Ikonographie im Arbeitersport

 

Die Gründung des Arbeiter-Turner-Bundes zu Pfingsten 1893 in Gera fiel in die Zeit des Wilhelminismus. Kunststilistisch vorherrschend war noch die Gründerzeit, also die Verwendung und Durchmischung historischer Stile. Dargestellt wurde dabei auch schon Zeitgenössisches, z. B. aus dem Bereich der Technik und der Wissenschaften, auch wenn die historistischen Elemente dabei anachronistisch wirkten. Der Jugendstil kündigte sich 1893 bereits an, der Begriff war aber noch nicht geprägt. 

 

 

Das erste Emblem der deutschen Arbeiterbewegung entstand 1848/49 mit der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung, einer Vereinigung mehrerer politischer Arbeiterorganisationen aus der Zeit der Märzrevolution. Es zeigt in einem Kranz aus Palmen- und Eichenblättern ein aus einem Handschlag aufragendes Schwert. Die zwei Hände als Symbol proletarischer Einigkeit und Solidarität tauchten später auch auf SPD-Fahnen und in Emblemen von Arbeitervereinen, wie dem Touristenverein „Die Naturfreunde“, auf. Auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD 1946 in Ost-Berlin wurde der Handschlag schließlich einstimmig als Zeichen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gebilligt.

 

Auch die Fahne der Ortsgruppe Teterow des Arbeiter-Radfahrer-Bundes "Solidarität" zeigt das Händesymbol von 1848.

 

Die Arbeiterturner orientierten sich zunächst am bürgerlichen Zeitgeschmack. So übernahmen sie anfangs einige Insignien der Deutschen Turnerschaft: die gleiche weiße Turnerkleidung, dasselbe Körperideal, den Turnergruß „Gut Heil!“ sowie das Turnerkreuz. Dieses aus vier F gebildete griechische Kreuz taucht in Deutschland wohl erstmals im frühen 18. Jahrhundert auf Silbermünzen auf. Um 1846 schlug es der Darmstädter Turner und Kupferstecher Johann Heinrich Felsing der Deutschen Turnerschaft als Erkennungszeichen vor. Die damit symbolisierte, zuvor bereits von ‚Turnvater‘ Friedrich Ludwig Jahn etablierte Maxime „Frisch, frei, fröhlich, fromm“ geht wohl auf einen Studentenspruch aus dem 16. Jahrhundert zurück. Das Turnerkreuz fand ab 1853 zunehmende Verwendung, so als Turnfestschmuck, in Vereinsemblemen und schließlich als Logo der Deutschen Turnerschaft. Heute noch ist es das Zeichen des Deutschen Turnerbundes. 

 

Links das alte Emblem des TV Fichte Berlin mit dem "bürgerlichen" Turnerkreuz, das 1927 durch das zeitgemäßere "Fichte-F" ersetzt wurde.

 

Der Arbeiter-Turner-Bund legte sich auf seinem IV. Bundestag (21./22. Mai 1899 in Nürnberg) als Gruß der Arbeiterturner die Losung „Frei Heil!“ zu. Auf dem VIII. Bundestag (19. bis 21. Mai 1907 in Stuttgart) folgte die Einführung des Arbeiterturner-Kreuzes, gebildet aus den Versalien F, F, S und T, die „Frisch, frei, stark, treu“ bedeuteten. Das S stand außerdem, wenn auch zur Vermeidung von Problemen mit der staatlichen Obrigkeit nur inoffiziell, für den Sozialismus als angestrebtes Gesellschaftsziel. Es war daher größer als die anderen Buchstaben und zentral auf diesen platziert. 

 

Abzeichenpalette des Arbeiter-Turn-Verlages, ATV-Katalog 1919

 

Die Fahne des Arbeiter-Turnerbundes war entsprechend seiner Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung natürlich rot. Die in der eigenen Presse, auf seinen Postkarten etc. dargestellten Motive waren meist betont unpolitisch gehalten, da der ATB und seine Vereine im Kaiserreich immer wieder von der „Politischerklärung“ bedroht war, was das Nutzungsverbot öffentlicher Plätze und Hallen und das Verbot eigener Jugendabteilungen zur Folge hatte. 
Nach 1900 kam auch im Arbeitersport verstärkt die Ornamentik des Jugendstil zur Anwendung, zunächst in der Druckgrafik, dann auch auf Emblemen und Gebrauchsgegenständen. Die Kriegswirtschaft ab 1914 sowie die aus der Niederlage resultierende ökonomische Krise führten zur Verschlechterung der Ausgangsmaterialien. So entstanden besonders während der Hyperinflation 1922/23 Plaketten für Turnfest-Teilnehmer vielerorts aus Pappe statt Metall und Emaille. 

