Der Arbeiter-Turnverein Linden von 1898

von Torsten Bachmann

 

Mehrere Dutzend Arbeiter machten sich am Abend auf den Weg. Allein oder zu zweit, denn man wollte nicht auffallen. Nach und nach trafen sie in der Lindener Gastwirtschaft „Zur neuen Welt“ ein. Das geheime Treffen diente einem Zweck: der Gründung eines Arbeitersportvereins.

Dass die Gründung dieses Sportvereins nicht öffentlich werden sollte, lag an den Gegebenheiten der damaligen Zeit. Im deutschen Kaiserreich konnten Arbeiter für organisierte Aktivitäten strafrechtlich verfolgt werden. Denn man befürchtete eine Unterwanderung der Gesellschaft mit „sozialistischen Ideen“. So verbot das eigens eingeführte Sozialistengesetz sozialdemokratische Organisationen, wozu auch Arbeitersportvereine zählten.

Mit der Abschaffung dieser restriktiven Bestimmungen im Jahr 1890 wurde es etwas einfacher. Nach wie vor aber hatten Arbeitersportler Konsequenzen zu befürchten. Standen sie z.B. auf eine der „schwarze Listen“, die zwischen den Unternehmen und Kleinbetrieben kursierten, drohte ihnen die Entlassung. Eine neue Arbeitsstelle zu finden, war dann sehr schwer. Trotz dieser Schwierigkeiten gründeten sich nach 1890 immer mehr Arbeitersportvereine in Deutschland, denn für Fabrikarbeiter war Turnen ein guter Ausgleich zum einseitigen und harten Arbeitsalltag.

Und so kam es in der Lindener Gastwirtschaft „Zur neuen Welt“ zu dem bereits erwähnten Geheimtreffen. Die dort versammelten Arbeiter gründeten den „Turn-Klub Vorwärts Linden“, am Abend des 26. Mai 1893. Er gilt als erster Arbeitersportverein im Raum Hannover.

Erst fünf Tage vorher, am zurückliegenden Pfingstsonntag, hatte sich im thüringischen Gera der Arbeiter-Turnerbund gegründet, dem "Vorwärts Linden" bald beitrat.

 

Eine Gruppe von Sportlern des Arbeiter-Turn-Vereins Linden stolz vor dem selbst errichteten Vereinshaus an der Graft.

 

Vereinsgaststätten sind zugleich Trainingsorte

 

Das Vereinslokal „Zur neuen Welt“ diente dem neu gegründeten Turn-Klub nicht nur als Versammlungsstätte, sondern auch als Trainingsort. Wie die meisten Gaststätten in Linden verfügte das Vereinslokal über ein großes Hinterzimmer, in dem die Turner an aufgestellten Sportgeräten trainieren konnten. Die Anzahlung der teuren Turngeräte leistete der Schankwirt, denn er profitierte vom Bierverkauf an die Arbeitersportler.

Für die Mitglieder war Vorwärts Linden von Anfang an mehr als nur Sport: Vorträge und Vorleseabende dienten der Weiterbildung, Silvester und andere Feste wurden zusammen gefeiert. Durch Schauturnen mit spektakulären Turnübungen begeisterte man auf Veranstaltungen die Zuschauer und machte gleichzeitig Werbung für den Verein. Die Mitgliederzahl wuchs, bis die Behörden eine härtere Gangart einlegten. Da das Sozialistengesetz abgeschafft war, konnten sie den Verein nicht verbieten. Aber durch noch gültige ältere Gesetze erklärten sie den Turn-Klub als „politisch aktiv“. Das ermöglichte scharfe polizeiliche Bewachung und führte schließlich zur Auflösung des Vereins im Jahr 1898.

Noch im gleichen Jahr gründeten ehemalige Vorwärts-Mitglieder den „Arbeiter-Turn-Verein Linden" (ATVL). Jetzt versuchte man, den Behörden möglichst keinen Anlass für Restriktionen zu geben. Der neue ATVL entwickelte sich schnell: Schon 1903 war er der größte Verein unter allen Lindener Turnvereinen. Die hohe Mitgliederzahl erforderte neue Trainingsräume: Mit Unterstützung der Lindener Aktienbrauerei errichtete der ATVL eine Turnhalle im Garten des Lokals „Lindenhof" in der Deisterstraße. 

Der erste Weltkrieg traf den Verein hart, 26 Turner des ATVL fielen an der Front. Nach dem Krieg begann die Suche nach geeigneten Sport- und Turnplätzen. Von der Stadt Linden bekam der ATVL eine Turnhalle in der Bürgerschule am Clevertor zugewiesen. An der Graft pachtete der Verein eine Wiese und baute diese zu einem Sportplatz mit einem bescheidenen Vereinsheim aus.

 

Hannover-Plan von 1928 mit allen Sportplätzen; Nr. 84 war der Platz des ATV Linden 1898 an der Gracht.

 

Die Blütezeit des Arbeitersports

 

In der Weimarer Republik begann die Blütezeit der Arbeitersport-Vereine. Die städtischen Behörden unterstützten sie, Überwachung und Verfolgung der Arbeitersportler wurden eingestellt. Der ATVL verzeichnete einen enormen Mitgliederzuwachs auf fast 1.000 Sportler.

