In Gerresheim, im Düsseldorfer Osten

Eine Stele, auch für den Arbeitersport

 

Erinnerungen an den Arbeitersport in Form von Gedenktafeln, Stolpersteinen, Straßen- und Stadionnamen (von denen etliche nach dem DDR-Ende verschwanden) sind in der Bundesrepublik Deutschland eher selten. Insofern ist es erfreulich, dass der "Förderkreis Industriepfad Düsseldorf" auch diesen Aspekt der Sportgeschichte würdigte.

Dies geschah am 1. September 2018 mit Einweihung der 22. Industriepfad-Stele eingangs der Spielstätte von TuS Gerresheim und Glashütte. Finanziert hatte das Erinnerungsmal der damalige TuS-Vorsitzende Günther Hering. Die Stele von Düsseldorf-Gerresheim mag Anlass sein, einiges zur Geschichte der dort ansässigen früheren Freien Turnerschaft zu berichten.

 

 

Eine linke Hochburg

 

Gerresheim, wo man die Stele unter der Adresse Heyestr. 61 findet, hinter dem Amtsgericht beim Zugang zur Sportanlage, ist ein 30.000 Einwohner zählender Stadtteil im Osten der Landeshauptstadt Düsseldorf. Er hat sich historisch sehr unterschiedlich entwickelt, denn Ober-Gerresheim war bürgerlich, Unter-Gerresheim aber ehemals proletarisch.

Letzteres hatte damit zu tun, dass um die zeitweise weltgrößte Glashütte Arbeiter-Siedlungen entstanden. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, ein SPD-Vorgänger, erreichte bereits bei der Reichstagswahl am 20. Februar 1890, also noch vor dem Fall von Bismarcks Sozialistengesetz, im Glashütten-Viertel 81.2 %. Nach dem 1. Weltkrieg dominierte dort die USPD: 1920 kam sie in Opposition zur Mehrheits-Sozialdemokratischen Partei auf 32.8 %.

Führend war danach bis 1933 die KPD, sie erreichte bei der letzten freien Reichstagswahl im November 1932 im genannten Bereich 65.3 % (SPD 11.6, NSDAP 7.8). Überhaupt waren die Kommunisten zu diesem Zeitpunkt im Wahlbezirk Düsseldorf-Ost, zu dem auch Essen, das heutige Wuppertal, Solingen u. a. gehörten, mit 28.3 % (NSDAP 27, Zentrum 20.5, SPD 11.5) die stärkste Partei. Drei Reichstagswahlen in Folge gewann die KPD in dieser Region.

 

Die Gerresheimer Glashütte, Stahlstich von 1892

 

Aufgrund langer Arbeitszeiten hatte die Arbeiterschaft bis zur Gründung der Weimarer Republik kaum Möglichkeiten, Sport zu treiben. Dennoch entstand im Jahr 1901 als „Alternativ-Projekt“ in Unter-Gerresheim die Freie Turnerschaft Gerresheim. Sie war im 1893 begründeten Arbeiter-Turn-Bund beheimatet, der 1919 in Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB) umbenannt wurde, da man sich verstärkt auch dem Fußball, Handball, der Leichtathletik u. a. m. widmete. Seit 1907 bestand in Gerresheim auch ein Arbeiter-Radfahrer-Verein.

Nach dem Ende der Diktatur fanden sich am 14. September 1945 in der Gaststätte „An den neuen Pöhlen“ (abgegangen) an der Heyestraße um die 500 (!) Sportfreunde zusammen. Wie die Vereinschronik richtig mitteilt, befanden sich Verfolgte und Verfolger in einem Saal. Der Werksportverein der „Hütte“ war laut Chronik „ein stramm geführter nationalsozialistischer Verein.“ Aus dessen Betriebssportgemeinschaft sowie Rasensport 08, der in der NS-Zeit verbotenen Freien Turnerschaft und dem Arbeiter-Ring- und Sportverein entstand der heutige TuS Gerresheim und Glashütte.

Die Stele Nr. 22 des Industriepfads, gehalten in den TuS-Vereinsfarben Lila-Weiß, geht auf die lokale Sporthistorie ein: „Die Freie Turnerschaft entstand im Jahr des großen Streiks an der Glashütte (…) Im neuen Verein fanden sich speziell linke Arbeiter zusammen. Dementsprechend gab es in den Folgejahren zahlreiche Repressionen, die Polizei beobachtete das Training genau. 1933 wurde die Arbeitersport-Bewegung von den Nationalsozialisten verboten. Damit wurde ein Verein aufgelöst, der gerade in seiner besten Entwicklung stand und mehr als 500 Mitglieder zählte, die in zwölf Abteilungen ihren Sport betrieben (…) 1945 verloren die gesellschaftliche Trennung zwischen den Sportarten, aber auch die Milieubindung der Vereine an Bedeutung.“

So weit, so gut, und richtig.

