SV Helias Limbach, die Macht von der Kreuzeiche

 

Helios ist der Sonnengott. Helias existiert nur als Familienname. Wie kam also der F.C. Helias 1910 Limbach zu seinem Namen? Damals gab es in der Region auch einen Verein Helios Chemnitz. Vielleicht wollte man sich von dem etwas abheben. Das Vereinsemblem aus Vorkriegstagen zeigt als Zentralgestirn jedoch keine Sonne. Aber einen Ball, gelassen in einem schwarzen All schwebend.

 

 

 

Ein Jahr nach Gründung trat der F.C. Helias aus dem sächsischen Limbach (heute Limbach-Oberfrohna) dem Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine (VMBV) und damit dem Deutschen Fußball-Bund bei. Von 1914 ist das älteste erhaltene Mannschafts-Foto und zeigt von links E. Kessleboth, n.b., Schlegel, Härtling, Meier, Dosinger, Weiss, E. Kesselboth, Vogel, Auerswald, Lindner und Heubner.

 

 

Helias spielte seinerzeit im VMBV-Gau Chemnitz in der III. Klasse. Gegen den damaligen Lokalfavoriten 1. Limbacher SC 09 kam es bis Kriegsausbruch zu einigen Derbys. Helias war damals die Nummer 2 in der Stadt, jedenfalls sportlich. Aber diese Annonce für ein Vereinsvergnügen 1914 legt nahe, dass die Helias-Spieler nicht nur mit dem Ball tanzten. Der im Klischee dargestellte Spieler hat sich schon mit Scheitel, Schlips und Gürtel für den abendlichen Engtanz flott gemacht. 

 

 

1920 trat Helias zum Arbeiter-Turn- und Sportbund über. Vielleicht auch, um der starken Konkurrenz des Limbacher SC und der Chemnitzer Vereine aus dem Wege zu gehen? Doch auch im Chemnitzer Fußball-Bezirk des ATSB hatte Helias starke Konkurrenz. 1921 hatte der Verein neben Fußball auch Leichtathletik im Programm und sich deshalb vom F.C. zum S.V. umfirmiert, wie auch diese Walzerabend-Anzeige zeigt.

 

 

Ins Jahr 1921 geht auch die Geschichte des Helias-Platzes an der Kreuzeiche zurück, und eigentlich beginnt sie noch früher. Denn da war vorher ein Schützenplatz, und die Schützengesellschaft brauchte nach dem Krieg ein größeres Grundstück, da auch sie damals ein enormen Zulauf an neuen Mitgliedern hatte. Helias wiederum benötigten ebenfalls bessere Spielbedingungen, um in der Region bestehen zu können. Deshalb schuf man hier einen Sportpark, gut erreichbar an einer Ausfallstraße gelegen. Die Schützengesellschaft richtete sich unterdessen am "Schweizerhaus" ein.

 

 

Dieses Gehege lobte die Lokalpresse anlässlich der Eröffnung am 28. Mai 1922 als "die größte und idealste Sportanlage der ganzen Umgebung". Auf 2640 m2 hatten die Vereinsmitglieder ein Spielfeld von 110 mal 70 Metern, mit Laufbahn, Barriere und Stehrampen angelegt. Gleich nebenan lag das Traditions-Restaurant "Kreuzeiche".

Es gab dem Sportplatz nicht nur seinen Namen, denn dank vorhandener Überdachungen für Freisitz-Besucher und Blaskapelle "ist genügender Schutz bei plötzlich eintretender ungünstiger Witterung vorhanden." Auch hier zeigte sich wieder die Affinität von Helias zu Lokalitäten und Festivitäten.

 

 

Die Platzweihe begann am 28. Mai 1922 morgens um halb 8 mit Leichtathletik. Nach dem Mittag folgte das Jugendspiel gegen den Dresdner SV 1910. Im Hauptspiel empfing Helias die Fußball-Abteilung von Gera-Pforten, "diese entspricht in der Spielstärke der Liga im Deutschen Fußball-Bund"! Und als modischen Clou weihte die Heimelf zum ersten Spiel auf eigenem Platze auch noch ihre neuen Trikots ein: "Ein hellblaues Dreß mit drei schwarzen Brustringen und einem Stern!"

