Arbeiter-Leichtathleten – Abwerbungen und Sport-Karrieren nach 1933

 

"Kapern" oder "Ziehen" waren im Arbeitersport griffige Vokabeln für die Abwerbung begabter Athleten zum bürgerlichen Sport. Wie auch beim „großen Bruder“ Fußball gab es bei den Leichtathleten Verbands- bzw. Vereinswechsel unter der Zusage finanzieller und sportlicher Verbesserungen oder auch nur einer Arbeitsstelle, wovon sich manche Arbeitersportler verlocken ließen. Im europäischen Maßstab waren hiervon die Spitzenathleten des finnischen Arbeitersport-Verbandes TUL besonders betroffen. 

Prominentestes Beispiel war Volmari Iso-Hollo (1907-1969), der verbotenerweise an der Spartakiade 1928 in Moskau teilnahm und dort über 3000 m Hindernis und im 5000-m-Lauf Platz 1 belegte. Iso-Hollo schloss sich dem bürgerlichen finnischen Verband an und errang bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles über 3000 m Hindernis Gold sowie beim 10.000-m-Lauf Silber. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin sahen ihn über 3000 m Hindernis wieder als Sieger. Zusätzlich wurde er über 10.000 m mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

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Zieleinlauf über 3000 Meter Hindernis: Volmari Iso-Hollo bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin

 

Eino Borg (1900-1984), der als Mittel- und Langstreckenläufer bei der Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt zu drei Einzeltiteln kam, gelang es nach seinem Übertritt zum bürgerlichen Verband im Juni 1927, nunmehr unter dem Namen Eino Purje, bei der Olympiade 1928 in Amsterdam Bronze über 1500 Meter zu holen.

Bei der Olympiade 1932 in Los Angeles brachte es der ehemalige Arbeitersportler Lauri „Lasse“ Virtanen über 5000 und 10.000 m ebenfalls zu Bronzemedaillen. Der dreimalige TUL-Meister im Kugelstoßen Sulu Richard Bärlund (1910-1986) konnte bei der Olympiade 1936 in Berlin sogar die Silbermedaille erringen.

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Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt, Start der Zehnkämpfer beim 1500-m-Lauf

 

Von den Leichtathleten des Arbeiter-Turn- und Sportbundes standen für die Einkäufer der bürgerlichen Vereine besonders die Frauen im Blickpunkt, die hier europäische Extraklasse verkörperten und zum Teil noch sehr jung und damit entwicklungsfähig waren. Alle Beteuerungen, Arbeitersportler wären generell leistungsschwächer als ihre bürgerlichen Konkurrenten, blieben, wie auch schon bei den Fußballern, nur „Schall und Rauch“.

Erstes Opfer wurde die Siegerin im Hochsprung und Dritte im Dreikampf der Arbeiter-Olympiade von 1925, Erika Haase (geb. 29. November 1906) vom TV Fichte Neue Neustadt Magdeburg. Die Überschreitung der Wechselmarke bei der 10×100-m-Staffel, an der sie beteiligt war, verhinderte sogar einen Weltrekord in dieser Disziplin. Ende August 1927 ging Haase zur Leichtathletik-Abteilung des SC Viktoria 1896 Magdeburg, aus der 1929 der Frauen-Sportclub Magdeburg entstand. Als verheiratete Kreplin errang sie bei den Deutschen Meisterschaften 1930 mit dem FSC Magdeburg den 3. Platz in der 4×100-m-Staffel.

 

Erika Haase (l.) mit ihrer Sudenburger Sportgenossin Anni Hippler

 

Während der IV. ATSB-Bundesmeisterschaft 1929 in Nürnberg machte die 18-jährige Kugelstoßerin Hermine Wüst vom Athletenklub Mundenheim durch gute Leistungen auf sich aufmerksam. Bei den Deutschen Meisterschafte 1931 trat sie dann schon für den bürgerlichen TV 1883 Mundenheim an und belegte Platz 2. Ihre "bürgerlichen" Meistertitel gewann Hermine Wüst, verheiratete Schröder 1932 und 1933. Unbestrittener Karriere-Höhepunkt der Kugelstoßerin (1911-1972) war ihr Gewinn der Europameisterschaft 1938 in Wien.

 

Hermine Wüst, erfolgreiche Kugelstoßerin der 30er Jahre, auf diesem Foto noch als Arbeitersportlerin zu bewundern

 

Bei den Männern ging Hans Brocks, 1927 ATSB-Meister über 100 und 200 Meter sowie mit der 4×100-m-Staffel seines Vereins, im April 1928 vom ATV 1897 Hannover-Linden zu einem bürgerlichen Verein seiner Stadt.