Weshalb man aber nun in Gerresheim (!) auf der Stele einen (unvollständigen) Exkurs zu Düsseldorfs Sporthistorie liest, bleibt rätselhaft. Rochusclub (Tennis), Hockey, DEG (Eishockey), auch die Fortuna (stammte aus dem proletarischen Viertel Flingern, war aber nie ein Arbeitersport-Verein) werden erwähnt. Ebenso, nun wieder mit lokalem Bezug, die Brüder Klaus Allofs (56 A-Länderspiele) und Thomas Allofs (2 A-Länderspiele) von TuS.

Dort hätte auch Fußball-Nationalspieler Willi Wigold (1909-1944) erwähnt werden können, ein Halbrechter, wie man früher sagte. Innerhalb des DFB wechselte er 1930 von Rasensport 08 Gerresheim zu Fortuna Düsseldorf und wurde mit dieser 1933 durch ein 3:0 im Endspiel gegen Schalke 04 Deutscher Meister. Am 28. November 1944 kam Willi Wigold als Obergefreiter der Wehrmacht am Ilmensee (heute Lodz Poly, in Polen) im Alter von 33 Jahren ums Leben.

 

Aus dem Krieg zurück: Fußball-Mannschaft der Freien Turnerschaft Gerresheim auf einer Aufnahme von 1919.

 

„Golden Goal“ – das gab’s schon mal!

 

Dass die Gerresheimer Arbeiterfußballer auch um die deutsche Fußball-Meisterschaft mitspielten ist heute eher unbekannt. Dies geschah im Arbeiter-Turn- und Sportbund, bei dessen Bundesmeisterschaft unter Beteiligung von bis zu 8.000 Vereinen und ca. 150.000 Spielern. Der ATSB war mit anderen Arbeiter-Sportverbänden (wie den "Naturfreunden", den Radsportlern der „Solidarität“, dem Arbeiter-Athleten-Bund) und zusammen rund 1.3 Mio. Mitgliedern vereinigt in der Zentralkommission für Sport- und Körperpflege. Dies war der proletarische Dachverband, daneben gab es den bürgerlichen und vorgeblich unpolitischen Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL), dem auch der DFB angehörte.

Der DFB gab sich zwar religiös und parteipolitisch neutral und lehnte daher auch den Arbeitersport strikt ab; er selbst hatte sich aber ab 1910 u.a. durch die offene Unterstützung der vormilitärischen Jugendorganisation „Jungdeutschland-Bund“ deutschnational orientiert. 1919 war der prompte Beitritt zu dessen Nachfolge-Organisation „Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Jugend“ erfolgt.

1920 gewannen die Fußballer der FT Gerresheim ihre erste von mindestens sechs Bezirksmeisterschaften. Überregional auf sich aufmerksam machte man erstmals in der Saison 1923/24. Der Modus war so gestaltet, dass man sich erst einmal auf Bezirksebene durchsetzen musste. Im Fall Gerresheim also zunächst im 7. Bezirk (Düsseldorf, Duisburg, Hamborn, Neuß, Ratingen u. a.) des 6. Kreises im ATSB (= Rheinland-Westfalen). Als Bezirksmeister kämpfte man dann gegen die anderen Bezirkssieger des Kreises um die Kreismeisterschaft.

 

Die FT Gerresheim als Bezirksmeister 1924 vor den zahlreichen Schloten der Glashütte. Das Team mit dem später von Fortuna Düsseldorf abgeworbenen Torjäger August Götzinger (3. v.r.) wurde 1924 auch noch Kreis- und Nordwestdeutscher Meister.

 

Dessen Gewinner war für die Nordwestdeutsche Verbands-Meisterschaft qualifiziert, zusammen mit den Meistern der ATSB-Kreise 3 (Hamburg, Schleswig, Holstein, Mecklenburg), 11 (die heutigen Bundesländer Niedersachsen und Bremen) sowie 13 (Hessen-Kassel). Der Nordwestdeutsche Meister und analog dazu die Verbandsmeister von Ost-, Mittel- und Süddeutschland traten dann im Halbfinale der Bundesmeisterschaft an. Die beiden Sieger ermittelten im Endspiel den ATSB-Bundesmeister.

