Vereins-Fahnen im Arbeitersport

 

Fahnenförmige Stammes- und Feldzeichen sind seit dem frühen Altertum bekannt und schon auf antiken Reliefs bildlich überliefert. Als Sammel- und Erkennungszeichen wurden sie in viele nichtmilitärische Bereiche des Lebens übernommen. Fahnen gehören daher auch zur klassischen Vereinskultur. Hier werfen wir ein Blick auf einige für den Arbeitersport charakteristische Vereinsfahnen und deren Anwendungen. 

 

 

Die Traditionsfahne der Freien Turnerschaft an der Kieler Förde gehört zu den ältesten erhaltenen Arbeitersport-Fahnen. Sie entstand noch in der Kaiserzeit und zeigt das Konterfei von Turnvater Jahn, damals auch als Stammvater der Arbeiterturner verehrt.

 

 

Mitte des 19. Jahrhunderts galt in der deutschen Turnbewegung noch Johann Christoph Friedrich GutsMuts als Begründer der einheimischen Leibesübungen. Erst nach der Reichsgründung 1871 stieg Friedrich Ludwig Jahn zum Säulenheiligen Nr. 1 der Deutschen Turnerschaft auf. Der Arbeiter-Turnerbund übernahm diesen Kult zunächst, was sich auch in einigen Vereinsbenennungen (wie TV "Turnvater Jahn" Burgstädt auf obigem Bild) manifestierte.

Deutsche Turnerschaft und Arbeiter-Turnerbund stritten also um das Erbe Jahns und welcher der beiden Bewegungen er sich angeschlossen hätte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Über-Figur Jahn in der Arbeitersport-Bewegung zunehmend kritisch gesehen, und seine Verehrung kam im ATSB aus der Mode.

 

 

Schlicht und übersichtlich ist die Fahne von "Frisch auf" Moisling gestaltet. Außer dem Gründungsdatum gibt sie noch den Kreis (3. Nordeutschland) und den Bezirk (3. Kiel) preis. Eine spezielle Fahnenspitze aus dem Angebot des Arbeiter-Turn-Verlages ziert das Ende der Fahnenstange. Noch bestehender Nachfolger von "Frisch auf" ist die Spielvereinigung Rot-Weiß Moisling 1911.

 

 

Deutlicher zu erkennen ist das Arbeiter-Turnerkreuz hier in der Fahnenspitze des sudetendeutschen ATSV "Freiheit" Mürbenthal. Die Anordnung der beiden Jahreszahlen legt nahe, dass die Fahne zum 25. Vereinsjubiläum entstand.

 

 

Viel gediegener und aufwändiger als dieses Banner des Arbeiter-Turnverein Vegesack kann eine Vereinsfahne kaum sein. Die Jahreszahl "1904" ganz unten deutet darauf hin, dass dieses Prachtstück zum 10. Vereinsjubiläum des ATV Vegesack entstand, allerdings wurde das ATSB-Wappen erst 1907 eingeführt!

 

 

Die Rückseite prunkt mit dem Idealbild eines Arbeiterturners an frischer Luft, umkränzt von Eichenlaub. Das Motto "Ein freies Volk voll Einigkeit und Kraft sei das Panier der freien Turnerschaft" findet sich auch auf Fahnen anderer Arbeiterturnvereine. Die Verbandsdevise "Frisch Frei Stark Frei" ziert stückweise die Ecken des kostbaren Tuchs.

 

 

Die Vereinsfahne des ATSV Marne wäre in ihrer Reduziertheit und mit der schnörkellosen Schrift untypish für die Kaiserzeit, aber modern für die Weimarer Jahre. Auch die Bezeichnung "Arbeiter-Turn- und Sportverein" deutet auf ihre Anfertigung nach 1918 hin, als viele vormals reine Turnvereine ihr Angebot erweiterten und ihre Vereinsbezeichnungen in "Turn- und Sportverein" aktualisierten.

 

 

Schauen wir nun auf ein paar Beispiele der praktischen Verwendung von Vereinsfahnen. Hier führen die Mitglider des ATV "Freiheit" Teltow in werbender und repräsentativer Absicht ihr Banner aus.

 

 

Hier der Einmarsch Berliner Arbeitersportler in das Grunewald-Stadion. Anlass ist der Reichs-Arbeitersporttag (RAST) 1926. Links die Fahne des Berliner FC "Adler" von 1912 weist jenen aus als Mitglied der MSV, der Märkischen Spielvereinigung aus, dem damaligen ATSB-Regionalverband für Fußball in Berlin-Brandenburg. 