Auch Frauen strömten nun in die Vereine. Im Kaiserreich waren sie dafür noch schief angeguckt worden, jetzt gehörte es zur Selbstverständlichkeit. Spezielle Frauen-Turnkostüme und Sporthosen ersetzten die Korsette früherer Zeiten. Weitere Zeichen des Booms: der ATVL brachte eine Vereinszeitung heraus, die alle 14 Tage erschien und gründete einen Musikzug, der bei Veranstaltungen und Festen auftrat.

Selbst bürgerliche Turnvereine schielten nun auf die Arbeitersport-Vereine: Herausragende Sportler versuchten sie mit großen finanziellen Anreizen und besseren Trainingsbedingungen abzuwerben, was aber meist misslang. Denn Arbeitersportler fühlten sich unter ihresgleichen besser aufgehoben.

 

Im ATV Linden konnten die Mitglieder die verschiedensten Sportarten betreiben. Das Foto zeigt die Leichtathletik-Abteilung des Vereins beim Kugelstoßen.

 

1925 schickte der ATVL eigene Mitglieder zur internationalen Arbeiter-Olympiade in Frankfurt am Main. Fünf Tage lang zeigten dort Arbeitersportler aus mehreren europäischen Ländern ihre Leistungsfähigkeit. Die Reise- und Unterkunftskosten mussten die ATVL-Sportler selbst aufbringen. Bei ihrem geringen Einkommen hieß das mühsames Sparen.

Der ATV Linden glänzte vor allem durch seine Leichtathletik-Abteilung. Bei den III. ATSB-Meisterschaften 1927 in Hannover wurde der Lindener Hans Brocks Meister über 100 und 200 m und die Herren-Staffel mit Ratke, Behrmann, Flügge und Brocks siegte über 4 mal 100 Meter. 

Inzwischen hatten sich mit der Ausbreitung der Arbeiter-Turn- und Sportbewegung im ganzen Deutschen Reich ATSB-Kreise und Unterbezirke zur Erfassung der Arbeitervereine und zur Organisierung des Sportbetriebes gebildet. Die Lindener Arbeitervereine gehörten dem 11. Kreis  (Nordwestdeutschland) und dort dem 3. Bezirk (Hannover) an. 

Außer dem ATVL existierten in Hannover-Linden noch folgende ATSB-Vereine: Freier Schwimmverein, Freier Wassersport-Verein, Arbeiter-Schwimmverein Aegir, Ruderverein von 1911 und der Ballspiel-Verein Union Linden.

 

Choreographie zum 25. ATVL-Jubiläum, Mai 1923 im Lindener Stadion

 

SA-Leute beschlagnahmen das Vereinsvermögen


Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bedeutete einen Einschnitt. Gleich in den ersten Monaten der Nazi-Herrschaft erfolgte die Ausschaltung aller Organisationen der Arbeiterbewegung, wozu auch die Arbeitersport-Vereine gehörten. Schwer bewaffnete SA besetzte die Sportplätze. Der ATVL-Sportplatz an der Graft wurde von berittenen SA-Leuten aufgesucht, die Vereinsmitglieder weggejagt und sämtliche Turngeräte beschlagnahmt. Nach geheimer Absprache kamen die ATVL-Sportler beim Lindener Rugby-Verein „Victoria“ unter. Diesen Verein hatten die Nazis nicht aufgelöst, da er kein Mitglied des Arbeiter-Turn und Sportbundes (ATSB) war.

1945, Kriegsende. Kurt Schumacher organisierte von einem Büro in der Jacobsstraße in Linden aus den Wiederaufbau der SPD. Er vertrat die Meinung, aufgelöste Arbeitersport-Vereine nicht wieder zu gründen, sondern Arbeitersportler in die bürgerlichen Vereine zu integrieren. Sein Motto: “Wir wollen nur eine Sportbewegung“. Trotzdem reaktivierten manche Arbeitersportler ihren Verein.

Auch die Sportler des ATVL strebten eine Wiedergründung an. Mit einem Schreiben an die Alliierte Militärregierung erreichten sie die Rückgabe des von den Nazis beschlagnahmten Sportplatzes an der Graft. Den alten Namen ATVL aber durften sie nicht benutzen: Den Briten war das Wort „Arbeiter“ im Vereinsnamen nicht politisch neutral. So einigten sich die versammelten Mitglieder am 15. Januar 1946 auf den Namen „Volkssportverein Vorwärts Linden“.

Bis 1965 existierte der erste Arbeitersport-Verein Hannovers, bevor er mit der SG von 1874 Hannover fusionierte. Diese nutzt auch den einst von den Lindener Arbeitersportlern angelegten Platz an der Graft weiter.

 

Verfassungsfeier republiktreuer Arbeitersportler am 11. August 1932 im Lindener Stadion

 

© 2015 Torsten Bachmann, Hannover 

www.torsten-bachmann.de

Fotos: Geschichtswerkstatt Linden

 

Nähere Informationen über den Lindener Arbeitersport gibt es im Stadtteilarchiv und der Geschichtswerkstatt im Freizeitheim Linden, Fred-Grube-Platz, Eingang Windheimstraße 4, 30451 Hannover. Öffnungszeiten: Mo 10-12 Uhr, Mi 17-19 Uhr und nach telefonischer Absprache unter 0511 - 2107125.

 

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Dieser Artikel erschien im Buch "Linden – Neue Streifzüge durch die Geschichte" von Torsten Bachmann.
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