Die Vertreter von Rheinland-Westfalen erreichten das Finale nie und überhaupt nur dreimal die Endrunde der letzten vier. Auch weil deren Spieler-Basis im Ruhrgebiet nie breit genug war. Denn die dortigen ATSB-Vereine hatten starke Konkurrenz durch den DFB (Schalke 04!), zahlreiche Werksklubs (ein solcher bestand wie erwähnt auch in Gerresheim durch die Glashütte), und dazu noch die katholische Kirche (die bereits genannte Sportbewegung Deutsche Jugend-Kraft).

Auch waren die Arbeits-Immigranten aus den preußischen Ostprovinzen bzw. Polen nur schwer erreichbar. Über sie sagte ein Gewerkschaftsfunktionär: „Viermal gehen sie in die Kirche – und fünfmal sind sie betrunken.“ Die Hochburgen des Arbeiterfußballs befanden sich deshalb woanders.

Erstmals auf sich aufmerksam machten die Gerresheimer Arbeiterfußballer in der Saison 1923/24. Aufgrund der angespannten politischen Situation und der reichsweiten Meisterschafts-Organisation des ATSB-Spielbetriebes war die Durchführung des Wettbewerbs nicht unproblematisch. So hatte der 2. Bezirk Solingen/Remscheid auf eine Punktewertung im Fußball verzichtet. Gemäß der Devise: Breitensport vor Spitzensport.

 

Großkampftag gegen einen unbekannten Gegner: Der Sandberg bot 1928 ein Naturstadion.

 

 

Lange Zeit wurden die Spieler in der ATSB-Presse nicht namentlich erwähnt: Es hieß lediglich „der rechte Verteidiger“ oder „der Mittelstürmer“. Denn „Sportkanonen“ wollte man im Gegensatz zum bürgerlichen Sport nicht „züchten“.

Gerresheim jedenfalls gewann 1924 gegen die Freie Sportvereinigung Ronsdorf (1929 eingemeindet nach Barmen-Elberfeld, heute Wuppertal) die Meisterschaft im 6. Kreis. In der Nordwestdeutschen Verbands-Meisterschaft hieß der erste Gegner Spielvereinigung 07 Eschwege (der Klub besteht heute wieder). Ein Austragungsort in Osthessen konnte zunächst nicht gefunden werden, doch kam am 11. Mai 1924 eine Begegnung in Eschwege zustande. Unentschieden 1:1 stand es nach 90 Minuten, dann entschied ein „Golden Goal“ in der 114. Minute zugunsten der Düsseldorfer.

Kleiner Exkurs: Diese Regel hatte vorher bereits der DFB angewandt, wurde doch schon das Endspiel um die Deutsche Fußball-Meisterschaft 1914 zwischen der Spielvereinigung Fürth (mit ihrem jüdischen, später im KZ Auschwitz-Birkenau ermordeten Mannschaftskapitän Julius Hirsch) und dem VfB Leipzig in der 154. Minute durch "Golden Goal" entschieden.

Doch zurück zum Arbeiterfußball: Im Endspiel um die Nordwestdeutsche Meisterschaft am 25. Mai 1924 hatte Gerresheim Heimrecht. Man spielte auf dem eigenen Sportplatz am Sandberg an der Hagener Straße, den der "Gemeinnützige Bauverein Gartenstadt" in den 1930er Jahren mit Wohnhäusern bebaute. Diese Wohnhäuser stehen noch, sollen aber demnächst für Neubauten weichen.

Endspiel-Gegner Bahrenfelder SV 19 aus der damals selbständigen Hamburger Nachbarstadt Altona ging in Führung, doch gewannen die Platzherren schließlich 3:1. Wie gesagt, die Torschützen wurden nicht genannt. Somit müssen wir uns mit den Angaben "2:1 durch Strafstoß" und "3:1 durch den Halbrechten" begnügen. Die ausgeschiedenen Bahrenfelder erreichten übrigens 1930 das ATSB-Endspiel, unterlagen dort aber deutlich mit 1:6 dem TSV Nürnberg-Ost. Auch der Bahrenfelder SV 19 existiert noch und spielt derzeit in der 2. Kreisklasse.

 

Torhüter Walter Graf (links) stand sowohl im Fuß- als auch im Handball zwischen den Pfosten. Daneben auf der Aufnahme von 1931 Fußball-Stürmer Karl Ziegler. (Archiv TuS Gerresheim)

 

1.600 Kilometer unterwegs…

 

Das Halbfinale der Bundesmeisterschaft wurde für den 15. Juni 1924 angesetzt in Magdeburg, Platz an der Zitadelle, also mehr als 400 Kilometer von Düsseldorf entfernt. Privat-Pkw besaßen die Gerresheimer Spieler, Betreuer und Funktionäre damals natürlich keine. So kann man nur annehmen, dass sie entweder mit der Bahn ins damalige Mitteldeutschland reisten, oder mit einem angemieteten Bus. Vielleicht mit der Unterstützung einiger Gastwirte der sozialdemokratischen oder kommunistischen Verkehrslokale im Viertel. Geld von der Glashütte gab es keines, denn die unterhielt ja ihren eigenen Verein.