 

Neue und alte Formensprachen auf Spendenmarken von 1922

 

Ebenso verzögerten der Weltkrieg und seine Folgen den Durchbruch des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Erst die Einführung der Rentenmark im November 1923 und die folgende Gewährung vor allem US-amerikanischer Kredite ermöglichten einen Moderni-sierungsschub. Im deutschen Zeitungswesen wurde der Inves-titionsstau u.a. durch die Anschaffung von Zeitungsklischees in Art Deco und Bauhaus-Stil aufgelöst. Diese äußerliche Modernisierung fand auch im Presse-Layout des Arbeitersports statt und setzte sich in neuen Designs für Reklame, Anzeigen und Emblemen fort. So ersetzte der größte deutsche Arbeitersportverein Fichte Berlin sein gründerzeitliches Logo 1926 durch ein aus einem gleichschenkligen Dreieck geschnittenes, völlig schmuckloses, aber umso ein-prägsameres F.

 

 

Nach der Spaltung des Arbeitersports ab 1928 lassen sich zwischen dem sozialdemokratisch orientierten „Arbeiter-Turn- und Sportbund“ und der KPD-nahen „Interessengemeinschaft für die Wieder-herstellung der Einheit im Arbeitersport“ (IG, Ende 1930 umbenannt in Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit) zum Teil deutliche Unterschiede in Grafik und Design ausmachen.

Der kommunistische Teil der Arbeitersportbewegung orientierte sich bereits vor dem Schisma stärker an proletarischer Kunst wie den Proletkult sowjetrussischer Prägung. Ein Beispiel von 1927 ist die Neujahrsausgabe des "Arbeiter-Fußball", Wochenzeitung der KPD-nahen Märkischen Spielvereinigung, welche dann im Sommer 1928 wegen Verstoß gegen die Bundesstatuten aus dem ATSB ausgeschlossen wurde und eine der mitgliederstärksten Keimzellen der späteren Kampfgemeinschaft alias Rot-Sport war.

 

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Die Ikonographie der KG wirkte entsprechend dem kommunistischen Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung durch Revolution statt Evolution radikaler, kämpferischer und aufrührerischer als jene der sozialdemokratischen Arbeitersport-Mehrheit. Gelegentlich wurden auch direkt Vorlagen von sowjetischen Künstlern verwendet, so beim Plakat zur (verbotenen) Internationalen Spartakiade 1931 in Berlin. Das leicht abgewandelte Motiv fand zuvor auch schon bei Sport-veranstaltungen in der Sowjetunion Verwendung.

 

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Der herausragende Pressezeichner des Arbeitersports war der Leipziger Künstler Georg Kretzschmar (1890–1970). Vor 1933 arbeitete er u.a. für die sozialdemokratische „Leipziger Volkszeitung“ und die vom ATSB herausgegebene „Freie Sport-Woche“. Zudem trat er vor und nach der NS-Zeit als vielseitiger Buchillustrator und Gebrauchsgrafiker in Erscheinung. Die kommunistische Abspaltung des Arbeitersports verfügte über keinen so profilierten Künstler. 

 

 

Hersteller von Accessoires der Arbeitersportvereine waren einerseits örtliche Hersteller, zu einem großen Teil aber auch spezialisierte Verlage aus dem Umfeld der Arbeitersportverbände. Hier ist vor allem der Leipziger Arbeiter-Turnverlag zu nennen, der im ATSB-Gebäude neben der Bundesschule in der Leipziger Fichtestraße residierte, und durch sein umfassendes und auch künstlerisch durchdachtes Angebot das äußere Erscheinungsbild des Arbeitersports prägte.

 

 

Auf kommunistischer Seite ist der Arbeiter-Theaterverlag Alfred Jahn Leipzig zu erwähnen. Einiges an Vereins-Accessoires (Stoffembleme, Fahnenbestickungen, Anstecker) entstand auch in Selbstanfertigung. Beispielsweise diese hier durch Metallarbeiter als Mitglieder im ASV Fichte Berlin. 

 

 

Nach den „Goldenen Zwanzigern“ gab es infolge der Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Lohnabbau eine erneute Materialverschlechterung bei Arbeitersport-Devotionalien. Die Teilnahmeplaketten für Arbeitersportfeste, zuvor meist künstlerisch und materiell wertig, waren nun infolge der materiellen Not häufig nur einfache Anfertigungen aus Kunststoff, Textilien und Papier. 

 

Links eine Kunststoff-Plakette von einem Fichte-Bezirkssportfest am 12. Juni 1932 und zum qualitativen Vergleich rechts ein Teilnehmerabzeichen aus Aluminium von einer Rot-Sport-Veranstaltung am 10. August 1930 in Leipzig.

 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Arbeiter-sportbewegung künstlerisch stets auf der Höhe ihrer Zeit war und neue Stile genauso rasch annahm wie die bürgerliche Turn- und Sportbewegung. Die in ihrem Umfeld entstandenen Nadeln, Fahnen, Pokale, Trinkgefäße, Druckerzeugnisse weisen in künstlerischer und materieller Hinsicht kaum Unterschiede zu entsprechenden ‚bürgerlichen‘ Anfertigungen auf und sprechen für die hohe Qualifikation der damaligen Kunsthandwerker und Gebrauchsgrafiker, von denen einige ja selber aktive Arbeitersportler gewesen sind.

Christian Wolter

 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Tagungsband "Sportgeschichte mitten in Deutschland – Sammeln Erforschen Zeigen". Die leicht bearbeitete Veröffentlichung auf arbeiter-fussball.de erfolgte mit freundlicher Genehmigung des arete Verlages.

 
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