"Nie wieder Krieg" – TSV 1912 Benningen

 

Im Landkreis Ludwigsburg, am Neckar, liegt die Gemeinde Benningen. Im Jahre 1899 hatte sich im dortigen Gasthaus "Zum Hirsch" der Turnverein Benningen gegründet und der Deutschen Turnerschaft angeschlossen. 1912 entstand durch Abspaltung der Arbeiter-Turnverein Benningen. Der alte TV war danach nicht mehr lebensfähig, und der neue übernahm seinen Namen. Im Arbeiter-Turn- und Sportbund gehörte der TV Benningen dem 13. Bezirk (Ludwigsburg und Umgebung) im 8. Kreis (Württemberg) an.

 

 

Der TV Benningen brachte es zu einem eigenen Vereinsgelände, auf dem seine Mitglieder eine Turnhalle errichteten. Diese diente auch als Vereinslokal, wurde also für Versammlungen, Vereinsfeste und auch für Theateraufführungen genutzt. Nach dem Ersten Weltkrieg gab die Theaterabteilung des Vereins dort das pazifistische Stück „Die Waffen nieder“ nach dem Roman von Bertha von Suttner, der Friedensnobelpreis-Trägerin von 1905.

 

 

Der pazifistische Grundgedanke des Vereins wurde besonders deutlich, als er mittels Spenden und freiwilliger Leistungen im Turnhallengarten ein Mahnmal errichtete. Es verewigte die Namen der 49 Gefallenen des Ortes, darunter 27 Vereinsangehörige. Mit der Botschaft „Nie wieder Krieg“ hob es sich deutlich von anderen Kriegsdenkmalen jener Zeit ab. Zusätzlich wurde an den Kopf der Namenstafel neben zwei Eichenblättern das ATSB-Emblem mit dem Arbeiter-Turnerkreuz aus den Buchstaben FFST ("Frisch Frei Stark Treu") angebracht.

Die Mahnmal-Weihe erfolgte im September 1928. Die Feierlichkeiten entsprachen zunächst dem Muster bürgerlicher Veranstaltungen. Sämtliche Vereine des Ortes bildeten einen Trauerzug, der sich vom Rathaus zum Mahnmal bewegte. Dort verlas der Vorstand des Turnvereins die Namen der 27 gefallenen Mitglieder, ehe das Lied „Ich hat einen Kameraden“ gespielt wurde.

 

 

Dann legte der technische Leiter des Vereins, Christian Vordermaier, im Namen aller Mitglieder einen Kranz nieder. Mit Blick auf die in das Mahnmal eingeschlagenen Worte „Nie wieder Krieg“ forderte er, dass sich sämtliche Vereinigungen und sonstige Gliederungen zum Ziel setzen sollten, weiteres Völkermorden völlig aus der Welt zu schaffen. Die Gefallenen wurden nicht als Helden, sondern als Opfer des Weltkrieges geehrt. Mit dieser pazifistischen Ehrung distanzierte sich der TV Benningen von dem ab 1924 zu beobachtenden national-konservativen Kriegsgedenken, das letztlich als nationalistische Propaganda benutzt wurde.

 

 

Den erwähnten Christian Vordermaier sehen wir hier als ATSB-Kreismeister 1921 im Steinstoßen (15 kg). Seine Siegerweite betrug damals 7,41 Meter. Bei der Arbeiter-Olympiade 1925 holte Vordermaier in dieser Disziplin Platz 5 mit 7,16 m. Im olympischen Gewichtheben-Dreikampf (einarmiges Reißen und Stoßen, beidarmiges Stoßen) belegte er mit 254 kg sogar Platz 1!

 

 

Hier und den folgenen Bildern sehen wir die Benninger Arbeiterturner beim "Pyramiden-Bau" am Ufer des heimischen Neckar. Anlass dieser Präsentation war die Eröffnung der ATSB-Bundesschule in Leipzig am 10. September 1926.

Der TV Benningen zählte Mitte der 1920er Jahre um die 100 Mitglieder. Die 1920 gegründete Fußball-Abteilung hatte sich inzwischen wegen Meinungsverschiedenheiten als Rasensportverein mit 50 Mitgliedern selbständig gemacht. 1927 entstand im Turnverein Abteilungen für Boxer, Schwerathleten und für Faustballer.

 

 

1931 gliederte sich die örtliche Gruppe vom Arbeiter-Rad- und Kraftfahrer-Bund "Solidarität" an. Im gleichen Jahr bildete sich auch wieder eine eigene Fußball-Abteilung. Der TV nahm nun die überfällige Umbenennung in Turn- und Sportverein vor.

Zwischen TSV 1912 und RSV 1920 bildete sich ab 1931 eine ausgesprochene Fußball-Rivalität. Beide Vereine unterhielten je sechs Mannschaften. Damit war damals jeder zehnte Benninger Einwohner ein Arbeiterfußballer und schätzungsweise jede/r fünfte Arbeitersportler!

 

 

TSV und RSV wurde 1933 verboten und aufgelöst, ebenso die örtlichen Arbeiter-Samariter, die Naturfreunde und der Konsum-Verein. 1934 durfte sich als Nachfolger der TSV 1899 Benningen gründen. Dieser Verein existiert bis heute. Als Referenz an die Vergangenheit im Arbeitersport hat das heutige Vereinsemblem dieselbe Schildform wie das einstige ATSB-Zeichen.

Die Inschrift „Nie wieder Krieg“ am Mahnmal entfernte die SA bereits zu Anfang der Nazi-Herrschaft. 1947 wurde der Schriftzug wiederhergestellt.

 

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Dr. Reiner Fricke, Leonberg

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© Christian Wolter

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