Und dann mussten die Gerresheimer Arbeiterfußballer gleich zweimal nach Magdeburg fahren. Denn die erste Begegnung mit dem SV Stern 20 Breslau endete vor 1.500 Zuschauern 1:1. Wobei der Unparteiische 150 Minuten lang (!) spielen lassen und dann, diesmal ohne „Golden Goal“, abpfeifen musste.

Die Wiederholung wurde für den 28. Juni 1924 und erneut in Magdeburg angesetzt. Gerresheim bot dieselbe Elf auf. Wie Rolf Frommhagen herausfand, wurden von der ATSB-Fußball-Sparte ein Schiedsrichter, zwei Linienrichter, zwei Torrichter und eine dreiköpfige Protestkommission eingesetzt. Aber noch wichtiger: Erstmals wurden die Spieler in der Berichterstattung namentlich genannt! Dieses Spiel endete 3:1 (3:1) für den Ostdeutschen Verbandsmeister Stern Breslau, den übrigens Beschäftigte der Breslauer Großmarkthalle ins Leben gerufen hatten. Die Schlesier erreichten damit das Endspiel um die Bundesmeisterschaft, unterlagen aber in Dresden vor 8.500 Zuschauern dem damals den Arbeiterfußball dominierenden Dresdner SV deutlich mit 1:6.

 

Das Auswärtsspiel gegen den SC Lorbeer 06 Hamburg am 27. März 1927 nutzten die Gerresheimer für eine Hafenrundfahrt. (Archiv TuS Gerresheim)

 

Fortuna holt den Torjäger –  Ein Motorrad für den Wechsel

 

1926/27 spielte die Fußball-Abteilung der Freien Turner von Gerresheim erneut eine bedeutende Rolle. Vor 3.500 Zuschauern auswärts in Elberfeld entschied sie am 20. Februar 1927 gegen den Loher TSV 96 Barmen (aufgegangen im ASV Wuppertal) mit 1:0 (0:0) das Finale im 6. Kreis für sich.

Und wiederum gelang es Gerresheim, Nordwestdeutscher Meister zu werden, denn im Stadion Solingen gab es am 6. März 1927 dank eines „Golden Goal“ in der Verlängerung ein 1:0 gegen RSV Eintracht 20 Kassel. Somit hatte Gerresheim erneut die Runde der letzten Vier erreicht und musste am 27. März 1927 im Stadion Hoheluft in Hamburg antreten. Dieses war insgesamt Austragungsort von fünf DFB-Länderspielen und mehreren bedeutenden Arbeiterfußball-Begegnungen wie dem ATSB-Länderspiel gegen die Sowjetunion 1927.  Die Spielstätte von damals besteht noch, auch mit der Tribüne von anno 1922. Gastgeber dort sind Fünftligist SC Victoria Hamburg sowie aktuell seit 2020 Regionalliga Nord-Neuling Teutonia 05 aus Altona.

Gerresheim traf hier auf den SC Lorbeer 06 aus dem Hamburger Hafenarbeiter-Viertel Rothenburgsort, der 3:0 (1:0) gewann. Lorbeer, heute als FTSV Lorbeer Rothenburgsort 1896 in der Kreisliga 4 aktiv, trat damals noch ohne seinen späteren Torjäger Erwin Seeler („Vadder“ von „Uns Uwe“ und B-Nationalspieler Dieter) und Bundesauswahl-Rechtsaußen August Postler an (1934 als Widerstandskämpfer in der Gestapo-Haft umgekommen). 1929 und 1931 gelang den Hamburgern der Gewinn der ATSB-Bundesmeisterschaft vor erstaunlichen Heim-Kulissen von bis zu 20.000 Zuschauern, wobei die beiden Endspiele ebenfalls auf dem Victoria-Platz stattfanden.

Wesentlich geschwächt hatte die Gerresheimer in der entscheidenden Meisterschafts-Phase der plötzliche Weggang ihres Mittelstürmers und Torjägers August Götzinger (1903-1966) zum DFB-Verein Fortuna Düsseldorf. Dieser Weggang wurde natürlich in Arbeitersportler-Kreisen heftig kritisiert („Der Berufs-„Amateur“; siehe „Freie Sportwoche“ des ATSB Nr. 4 von 1927). Mittelstürmer Götzinger hatte noch am 9. Februar 1927 sein Mitwirken für den 13. Februar zugesagt, trat am 11. Februar aber aus der Freien Turnerschaft Gerresheim aus. ATSB und DFB erkannten keine Sperrfristen oder Disqualifikationen des jeweils anderen Verbandes an, und so konnte Götzinger bereits zwei Tage später für Fortuna Düsseldorf auflaufen.

