Pfingsten 1930 in Erfurt:

Erstes "Rot Sport"-Reichstreffen 

 

Die Feindschaft zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten auf parlamentarischer Ebene  pflanzte sich in der gesamten Arbeiter-Kulturbewegung fort. Das führte in  der Zwischenkriegszeit letztlich zur Spaltung aller  Bereiche der Arbeiterbewegung. 

Im Arbeitersport wurde die Trennung ab Sommer 1928 amtlich. Der 16. ATSB-Bundestag in Leipzig warf kommunistischen Delegierten vom TSV Fichte Groß-Berlin ein den gemeinsamen Arbeitersport schädigendes Verhalten vor. Nach Abstimmung entzog die Versammlung ihnen die Mandate. In den weiteren Tagen und Wochen folgten Aufforderungen der ATSB-Führung an die Vereine und Verbände der betroffenen Delegierten, diese auszuschließen. Dem kam man nicht nach, und in der Konsequenz wurden das kommunistisch dominierte Arbeiter-Sportkartell von Groß-Berlin, deren Fußballverband Märkische Spielvereinigung und der ASV Fichte Groß-Berlin aus dem ATSB ausgeschlossen.

 

Aufruf zur Teilnahme am Reichstreffen in Erfurt im Berliner "Arbeiter-Fußball", April 1930

 

Die meisten Arbeitersportvereine von Berlin-Brandenburg blieben aber solidarisch zu den Verbannten und wurden ebenfalls aus dem Bund verstoßen. Zusamen mit anderen kommunistisch aktiven Vereinen aus anderen Landesgebieten schloss der ATSB 1928 etwa 30.000 Mitgliedern aus.

Am 26. Mai 1929 gründeten die Oppositionellen die "Interessensgemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport", kurz IG. Nach eigenen Angaben zählte sie da bereits 50.000 Mitglieder, also rund 20.000 mehr als die vom ATSB ausgeschlossen kommunistischen Arbeitersportler. Zu Pfingsten 1930 präsentierte sich dieser neue, im Entstehen begriffene Sportverband erstmals der großen Öffentlichkeit.

 

Kommunistische Arbeitersportler aus dem Ruhrgebiet beim Reichstreffen 1930 in Erfurt

 

Dieses "Reichstreffen" begann am Sonnabend, den 7. Juni, mit der Eröffnung des Reichskongress der IG. Im Erfurter Reichshallen-Theater haten sich dazu 800 Delegierte von kommunistischen Verbänden und Sportvereinen versammelt. Die Hauptreden hielten der KPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Florin und Wilhelm Pieck von der Roten Hilfe Deutschland und spätere Präsident der DDR. 

Tags zuvor Kongress mit 800 Delegierten, Resümee von Aufbautätigkeit seit dem Ausschluss der ersten im Sommer 1928, , KPD Führungsrolle, Genosse Florin, viele phrasengeschwängerte Reden, späterer DDR-Präsident Wilhelm Pieck sprach für RHD

 

Einer von vier Zügen zur Hauptkundgebung

 

Am Sonntag erlebte Erfurt den "Kampfaufmarsch" der roten Sportler, angereist mit 1000 Lastkraftwagen und hunderten Motorrädern. Bei Ankuft wurden sie auf vier Stellplätze verwiesen, von wo aus sich die vier Demonstrationszüge zur Hauptkundgebung auf den Friedrich-Wilhelm-Platz (der heutige Dom-Platz) in Bewegung setzten. Die bei solchen Anlässen obligatorischen roten Banner und Transparente trugen Aufschriften wie "Kämpft für die rote Sporteinheit", "Arbeitersportler sind Soldaten der Revolution" und "Kampf der Bourgasie und des Faschismus". 

