ATSB-Mitgliedsbuch No. 13188

 

Untenstehendes Foto zeigt die I. Mannschaft des SC Merkur Grünau 1903. Die Aufnahme entstand um 1914, als Merkur im DFB-Regionalverband Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB, heute Berliner Fußballverband) spielte. Stolz präsentieren sich die Spieler in blau-schwarzer Vereinskluft mit ihrem Vorstand um einen stattlichen Trinkpokal und den Vereinsschild. Aus allem spricht wilhelminisches Gepräge und bürgerliches Selbstbewusstsein. Und doch sollte Merkur Grünau einige Jahre später zum sozialistischen Arbeitersport übertreten.

 

 

Aber so weit ist es noch nicht, als das Mannschaftsbild in Form einer Postkarte mit folgendem Text auf die Reise geht: 

"Lieber Freund.

Habe deine Karte erhalten und [mich] sehr gefreut. Schicke Dir hiermit die erwünschte erste Mannschaft. Sonst geht es uns gut, dasselbe von Dir hoffend.

Es grüßt vielmals dein Freund Willi, nebst Frau."

Adressat ist W. Kallenbach, Füselier im Garde-Grenadier-Regiment Nr. 5, 12. Kompanie, 5. Korps und derzeit an der Westfront im Einsatz. Abgestempelt ist der Gruß im Berliner Postbezirk O 17 (Poststelle Schlesischer Bahnhof) am 29. Juni 1916 zwischen 8 und 9 Uhr vormittags.

 

 

Von W. Kallenberg ist uns nichts weiter bekannt, auch nicht vom absendenden Willi, aber einiges vom langjährigen Merkur-Torhüter Willy Buchwald. Der überlebte den Krieg soweit unbeschadet, dass er seine sportliche Laufbahn nach 1918 fortsetzen konnte. Diese Aufnahme zeigt ihn auf sandigem Fußballgrund vor kaiserzeitlicher Industrie-Architektur "jwd" ("janz weit draußen") im Berliner Osten.

 

 

Außerdem ist uns Willy Buchwalds ATSB-Mitgliedsbuch erhalten, das wir Euch hiermit präsentieren. Es diente zugleich als Spielerpass, und das interessanterweise auch noch Jahre nach der Spaltung des Arbeitersports, durch welche sich der Torwart samt seines Vereins in einem anderen Verband, nämlich der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, wiederfanden.

Den Angaben des ausgestellten Mitgliedsbuches zufolge hatte Willy Buchwald am 14. Oktober 1890 in Berlin das Licht der Welt erblickt, wohnte 1926 in der Jägerstraße (seit 1939 Schlierseeestraße) 20 in Berlin-Grünau und war bereits am 28. Februar 1912 dem damaligen Arbeiter-Turnerbund beigetreten.

Der Pass ersetzte im Sommer 1926 ein älteres Mitgliedsbuch und weist aus, dass im Vorgänger ordnungsgemäß die Sondermarken für das 1. Bundes-Turn- und Sportfest 1922 in Leipzig, das Arbeiter-Olympia 1925 in Frankfurt/Main sowie für den Bau der Bundesschule in Leipzig klebten. Bezeugt ist dies sowohl vom Verein als auch von der Leitung des Spielbezirks Osten der Märkischen Spielvereinigung, dem regionalen Fußballverband des ASTB.

Der Pass wurde im Sommer 1926 neu ausgestellt und trägt No 13188. Als Mitgliedsnummer ist diese zu niedrig, die Mitgliederstatistik des Arbeiter-Turnerbundes wies am Ende von Buchwalds Eintrittsjahr, also am 31. Dezember 1912, bereits 183.383 Mitglieder in 2222 Vereinen auf. Die "Nummer des Passes für Fußball" lautet 2619. Buchwald als 2619. Arbeiterfußballer in Berlin-Brandenburg ist schon eher wahrscheinlich, da die Märkische Spielvereinigung im Sommer 1913 die Zahl von 3000 Angehörigen erreichte.  