In der Erinnerung des Viertels um die Glashütte muss der Weggang eine nachhaltige Erfahrung gewesen sein. Denn der Autor dieses Beitrags erfuhr noch von seinem Vater, dass Götzinger damals mit einem geschenkten Motorrad zur Fortuna gelotst worden sein sollte. Ob’s stimmt?

 

Die "Freie Sport-Woche" Nr. 4/1927 zum Fall August Götzinger

 

Die Spaltung

 

Aber tatsächlich brachten Gerresheimer Arbeiter-Sportler eine Deutsche Meisterschaft zustande! Diese gelang im Feldhandball innerhalb der kommunistischen Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit („Rotsport“). Ein Wettbewerb, über den nur wenig bekannt ist. Die Gerresheimer gewannen am 21. August 1932 das Endspiel gegen den ATV Vorwärts Fermersleben aus Magdeburg mit 11:8. Des großen Zuschauer-Andrangs wegen hatte man den Sportplatz von DFB-Klub Gerresheim 08 hinter dem Amtsgericht angemietet.

Fermersleben hatte bereits 1928 das ATSB-Feldhandball-Endspiel erreicht. Gewinner war seinerzeit der damalige Serienmeister aus Wien-Ottakring, denn die ATSB-Meisterschaft im Feldhandball wurde deutsch-österreichisch ausgetragen und diente zur Propaganda des Anschlusses Östereichs an das Deutsche Reich. Ja, richtig gelesen! Die später von den Nationalsozialisten vollzogene Vereinigung beider deutscher Staaten war damals auch Ziel der Sozialdemokraten, freilich unter demokratischen Bedingungen. Die 1932 gegen Gerresheim unterlegenen Fermeslebener wurden dann 1949, noch vor Gründung der DDR, Ostzonenmeister im Feldhandball.

Aufgrund der politischen Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten hatte der ATSB im November 1928 die Freie Turnerschaft Gerresheim ausgeschlossen. Auschlaggebend dafür war, dass sie gegen einen Verein von der kommunistischen Konkurrenz „Rotsport“ Fußball gespielt hatte. Für die entscheidende Versammlung vor Ort im Großen Saal von „Haumann“ (heute Restaurant „La Ruota“, Büdingenstr. 1, ein Gemälde im Gastraum stellt noch die Glasmacherei dar) hatte der ATSB eigens seinen Rheinland-Vize-Vorsitzenden Heinrich „Hein“ Hamacher (1899-1974), gleichzeitig SPD-Parteisekretär im Unterbezirk Köln, in die KPD-Hochburg geschickt.

Hamacher, späterer SPD-Bundestagsabgeordneter, sollte seine Gerresheimer Kontrahenten in der NS-Zeit wiedersehen: Als Mit-Gefangene in den Emsland-Lagern, wo das Lied „Wir sind die Moorsoldaten“ entstand.

Jedenfalls kam es in diesem November 1928 zur Spaltung der FT Gerresheim. Nach Rolf Frommhagen (siehe Literatur-Verzeichnis unten) schloss sich ein Teil der ersten Fußball-Mannschaft „Rotsport“ an. SPD-Sympathisanten gingen zum über die ganze Stadt verteilten ATSV 1895 Düsseldorf, der allerdings im Vergleich zur kommunistischen Sport-Organisation in der Stadt nur schwach vertreten war.

 

 

Die Stärke der KPD im Bezirk Düsseldorf führte zu einer Reihe weiterer Vereinsausschlüsse. Der "Volks-Sport", Wochenblatt des 6. Kreises im ATSB, warnte am 2. Januar 1929 vor Spielen mit Ausgeschlossenen, denn wer gegen diese antrat, dem drohte gleichfalls der ATSB-Ausschluss:

"Wie festgestellt werden konnte, versuchen die ausgeschlossenen Düsseldorfer Vereine, bundestreue Vereine des Kreisgebiets und darüber hinaus zu täuschen und Spielabschlüsse mit ihnen zu tätigen, um so einigen anderen wissenden Disziplinbrechern den Rücken zu steifen. Wir warnen nochmals.

