Hans-Jürgen Schmidt

VfL Unterneubrunn – ein ATSB-Verein aus Thüringen

 

Auf der Suche nach der Geschichte meines Heimatvereins, des SV Schleusegrund Schönbrunn, bin ich auch auf sehr interessante Informationen zum Arbeitersport gestoßen.

Schönbrunn gehört heute zur Einheitsgemeinde Schleusegrund in Südthüringen, gelegen zwischen Suhl und der oberfränkische Stadt Coburg. Schönbrunn entstand 1950 im Zuge einer DDR-Verwaltungsreform aus den Ortsteilen Schönau, Unterneubrunn, Oberneubrunn und Gabel. Schon 1904 wurde der Ortsteil Ernsthal nach Unterneubrunn eingemeindet. Interessant ist die Tatsache, dass Schönau ehemals zur Preußische Provinz in Thüringen und die anderen Ortsteile zum Herzogtum Sachsen-Meiningen gehörten.

 

Postkarte von Unterneubrunn, um 1930

 

 

Glashütte und Gewürzfabrik

 

Seit 1863 gab es in Unterneubrunn ein Glaswerk. Um 1920 beschäftigte die Hohlglas-Hüttenwerk Ernst Witter AG über 300 Arbeiter, zum großen Teil Jugendliche. Verpackungsgläser, Medizinglas und Parfümerieflakons aus Unterneubrunn gingen bis nach Skandinavien, Südosteuropa und über die Vertretung in Amsterdam vermutlich auch nach Übersee.

Außerdem entwickelte sich ab 1873 aus einer alten Mühle das „Gewürzwerk Rudolf Schmidt Witwe“ zur zeitweilig größten Gewürzfabrik Europas mit Zweigwerken in Berlin und Köln. Der großen Nachfrage nach Transportleistungen trug seit 1890 die 1000-mm-Schmalspurbahn Eisfeld-Unterneubrunn (17,82 km) Rechnung.

All dies war auch Grundlage für die Entstehung einer große Arbeiterschaft und somit für den Arbeitersport. Mit der Suche nach der Geschichte meines Vereines waren viele Gespräche mit den älteren Mitgliedern verbunden. Dabei tauchte die Originalfahne des Turnvereins Schönau von 1883 wieder auf. Diese zeigt das Kreuz der Deutschen Turnerschaft („Frisch Fromm Fröhlich Frei“), das allerdings in den ersten Jahren auch die Arbeiterturner verwendeten.

 

 

Außerdem fanden wir eine Emaille-Nadel vom Arbeiter-Turnerbund. Diese muss aus der Zeit von vor Pfingsten 1919 sein, denn damals wurde der ATB in Arbeiter-Turn- und Sportbund umbenannt und folglich nur noch ATSB-Nadeln vertrieben. Unser Stück ist also ein Indiz dafür, dass der Arbeitersport bei uns schon vorher präsent war. Ebenso ein auf etwa 1914 datiertes Foto des Turnvereines. Zudem stießen wir auf ein Mannschaftsfoto von etwa 1925, das sich wegen der Trikotembleme dem VfL und wegen des mitabgebildeten Arbeiter-Samariters eindeutig dem Arbeiterfußball zuordnen lässt. 

Auch liegen Informationen über Aktivitäten der Arbeiter-Radfahrvereine vor. Es könnte also eine Ortsgruppe des Arbeiter-Radfahrerbundes „Solidarität“ gegeben haben. Dazu gibt es aber bisher noch keine genaueren Informationen.

Am 06. August 1930 wurde der VfL Unterneubrunn-Schönau in das Vereinsregister eingetragen. Mit diesem Wissen haben wir das Buch „90 Jahre Vereinsfußball im Schleusegrund 1930 – 2020“ aufgelegt. Man soll die Feste ja feiern wie sie fallen, aber an Feiern war im Jubiläumsjahr bekanntlich nicht zu denken gewesen.

 

 

Ertragreiche Recherchen

 

Die Hinweise um Fahne, Nadel und Fotos ließen mir keine Ruhe. Ich dehnte meine Recherchen zum damaligen Fußball in der Region über den DFB und seinen Regionalverband VMBV (Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine) aus und stieß auf diese Internetseite zum Arbeiterfußball. In den ATSB-Geschäftsberichten 1924/25 und 1926/27 tauchte mein VfL Unterneubrunn auf. Weitere Hinweise ergaben sich aus dem Buch von Rolf Frommhagen und aus dem Studium des „Thüringer Arbeitersport“. Dort fand ich Informationen zu den Bezirksmeistern im 7. Bezirk (Steinach) des 5. Kreises (Thüringen) im ATSB, jedoch keine Hinweise zum VfL, der in unteren Klassen spielte, die für die Berichterstatter wohl nicht von Interesse waren.