 

 

Hier marschiert die Wander-Sparte des TSV Fichte zum RAST 1927 ins Grunewald-Stadion ein. In der Mitte die Fichte-Fahne, flankiert von rote Fahnen. Die Transparente tragen Aufschriften wie "Sport gibt Kraft – Alkohol erschlafft" und "Hinein in die Wandersparte des A.T.V. Fichte".

 

 

Gerade in Berlin fand die Fahnenform fand auch häufig Verwendung im Vereinszeichen. Dieses Emblem aus besticktem Filz von Sparta Lichtenberg ist dem Vereinsemblem nachempfunden und ließ sich mit Druckknöpfen auf den Trikots befestigen, wie das folgende Bild der I. Mannschaft von Sparta Lichtenberg zeigt:

 

 

Zur damaligen Fahnenkultur gehörte die feierliche Bannerweihe. Dazu ein Beispiel aus dem Arbeiter-Radsport: Hier bewirbt die Ortsgruppe Teterow des Arbeiter-Radfahrerbundes "Solidarität" ihre Bannerweihe mit Festprogramm in der örtlichen Zeitung:

 

 

Auf dem folgenden ist die Fahne bereits feierlich auf dem Marktplatz enthüllt worden und wird im Korso erstmals durch die Straßen der Stadt gefahren. Die Bannerweihe fand an einem Sonntag statt, dafür wirkt die Straße recht belebt, die Bevölkerung zeigt also durchaus Interesse und Anteilnahme an dieser Zeremonie.

 

 

Hier noch einmal die Fahne in ihrem heutigen Zustand. Oben "Frisch auf!", der Gruß der Arbeiter-Radler, dann Name und Zeichen des ARB "Solidarität", die Ortsangabe und der Handschlag als Zeichen proletarischer Einigkeit und Solidarität.

 

 

Mit Verbot und Zerschlagung der Arbeitersportbewegung 1933 verschwanden die dazugehörigen Vereinszeichen aus der Öffentlichkeit. Was nicht rechtzeitig versteckt wurde fiel in Nazi-Hände und wurde zerstört. Dieses Foto zeigt die öffentliche Verbrennung der Fahne der Freien Turnerschaft Chemnitz-Kappel durch HJ und SA im Frühjahr 1933. Fahnen von Arbeitersport-Vereinen gehörten zu den ersten während der Naziherrschaft zerstörten Kulturgütern!

 

 

Darum führen viele der nach 1945 wiedergegründete Arbeitervereine heute nicht mehr ihre Originalfahnen, sondern Neuanfertigungen, z.B. der ATS Buntentor von 1902 aus Bremen.

 

 

Beim ASV Michelfeld aus dem bayrischen Auerbach handelt es sich um einen Fusionsverein mit dem ATSV als arbeitersportlicher Wurzel.

 

 

Und hin und wieder taucht auch längst verschollenes Stück wieder auf. Wie diese Fahnen der heutigen SG Gittersee von 1882 beim Abriss der alten Turnhalle:

 

 

Die ältere der beiden Fahnen mit dem Emblem der Deutschen Turnerschaft gehörte dem  Turnverein von 1882 aus dem damals noch selbständigen Gittersee, die jüngere dem TV Einigkeit 1890, Dresdens ältestem Arbeitersportverein. Vermutlich schlossen sich beide Vereine später zusammen. 

 

 

Ab 1912 führte der TV Einigkeit Gittersee eine Fußball-Abteilung, die ab 1915 als Dresdner BV 15 antrat, aber Teil des Hauptvereins blieb. Nach dem Machtantritt der Nazis musste der TV Einigkeit dann sein bewegliches Inventar der Gemeindeverwaltung übergeben. Aber nur teilweise, wie sich beim Abriss der Vereinsturnhalle zeigte. 76 Jahre lang waren beide Fahnen in einer Doppelwand verborgen, zusammen mit einigen Pokalen und einer Kasse mit 4,76 Reichsmark, offenbar versteckt vom damaligen Vorstand.

 
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Bildnachweise, jeweils mit Gruß + Dank:

  • Fahne der FT an der Kieler Förde und "Frisch auf" Moisling: Steffen Voß, SPD-Geschichtswerkstatt
  • TV "Turnvater Jahn" Burgstädt: Rainer Landgraf-Bonitz
  • ATSV "Freiheit" Mürbenthal: Thomas Oellermann
  • ATV Vegesack: Walter Sassenberg, SG Aumund-Vegesack v.1892
  • RFB Solidarität, Ortsgruppe Teterow: Dr. Christian Kunz
  • Sparta Lichtenberg: Privatarchiv Andrea Scheuring und Volkmar Eltzel von LichtenbergMarzahn+
  • ASV Michelfeld: Uli Matheja
  • SG Gittersee Dresden:  Manfred Göpfert (Vorsitzender) und Manfred Willner (Geschäftsführer)

 

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© Christian Wolter

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