Emmy aus Jena an Carl in Eisenberg: 

Rätsel um eine Ansichtskarte

 

Diese Postkarte von 1914 zeigt zwei Fußball-Mannschaften. Eine trägt unverkennbar Trikots mit dem "sozialistischen" Turnerkreuz der deutschen Arbeitersportler, und damit ist die Ansichtskarte für uns natürlich interessant. Aber welche beiden Vereine sind hier vertreten? Die Karte liefert dazu keinen direkten Hinweis. Wir haben dennoch mal versucht, das Rätsel zu lösen und dafür zuerst einmal den Text auf der Rückseite gelesen. Da heißt es in Kurrantschrift:

 

 

"Jena d. 8. 4. 14

Mein l. Carl!

Dies Kärtchen soll dich nur an das Mitbringen der Wäsche erinnern und grüßt dich herzlich deine Emmy, Eltern Geschwister u. Nandel. Willy geht es Gott Lob wieder gut!"

Außerdem steht am oberen Rand noch der Zusatz: "Diese Karte bitte mitbringen."

 

Offensichtlich ist dies eine Sendung einer Fußball-Braut an ihren Liebsten. Ansichtskarten von Mannschaften waren früher sehr beliebt, denn die abgebildeten Freizeit-Fußballer verschickten sie gern an ihre Angehörigen, Freunde und Freundinnen bzw. Frauen. Hier aber ging die Karte mal in die andere Richtung. Zur erinnerten Wäsche könnten auch Carls verschwitze Fußballsachen gehört haben.

Wichtig war es der Emmy zudem, diese Karte von ihrem Schatz zurück zu erhalten, er dürfte also einer der Abgebildeten sein. Die Rückseite weist mittig unten zwei kleine Löcher auf, mittels derer die Karte wohl einst angeheftet war. Carl scheint Emmys Wunsch wohl nachgekommen zu sein.

 

 

Dafür, dass Emmy und Carl ein Pärchen waren, bürgt auch das schräg aufgeklebte Postwert-Zeichen. Verliebte junge Leute tauschten damals gern in der "Briefmarken-Geheimsprache" kleine Subnachrichten aus. Die Codes variierten, aber eine nach rechts gekippte Briefmarke wurde meist als Wunsch nach einem baldigem Wiedersehen und/oder Hoffnung auf Treue dechiffriert.

Aber wer sind nun die beiden Mannschaften auf dem Foto? Die Karte ging von Jena 37 Kilometer östlich nach Eisenberg. In beiden thüringischen Städten gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg Arbeiterfußball. 1913 wurde der Turnverein der Glashütte Jena Bezirks-Meister, im Jahr darauf die Fußball-Abteilung "Vorwärts" der Freien Turnerschaft Eisenberg. Die FT Eisenberg existiert nicht mehr, im Netz findet sich zu ihr auch nicht viel, aber immerhin diese interessante Erwähnung

 

 

Aber der TV Glashütte hat einen Nachfolger, den SV Schott Jena. Dessen Geschichte begann 1896 mit der Gründung des TV der Glashütte durch Arbeiter der Firma "Jenaer Glaswerk Schott & Genossen" und deren Firmengründer Dr. Otto Schott. Bemerkenswert ist, dass jener den Verein auch noch nach dessen Übertritt von der Deutschen Turnerschaft zum Arbeiter-Turnerbund 1906 unterstütze

Im Jahre 1911 gründete sich eine Fußball-Abteilung, für die Otto Schott im Jenaer Forst ein Gelände kaufte, das 1912 als Fußballplatz eröffnet wurde und bis heute seinen Namen trägt. Eine so starke Förderung durch einen bedeutenden Unternehmer war ungewöhnlich, wenn nicht sogar einmalig im deutschen Arbeitersport!

Obiges Foto entstand bei der Eröffnung und zeigt die Glashütte-Elf in ihrer ausgefallenen weißen Spielkleidung mit dunkler Bauchbinde. Der Torwart ähnelt dem linken Tormann auf der Ansichtskarte. Bei der weißgewandten Mannschaft dürfte es sich also um TV Glashütte Jena handeln. Bei der anderen liefert der Ort des Empfängers ein Indiz für "Vorwärts" Eisenberg.

Die Namen der abgebildeten Glashütte-Spieler sind überliefert, ein Carl Hoffmann ist aber nicht unter ihnen. Das spricht wohl eher dafür, dass Carl für Eisenberg spielte. 

 

***

 

Der Otto-Schott-Platz in der Broschüre „Weiter aufwärts im 51. Geschäftsjahr“ anlässlich des 50jährigen Firmenjubiläums 1934
Otto-Schott-Platz.pdf
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Vielen Dank für die Bilddateien und Hinweise an Judith Hanft vom Konzernarchiv SCHOTT AG, Dr. Jörg Lölke (Landessportbund Thüringen), Jens Martin (Gera), Mario Perl (Eastsite-Militaria), Michael Quell (Freinsheim)!

 

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© Christian Wolter

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