 

  Vereinslokal 1924/25 1926/27 1930
Freie Turnerschaft Oberneubrunn "Zum wilden Mann"

34 Turner

15 Turner 24 Turner
VfL Unterneubrunn-Schönau "Zur Hütte"

41 Turner

11 Fußballer

39 Turner

9 Turnerinnen

24 Fußballer

46 Turner

7 Turnerinnen

12 Fußballer

 

Unterneubrunner Zöglinge, junge Männer und der Vorturner mit Schnäuzer, um 1914

 

Im „Thüringer Arbeitersport“ vom 15. Dezember 1930 ist in einer ATSB-Statistik der VfL Untenneubrunn noch mit 15 Mitgliedern und 12 Jugendlichen verzeichnet.

Und meine weitere Suche wurde belohnt. Im Archiv des SV 08 Steinach, das auch die Arbeitersport-Tradition des TV I 1887 Steinach (immerhin 1930 Mitteldeutscher Meister im ATSB) dokumentiert, fand ich nachfolgende Tabelle. Demnach spielte man 1927 in regionalen Gruppen, deren Sieger dann um die Meisterschaft im 7. Bezirk spielten:

 

Gruppe Nord (Steinach) Punkte Gruppe Süd (Hildburghausen) Punkte
TV I 1887 Steinach  8:0

FC Schwarz-Gelb Hildburghausen

12:0
TV Germania Blechhammer 6:2 Spiel-Vereinigung Schnett 10:2
FT Jahn Neuhaus/Rennsteig  4:4 VfL und Körperkultur Eisfeld 6:6
ATSV Steinheid  2:6 VfL Unterneubrunn-Schönau 6:6
TV Germania Haselbach  0:8

SC Gemania Gießübel

4:8
   

SC Sturm Brattendorf

2:10
   

TSV Alemannia Bedheim

0:10
       

Es handelt sich wohl um Ergebnisse einer 1. Runde. Und einmal vom Ehrgeiz gepackt studierte ich die lokale „Eisfelder Zeitung“. Dort fand sich neben einigen Ergebnissen eine Tabelle von 1929:

 

Gruppe Hildburghausen Punkte

Guts Muts Heubach

10
FC Schwarz-Gelb Hildburghausen  10
Fortuna Schnett 9
Roland Schwarzbach 8

SC Germania Gießübel

6
VfL u. Körperkultur Eisfeld 6

SC Sturm Brattendorf

2
VfL Unterneubrunn-Schönau 1

 

Viele Männer aus Gießübel, Heubach und Schnett arbeiteten ebenfalls im Glaswerk. Täglich nahmen sie den langen Fußmarsch ins Tal in Kauf, um nach getaner Arbeit wieder den Berg hinauf zu müssen. Schwarzbach und Brattendorf liegen an der Bahnlinie Eisfeld-Unterneubrunn. Und das Glaswerk hatte in Bedheim eine Filiale. So erklärt sich wohl die Zusammenstellung der Gruppe Hildburghausen.

 

Mannschaft des VfL Unterneubrunn mit Arbeiter-Samariter, um 1922

 

Prügelei und Zeitungsfehde

 

Ja, und dann schafften es die Unterneubrunner doch noch in die überregionalen Zeitungen. Der VfL geriet in den Strudel der Auseinandersetzungen zwischen SPD und KPD um die Vorherrschaft im Arbeitersport. So berichtete das kommunistische „Thüringer Volksblatt“ am 19. August 1930 von handfesten Auseinandersetzungen. In eckigen Klammern stehen einige Anmerkungen zum besseren Verständnis des damaligen Kampfvokabulars:

 

Eine feine Gesellschaft – Ultralinke und sozialdemokratische Spalter in Unterneubrunn abgefertigt – Der 'heldische' Kreisvorsitzende Möbius

 

Die Generalversammlung des Vereins für Leibesübungen Unterneubrunn-Schönau machten die reformistischen Spalter der Arbeitersportbewegung [= Anhänger der sozialdemokratische Mehrheit im ATSB] zum Tummelplatz einer wüsten Schlägerei. Sie glauben, ihren Vernichtungsfeldzug gegen die Opposition [= kommunistische Minderheit im ATSB] auch mit den Mitteln des Terrors führen zu müssen. Andere politische Begründungen gegen die Opposition finden sie nicht mehr oder sie sind nicht mehr zugkräftig genug.