Im gleichen Jahr wechselte Paul Wels, Dritter im Hochsprung der Arbeiter-Olympiade 1925 und 1927 ATSB-Meister über die 400 m Hürden, von der Freien Turnerschaft Burg zum SC Germania 1898 Magdeburg.

 

Amerika-Auswanderer Ernst Mehwald, hier noch im Training für seinen Heimatverein TV 1892 Freiheit Rathenow

 

Einen herben Verlust anderer Art erlitt der deutsche Arbeitersport 1929 durch die Auswanderung seines vielseitigen Leichtathleten Ernst Mehwald (TV 1892 Freiheit Rathenow), der 1927 Meister über 60 m, über 110 m Hürden und im Hochsprung war. Cleveland in den USA war seine neue Station, wo er sich der seit 1911 bestehenden „Workers Gymnastik and Sport Alliance of the USA“ anschloss. Hier schaffte er es zum US-Rekordhalter in mehreren Disziplinen und zum Leichtathletik-Sportwart seines neuen Verbandes.

 

Luise Krüger bei ihrem Speer-Rekordwurf 1932 in der Dresdner Ilgen-Kampfbahn

 

Bei den IV. ATSB-Bundesmeisterschaften 1929 in Nürnberg fiel die noch in der B-Klasse im Hochsprung startende 14 Jahre alte Dresdnerin Luise Krüger (1915-2001) durch ihr Talent auf. 1931 bei der Arbeiter-Olympiade in Wien errang sie Siege mit dem Speer und im Dreikampf. Die V. und letzten Bundesmeisterschaften 1932 in Dresden brachten ihr im Hochsprung, Speer und Dreikampf sogar drei Titel ein.

Nach dem Verbot des Arbeitersports startete "Liesl" ab 1933 statt für den TV 1876 Cotta-Briesenitz für den Dresdner SC. 1934 wurde sie Deutsche Meisterin im Speerwurf, 1941 und 1942 im Fünfkampf. 1936 in Berlin holte sie olympisches Silber und bei den Europameisterschaften 1938 den 3. Platz jeweils im Speerwurf. Erwähnenswert sind auch ihre Meistertitel in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR sowie ihre spätere Tätigkeit als bekannte Leichtathletik-Trainerin.

 

Nürnberger ATSB-Läuferinnen, u.a. von TV Glaishammer, TSVgg Nürnberg-West und FT Nürnberg, beim Bezirksfest im Juni 1929; vorne 2. von links: Stibitz-Hochholzer, 3. v.l. Babette Kehrt im Trikot von Nürnberg-West

 

Anna-Babette Hochholzer, verheiratete Stibitz (1905-1969) von der FT Nürnberg Süd war eine der stärksten ATSB-Leichtathletinnen. In ihren Parade-Disziplinen 100-Meter-Lauf, Diskuswurf und Dreikampf holte sie von 1923 bis 1932 etliche Meitertitel. Ihre größten Erfolge hatte sie als 20-jährige bei der Arbeiter-Olympiade 1925 als Zweite über 100 m und als Mitglied der Weltrekord-Staffel über 4 × 100 m. Bei der Wiener Arbeiter-Olympiade 1931 belegte sie verletzungsbedingt über 100 m nur den 5. und über 200 m den 6. Platz; zum Dreikampf konnte sie nicht mehr antreten. 1934 ging sie zum 1. FC Nürnberg, der damals noch eine Leichtathletikabteilung hatte, in der sie bis 1940 aktiv blieb.

Für Gertrud Hähnert (geb. 24. März 1902) vom Freien Sportklub Kassel, die 1932 bei den ATSB-Meisterschaften Platz 1 im Kugelstoßen belegt hatte, ging es nach 1933 bis 1939 bei Hessen Preußen Kassel weiter.

Der Münchner Mittel-und Langstreckenläufer Georg Ostertag (geb. am 2. Februar 1911), der für den TSV 1897 München Ost bei der Arbeiter-Olympiade 1931 mit Platz 4 über 1500 m und Platz 5 über 5000 m gute Platzierungen erreicht und 1932 die Bundesmeisterschaft über 10.000 m gewonnen hatte, setzte seine sportliche Laufbahn ab 1933 beim TSV 1860 München fort, mit dem er 1934, 1936 und 1937 Deutscher Mannschaftsmeister wurde.

Rolf Frommhagen

 

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Titelfoto: Berliner Arbeiter-Leichtathleten zu Gast in Fürstenwalde, um 1930 (Helmut Weiß, Berlin-Köpenick), weitere Fotos: Rolf Frommhagen und Reiner Fricke, Volmaro Iso-Hollo: Staatliche Agentur des Bulgarischen Archivs

 

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© Christian Wolter

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