Außerhalb des Bundes stehen die Fußballvereine: Vorwärts Düsseldorf, DFC 21, Sportfreunde, OVB, Spiel und Sport Ost, Rot-Weiß Unterrath, Schwarz-Gelb Oberkassel, Benrath-Hassels, Spc. 21 Ratingen, Schwarz-Weiß Neuß, sowie die Fußballabteilungen von Hilden und Erkrath. (Letztere ist bereits vor einiger Zeit von der Freien Turnerschaft Erkrath gestrichen, sucht jedoch unter diesem Namen zu täuschen.)

Weiter sind aus dem Bunde ausgeschlossen die gemischten Vereine Freie Turnerschaft Gerresheim und TV Eller mitsamt der Abteilung Freiheit. Diese Vereine spielen Fußball und Handball. Die Fußballer des Spc. 21 Ratingen und von Erkrath spielen zeitweise ebenfalls Handball.

Wer von den bezeichneten Vereinen Spielangebote, gleich ob für Fußball oder Handball, erhält und sich nicht klar ist, der sende das Angebot zur Prüfung umgehend an den "Volkssport", Düsseldorf-Eller-Freiheit, Friedrich-Engels-Straße 46, ein."

 

Im Zeichen des Sowjetsterns feierte "Rotsport" am 12. und 13. Juli 1930 im vollbesetzten Düsseldorfer Rheinstadion; hier ein Amateurfoto.

 

„Das linke Milieu wurde zerstört“

 

Mit der Machtübernahme der Nazis unter Mitwirkung sog. bürgerlicher Parteien endete 1933 die Geschichte des Arbeitersports in Gerresheim. 3.500 Mann Polizei und Hilfspolizei aus den Reihen von SA, SS, Stahlhelm sowie Feuerwehr überfielen am 5. Mai 1933 das Hüttenviertel. Dabei wirkten sogar Vertretern der Baubehörde mit, die erfolglos nach „unterirdischen Waffenverstecken“ suchten.

Zahlreiche Gefangene wurden ins Polizeipräsidium Mühlenstraße (heute Mahn- und Gedenkstätte) in der Düsseldorfer Altstadt verschleppt. Viele Passanten sahen dem langen Marsch durch die Stadt betroffen zu, andere bespuckten und verhöhnten die NS-Opfer. Verfolgt und auch schweren Misshandlungen ausgesetzt wurden zahlreiche Oppositionelle, auch aus dem Umfeld der Freien Turnerschaft. Die Chronik der SPD Gerresheim berichtet dazu: „Kaum ein anderer Stadtteil Düsseldorfs dürfte so entschieden Widerstand gegen die Nazis geleistet haben wie der Süden Gerresheims. Der kommunistische Widerstand in Düsseldorf darf nicht heruntergespielt werden.“

Eine Stele „Arbeiterbewegung“ befindet sich seit 2011 beim früheren Heyebad, Torfbruchstr. 350. Auch ist dort eine unscheinbare Gedenktafel angebracht. Die Stationen „Weg der Befreiung“ und „Aktion Rheinland“ andernorts benennen den bürgerlichen Widerstand. Der bedeutende Widerstand der Gerresheimer Arbeiterschaft gegen die Nazis blieb, außer in einigen hier im Anhang genannten Publikationen, bis heute namenlos.

 

Umzug roter Sportler durch Gerresheim um 1930, hier an der Ecke Nachtigall- und Heyestraße, links der Hüttengarten, auch „Volksgarten“ bzw. „Roter Platz“ genannt.

 

Verfolgte und Tote aus der FT Gerresheim

 

Wie auch andernorts nachgewiesen, blieben Rotsportler und Kommunisten dem politischen Ziel ihrer Partei („Diktatur des Proletariats“) und dem antifaschistischen Kampf gegen die Nazis und deren Helfershelfer treu. Der Historiker Reinhard Mann beurteilte den Widerstand der Arbeitersportler als erfolgreiche konspirative Arbeit. Im Gegensatz zu dem der KPD: „Sie hatte noch keine adäquate Form der Illegalität entwickelt.“ Insofern versuchte die unter den Nazis verbotene KPD auch im ehemals „Roten Gerresheim“ Unterstützung zu erlangen. Dort wurde die verbotene Zeitschrift „Westdeutscher Arbeitersport“ weiter verbreitet, es wurden auch Beiträge und Geld für Inhaftierte gesammelt.