In einer letzten Versammlung hatte der Verein gegen nur eine Stimme und mit 24 bejahenden Stimmen den Anschluss an die IG [Interessengemeinschaft] für rote Sporteinheit beschlossen. Die Mehrheit der Mitgliedschaft stellte sich damit zu den alten revolutionären Traditionen des Arbeitersportes, gegen die Verbürgerlichung auf dem Boden der kapitalistischen Geldsackrepublik. Solidaritätskundgebungen mit Ausgeschlossenen fanden statt. Die vom Bundesvorstand diktierten, den Vereinen das völlige Selbstbestimmungsrecht raubenden Vereinssatzungen verfielen der Ablehnung, dafür nahm aber die Mitgliedschaft ein Statut an, das wirklich den Schutz des Vereins bürgen kann.

Der ernste Wille, abzurechnen mit der verräterischen Politik der sozialdemokratischen Sportführer und vor allem die Aktivität der roten Sportler Unterneubrunns hatte die wenigen Bundestreuen ganz außer Rand gebracht. Das Auftreten der spalterischen Elemente wurde für den Verein immer drohender, so dass die vom Vorstand durchgeführten Maßnahmen, gestützt auf den ernsten Willen der Vereinsmehrheit, vollkommen gerechtfertigt erscheinen. Entsprechend des in der letzten Versammlung beschlossenen neuen Vereinsstatuts sollte nun in diese Versammlung die gerichtliche Eintragung des Vereins beschlossen werden.

Noch ehe es aber zu dieser Versammlung kam, veranlassten die Bundestreuen Haussuchungen und Vernehmungen oppositioneller Genossen und verlangten schließlich sogar die Verhaftung von Funktionären.

Diese Verlangen wurde aber selbst von behördlicher Instanzen abgelehnt, die darin Momente sehen, die einer Freiheitsberaubung gleichkommen, das heißt, dass selbst diese Instanzen zugeben müssen, dass unsere oppositionelle Mitgliedschaft den rechtmäßigen Verein darstellt und die von den Bundestreuen so schlecht zu verdauenden Maßnahmen zum Schutz des Vereins dienen.

Mit den bekannten Ausschlussmethoden glaubten die Bundes-Instanzen, der Oppositions-Bewegung in Unterneubrunn die Führung zu nehmen und so schließlich doch noch den Sieg über die Mitgliedschaft zu erreichen. Die Mitgliedschaft stand aber ebenso fest zu ihren Funktionären, wie sie zu den Forderungen der revolutionären Sportopposition stehen. Die Ausschlüsse der Bundesinstanzen wurden deshalb auch vollkommen nichtig gemacht.

Die Vorgänge aber hatten auch unter unseren Genossen eine solche Empörung hervorgerufen, dass die Stimmung der beiden Richtungen eine äußerst gereizte war. Unter solchen Umständen begann die Versammlung, zu der die Bundestreuen einen ganzen Stab ihrer Funktionäre herangeholt … [unleserlich] war die bekannte Marionette des Bundesvorstandes, Möbius, Jena anwesend, der noch, wahrscheinlich um seine Front zu stärken und Eindruck zu machen, eine ganze Reihe Elemente mitgebracht hatte, mit denen unser Verein nicht das mindeste zu tun hat.

Mit Recht wies deshalb der Vorsitzende des Vereins bei Versammlungsbeginn darauf hin, dass alle Nichtmitglieder des Vereins den Versammlungsraum zu verlassen haben. Eine Versammlung, die sich mit solchen wichtigen Aufgaben beschäftigen soll, kann unter solchen Umständen nicht abgehalten werden. Dieser Forderung stellten die Bundestreuen unter Antreibungen ihren Bonzen den heftigsten Widerstand entgegen. Dem Vorsitzenden wurde vom bekannten Leninbündler Lösch das Vereinsstatut entrissen und vor der Versammlung vernichtet.

