Vor dem Zerfall gerettet – Die Fahne des ATV Güstrow

 

Dank einer Spendenaktion konnte die historische Vereinsfahne des Arbeiter-Turnvereins Güstrow gerettet werden. Damit erstrahlt eines der ältesten Zeugnisse des lokalen Vereinssports in fast neuem Glanz.

Dieses Banner stellt eine Rarität da, weil viele ihrer Art in der NS-Zeit beschlagnahmt und vernichtet wurden. Außerdem besteht sie aus zwei verschiedenen und zusammengefügten Seiten, was ungewöhnlich ist.

 

 

Die Rückseite, hier vor der Restaurierung, zeigt das 1907 eingeführte ATB-Wappen mit dem Arbeiterturner-Kreuz, den Vereinsnamen und gründerzeitliche Ornamentik. Das genaue Alter ist unbekannt.

Weil aber das Verbandskürzel im Emblem 1919 von ATB in ATSB aktualisiert wurde, ist die Anfertigung auf vor 1920 zu datieren. Der Erwerb von Vereinsfahnen erfolgte oft zu runden Vereins-Geburtstagen. Der ATV bestand seit Frühjahr 1894. Es spricht also einiges dafür, dass es sich um eine Anschaffung zum 20. Gründungstag und damit vom Frühjahr 1914 handelt. 

 

 

Der Turner auf der Vorderseite (Vorderseite, weil die Ösen zur Befestigung am linken Rand sitzen) trägt auf seinem Trikot noch das alte Turnerkreuz, aber das Vierfach-F ist mit einem Stück Seil in S-Form ergänzt.

Auch auf dem Wappenschild sieht es nach einem hybriden "missing link" zwischen bürgerlichem und sozialistischem Turnerkreuz aus. Zwar sehen wir das mittige S, das informell für "Sozialismus" stand, aber eben nicht die 1907 vom ATB eingeführte, für "Frisch, Frei, Stark, Treu" stehende FFST-Kombination.

 

 

Es handelt sich damit wohl kaum um ein Originalprodukt aus dem Arbeiter-Turnverlag Leipzig, eher um eine leicht fehlerbehaftete "Raubkopie", denn auch die Beschriftung "freie Turnerschaft" und der tatsächliche Vereinsname stimmen nicht überein. Zudem wird "freie" in diesem Zusammenhang groß geschrieben.

Hatten sie ihre sauer ersparten Arbeitergroschen etwa bei einem bürgerlichen Hersteller angelegt und nicht beim verlässlichen Arbeiter-Turnverlag, dem standesgemäßen Versorger für Arbeitersport-Belange? Wahrscheinlich bot jener aber auch keine Vereinsfahnen anbot, da es sich hierbei nicht um Massenartikel, sondern um oft hochindividuelle Einzelstücke handelte, deren Anfertigung man lieber Spezialisten überließ.

 

 

Der mündlichen Überlieferung nach handelt es sich um eine Anfertigung der Bonner Fahnenfabrik BOFA. Das dürfte die Design-Fehler erklären, welche den Wert des guten Stückes natürlich nicht mindern.

Das BOFA-Firmenarchiv ging allerdings im Zweiten Weltkrieg verloren, so dass wir auch hier nur mutmaßen können. Die Rückseite weist keine gestalterische Ungereimtheit auf.  

 

 

Zur obigen Detailansicht: Bei der Sanierung wurden Fehlstellen nicht ersetzt, sondern der Fahnengrund verstärkt und lose Stellen auf ihm mit dreifach gedrehtem Seidenfaden vernähnt. Dadurch behielt die Relique ihre historische Authentizität.

Bild unten: Von der in 100 Jahren eingedunkelten Vorderseite grüßt der Turner nun wieder in frischer weißer Kluft vor dem satten Rot der Arbeitersport-Bewegung. Fest und klar prangt wieder die Aufschrift: "Ein freies Volk voll Einigkeit und Kraft sei das Panier der freien Turnerschaft." Kringel und Eichenlaub prunken so gülden wie einst:

 

 

Chronologie der Fahne der Güstrower Arbeiterturner
 

  • Frühjahr 1894: Gründung des Arbeiter–Turn–Verein Güstrow
  • 22. bis 25. Juli 1922: Teilnahme mit Vereinsfahne am I. Arbeiter-Turn- und Sportfest in Leipzig, Fahnenträger war Erich Ohde.
  • um 1925: Umbenennung in ATSV Güstrow
  • 1933 Verbot und Enteignung, aber die Fahne übersteht in ihrem Versteck unbeschadet die Nazizeit.
  • 1946 wird sie in Ludwigslust vom Arbeiterturner Jürgen Nonnenprediger auf einem LKW entdeckt und sichergestellt.
  • Anlässlich einer Güstrower Spartakiade zwischen 1965 und 1969 vermachen Ludwigsluster Sportfreunde die ATV-Fahne dem Güstrower Heimatmuseum.
  • 1970: Das Museum übergibt sie den Eheleuten Fritz und Ilse Dieckmann als Auszeichnung für deren Verdienste um das Güstrower Geräteturnen. 
  • Das Heimatmuseum Güstrow überreichte in diesem Jahr die geschichts-
  • 1970 trächtige Turnerfahne an das bekannte Turnerehepaar Dieckmann.
  • „Fritz“ und Ilse Dieckmann hatten große Verdienste an der Entwicklung
  • und Förderung der Sportart Gerätturnen. Diese Sportart wurde eine
  • Traditionssportart in Güstro
  • 1970 trächtige Turnerfahne an das bekannte Turnerehepaar Dieckmann.
  • „Fritz“ und Ilse Dieckmann hatten große Verdienste an der Entwicklung
  • und Förderung der Sportart Gerätturnen. Diese Sportart wurde eine
  • Traditionssportart in Güstrow
  • 1978: "750 Jahre Güstrow" im Festumzug wird die Fahne erstmals seit dem Verbot des Arbeitersports wieder durch die Straßen der Stadt getragen.
  • 1996: Ilse Diekmann übergibt das kostbare Stück zurück ans Stadtmuseum.
  • September 2016 bis 12. Mai 2017: Beginn und erfolgreicher Abschluss der Fahnen-Sanierung 

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Quellen und Links

  • Für die Informationen bedanken wir uns bei Uwe Zicker und Rudi Schröder von der "Unabhängigen Vereinigung Güstrower Sportchronisten"
  • Fotos: Stadtmuseum Güstrow, besten Dank!
  • "Turnerfahne vor Verfall bewahrt" – Schweriner Volkszeitung vom 8. September 2016
  • Fahnen-Restaurierung: Eva Kümmel, Lübeck

 

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© Christian Wolter