Werfen wir mal einen genaueren Blick auf das Passbild. Als dieser Pass ausgestellt wurde, zählte unser Torhüter bereits 35 Lenze. Auf dem Bild scheint er in Anbetracht damaliger Lebensumstände wie Industriearbeit, Soldatenzeit und Nachkriegsnot, welche schneller altern ließen als heutige soziale Verhältnisse, doch um einiges jünger zu sein. Auch der akkurate Stehkragen ist Indiz dafür, dass das Foto schon älter ist, denn Mitte der 20er Jahre war der nicht mehr modern. 

 

 

Merkur Grünau kam 1920 vom DFB zum ATSB. Da Buchwald seit 1912 Arbeitersportler war, kann er, wenn alles mit rechten Dingen zuging, Merkur also frühestens 1920 beigetreten sein. Vielleicht auch erst im Sommer 1926, denn unter "Ummeldung für Fußball" steht "spielberechtigt für 1. Mannschaft ab 15. 8. 1926". Auf der linken Seite ist kein Vereinswechsel vermerkt. Wo unser Sportgenosse vor seinem Merkur-Engagement Arbeitersport getrieben hatte bleibt also im Dunkeln. Auskunft darüber könnte der amtliche Teil im "Arbeiter-Fussball", Wochenzeitung der Märkischen Spielvereinigung, geben, der üblicherweise alle Bewegungen im Mitgliedsregister brachte.

Nun zu den Klebemarken. An der richtigen Stelle angebracht wiesen sie die Zahlung des Quartalsbeitrages, der anteilig die Kosten der Verbandsverwaltung und die Unfallversicherung abdeckte, nach. Zur Quittierung des monatlich zu entrichtenden Vereinsbeitrags reichte der Stempel des Vereinskassierers.

Am 6. September erklärte der ATSB infolge des Zerwürfnisses mit der mehrheitlich kommunistischen Leitung der Märkische Spielvereinigung diese für ausgeschlossen. Die meisten MSV-Vereine stellten sich hinter die MSV-Führung und wurden ebenfalls ausgeschlossen. So auch der SC Merkur Grünau. Der Bruch wird deutlich an der für das IV. Quartal 1928 fehlenden ATSB-Beitragsmarke. Die Märkische Spielvereinigung gründete flugs eine eigene Unfallkasse, für deren Bezahlung es ab 1929 einen Marken-Nachweis gab. Seit Juni 1929 wurde auch der Vereinsbeitrag geklebt und zusätzlich vom Vereinskassierer abgestempelt.

 

 

Die MSV-Vereinsbeitrags-Marke tritt bereits im Januar 1930 letztmalig auf. Die folgenden Marken doumentieren die Entstehung der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, zu der die MSV nun gehörte. Für das II. Quartal gibt es eine Unfall-Marke "für rote Sporteinheit", danach jeweils Nachweise für Landes- und Reichsbeitrag. 

 

Die Großaufnahme lässt erkennen, dass sich auf den ATSB-Marken vierteljährlich die Farbe und jährlich die Gestaltung änderte. Dieses Prinzip findet dann auch auf den Rot-Sport-Marken Anwendung. 

 

 

Im ATSB-Buch fand sich außerdem ein Beitrags-Heftchen, welches die Märkiche Spielvereinigung Anfang der 30er Jahre herausgab. Dessen Layout weist Wochen- statt Monatsfelder auf und zusätzlich unten rechts ein Kästchen für den Beitrag zur Moskau-treuen Roten Sport-Internationale (R.S.I.).

Die Marken im vorliegenden Buch sind geklebt bis einschließlich der 5. Woche 1933, also bis zum 5. Februar. Es fehlen, warum auch immer, die Beitragsnachweise bis zum 27./28. Februar, der Reichstags-Brandnacht. In deren Folge kam es durch Verhaftungen, Verbote und Beschlagnahmungen zur Zerschlagung von KPD und deren Vorfeldorganisationen. Bis zur 9. Woche hätte Willy Buchwald also eigentlich noch kleben müssen, erst danach wäre er gewissermaßen entschuldigt gewesen.

Nun zurück zum ATSB-Mitgliedsbuch. Es folgen noch einige Seiten mit Platz für Extra-Marken, mit Hinweisen zur Buchführung, zu den Rechten und Pflichten von ATSB-Mitgliedern sowie dem Einheitsstatut für ATSB-Vereine.

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© Christian Wolter