 

Zwei verschiedene Embleme, aber beide mit "VfL"

 

Nach der Provokation dieses Lösch setzte eine wilde Schlägerei ein. Mit Biergläsern und Stühlen wurden unsere Genossen von den feigen Elementen beworfen. Zum Glück kann festgestellt werden, dass nur ein oppositioneller Genosse leicht verletzt wurde. Ein Bundestreuer erlitt durch eine Wurf mit einem Bierglas eine erhebliche Kopfverletzung. Unbeteiligte Augenzeugen stellten mit Sicherheit fest, dass diesen Wurf eine bundestreue Genossin ausgeführt hat. Mag der verletzte Genosse sich bei seinen Elementen bedanken und seine Schlüsse ziehen.

So glauben die Spalter, die Situation in Unterneubrunn zu retten. Beachten muss aber die gesamte Arbeiterschaft in Unterneubrunn das Verhalten des Lösch, der immer nicht radikal genug auftreten kann. In diesem Fall aber machte er den treuen Diener der Reformisten und machte sich dieser Vorgänge schuldig. Mit ihm muss gründlich abgerechnet werden!

... Mit diesem Moment, der historischen Wert hat, war das Schicksal der Bundestreuen besiegelt. Klar hatte sich die Fronten getrennt. Hier die Mehrheit an den Klassenkampftraditionen des Arbeitersportes festhaltenden und dort die Anhänger und Stützen der spalterischen Politik der Reformisten einschließlich des Leninbündlers Lösch, von dem sogar behauptet wird, dass er Mitglied der Reichsleitung dieser Sekte ist. Bei der Mehrheit die aktiven und vor allem junge Elemente des Vereins. Mancher, vorher noch unklar, jetzt aber durch die Vorgänge eines besseren belehrt, blieb bei der Opposition, die von diesem Zeitpunkt an eine ordentliche Versammlung, wie sich dies für Arbeitersportler gebührt, durchführen konnte.

Nach den Ausführungen des Genossen Scholz [von der Landesleitung der IG Thüringen] über die Reichstagswahl nahm die Versammlung noch eine Entschließung an, in der die Genossen ihren Willen, bis zum 14. September aktiv für den Sieg der Liste 4 [= KPD, die als viertstärkste Partei bei der letzten Reichstagswahl auf Platz 4 des Wahlzettels der anstehenden Wahl stand] kundgaben und weiter zur Wahl selbst, sondern darüber hinaus Mitkämpfer für den Sieg des Sozialismus zu sein.

Unter kräftigen Rot Sport-Rufen und dem spontanen Gesang des Kampfliedes: „Wir sind die erste Reihe“, nahm die Versammlung ihr Ende.

 

Aus dem "Thüringer Volksblatt" vom 19. August 1930

 

Die Darstellung der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten und erschien am 25. August im ATSB-treuen „Thüringer Arbeitersport“:

 

Nochmals Unterneubrunn

 

Das „Thüringer Volksblatt“ die „konzentrierte“ KPD-Presse Thüringens, bringt in seiner Nummer 176 vom 19. August einen Bericht, der sich mit den Vorgängen in der Versammlung unseres Brudervereines Unterneubrunn beschäftigt. Offenbar stammt dieser Artikel aus der Feder unseres „Freundes“ Scholz, denn mit solchen Verdrehungen und Entstellungen kann nur ein Mitglied der Landesleitung Thüringen der IG arbeiten. Wir brachten in unserer vorigen Ausgabe ebenfalls einen Bericht über diese Versammlung und müssen nach Lesen des Artikel im „Thüringer Volksblatt“ erklären, dass wir auch nicht einen i—Punkt von unsere Darstellung zurücknehmen oder dies ändern.

Der Bericht im „Thüringer Volksblatt“ beginnt mit der Feststellung, dass der Verein in seiner letzten Versammlung gegen nur eine Stimme beschlossen habe, den Anschluss an die IG zu vollziehen. Das ist, gelinde gesagt, eine Verschweigung der Wahrheit. Die Versammlung hat erst dann dem Anschluss an die IG und den neuen Vereinssatzungen zugestimmt, nachdem die Bundestreuen unter Protest die Versammlung verlassen hatten, da die Versammlung, der Wichtigkeit der Tagesordnung angemessen (Austritt aus dem Arbeiter-Turn- und Sportbund – Anschluss an eine andere Organisation), nicht ordnungsgemäß einberufen war.