 

 

Dank strenger Disziplin und Organisation klappte, wie damals bei allen politischen Lagern üblich , der einstündige Aufmarsch wie am Schnürchen.  In Thüringen regierte seit Januar 1930 die erste Landesregierung mit NSDAP-Beteiligung. Trotzdem gab es das gesamte Wochenende über keinen Ärger mit der Polizei. Die IG-Reichsleitung hatte sich mit dem Erfurter Polizeipräsidenten verständigt, Polizei war nur vereinzelt an Knotenpunkten zu sehen, alle gegenseitige Absprachen wurden eingehalten, Ordnungsdienste übernahmen die Oppositionellen selbst, alles verlief unfall- und störungsfrei

 

 

Gegen 12 Beginn, erster Redner Rochler, IG-RL, Berlin, anschließend "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" und Fahnen-Manifestationen, nächster Redner Ihring, Hetze gegen "Spaltungsmaßnahmen der reformistishen Bürokratie, für die Einheit derroten Arbeiterorganisationen us.w

"Die Interssengemeinschaft wird zu einer Kampfgemeinschaft für die rote Sporteinheit."

Rote Sportler bekunden, dass sie ihr Leben für den Sieg der Arbeiterklasse einsetzen.
Dreifaches "Rot Sport!", danach Hauptredner Ernst Thälmann
"Kampf gegen den Young-Plan, Kampf gegen die Kriegspolitik der deutschen Bourgoisie und für die Verteidigung der Sowjetunion, des einzigen Landes, in dem die Arbeitersportbewegung nihct um ihre Rehcte betteln muss, sondern vollste Unterstützung genoießt, zu führen. Den schärfsten Kampf gegen die faschistischen Werksportvereine, gegen die reaktionären bürgerlichen Sportverbände, in denen die Faschisierung und Militarisierung der proletarischen Jugend betrieben wird. Wir müssen alles daran setzen, die Verbürgerlichung und Republikanisierung des Arbeitersports durch die Sozialfaschisten zu verhindern." völlig utopisches Ziel Gewinnung aller Arbeiter, wieder dreifches kräftiges "Rot Sport!"
Danach Rede Genosse Schmidt aus Basel

 

 

Die Teilnehmerzahlen wurden später so wiedergegeben: Der sozialdemokratische "Vorwärts" nannte 14.000, die Telegraphen-Union 20.000, der Mitteldeutscher Sender meldete 30.000 und der Weimarer Polizeibericht 40.000, was sich mit den Angaben der Interessengemeinschaft deckte.

 

Hauptkundgebung mit 40.000 Teilnehmern auf dem Erfurter Friedrich-Wilhelm-Platz

 

Zusätzlich gab es über die Pfingsttage in 85 thüringischen Ortschaften Fußballspiele mit einheimischen und auswärtigen Mannschaften, davon 80 aus der Hochburg der komunistischen Sport-Opposition Berlin-Brandenburg. 

Obwohl Thüringens Frick alle kommunistischen Demos verboten hatte, war es zum IG-Reichstreffen möglich, alles weitgehend störungsfrei abzuwickeln, nicht nur in Erfurt, sondern auch in etwa 100 Städten und Dörfern Sportveranstaltungen durchzuführen.

Gerade schweißer (oder Baseler) Kommunisten-Nannschaft in Deutshland, in der KPD- und Rot-Sport-Hochburg Berlin Treffen als "WSchweiz" gegen die Berliner Auswahl 3:0 (2:0) für Berlin, Lichtenberger STadion 3000

Sonntag "Deutschland" - "Schweiz" in Eruft auf dem Johannisplatz, erstes IG-Länderspiel, Deutschland mit Hauer (Weißenfels 93)- Ulrich (Borussia Berlin), Stein (Vorwärts Erfurt) - Fuchs (Borussia Berlin), Lück (Sportfreunde Tempelhof), Weiland (Vorwärts Erfurt) - Claus (Weißenfels 93), Wickel (Schönau), Pinnichen (Weißenfels 93), Bourdis (Schönau), Richter (ASV Erfurt)
1:3 (0:3)

 

Hauptkundgebung mit 40.000 Teilnehmern auf dem Erfurter Friedrich-Wilhelm-Platz

 

"allen Schikanen und Terrormaßnahmen der thüringishen Faschistenregierung und der Sozialfaschisten zum Trotz"
Obwohl das thüringische Innenministerium dem Nationalsozialisten Wilhelm Frick unterstand, hatte es den roten Sportlern freies Geleit durch Thüringen zugesichert. So kam es nur hier und da zu ein paar Zwischenfällen bzw. laut KPD-Presse "Terrormaßnahmen": 8 Chemnitzer wurden für ein paar Stunden verhaftet, auf der Rückfahrt ein paar Berliner Kinder und Jugendliche festgehalten, vor Naumburg ein Lastauto von Wehrwölfen angegriffen und dabei 14 Leipziger Sportlerinen verletzt.

