Strahov-Stadion Prag

 

Als die Turnverbände verschiedener Länder im 19. Jahrhundert ihre ersten großen Turnfeste ausrichteten gab es noch keine Stadien. Dieses Problem löste man bis zur Errichtung dauerhafter Großarenen bis ins 20. Jahrhundert mit temporären Holztribünen. Dabei entstanden bisweilen Versammlungsorte für 50.000 und mehr.

Beispiele dafür sind die Bauten einiger bürgerlicher Deutschen Turnfeste und auch der Platz für das 1. Arbeiter-Turn- und Sportfest 1922 in Leipzig. In Prag wurde diesbezüglich ebenfalls Großes geschaffen. Zunächst auf dem Letna, ab 1926 dann auf dem Petřín im Stadtteil Strahov. Genutzt wurden diese Stadien vor der kommunistischen Herrschaft von verschiedenen Verbänden wie dem slawischen "Sokol", dem christlichem "Orel", tschechischen Pfadfindern und Arbeiterturnern des DTJ

 

 

Im Juni 1921 veranstaltete der DTJ auf dem Letna eine Arbeiter-Olympiade. Die internationale Beteiligung bestand aus lediglich 131 Österreichern, Jugoslawen, US-Amerikanern, Deutschen und Finnen. Die offizielle Zählung der Arbeiter-Olympiaden begann daher erst mit Frankfurt 1925.

Das schon für frühere bürgerliche Veranstaltungen errichtete Holzstadion übertraf mit seinem Fassungsvermögen von 150.000 Zuschauern selbst heutige olympische Standarts. Auf dem 255 mal 100 Meter großen Platz konnten gleichzeitig 15.000 Turner ihre Freiübungen absolvieren, ohne einander zu berühren.

Es war das bis dahin größte Arbeiter-Sportfest der Welt. Und das, obwohl die zuvor ausgetretene kommunistische Opposition gleichzeitig in den Prager Vororten eine große Konkurrenz-Veranstaltung abhielt, die erste mit der Bezeichnung "Spartakiade".

 

 

Die 2. Tschechoslowakische Arbeiter-Olympiade fand vom 26. Juni bis zum 3. Juli 1927 statt. Diesmal nahmen 16 Nationen teil. Schauplatz war das neu errichtete Strahov-Stadion.

Die "Freie Sport-Woche" vom 13. Juli lobte vor allem die Massen-Darbietungen: "Solche kunstvollen Aufmärsche, solches blitzschnelle Aufstellen vieler Tausender ohne den gerinsten Nachkläpper, solche absolut sichere Ausführung der Freiübungen machen wir anderen Verbände den Tschechen nicht nach. Das ist einzig und riss daher das Publikum immer und immer wieder zu Beifall hin."

Kritisiert wurde aber an selber Stelle die einseitige Fixierung auf eben diese Disziplinen: "Aufmärsche und Freiübungen militärischer Art mit militärischem Drill sind fast ihre gesamte Kost. Ansätze zum Turnen, zur Leichtathletik, zum Spielen, Rudern und Schwimmen sind nur sehr schwach vorhanden."

So ist denn auch verständlich, dass dieses Sportfest ebenfalls nicht als offizielle Arbeiter-Olympiade gelten konnte. Auch ein Fußballturnier fand nicht statt.

 

 

"Unser tschechischen Genossen haben eben in der Leichtathletik noch keine Erfahrungen. Es herrschte absolut keine Ordnung auf dem Platze. Unzählige Unbeteiligte trieben sich auf ihm herum. Die Speere und Kugeln flogen in lebensgefährlicher Weise in das durcheinander laufende Publikum. Dass doch noch gute Leistungen zustande kamen ist den auswärtigen Genossen aus Finnland, Lettland, Österreich und Deutschland zu verdanken"

 

 

Zur Hauptveranstaltung am 3. Juli erschienen der tschechoslowakische Ministerpräsident Svehla und sein Außenminister Beneš. In der Präsidentenloge wurden die Leiter der ausländischen Delegationen empfangen. Trotz dieser Ehre musste die "Freie Sport-Woche" auch eine gewisse Deutschenfeindlichkeit kritisieren, die zwar mit der jahrhundertelangen Fremdherrschaft durch die Habsburger zu erklären sein mochte, sich aber unter Sportgenossen nicht ziemte. 

So wurden die offiziellen Ansprachen zwar für die rund 30 teilnehmenden Franzosen und Franko-Belgier übersetzt, aber nicht für die 7000 Gäste aus Deutschland, Österreich und dem Sudetenland. Damit stellten die Veranstalter einen Grundsatz des internationalen Arbeitersports ihren Ressentiments hintan, denn "es gibt keine Landes- und Rassengrenzen, es gibt nur die zwei Klassen der Unterdrücker und der Unterdrückten."

 

 

Das 1927 noch hölzerne Strahov-Stadion wurde 1932 in Beton gegossen und zu Zeiten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik auf bis zu 250.000 Plätze erweitert. Damit fasste es mehr Menschen als jedes andere Stadion und gilt noch heute als das größte der Welt. Der kommunistischen Sporttradition gemäß hieß es bis zur "Samtenen Revolution" Spartakiade-Stadion, danach erfolgte die Rückbenennung.

Bis 2007 gingen hier auch einige große Rock- und Pop-Events über die Bühne. Die Rolling Stones und Pink Floyd mobilisierten noch einmal sechsstellige Menschenmassen hierher. Heute beherbert der Gigant acht Fußballfelder, die vor allem der Nachwuchs von Sparta Prag nutzt. Der dauerhafte Erhalt dieses einzigartigen Beton-Monolithen dürfte eine Herausforderung sein.

 

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Zitate und Fotos: "Freie Sport-Woche" vom 6. und 13. Juli 1927 

Stadion-Eindrücke von den ČSSR-Spartakiaden und von heute

 

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© Christian Wolter

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