Um die ganze Angelegenheit einer endgültigen Regelung zu unterziehen., war die neue Versammlung einberufen worden. Ganz richtig schreibt das „Thüringer Volksblatt“, dass die Stimmung dieser Versammlung auf beiden Seiten äußerst gereizt war. Aber es verschweigt warum. Es unterschlägt einfach, dass die Oppo[sition] schon vorher die Geräte gestohlen hatte und unter die edle Zunft der Einbrecher gegangen war. Deshalb war die Stimmung gereizt.

Großer Schwindel ist aber die Behauptung, eine bundestreue Genossin habe ihren eignen Genossen durch einen Wurf mit dem Bierglas erheblich am Kopf verletzt. Wahr ist (das kann eidlich erhärtet werden), dass das kommunistische Kreisratsmitglied August Götz I den Schlag mit dem Bierglas geführt hat. Dass der Vorsitzende der Versammlung, Wilhelm Hergt, den Gummiknüppel zog, verschweigt der Artikelschreiber im „Thüringer Volksblatt“ ganz. Das kennzeichnet nur seine Methode, die Wahrheit zu verdrehen.

Weiter wird behauptet, Genosse Möbius als [ATSB-]Kreisvertreter habe bei Beginn der Schlägerei den Weg durchs Fenster gesucht. Auch das ist vollkommen aus den Fingern gezogen. Glossiert wird dann, dass er mit gerade nicht anfeuernden Worten seine Mannen aufgefordert habe, das Zimmer zu verlassen. Erst beim Verlassen des Zimmers habe er seinen wahren Mut gezeigt. Feststellen müssen wir aber, dass Hans Scholz als Mitglied der Landesleitung der IG, der vor Beginn der Versammlung den starken Mann mimte, noch nicht einmal den Mut fand, in diesem Tumult ein paar Worte zu reden. Still und ruhig zog er, der sich mit aufgekrempelten Hemdsärmeln in den Kampf der Geister stürzen wollte, seine Jacke wieder an und verhielt sich mäuschenstill.

Fest steht weiter, dass bei dieser Versammlung die Bundestreuen in der Mehrheit waren, und dass die Besonnenen unter den Bundestreuen ihre Genossen von weiteren Schlägereien abhielten. Wer bei der vollen Auswirkung der Schlägerei den Kürzeren gezogen hätte und auf welcher Seite die Prügelhelden zu suchen sind, ist für uns ohne weiteres klar. Wir bringen diese Richtigstellung auch nicht etwa darum, das „Thüringer Volksblatt“ von der Wahrheit zu überzeugen. Bewahre! Diese Auffassung haben wir nie gehegt. Wir wollen unseren Genossen im ganzen Kreisgebiet den Sachverhalt schildern, wie er sich tatsächlich abgespielt hat, damit wir eventuellen Vorhaltungen entgegentreten können. Für uns ist die Angelegenheit vorläufig erledigt.

Noch eins: Wir bekommen die Sportbeilage des „Thüringer Volksblattes“ nicht oft zu Gesicht. Wenn es, wie in diesem Falle, doch einmal geschieht, können wir uns eines leisen Lächelns nicht erwehren. Drei ganze Fußballberichte sind die sportliche Ausbeute des Sonntags. Und das im ganzen Thüringer Land, für das doch das „Thüringer Volksblatt“ zuständig ist. Den übrigen Teil der Sportbeilage füllen neben dem Versammlungsbericht von Unterneubrunn die üblichen Artikel über die Reformisten aus. Mit dem „Vormarsch der Opposition im Arbeitersport“ scheint es demnach nicht weit her zu sein.

 

Unterneubrunner Arbeitersportler um 1922

 

Die genannten Personen aus dem Verein sind verbürgt. Wilhelm Hergt, August Götz I und Ernst Lösch, der Leninbündler, sind Personen die auch mir persönlich noch bekannt sind. Ernst Lösch war bis 1948 Erster Sekretär der SED-Kreisleitung in Hildburghausen und wurde dann in einer ersten Säuberungswelle, wohl aufgrund seiner antistalinistischen Haltung, entfernt.