Fritz Richter, ehemals „Gauleiter“ von „Rotsport“ Düsseldorf, konstatierte später: „Die Illegalität im zaristischen Russland oder unter Bismarcks Sozialistengesetz war etwas anderes als unter der Brutalität der Nazihenker.“ Richter wurde in Berlin verhaftet und mehrere Gerresheimer Sportgenossen, zu denen er Kontakt gehalten hatte, am 30. Oktober 1935 vom willfährigen Oberlandesgericht Hamm in Westfalen abgeurteilt. Hier eine unvollständige Auflistung:

  • Dreher Heinrich "Heini" Fietz (1903-1957) aus der Hagener Str. 37, Geschäftsführer der FT-Handballer und auch nach 1945 wieder in dieser Sportart bei TuS engagiert (und ausgezeichnet), war zwei Jahre und zwei Monate Gefangener im Zuchthaus Butzbach in Hessen.
  • Der in Unter-Gerresheim sehr populäre Allroundsportler Ernst „Erni“ Leisten (1909-1996) von der FT, bereits bei der erwähnten Razzia Ziel der Nazis, erhielt eine Strafe von einem Jahr und neun Monaten Zuchthaus. 1942 wurde er in die Afrika-Brigade 999 aus ehemaligen "Wehrunwürdigen“ gezwungen. In Tunis wurde Leisten von den Briten gefangen genommen. Ende 1946 kehrte er aus der Gefangenschaft in Kanada nach Gerresheim zurück und gründete ein Busunternehmen.
  • An den Folgen der Haft starb Gustav Schilling (1899-1942), bedeutender Funktionär und Spielleiter der Gerresheimer Fußball-Abteilung. Er war zusammen mit Fietz und Leisten im selben "Rotsport"-Prozess verurteilt worden.

 

Walter Hartkopf auf Polizeifotos nach seiner Verhaftung

 

  • Walter Hartkopf aus Urdenbach (geb. 1913) hatte als Rotsportler die illegalen Publikationen „Westdeutscher Arbeitersport“ und „Internationale Sportrundschau“ verbreitet. Er wurde zu zwei Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Im Krieg zwang man auch ihn in das „Strafbataillon 999“. Er ist seit dem 1. Januar 1945 auf dem Balkan vermisst. An ihn erinnert heute ein Stolperstein in Düsseldorf-Vennhausen, Erikastraße 5.
  • Rotsportler und "Naturfreunde"-Mitglied war der 1906 geborene Modellschreiner Moritz Ludwig. Er wurde 1935 inhaftiert, im Polizeipräsidium Düsseldorf schwer misshandelt und musste anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Am 22. Oktober 1936 starb Moritz Ludwig, angeblich durch Selbstmord. Sein Stolperstein in Gerresheim: Auf der Gemarke 5.
  • Willi Seng (1909-1944) gehörte seit 1920 dem größten deutschen Arbeitersportverein an, dem ASV „Fichte“ Groß-Berlin- Er war erfolgreicher Leichtathlet und nahm 1929 an der „Spartakiade“ in Moskau teil. 1932 stellte er die ewige "Rotsport"-Bestleistung im Stabhochsprung auf. Seit 1932 KPD-Mitglied, leitete er nach KZ-Haft in Oranienburg bei Berlin ab 1934 die verbotene „Rotsport“-Organisation am Niederrhein, die u. a. illegal die Zeitschriften „Westdeutscher Arbeitersport“ und „Sportfreund“ verteilte, auch in Gerresheim. Am 27. Juli 1944 wurde Seng im Zuchthaus Köln hingerichtet. In Schönow (Brandenburg) findet sich sein Name auf einem Gedenkstein, auch ist eine dortige „Kita“ nach ihm benannt.
  • Konrad Skrentny (1894-1955), gelernter Glasbläser, zunächst Mitglied der SPD, dann der USPD, später KPD-Reichstagsabgeordneter, nach 3½ Jahren KZ-Haft ab 1945 2. Vizepräsident des Ernannten Landtags von Nordrhein-Westfalen, 1948 KPD-Austritt, bis zu seinem frühen Tod (Folge seiner KZ-Haft) Arbeitsdirektor im Hüttenwerk Phoenix AG. In Duisburg ist nach ihm eine Straße benannt.

 

1921 feierte das Tambour-Korps der Freien Turnerschaft sein 10-jähriges Jubiläum. 8. von links: Tambour-Major Konrad Skrentny. Das Emaille-Schild an der Wand markiert das Lokal als Unfall-Meldestelle der Arbeiter-Samariter.

 

Doch zurück zur Industriepfad-Stele. Sie ist in Gerresheim betitelt: „Sport im Zeichen der Schlote“, wobei sich letzteres wohl auf die beiden Drahtfabriken bezieht.

