Auf dem Union-Platz in Mariendorf:

Städtespiel Berlin – Hamburg, 18. April 1920

 

Hier mal ein Fußballplatz, der nichts mit dem Arbeitersport zu tun hatte, aber die folgenden Aufnahmen geben das damalige Fluidum eines gut besuchten Spiels sehr schön wieder. Die Fotos entstanden beim Treffen der Stadtauswahlen von Berlin und Hamburg am 18. April 1920 auf dem Platz des Berliner Thor- und Fußball-Club Union von 1892. Der im damals noch eigenständigen Mariendorf südlich von Berlin ansässige Club gehörte 1900 zu den Mitgründer des Deutschen Fußball-Bundes. 1905 gewann Union 92, im Volksmund "die Joner" genannt, erst- und einmalig die Deutsche Meisterschaft.

 

1920, im Jahr des deutschen Fußballbooms, reichten die klassischen Vereinsplätze der ersten Generation bei größeren Spielen für den Andrang der Massen nicht mehr aus. Dann sah es aus wie hier, das Publikum staute sich bis an die Außenlinien, besetzte das Tribünendach und bevölkerte auch noch die umliegenden Gebäude.

An der Tribünen-Rückwand sind Hinweise angebracht, vermutlich zur Besucherordnung. Durch die Ritzen der schlichten Holztribüne muss es bei Wind furchtbar gezogen haben. An diesem Aprilsonntag herrscht aber freundliches Frühlingswetter, und so sitzen die Honoratoren mit ihren Damen (noch in der Mode der Kaiserzeit) im Freien.

 

Gegenüber gibt es eigentlich nur Stehplätze, aber die vorderen Reihen müssen auf dem Rasen sitzen und knieen, um den Hinterleuten nicht die Sicht zu nehmen. Laut Abrechnung säumten 14.501 zahlende Gäste das Spielfeld, des weiteren 1200 Schulkinder, die der ausrichtende Verband Brandenburger Ballspielvereine (VBB) mit Freikartenen beglückt hatte. Alles in allem ein neuer (und ewiger) Platzrekord, der alte lag bei ca. 10.000, aufgestellt beim Länderspiel Deutschland – England (2:2) am Karfreitag 1911.

Und dann sind da noch die Besucher auf den Balkonen und Dächern der benachbarten Mietskasernen. Nur ein Balkon bleibt menschenleer, welch eine Vergeudung! Am Mast links in der Ecke weht die Fahne des Platzvereins, blau-weiß gestreift mit einem U oben links.

 

Der Straßenbahnfahrer und seine Kontrolleure (für jeden Waggon einer) haben sich auch ein luftiges Plätzchen verschafft. Der Fahrer wird besser entlohnt als die Knipser und darf bei der Arbeit sitzen, darum hat er ein Bäuchlein und die anderen drei nicht. 

 

Und nun zum Spiel. Das "Berliner Tageblatt" schreibt dazu in seiner Montagsausgabe: "Bis zur 20. Minute können die Hamburger für sich durch Lorenz und zweimal durch Jäger drei Erfolge verbuchen. Berlin wurde dann besser und der Angriff energischer, so daß in der 25. Minute R. Strehlke bereits das erste Tor aufholen konnte. Wenige Minuten später verwandelte Siebert eine Flanke von Wolter zum zweiten Tor für Berlin. Halbzeit 2:3."

Interessant sind auch die Hilfsmittel, um von der letzten Reihe aus noch etwas zu sehen: Tische, Fässer, Bierkisten und Bretter. Vermutlich Leihgaben aus dem Vereinslokal von Union 92. Oder haben diese Gäste das etwa von draußen mit reingebracht?

Doch da geht das Spiel schon weiter: "Nach Wiederbeginn ist Berlin zuerst dauernd im Angriff und Strehlke erzwingt den Ausgleich. Dann wogt das Spiel unentschieden hin und her, bis durch A. Strehlke das siegbringende Tor für Berlin fällt."

 

Das Spiel war schön, nun ist es aus. Ein Teil des Publikums strebt schon zum Ausgang, der Rest strömt auf den Rasen und bildet Ehrenspalier für Sieger wie Unterlegene. Der Spieler im weißen Hemd mit dem spärlichem Haarwuchs ist übrigens Adolf Jäger von Altona 93, bekanntester Mann auf dem Platz, zehnfacher Kapitän der DFB-Auswahl, Olympia-Teilnehmer von 1912 und vieles mehr.

 

 

Am nächsten Tag berichteten fast alle Berliner Tageszeitungen über den Sieg der Hauptstadt-Auswahl. Selbst der sozialdemokratische "Vorwärts" rang sich dazu einige Zeilen ab, nachdem er die bürgerlichen Pferderennen im Grunewald und Profi-Radrennen im Treptower "Nudeltopp" abgehandelt hatte. Zum Arbeitersport des vergangenen Sonntags brachte das SPD-Blatt nichts.

 

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© Christian Wolter

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