Die scharfen Auseinandersetzungen zwischen SPD und KPD lassen nur den Schluss zu, dass die Arbeiterschaft und ihre Funktionäre den politischen Gegner im eigenen Lager suchten. Dabei übersah man jedoch, die eigentliche Gefahr – und die stand rechts. Die damalige Zerrissenheit der Einwohnerschaft meinem Heimatortes zeigte sich auch bei der folgenden Reichstagswahl am 14. September 1930. Zum einen in den doch recht unterschiedlichen Ergebnissen der vier Ortsteile, und dann darin, dass SPD, KPD und NSDAP deutlich stärker als im Reichsdurchschnitt abschnitten, die übrigen Parteien deutlich schlechter, wobei Zentrum und DDP als republikanische Parteien der bürgerlichen Mitte hier anscheinend gar nicht erst antraten.1

Fünf Wochen nach dieser Wahl, vom 17. Oktober 1932, datiert die letzte bekannte Tabelle der obersten Klasse im 7. Spielbezirk Thüringens. Der TV I Steinach hatte sich nach 1928 und 1930 seine dritte Bezirksmeisterschaft gesichert:

 

Turnverein I 1887 Steinach

21 Spiele 39:3 Punkte
TV Germania Blechhammer  21 32:10
Arbeiter-Turn- u. Sportverein Steinheid 20 24:16
Arbeiter-Sportverein Lauscha 19 23:15

ATSV Germania Judenbach

20 23:17
Neuenfang 19 21:17

Vereinigte Turnerschaft Neuhaus/Rennsteig

20 20:20
ATSV Germania Köppelsdorf

21

17:25
Turnverein Jahn Oberlind 20 16:24
Turnverein Germania Haselbach 20 13:27
Freie Turnerschaft Sonneberg 21 8:34
FC Heubach 22 8:36
     

 

Nach dem Ende des Arbeitersports

 

Das Vereinsregister beurkundet die Auflösung des VfL Unterneubrunn zum 25. März 1933 gemäß der Verfügung des Thüringer Innenministers. Aus Erzählungen von älteren Vereinsmitglieder wissen wir, dass der heutige Sportplatz um 1934/35 gebaut wurde. Auch ist bekannt, wo der alte Platz der Arbeitersportler lag. Leider gibt es von ihm keine Bilder, und die Lage ließ sich noch nicht exakt belegen.

Die „Thüringer Zeitung“ berichtete vor Beginn der Serie 1936/37, dass die „Kameraden“ aus Unterneubrunn erstmals an den Punktspielen teilnahmen. Ich habe eine Urkunde meines verstorbenen Vaters über die Teilnahme an einer Ortsmeisterschaft vom 30. Oktober 1937 gefunden. Diese wurde mit „SV Schleusegrund Unterneubrunn“ gestempelt. Es fällt auf, dass die Urkunde völlig ohne NS-Symbolik, dafür aber mit einem Motiv aus der griechischen Antike gestaltet ist. Das war damals wohl nicht mehr so selbstverständlich.

Die Vereinsfarben unterlagen häufigem Wechsel. In der Anfangszeit waren sie Rot und Weiß, nach 1952, zu Zeiten der BSG Chemie Schönbrunn, Grün-Weiß und seit 2012 Orange und Schwarz.

Nun bin ich mit meinen Nachforschungen zur Geschichte meines Heimatvereines wesentlich vorangekommen. Jedoch hinterlässt dieses neu gewonnene Wissen sehr zwiespältige Gefühle. Einerseits lebt der Sport nicht im luftleeren Raum, andererseits bin ich von der Politisierung des Ganzen sehr enttäuscht. War es nur der politisch hochbrisanten Zeit geschuldet, dass sich die Vereinsmitglieder so zerstritten, dass der Fußball zeitweise sogar zum Erliegen kam? Einen Zugewinn bringt auf jeden Fall die Erkenntnis für die Geschichte anderer Vereine, habe ich doch so eine größere Anzahl von südthüringer Vereinen gefunden, die Wurzel im Arbeitersport haben, beispielsweise in Themar, Breitenbach, Schleusingen, Schwarzbach, Altendambach und Langenbach.

 

 

Das Buch kann beim SV Schleusegrund Schönbrunn, 98667 Schönbrunn, Gabeler Straße 8 oder per Email an mark-andre.moehring@gmx.de bestellt werden. Preis 25,00 € zzgl. Versand. A4-Format mit Hardcover, 67 Seiten in Farbe.

 

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Udo Jacobs „Schönau : Chronik eines hennebergischen Dorfes 1352 – 1950“, S. 95ff.

 

Bildnachweise

"Turner 1914", "Mannschaft um 1922", "Arbeitersportler um 1922": Privatarchiv Wolfgang Lösch

"Rud. Schmidt Wwe. Unterneubrunn": schilderjagd.de

sonstige Abbildungen: Privatarchiv Hans-Jürgen Schmidt

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