Den Arbeitgeber des Viertels, die erwähnte zeitweise weltweit größte Glashütte mit 8.000 Beschäftigten, führt der Verein zwar noch im Namen, doch wurde sie bereits 2005 geschlossen. Einiges an Baudenkmälern bleibt erhalten: der Turm mit dem großen G (für "Gerrix-Glas"), die Elektrozentrale und das Kesselhaus. Auf dem Areal soll bis 2033 das „Glashüttenviertel“ entstehen. Es ist Düsseldorfs größtes Wohnungsbau-Projekt. Da das Gelände allerdings verschiedene Male weiter veräußert wurde, bezeichnete es die CDU als „Negativ-Beispiel für Spekulationen auf dem Immobilienmarkt.“

Werner Skrentny, Hamburg

 

 

PS. Zur sportlichen Einordnung: 2020/21 gehört TuS Gerresheim der Bezirksliga (6. Liga) an, DJK Sportfreunde spielen in der Kreisliga A, Gerresheimer TV und TV „Frischauf“ Torfbruch betreiben keinen Fußballsport.

 

I. und II. Handball-Mannschaft von Gerresheim 1932 vor dem Spiel um die Westdeutsche "Rot Sport"-Meisterschaft in Solingen-Wald, wo man gegen Remscheid-Hasten gewann.

 

Ehrentafel: Die Arbeiterfußball-Meister  im 7. Bezirk (Düsseldorf) und im 6. Kreis (Rheinland-Westfalen)

 

1920 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: TSV Unterbarmen (Wuppertal)

1921 – Bezirksmeister: TSVgg Düsseldorf-Rath, Kreismeister: FTSVgg Ohligs (Solingen)

1922 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: FTSVgg 1895 Lütgendortmund

1923 – Bezirksmeister: nicht bekannt,  Kreismeister: ASV Vorwärts Duisburg-Meiderich

1924 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: FT Gerresheim 1901

1925 – Bezirksmeister: TV Eller 1892 Düsseldorf, Kreismeister: TV Eller 1892 Düsseldorf

1926 – Bezirksmeister: nicht bekannt, Kreismeister: Freier Sport-Verein Laer Bochum

1927 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: FT Gerresheim 1901

1928 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: SC Preußen 1912 Altenessen

1929 – Bezirksmeister: TSVgg Düsseldorf-Rath, Kreismeister: SC Obersprockhövel

1930 – Bezirksmeister: SV Freiheit Eller, Kreismeister: SC Obersprockhövel

1931 – Bezirksmeister: SV Freiheit Eller, Kreismeister: SC Obersprockhövel

1932 – Bezirksmeister: FT Gerresheim 1901, Kreismeister: SC Obersprockhövel

1933 – Bezirksmeister: unbekannt, Kreismeister: ATSV Eintracht Eving-Lindenhorst Dortmund

 

***

 

Am 8./9. August 1931 feierte die FT Gerresheim ihr 30-jähriges Bestehen und alle kamen ins Bild: Fußballer, Handballer, Leichtathleten, Ringer, Musikzug, Nachwuchs. Ganz rechts im Trainingsanzug Allroundsportler Erni Leisten.

 

Literatur

  • Rolf Frommhagen: "Im Fußballhimmel? Blick in eine andere Fußballwelt. Die Deutschen Meisterschaften der Arbeitersportler 1920-1933" 331 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,90 €, Verlag Die Werkstatt Göttingen. Bestell-Nr. ISBN 978-3-7307-0487-5
  • Peter Henkel: "Industriepfad Düsseldorf-Gerresheim", Düsseldorf 2009
  • Bruno Kammann: "Gerresheimer Glas. Die Geschichte einer Weltfirma", Essen 2007
  • Landeshauptstadt Düsseldorf, Bezirks-Verwaltungsstelle 7, Mahn- und Gedenkstätte, Stadtarchiv: "Erlebtes und Erlittenes. Gerresheim unter dem Nationalsozialismus", 1. Aufl. 1993, 2. Aufl. 1995
  • Wolfgang Ohneck: "Geschichte des SPD-Ortsvereins Gerresheim-Ludenberg" 2007
  • Karl Schabrod: "Widerstand gegen Flick und Florian. Düsseldorfer Antifaschisten", Frankfurt/Main 1978 (nur noch antiquarisch erhältlich)
  • Werner Skrentny: "Durch Gerresheim. Rundgang 11" in: Udo Achten (Hrsg.): "Düsseldorf zu Fuß", Hamburg 1989 (vergriffen)
  • ders.: "Im Reich des Glaskönigs" in: Udo Achten (Hrsg.): "Düsseldorf zu Fuß", Essen 2009
  • ders.: "Als Gerresheim auf dem Sprung ins Endspiel war" in: "TuS Intern", Vereinszeitschrift der Fußballabteilung, Nr. 1/2020, S. 22-27

 

Links

 

Bildmaterial: Archiv des TuS Gerresheim sowie Privatarchiv Werner Skrentny, Foto der Stele: Peter Müller

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Christian Wolter

Anrufen

E-Mail