 

Hauptkundgebung mit 40.000 Teilnehmern auf dem Erfurter Friedrich-Wilhelm-Platz

 

Rote Heeresschau in Erfurt
 
Zu Pfingsten fand in Erfurt das 1. Reichstreffen der oppositionellen Arbeitersportler statt. Aus Berlin und Umgebung reisten dazu rund 10.000 Sportler an, fast alle per Lastwagen, was am kostengünstigsten war. In 85 thüringischen Ortschaften warben 350 Fußball-Mannschaften aus dem ganzen Reich mit Gesellschaftsspielen für Rot-Sport. Die MSV war mit Dutzenden Fußballteams im Einsatz.
 
Das Treffen begann mit einer Konferenz der IG-Landesleiter. Am Sonnabend wurde im Erfurter Reichshallentheater vor 800 Delegierten der 1. „Kampfkongress der Roten Sportler Deutschlands“ eröffnet. Als prominente Redner traten Wilhelm Florin vom ZK der KPD und Wilhelm Pieck (KPD, Rote Hilfe Deutschland) auf. Ins 14köpfige Präsidium wurden aus Berlin Fritz Kirsch, Alwin Nitschke, Georg Friedmann und Lisa Klinke gewählt. Als großen Erfolg vermeldete man die Zahl von 150.000 Sportlern, die „von der Interessengemeinschaft nicht als eigener Verband, aber als proletarische Kampfgemeinschaft, erfasst sind.“
Als weitere Ziele setzte sich die IG den flächendeckenden Aufbau arbeitsfähiger Landesleitungen, die Zentralisation ihrer Vereine, zahlenmäßiges Wachstum, dies vor allem durch die Gewinnung von mehr Jugend und Frauen, eine Versicherung für alle angeschlossenen Sportler, die Herausgabe einer reichsweiten Zeitung und Kampf  Konkurrenz gegen den Firmen- und Behördensport. 
Der Arbeitersport sah in den Werksportvereinen ausschließlich Einrichtungen zur Profitmaximierung und zur Korrumpierung der Arbeiter, um sie von der proletarischen Bewegung fernhalten. Als Mittel zum Kampf gegen „Werksport und Werksfaschismus“ galt seit dem Erfurter Treffen die Bildung roter Betriebssportgruppen, die in enger Gemeinschaft mit der KPD-nahen Revolutionären Gewerkschaftsorganisation kämpfen sollten.
 
Am Sonntagvormittag marschierten Zehntausende zum Erfurter Domplatz. Die Domtreppe war mit roten Sportlern vollbesetzt, als zur Hauptkundgebung um 12 Uhr der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann sprach. Er nannte als Aufgaben des Arbeitersports den Kampf gegen den Young-Plan, gegen deutsche Kriegspolitik und für die Verteidigung der Sowjetunion, „Den schärfsten Kampf gegen die faschistischen Werksportvereine, gegen die reaktionären bürgerlichen Sportverbände, in denen die Faschisierung und Militarisierung der proletarischen Jugend betrieben wird!“ 
Da die Teilnehmerzahlen von Großveranstaltungen der oppositionellen Arbeitersportler oft unglaubwürdig wirkten, machte die KPD-Presse diesmal folgende Aufstellung: Der sozialdemokratische Vorwärts gab 14.000 Erfurt-Teilnehmer an, die Nachrichtenagentur Telegraphen-Union meldete ihrer 20.000, der Mitteldeutscher Sender erhöhte auf 30.000, und im Weimarer Polizeibericht stand schließlich etwas von 40.000 Teilnehmern, was sich mit den IG-Angaben deckte. 
Der Film zum Reichstreffen, „Rot Sport in Erfurt“, hatte am 25. Juli 1930 im Berliner Kino Babylon seine Uraufführung. Im September benannte sich die Interessengemeinschaft um in Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, kurz KG.

 

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© Christian Wolter

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