gehen in Reichshand über. Das ist das Ende der sudetendeutschen Sportbewegung.

Nach der Vertreibung ist es dann so, dass sich die sudetendeutschen Arbeiterturner auch keinem deutschen Arbeiterturnverband mehr anschließen konnten. Und zwar, weil man in Westdeutschland ganz klar gesagt hat, gerade im Sport soll es nicht mehr so eine politische Zersplitterung geben. Deswegen gibt es nach 1945 in Westdeutschland nur noch Einheitsverbände. Es gibt den Deutschen Sportbund und das Nationale Olympische Komitee. Dadurch wird die Zersplitterung des Sports in politische Richtungsverbände verhindert. Für die sudetendeutschen Arbeitersportler gab es explizit also keinen Verband mehr, dem man sich anschließen konnte. Wenn sie nach 1945 nicht in die klassischen Sportvereine gegangen sind, die es vor Ort gab, dann hatten sie kein Betätigungsfeld mehr.“

 

Zeitungsnotiz vom September 1938 kurz vor dem Verbot des sudetendeutschen Arbeitersports

 

Wen wir abschließend ein Resümee ziehen wollen: Worin bestand beziehungsweise besteht die Bedeutung des sudetendeutschen Arbeitersports?

„Zum einen ist der sudetendeutsche Arbeitersport natürlich ein wichtiger Teil der sudetendeutschen Arbeiterbewegung, also der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Hierzu muss betont werden, dass es gerade die Sozialdemokraten waren, die sich gegen die Nationalsozialisten wie auch gegen die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins gestellt haben. Für die deutsch-tschechische Geschichte ist es wichtig, sich auch diese Gruppen anzuschauen, die leider in den letzten Jahrzehnten oftmals vergessen wurden. Aber die hat es eben auch gegeben, also die 'anderen Sudetendeutschen', die sich nicht begeistern ließen vom Nationalsozialismus oder der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins.

Ein zweiter Punkt ist die sporthistorische Sichtweise. Dazu muss man sagen, dass wir heute natürlich ganz klare Strukturen haben im Sport. Wir haben den olympischen Sport, die olympische Bewegung, die nationalen Ligen oder die beiden großen Fußballverbände Fifa und Uefa. Das wirkt aus heutiger Sicht absolut selbstverständlich und scheint auch absolut unangreifbar zu sein. Das alles wird daher nicht in Frage gestellt, und kann es auch nicht, weil die entsprechenden Strukturen sehr verfestigt sind und auch eine unglaubliche Macht in sich haben.

Meiner Meinung nach aber ist es wichtig zu sagen, dass es in der Geschichte auch Alternativen gegeben hat zu dieser Entwicklung. Es hat also neben der Fifa auch internationale Zusammenschlüsse gegeben von Arbeitersportlern beziehungsweise Arbeiterfußballern. Es ist wichtig zu wissen, dass Geschichte letztlich immer sehr mehrdimensional ist. Es hat also nicht immer nur den einen Strom gegeben, sondern auch andere Ströme, die geschichtlich vielleicht enden, aber es hat sie gegeben. Und sie gehören eben auch zur Geschichte des Sports.“

 

 

Für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial bedanken wir und bei der Bundesgeschäftsstelle der Seliger-Gemeinde e.V. in München.

 

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© Christian Wolter

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