 

 

Sport, Vergnügen und nun auch noch Mode! Das ausgefallene Trikot-Design kann nur als gelungen bezeichnet werden. In der damaligen Textil- und Handschuh-Stadt Limbach gab es eine Menge an Klein- und Großunternehmen. Die Turnvereine und die Fußballvereine wurden durch diese Unternehmen stark unterstützt. Der Rückenwind trug Helias noch in der selben Spielzeit auf den 1. Platz in der Gruppe West des Chemnitzer Spielbezirks. 

 

 

Im Sportpark gastierten in den folgenden Jahren oft führende ATSB-Mannschaften zu Stiftungs- und Gesellschaftsspielen. Nach jedem dieser Vergleiche lud der Arbeitersport- und Geselligkeits-Verein Helias noch zum obligatorischen Vergnügen ein, natürlich nur in den "besten" Lokalitäten der Stadt.

 

 

Hier nun die Freundschaftsspiele, die Helias allein 1922 auf eigenem Platze austrug: Das Eröffnungsspiel am 28. Mai gegen den TV Gera-Pforten ging mit 1 : 2 verloren und das Treffen gegen die Chemnitzer ATSB-Auswahl am 25. Juni 1922 mit 0:2, "Zuschauer: zahlreich!" Zum 12. Stiftungsfest am 8. Juli 1922 schlug Helias den SSV 01 Dresden 2 : 0, am 22. August den TSV Fürth (ATSB-Meister von 1920) mit 1 : 0 und am 1. Oktober den SV 1883 Nürnberg mit 3 : 1.

 

 

Werfen wir nun mal einen Blick auf die Tabelle Ende 1922. Außer Limbach und Mittelbach kommen alle Mannschaften aus Chemnitz. Gegen Sturm Chemnitz spielte Helias am Heiligabend! Und am nächsten Tag machten die unentwegten Limbacher bereits wieder ein Gesellschaftsspiel! Sehr verwunderlich! Oder auch nicht. Vielleicht hatte es keine Geschenke gegeben. Oder die Wohnungen waren so klein, dass Spieler und Fans einfach raus mussten. 

 

 

Wie auch immer, in der Tabelle konnte sich Helias noch an Einsiedel, Schönau und Vorwärts Chemnitz vorbeischieben zur Gruppenmeisterschaft 22/23. Ostern 1923 empfing man im heimischen Sportpark FSV Kiel (2:1) und ATSV Innsbruck. Auch zu Ostern und Pfingsten wurde teilweise an beiden Tagen gespielt. Mit vier Herren-Mannschaften! Der Vergnügungs-Ausschuss hatte damals viel zu tun! 

Am 1. Juli 1923 spielte Helias in Dresden gegen den dortigen DSV 1 : 4 und tags zuvor hatte man beim Zwischenstopp gegen den ATSV Freital-Potschappel 5 : 1 gewonnen.

 

 

Nach der Inflationszeit ging es bis 1929 wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder etwas aufwärts. Auch für Helias, denn nach dem Wechsel vom 3. Bezirk (Chemnitz) in den neu geschaffenen 13. Bezirk (Limbach-Burgstädt ) des 4. Kreises (Sachsen) des ATSB gewannen die Limbacher 1926 und 1927 in jenem Fußball-Bezirk die Meisterschaft.

Ab dieser Zeit stand Fritz Hammer im Tor. Hier sehen wir ihn mit seinem Kameraden als Bezirksmeister 1926. Der Hintergrund gehört zum Restaurant "Kreuzeiche". 1929 wurde der Sportpark Kreuzeiche bereits wieder aufgelöst und die private Schützengesellschaft zog auf das Gelände zurück. Sie wiederum wurde ihren Schützenplatz "Schweizerhaus" los, da der 1. Limbacher SC nach dem Aufstieg in die Chemnitzer Liga bessere Bedingungen benötigte, um die damaligen Chemnitzer Erstligisten wie CBC und PSV zu empfangen. 

 

 

Als Ersatzmöglichkeit entstand der Platz des Turnvereins "Vater Jahn", neben Helias und dem Arbeiter-Schwimmverein ein weiterer mitgliederstarker ATSB-Verein vor Ort. Die Arbeiten begannen bereits 1926. Das ist ersichtlich aus Aktenvermerken über Notstandsarbeiten durch Erwerbslose, deren Tätigkeit (im Wechsel von 5 Wochen) über das sächsische Arbeits- und Wohlfahrtsministerium anerkannt wurden. Ein richtiger Sportpark wurde das sicherlich nie, obwohl der SV Helias Limbach seine Spiele dahin verlegte.

 

 

In unmittelbarer Nähe baute man zur gleichen Zeit 1929 ein Fußballstadion "Am Neuteich" für die Deutsche Turnerschaft nach internationalen Vorgaben. Es wurde am 27./28. Juli 1929 mit einem großen Landessportfest im Volksturnen eingeweiht. An beiden Tagen sollen insgesamt 20 000 Zuschauer ins Stadion geströmt sein! Dieses Stadion gibt es heute noch.

Der Kartenausschnitt zeigt oben den Standort des bereits wieder verschwundenen Helias-Sportparks, das Stadion der Deutschen Turnerschaft und südlich auf der anderen Straßenseite den Arbeiter-Turn- und Sportplatz. Die Nr. 23 ist der Gasthof Kreuzeiche. Dort trafen sich die Arbeitersportler. Nach dem Krieg entstand auf dem Grundstück "Kreuzeiche" eine große Gärtnerei und 1990 ein Autohaus. Heute erinnert nichts mehr an den einstigen Sportpark. 

 

 

Dieses Foto zum 20. Stiftungsfest von Helias entstand auf dem 1929 eröffneten Platz der Arbeitersportler. Dieser verschwand bereits nach 1933 wieder. Der Standort ist heute zugewachsen, aber die Villa im Hintergrund, seit DDR-Zeiten ein Jugendwohnheim, existiert noch. Vom einstigen ATSB-Platz zeugen sonst nur noch diese beiden alten Eingangssäulen, die jetzt die Einfahrt zum entstandenen Garagenkomplex markieren. 
 

 

Mein Vater Fritz Hammer (Jahrgang 1909), wohnte mit seinen Eltern nur wenige Meter neben dem Sportplatz an der Kreuzeiche. Daher war es für ihn als Kind nicht ungewöhnlich, sich bei Helias anzumelden. Er war ein unpolitischer Straßenbauer, der am Sonntag als Torwart nur sein Tor sauber halten wollte. Da er aber 1930 an der Sowjetunion-Fahrt der "Rot Sport"-Auswahl teil nahm, war seine Sportlerlaufbahn spätestens 1933 beendet.
 

 

Wie auch die Existenz seines Vereins, der auch nach 1945 nicht wiederbelebt wurde. Der 1. Limbacher SC 09 durfte nach 1933 weiterbestehen. Sein Sportplatz am "Schweizerhaus" war ein Schlackeplatz, auf dem nie ein Spiel ausfiel. Im Sommer Staub und vor allem im Frühjahr Schlamm. Das Foto zeigt eine Szene aus einem Spiel 1935. Im LSC-Tor stand damals übrigens der spätere DDR-Oberligaschiri Lothar Green, der beim Eröffnungsspiel des Leipziger Zentralstadions 1956 an der Linie stand.

 

 

Und so sah der Sportplatz am "Schweizerhaus" schließlich 1992 aus. Der Gasthof wurde abgerissen und der Sportplatz für die Bebauung frei gegeben. Heute steht hier eine Tankstelle.

Heinz Hammer, Limbach-Oberfrohna

 

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Weitere Informationen kann man im Buch "Tore, Ballkünstler und Legenden" über die Geschichte des Limbacher Fußballs erhalten.

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© Christian Wolter

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